Die Huntington-Krankheit, auch Chorea Huntington genannt, ist eine seltene, erblich bedingte neurodegenerative Erkrankung, die durch fortschreitende Bewegungsstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und psychiatrische Symptome gekennzeichnet ist. Auslöser ist eine Mutation im Huntingtin-Gen (HTT), die zu einer fehlerhaften Form des Huntingtin-Proteins führt. Bisher konzentrierten sich die Behandlungsmöglichkeiten auf die Linderung der Symptome, da es keine krankheitsmodifizierenden Therapien gab. Doch nun gibt es erstmals Grund zur Hoffnung: Eine experimentelle Gentherapie namens AMT-130 hat in frühen klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt.
Was ist Chorea Huntington?
Chorea Huntington ist eine monogenetische Erbkrankheit, die auf Defekte im Huntingtin-Gen zurückgeht. Jeder Träger einer mutierten Kopie des verantwortlichen Gens erkrankt an der neurodegenerativen Erkrankung, die innerhalb von etwa 15 Jahren zum Tod führt. Die Huntington-Krankheit ist eine der gefürchtetsten Nervenleiden. Sie ist unheilbar voranschreitend und stets tödlich: Innerhalb von 20 Jahren nach der Diagnose sterben die Betroffenen, körperlich verfallen und in geistiger Umnachtung. Die Huntington-Krankheit gilt als eine sehr erbarmungslose genetische Diagnose. Sie ist bislang unheilbar, zerstört nach und nach Nervenzellen im Gehirn und vereint, wie die Deutsche Hirnstiftung beschreibt, Symptome von Demenz, Parkinson und Motoneuronerkrankungen. Erste Anzeichen treten meist im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf - und fast immer endet der Krankheitsverlauf innerhalb von zwei Jahrzehnten tödlich. Nervenzellen im Gehirn sterben bei der Huntington-Krankheit langsam ab. Bis jetzt galt die Huntington-Krankheit als unaufhaltsam. Die Möglichkeit, erstmals nicht nur die Symptome, sondern tatsächlich die Ursachen zu bekämpfen, wäre ein Wendepunkt, wenn sich die Forschungsergebnisse erhärten.
Die Ursache: Ein Defekt im Huntingtin-Gen
Verantwortlich ist ein Defekt im Huntington-Gen, der ein eigentlich lebenswichtiges Protein in einen Zerstörer von Nervenzellen verwandelt. Ausgelöst wird die Huntington-Krankheit durch eine ungewöhnliche Genveränderung in dem Huntingtin-Gen. Am Anfang dieser Erbanlage gibt es bei allen Menschen eine Stelle, in der sich die drei DNA-Bausteine CAG immer wiederholen. Solche Wiederholungen, im Fachjargon "tandem repeats", sind aber etwas instabil, sie können sich bei der Zellteilung verlängern. Bei gesunden Menschen gibt es nicht mehr als 36 dieser CAG-Wiederholungen. Wird diese Zahl aber überschritten, droht Huntington. Der genaue Mechanismus der Krankheit ist noch nicht eindeutig geklärt. Der Genfehler wirkt dominant - das Leiden bricht also bereits aus, wenn er nur von einem Elternteil vererbt wurde.
Huntington ist die häufigste genetische Hirnstörung bei Erwachsenen. Bei der Huntington-Krankheit ist ein Fehler in einem winzigen Abschnitt im Erbgut entscheidend. Verantwortlich für die Huntington-Krankheit ist eine scheinbar kleine genetische Wiederholung in der Buchstabenfolge "CAG" im sogenannten Huntingtin-Gen (HTT) auf Chromosom 4.
Der vielversprechende Therapieansatz: Gentherapie mit AMT-130
Hier setzt die nun erprobte Therapie an: In einem mehrstündigen Eingriff wurden den Patienten maßgeschneiderte Viren ins Gehirn injiziert. Diese Viren machen nicht krank, sondern dienen als „Genfähren“, die in die Gehirnzellen den Bauplan für spezielle RNA-Moleküle dauerhaft einschleusen. Diese RNA-Moleküle sollen sich dann mit anderen Molekülen verbinden, die gewissermaßen Vorläufer des fehlerhaften Huntingtin sind. Die molekularen Aggregate werden dann von einem Enzym abgebaut, wodurch fehlerhaftes Huntingtin erst gar nicht entsteht. Diese Wirkung soll nach einer einmaligen Behandlung ein Leben lang andauern, so das Ziel.
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Wie funktioniert AMT-130?
Die Intervention besteht darin, dass mithilfe eines adenoassoziierten Virus 5 (AAV5) die Bauanleitung (DNA) für eine microRNA stereotaktisch in eine bestimmte Hirnregion der Patienten appliziert wird. Die Idee ist, dass sich der Virusvektor dann in der Zielregion und in anderen Regionen ausbreitet und die DNA in Neuronen transportiert, die dann die microRNA produzieren können. Diese RNA-Moleküle blockieren die Produktion des mutierten Huntingtins dauerhaft. Denn AMT-130 ist so konzipiert, dass es sich an die Boten-RNA-Moleküle für normale und pathologische Huntingtin-Proteine anlagert.
UniQures Wirkstoff ist nur formal eine Gentherapie: Dabei wird ein harmloses modifiziertes Schnupfenvirus, das ein künstliches Gen in sich trägt, in die Basalganglien tief im Hirn gespritzt. Das Virus dient als Bote: Es infiziert erst dort die Nervenzellen und soll sich dann im ganzen Hirn verbreiten. Die Neurone lesen von dem transportierten Gen eine spezielle RNA (Ribonukleinsäure) ab, die sich dann an die vom Huntingtin-Gen abgelesene mRNA haftet. Dadurch kann die mRNA nur schlecht von den Eiweißfabriken der Zellen genutzt werden, um das schädliche Huntington-Protein zu bilden. Und die mRNA selbst wird auch von den Zellen abgebaut. Es entsteht also von der mutierten mRNA und dem Protein weniger.
Bei der Gentherapie wird eine genetische Bauanleitung (die sogenannte "DNA-Kassette") während einer Operation direkt ins Gehirn gespritzt. Diese Kassette enthält spezielle kleine Moleküle (meist microRNA oder IRNA), um das Protein zu reduzieren, das Huntington-Patienten krank macht. Der Begriff "Gentherapie" ist dabei eigentlich etwas irreführend, denn es wird nicht etwa das krankhafte Gen verändert, sondern die Produktion des mutierten Proteins abgesenkt.
Klinische Studienergebnisse: Verlangsamung des Krankheitsverlaufs
Erstmals berichtet nun das Pharmaunternehmen Uniqure von einem gentherapeutischen Ansatz, der die Bildung des verantwortlichen Huntingtin-Proteins verhindert. Die Ergebnisse einer zulassungsrelevanten Phase‑I/II‑Studie zur einmaligen Gentherapie mit dem Kandidaten AMT‑130 bei 29 Patienten mit einer früh manifesten Huntington‑Krankheit (HK) kommunizierte das Unternehmen am 24. September 2025. In der Untersuchung konnte die einmalige Behandlung mit AMT-130 in der Hochdosis‑Gruppe die Krankheitsprogression nach 36 Monaten um 75 Prozent gegenüber einer gematchten Kontrollkohorte verlangsamen. Drei Jahre nach dem Eingriff war das Fortschreiten der Krankheit bei den 29 Behandelten im Schnitt um rund drei Viertel gebremst.
London, 26. September 2025. Eine experimentelle Gentherapie hat den Verlauf der Nervenerkrankung Huntington verlangsamt. Das melden britische Forschende und ein US-niederländisches Pharmaunternehmen, das das neue Behandlungsverfahren entwickelt hat. Die aktuellen Befunde, die noch nicht unabhängig begutachtet wurden, gehen zurück auf 29 Patienten. Nach der Behandlung wurde ihre gesundheitliche Entwicklung für drei Jahre beobachtet. Den Berichten zufolge war bei ihnen der Krankheitsverlauf um 75 Prozent verlangsamt, verglichen mit einer Kontrollgruppe. Als Maßkriterium galt die „Unified Huntington’s Disease Rating Scale“, mit der sich die Symptomatik der Huntington-Erkrankung quantifizieren lässt. Werte eines Biomarkers, der den Verlust von Nervenzellen widerspiegelt, sprachen ebenfalls für eine wirksame Behandlung.
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Die wichtigste Erkenntnis aus diesen ersten Daten ist, dass AMT-130 den Verlauf von Huntington zu verlangsamen scheint. Aber woher wissen wir, dass dies der Fall ist? Die Studie konzentrierte sich auf mehrere Messgrößen, die in der Huntington-Forschung und -Behandlung weit verbreitet sind. Alle Ergebnisse wurden mit den Daten von Enroll-HD, einer Kontrollstichprobe für den natürlichen Krankheitsverlauf, verglichen, so dass die Wissenschaftler beurteilen konnten, ob die behandelten Teilnehmer langsamer als erwartet abnahmen, wenn sie das Medikament nicht einnahmen. Es handelt sich um einen „kombinierten Score“, der mehrere Messgrößen für das Fortschreiten der Huntington-Krankheit zusammenfasst: Bewegung, Denkvermögen, Alltagsfunktionen und Unabhängigkeit. Er gilt als sensibler Weg, um zu verfolgen, wie sich HD im Laufe der Zeit verändert. In dieser Studie ging der Krankheitsverlauf bei den Patienten, die die hohe Dosis AMT-130 erhielten, viel langsamer zurück als bei der Vergleichsgruppe. Insgesamt verlangsamte sich das Fortschreiten der Krankheit um 75 %, gemessen am cUHDRS. Das bedeutet, dass der Rückgang, den Sie normalerweise in einem Jahr erwarten würden, nach der Behandlung mit AMT-130 vier Jahre dauert. Die Veränderung des cUHDRS war der primäre Endpunkt der Studie, der erreicht wurde. Dies ist eine gute Nachricht für die bevorstehende Überprüfung durch die Behörden.
Auch die biologischen Marker stützen diesen Befund: Normalerweise steigt der Gehalt an Neurofilamenten in der Rückenmarksflüssigkeit - ein Anzeichen für sterbende Nervenzellen - mit dem Fortschreiten der Krankheit deutlich an. Nach 36 Monaten hatten die Patienten, die mit hochdosiertem AMT-130 behandelt wurden, tatsächlich einen niedrigeren NfL-Wert als zu Beginn der Behandlung (etwa ein Rückgang um 8%). Dies ist ermutigend, denn es deutet auf eine geringere Schädigung des Gehirns hin und stimmt mit den klinischen Vorteilen überein, die bei anderen Messungen festgestellt wurden.
Die Effekte waren nicht nur messbar, sondern auch sichtbar: Manche Teilnehmende, denen längst ein Rollstuhl prognostiziert worden war, konnten weiterhin laufen. Ein anderer Patient, der bereits berentet war, kehrte in den Beruf zurück.
Weitere positive Ergebnisse der Studie
- cUHDRS (Composite Unified Huntington’s Disease Rating Scale): Der Krankheitsverlauf verlangsamte sich um 75 % im Vergleich zur Kontrollgruppe.
- TFC (Total Functional Capacity): Der Rückgang der Alltagsfunktionen verlangsamte sich signifikant um etwa 60 %.
- SDMT (Symbol Digit Modality Test): Die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Denkvermögens verlangsamte sich um 88 %.
- SWRT (Stroop Word Reading Test): Die Aufmerksamkeitsspanne und die Sprache verbesserten sich um 113 %.
- TMS (Total Motor Score): Die Bewegungssymptome schienen sich um 59 % langsamer zu verschlechtern.
Sicherheit und Verträglichkeit
Insgesamt scheint AMT-130 allgemein gut verträglich und sicher zu sein. Seit Ende 2022, als die Aufnahme in die Studie vorübergehend gestoppt wurde, sind keine neuen schwerwiegenden Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Medikament aufgetreten. Die häufigsten Nebenwirkungen standen im Zusammenhang mit dem chirurgischen Eingriff selbst, und alle diese Probleme sind bei den Betroffenen inzwischen abgeklungen. Einige Patientinnen und Patienten entwickelten entzündliche Reaktionen, die mit Kopfschmerzen und Verwirrtheit einhergingen. Diese Beschwerden klangen jedoch entweder von selbst ab oder ließen sich mit Steroiden kontrollieren.
Herausforderungen und Perspektiven
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch einige Herausforderungen zu bewältigen, bevor AMT-130 für eine breite Anwendung zur Verfügung steht.
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Regulatorische Hürden
Anfang November 2025 teilte uniQure mit, dass die FDA die Daten aus den bisherigen Studien zu AMT-130 nicht länger als ausreichend für das Einreichen eines Zulassungsantrags erachtet. Wie es weitergeht, ist derzeit noch unklar. Das Unternehmen erklärte, „dringend mit der FDA in Kontakt“ treten zu wollen, um einen Weg für eine beschleunigte Zulassung von AMT-130 zu finden. UniQure will nun im ersten Quartal 2026 eine beschleunigte, aber auch bedingte Zulassung bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA beantragen. Die Firma müsste dann kontinuierlich weitere Ergebnisse nachliefern.
Kleine Studiengröße und fehlende Placebokontrolle
Erstens ist die Zahl der in dieser Studie behandelten Personen immer noch sehr klein. Alle in diesem Update berichteten Statistiken beziehen sich auf Daten von weniger als 30 Teilnehmern, von denen nur ein Teil die hohe Dosis des Medikaments erhielt, die einen Nutzen zu zeigen scheint. Außerdem wurden viele der Vergleiche, die gemacht wurden, um zu zeigen, wie gut dieses Medikament wirkt, mit einer externen Kontrollgruppe durchgeführt, nicht mit Teilnehmern derselben Studie. Diese Art von Vergleich ist zwar sorgfältig abgestimmt, aber nicht so aussagekräftig wie eine klassische placebokontrollierte Studie. So war es eine kleine Gruppe von nur 12 Patienten, die ausgewertet wurde und es gab keine Plazebogruppe in der Studie, so dass "zumindest ein Teil der Ergebnisse durch einen Plazeboeffekt mitbedingt sein könnte.
Fehlende Informationen zum Huntingtin-Spiegel
Dieses Medikament soll den Huntingtin-Spiegel senken, aber es gibt in diesem Update keinen Bericht darüber, dass das Medikament dies auch tut - ein Merkmal eines Medikaments, das als Target Engagement bekannt ist. Zum Teil liegt das vielleicht daran, dass die derzeitigen Instrumente zur Messung des Huntingtin-Spiegels ziemlich verrauscht sind, was die Ergebnisse verwirrend machen kann. Auch aus bildgebenden Analysen wie der MRT haben wir nichts darüber erfahren, wie sich das Medikament auf verschiedene Regionen der Gehirnstruktur auswirken könnte.
Komplexe Verabreichung und hohe Kosten
Selbst wenn alles weiterhin positiv aussieht, wird es eine Herausforderung sein, AMT-130 für eine große Anzahl von Menschen mit Huntington verfügbar zu machen. Die Bereitstellung einer einmaligen Gentherapie unterscheidet sich stark von der Verabreichung von Tabletten oder Injektionen. Sie erfordert eine umfangreiche Planung, Organisation und Skalierung. UniQure hat bekannt gegeben, dass das Unternehmen bereits an der Erweiterung seiner Produktionskapazitäten arbeitet und eine Partnerschaft mit spezialisierten Neurochirurgenteams plant, um die für die Behandlung erforderlichen Gehirnoperationen durchzuführen.
Und dann ist da noch die Frage der Kosten: Wie bei anderen Gentherapien, die bereits auf dem Markt sind, wird der Preis wahrscheinlich extrem hoch sein. Gentherapien gehören zu den teuersten Behandlungen der modernen Medizin. Für eine vergleichbare Therapie bei Hämophilie B zahlt der britische Gesundheitsdienst NHS derzeit rund 2,6 Millionen Pfund pro Patient. Auch die Huntington-Therapie dürfte in einer ähnlichen Größenordnung liegen - hinzukommt der hoch spezialisierte, bis zu 18 Stunden dauernde Eingriff. Wie teuer UniQures Therapie einmal werden wird, ist offen.
Die neuartige Behandlung muss nur einmal durchgeführt werden, sie erfordert allerdings eine bis zu 18-stündige Präzisionsoperation am Gehirn. Zudem sei die Injektion direkt ins Gehirn ein hochkomplexer und auch nicht ungefährlicher neurochirurgischer Eingriff, so der Bochumer Oberarzt.
Weitere Forschung und Entwicklung
Parallel dazu werden weitere Teilnehmer in laufenden Studienkohorten behandelt, was den Wissenschaftlern helfen wird, die Auswirkungen von AMT-130 bei einem breiteren Querschnitt von Menschen besser zu verstehen. Insbesondere rekrutiert uniQure jetzt Menschen mit Huntington, die für die früheren Versionen der Studie nicht in Frage gekommen wären, weil der Teil ihres Gehirns, in den das Medikament verabreicht werden sollte, zu klein war. Dies wird dem Unternehmen helfen zu verstehen, ob Menschen in verschiedenen Stadien der Huntington-Krankheit von der Behandlung mit AMT-130 profitieren könnten.
Eine ganze Reihe von Pharmaunternehmen wie Skyhawk, Alnylam oder Wave hat inzwischen vielversprechende Wirkstoffe entwickelt, die bereits in Studien getestet werden. Auch sie zielen auf die von dem mutierten Gen abgeschriebene mRNA. Womöglich kommen also noch weitere Therapien gegen die Nervenkrankheit in das Arsenal der Neurologen.
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