Das Phänomen des "Horror-Clowns" hat in den letzten Jahren weltweit für Aufsehen und Besorgnis gesorgt. Was steckt hinter dieser unheimlichen Erscheinung, die sowohl Faszination als auch Angst auslöst? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Phänomens, von seinen Ursprüngen in der Popkultur bis hin zu seinen psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen.
Ursprünge und Entwicklung des Phänomens
Die Figur des bösen Clowns ist nicht neu. Bereits Mitte der 1970er Jahre fand sie über Literatur und Comics Eingang in die Alltagskultur. Die bekanntesten Figuren sind dabei wohl der Clown Pennywise aus Stephen Kings Roman "Es" und der Joker aus der Comicserie "Batman". Tragische Realität wurde er dann in Gestalt des Serienkillers John Wayne Gacy, der als Clown auf Kinderveranstaltungen auftrat.
Stephen King und der Imageschaden
Autor Stephen King habe bereits vor 30 Jahren mit seinem Roman "Es" zum Imageschaden der Grinsegesichter mit roter Nase beigetragen. In dem Roman ist der Clown Pennywise eine der Manifestationen des Bösen. Nimmt man die Boshaftigkeit des Joker in Batman und den Zynismus von Krusty, dem Clown in den Simpsons hinzu, entsteht ein äußerst bedrohliches Bild.
Die Rolle der sozialen Medien
Als im Herbst 2016 die Medien von den Horrorclowns berichteten, die nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland plötzlich ihr Unwesen trieben, wunderte man sich schon, was dieses Phänomen zu bedeuten hatte: Wieviel war tatsächlich dran an den Attacken der Clowns? Warum wurde das Thema so schnell populär, wieso ließen die Menschen sich zur Hysterie hinreißen?
Eine Studie hat ergeben, dass der Horrorclown ursprünglich ein Social-Media-Produkt war, dessen Initialzündung auf Instagram stattfand und aus den USA nach Deutschland übergeschwappt ist. In den sozialen Netzwerken kursierten bereits so viele Videos und Kommentare, als die klassischen Medien über die Clowns berichteten, dass die breite Öffentlichkeit das Thema als relevant einstufte. Daraus entstand eine Spirale bzw.
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Die "Mem"-Theorie
Es seien auch ethnologische und psychologische Gründe, die den bösen Clown als Zerrbild unserer Gesellschaft und als dunkle Bedrohung thematisch so reizvoll machen, sagen die drei Studentinnen. Das Motiv des geschminkte bösen Clown reicht in der Kulturhistorie weit zurück, zum Beispiel in Gestalt des Harlekins oder des Pulcinellas. In ihrer Studie weisen die Autorinnen außerdem auf eine Theorie von Richard Dawkins hin, die ebenfalls zur Verbreitung solcher Alltagsphänomene führt: Der sogenannte Mem-Effekt ist angelehnt an die Gen-Theorie von Charles Darwin. Dawkins sieht dabei die menschliche Kultur als neues Urmeer: Gedanken, Melodien, Schlagwörter oder Kleidermoden übertragen und replizieren sich von Gehirn zu Gehirn. Ob ein neues Mem in den Pool aufgenommen wird, entscheidet die natürliche Auslese. Die Wochen vor Halloween, in denen von vielen Horrorclown-Nachahmern berichtet wurde, hätten deutlich gemacht, dass dieses Phänomen sich memartig verbreitet hat.
Die Instrumentalisierung des Begriffs
Bemerkenswert finden die drei Studentinnen außerdem, dass sich der Mem-Effekt des Horrorclowns weiter verbreitete, obwohl sich die Aufregung und die Berichterstattung längst wieder gelegt hatten. Die Begriffe Horror- oder Gruselclown wurden weiter in den Medien verwendet, als Synonym - vor allem im Zusammenhang mit dem US-Präsidenten Donald Trump. So titelte zum Beispiel der Nachrichtensender N-TV am 10.11.2016: "Donald Trump - Ein Horrorclown als Sicherheitsrisiko". Ein weiterer Beweis dafür, dass der Begriff in unseren kulturellen Mempool aufgenommen worden ist. Dass es der Clown also auch in die Tagesschau schaffte, die nach eigenen Aussagen über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse berichtet, ist für die drei Studentinnen demnach nur konsequent.
Psychologische Aspekte der Angst vor Clowns
Die Frage, warum manche Gestalten offenbar besonders prädestiniert dafür sind, eine Gänsehaut bei uns auszulösen, beschäftigt Psychologen seit geraumer Zeit. Die Antworten, die sie inzwischen darauf gefunden haben, bieten nicht nur einen Einblick in die menschliche Psyche, in manchen Gebieten wie der Robotik können sie sogar von praktischer Relevanz sein. Im Gegensatz zur echten Angst, die Wissenschaftler inzwischen in allen Facetten untersucht haben, ist über das Gruseln im Speziellen noch wenig bekannt. Es repräsentiert vermutlich eine abgeschwächte Form der Furcht: Wir gruseln uns nicht in akuten Gefahrensituationen, in denen ein Räuber mit gezogener Waffe vor uns steht und unser Geld verlangt (solche Situationen versetzen die meisten wohl eher in blanke Panik), sondern in Momenten, in denen wir nicht ganz sicher sind, ob wirklich eine Bedrohung besteht, glauben die Psychologen Francis McAndrew und Sara Koehnke vom Knox College in Galesburg (USA).
Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir nachts durch die verlassenen Straßen einer Stadt gehen und rechts von uns in einer dunklen Gasse plötzlich ein Rascheln hören. Es könnte jemand sein, der uns überfallen will - oder bloß eine streunende Katze, die gleich aus einem Gebüsch hervorspringen wird. Da wir nicht wissen, was wirklich zutrifft, fühlen wir uns unwohl und bleiben innerlich in Habachtstellung, bis wir erkennen können, ob tatsächlich Gefahr im Verzug ist …
Coulrophobie: Die Angst vor Clowns
Es gibt sogar eine Krankheit, die Courophobie genannt und als Todesangst vor Clowns definiert wird. Sie ist aber äußerst selten. Ein Clown erzählt mir, in seiner 30-jährigen Karriere sei ihm lediglich ein Mensch begegnet, der bei seinem Anblick kollabiert ist und mit Sauerstoff wiederbelebt werden musste. Die Clowns machen sich keine Sorgen um die Courophobie, sondern vielmehr um die kollektive Hysterie, die ihre Gegenwart hervorrufen kann. Ein weiblicher Clown erzählt mir, dass, als sie einmal eine Schule besuchte, eine Gruppe von Mädchen angefangen habe zu schreien und sich auf sie gestürzt habe. Hätte ein anderer Schüler sie nicht schnell genug in einem Klassenzimmer in Sicherheit gebracht, wäre sie nicht unverletzt aus der Sache herausgekommen.
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Die Rolle der Schminke
Die Forschung ist sich tatsächlich einig, dass die Schminke eine entscheidende Rolle bei der Furcht vor Clowns spielt, weil man dadurch das Gesicht nicht mehr wirklich sehe und den Mensch hinter der Schminke schlechter einschätzen könne.
Ambivalente Gefühle
Stephen King spielt dabei gekonnt mit den ambivalenten Gefühlen, die Clowns bei manchen auslösen. Denn schon vor dem Erfolg von "Es" fanden viele Menschen diese eher unheimlich als lustig. Selbst Kinder scheinen sie oft nicht sonderlich zu mögen und gruseln sich manchmal vor ihnen, wie Wissenschaftler der University of Sheffield 2008 berichteten. Sie hatten untersucht, wie Patienten verschiedener Altersgruppen auf Clownsgesichter reagieren, welche die Wände von Kinderkrankenstationen zieren.
Die Macht der Maske
Die Maske ist das Übel. Clowns im Zirkus tragen nicht Latex, sondern Schminke. Selbst in Kings „It“ oder in Patrick Boivins „Le Queloune“ behalten die bösartigen Kinderschrecke ihre wahren Gesichtszüge. Tritt ein Clown nicht in der Manege auf, sondern unvermittelt in das Straßenbild, erlöschen im Angesicht seiner Maske alle Anzeichen menschlicher Verwundbarkeit, die den Clown eigentlich ausmachen. Er ist kein Clown im Sinne der Zirkustradition mehr und ging auf keine Clownschule, um das „Handwerk“ des „Spaßmachers“ zu erlernen. Er begab sich nicht auf die Suche nach „seinem Clown“, also nach einer inneren Wahrheit. Er prügelt los.
Gesellschaftliche Auswirkungen und Reaktionen
Die Welle der Aggressionen begann in Nordfrankreich und erschütterte kurz vor Halloween auch den mediterranen Süden des Landes. Dann erreichte sie Luxemburg und die Schweiz.
Schon bildeten sich in Nordfrankreich, nach dem Vorbild von Bürgerwehren gegen Drogenhändler, vor Tatendrang brodelnde „Anticlown“-Trupps, die sich ebenfalls mit Eisenstangen oder Messern ausrüsteten. Das Paradox: Da sie keine Masken tragen, sind ihre Absichten nicht erkennbar und die Ordnungshüter müssen sich auf eine Rechtsbelehrung beschränken - „Ihr wisst doch, es ist verboten, bewaffnet auf die Straße zu gehen.“ Der Staat ist so machtlos wie gegenüber Fußball-Hooligans.
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Zu Halloween sprachen manche Präfekturen gar ein Clown-Vermummungsverbot aus, doch dem steigenden Absatz an Clownsmasken tat das keinen Abbruch. Halloween jedenfalls lebte plötzlich wieder. Eigentlich schon totgesagt oder zum Kinderspaß besänftigt, entdeckte das Ritual der ausgehöhlten Kürbisse plötzlich die vitalisierende Kraft des realen Gruselns.
Anti-Angst-Kurse
Wegen der Umtriebe von Horror-Clowns bietet der Münchner Circus Krone nun Anti-Angst-Kurse an. Dieses Angebot habe es schon einmal gegeben, sagte Zirkussprecherin Susanne Matzenau am Montag. Der Zirkus veranstaltete damals spezielle Seminare für Coulrophobiker, wie Menschen mit extremer Angst vor Clowns nennt. "Wir haben den Teilnehmer den Clown-Darsteller ungeschminkt gezeigt und ihn vor ihren Augen verwandelt", berichtete Matzenau.
Verhaltenstipps der Polizei
Die Polizei empfiehlt Menschen, die von Clowns erschreckt werden, ruhig zu bleiben und über den Notruf 110 sofort die Polizei zu alarmieren. Darüber hinaus solle man den Clown keinesfalls ansprechen und provozieren. Eine Trillerpfeife oder einen Schritt -oder Taschenalarm bei sich zu tragen, könne Sinn machen. So könne der Angreifer geschockt werden und man selbst könne die Chance zur Flucht nutzen. Vom Einsatz von Pefferspray oder Reizstoffsprühgeräten rät die Polizei hingegen ab. Gerade unter Stress sei der korrekte Einsatz oft schwierig und könne beispielsweise bei starkem Windaufkommen nach hinten losgehen. Außerdem besteht dabei die Gefahr, dass der Angreifer seinem Opfer das Spray entreißt und ihm Anschluss selbst verwendet.
Strafrechtliche Konsequenzen
Die Polizei ermittelt nun wegen Körperverletzung und wies erneut darauf hin, dass solche Attacken kein Spaß seien. Wer andere Menschen verfolge, nötige oder angreife, mache sich strafbar.
Die andere Seite des Clowns: Humor und Heilung
Clowns sind nicht nur Schreckgestalten. Sie können auch Trost spenden und Freude bringen. Dipl.-Soz.Arb./Soz.Päd. Ulrich Fey beschreibt in seinem Buch die Grundlagen von Clownarbeit und ihre Wirksamkeit, ihre Möglichkeiten und Grenzen in der Betreuung von Menschen mit Demenz.
Clowns in der Demenzbetreuung
Fey unterteilt sein Buch in 16 Kapitel, die sich im Wesentlichen in drei Themenblöcke gliedern. Die Kapitel 1 bis 3 behandeln das Alter und führen in das Thema Demenz ein. Die Kapitel 4 bis 6 widmen sich gesellschaftlichen und geschichtlichen Aspekten, etwa der Folgen von Traumata bei alten Menschen und die besonderen Aspekte der Erziehung der heutigen Generation alter Menschen. Ein neues Kapitel in diesem Abschnitt befasst sich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf alte Menschen, die Situation in den stationären Einrichtungen und den damit einhergehenden besonderen Bedingungen für die Arbeit als Clown.
In Kapitel 8 Die Figur des Clowns wendet sich Fey der Frage zu, was denn einen Clown eigentlich ausmacht. Er differenziert klar zwischen dem Klischeeclown, der häufig in der Werbung, in schlechten Zirkussen oder gar im Horrorgenre zu finden ist und seinem Verständnis vom Clown. Nicht grell, laut, auf billige Effekte fokussiert oder gar beängstigend ist sein Bild vom Clown, er ist einer, der keine Angst macht, sondern nimmt, der Vertrauen schafft. Sein Clown ist offen, neugierig und absichtslos, kein Kind mehr, aber doch sehr kindlich in seiner Unbekümmertheit. Sein Clown kommt ohne Auftrag, ohne Anspruch, was ihm hilft, das Schicksal anders zu betrachten. Krankheit und Leid können so relativiert werden, ohne dass sie verharmlost werden, womit Raum auch für anderes, schönes geschaffen werden kann. Bei ihm ist für alle Gefühle, für Freude, Ärger und Trauer Platz. Der Clown ist unvollkommen, darf Fehler machen, darf scheitern.
Humor als Abwehrkraft
In Kapitel 9 Humor, Komik, Lachen stellt Fey fest: Humorvoll zu sein, bedeutet, lebendig zu sein. Humor ist eine Abwehrkraft gegen viele Belastungen des Lebens. Humorvoll sein, Humor verstehen ist dabei keine Charaktereigenschaft, sondern eine Form der Kommunikation, die gelernt werden kann. Und wird Humor verstanden, ist die Folge ein Lachen als körperliche Reaktion. Dabei muss Humor nicht immer nur nett und harmlos, sondern kann und muss auch riskant, leicht aggressiv sein. Dabei kommt es immer auf die Professionalität des Clowns an: ist mein Handeln, mein Humor in dieser Situation passend oder wird bereits eine Grenze überschritten.