Ursachen für Geschmacksverlust bei Corona-Infektionen

Einleitung:Geruchs- und Geschmacksstörungen sind häufige Begleiterscheinungen einer COVID-19-Erkrankung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für den Geschmacksverlust im Zusammenhang mit Corona-Infektionen, wobei der Fokus auf den zugrundeliegenden Mechanismen und den Unterschieden zwischen verschiedenen Virusvarianten liegt.

Die Rolle des Geruchssinns beim Schmecken

Viele Menschen haben nach einer Corona-Erkrankung das Gefühl, dass das Essen nicht schmeckt oder zumindest nicht mehr so gut wie vorher. Beim Essen sind drei medizinisch unterschiedliche Sinne im Spiel: der Riechsinn, der Geschmackssinn und der Tastsinn.

Der Riechsinn spielt eine wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung von Aromen. Duftstoffe, die über die Nase eingeatmet werden oder "hinten herum" über die Mundhöhle in die Nase gelangen, reizen die Riechsinneszellen. Diese übertragen die Signale an eine Region des Gehirns, in der neben dem Riechen auch Emotionen und Gedächtnisinhalte verarbeitet werden.

Der Geschmackssinn hingegen ist auf die Erkennung von fünf Grundgeschmacksrichtungen beschränkt: süß, sauer, salzig, bitter und Umami (Glutamat, herzhaft und würzig). Die Schmeckrezeptoren der Zunge leiten die Signale an das Gehirn weiter, wo sie in Kombination mit den Geruchsinformationen die Aromawahrnehmung der Nahrung erzeugen.

Der dritte chemische Sinn ist der Tastsinn, der über den Trigeminus-Nerv übertragen wird. Dieser Nerv ist der sensible Nerv des Kopfes, der normalerweise Berührung und Schmerz erkennt.

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Wie Corona-Infektionen den Geruchssinn beeinträchtigen

Wenn Menschen nach einer durchlebten Corona-Infektion sagen, das "Essen schmeckt nicht gut", ist das medizinisch nicht ganz korrekt. Ein Ausfall des Geschmacksinns als eigenständige Erkrankung ist extrem selten und tritt nach COVID-Infektionen nicht auf.

Bei einer COVID-Infektion der Riechschleimhaut werden die Stützzellen, die die eigentlichen Riechsinneszellen ernähren, durch das Virus geschädigt. Im schlimmsten Fall sterben die Zellen auch ab. Bei einem Ausfall des Riechsinns fehlt auch für den Geschmack ein wesentlicher Teil, was als Verlust des Feingeschmacks bezeichnet wird.

Die Riechschleimhaut der Nase hat allerdings die Fähigkeit, sich selbst aus Stammzellen heraus wieder neu zu regenerieren. In der Phase der Regeneration, die normalerweise 2-3 Monate dauert, treten sogenannte Parosmien auf. Darunter werden Fehl-Gerüche verstanden, wenn z.B. Fleisch und Zwiebel als Fäkalgeruch wahrgenommen wird.

Ein Team um Mengfei Chen von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore hat nun einen Hinweis darauf gefunden, warum dieses Sinnessystem so empfindlich auf Sars-CoV-2 zu reagieren scheint: Offenbar ist der Rezeptor, über den das Virus in den Körper eindringt, in Zellen der Nasenschleimhaut, die für unser Riechvermögen zuständig sind, besonders stark vertreten.

Das Einfallstor: ACE2-Rezeptoren

ACE2-Rezeptoren gelten als Einfallstor für Sars-CoV-2: Über sie dringt das Virus in die Zellen ein und setzt so letztlich eine Infektion in Gang. Im Riechepithel, jener Region der Nasenschleimhaut im Bereich des Nasendachs, die für die Wahrnehmung von Gerüchen zuständig ist, war dieser Rezeptortyp deutlich stärker vertreten als in anderen Bereichen: Insgesamt kamen ACE2-Rezeptoren in diesen Zellen 200- bis 700-mal häufiger vor als in anderen Regionen der Nasenschleimhaut oder in der Luftröhre. Die Werte ähnelten sich bei allen Patienten, ganz gleich, wegen welcher Grunderkrankung ihnen das Nasengewebe entnommen worden war.

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In den olfaktorischen Neuronen, die Geruchssignale an das Gehirn weiterleiten, fanden die Forscher hingegen keine ACE2-Rezeptoren. Die Ergebnisse der Wissenschaftler weisen damit in die gleiche Richtung wie die einer früheren Untersuchung. Auch hier waren die Autoren zu dem Schluss gekommen, dass offenbar nur ein kleiner Teil der Riechschleimhaut empfänglich für Sars-CoV-2 ist - abhängig davon, wie stark die Zellen ACE2-Rezeptoren ausbilden.

"Das Riechepithel ist ein recht leicht zu erreichender Teil des Körpers für ein Virus. Es ist nicht besonders tief vergraben, und die sehr hohen ACE2-Werte, die wir dort gefunden haben, könnten erklären, warum es so einfach ist, sich Covid-19 einzufangen", sagt Mengfei Chen in einer Pressemitteilung der Universität. Womöglich sei das Riechepithel damit auch ein guter Angriffspunkt für antivirale Therapien, erklären die Wissenschaftler. Weitere Experimente sollen nun zeigen, ob die Zellen auch in der Praxis als Haupteinfallstor für Sars-CoV-2 fungieren.

Unterschiede zwischen Virusvarianten

Eine Studie in JAMA Network Open (2024; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2024.7818) untersuchte die Auswirkungen verschiedener SARS-CoV-2-Varianten auf den Geruchssinn. Demnach wies jeder zweite Patient, der mit der Alpha-Variante infiziert war, nach einem Jahr noch objektive Riechstörungen auf, die auch die Schmeckstörungen erklärten. Nach einer Infektion mit Omikron waren die Störungen kaum häufiger als in einer Kontrollgruppe ohne SARS-CoV-2.

Beim Riechtest gab es dagegen Ausfälle, die auch nach einem Jahr noch nachweisbar waren. Von den Patienten, die sich mit dem Wildtyp infiziert hatten, erzielten 13,5 % einen UPSIT-Score von 6 bis 25 Punkten, der einen schweren oder kompletten Riechverlust anzeigt. Nach einer Infektion mit der Alphavariante lag der Anteil bei 23,8 %, also doppelt so hoch. Nach der Infektion mit der Deltavariante waren es 6,2 % und nach der Infektion mit der Omikronvariante 4,7 % im Vergleich zu 2,8 % in der Kontrollgruppe.

Die Infektion mit der Alphavariante hatte demnach die stärkste Einschränkung des Riechvermögens zur Folge, gefolgt von dem Wildtyp des Virus.

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Immunreaktion als Ursache für anhaltenden Geruchsverlust

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Harvard und der University of California in San Diego ist der Wissenschaftler den Ursachen des Phänomens auf der Spur. Die Forschenden untersuchten Proben aus der Nasenschleimhaut von 24 Personen, darunter neun Teilnehmende, die nach einer Covid-19-Infektion an anhaltendem Geruchsverlust litten.

Dabei zeigte sich, dass in Fällen anhaltenden Riechverlusts nicht etwa das Virus selbst die Riechzellen schädigt, sondern das körpereigene Immunsystem die Riechnervenzellen dauerhaft attackiert. Und zwar auch dann noch, wenn längst kein Virus mehr nachweisbar war.

Die Forschenden fanden zudem heraus, dass eine hohe Zahl spezieller Entzündungszellen - sogenannte T-Zellen - in das Riechepithel der betroffenen Teilnehmenden eingewandert waren. Dabei handelt es sich um jene Gewebeschicht in der Nase, in der die Geruchsnervenzellen sitzen.Darüber hinaus war die Zahl der Geruchsnervenzellen insgesamt verringert - möglicherweise, weil das empfindliche Gewebe aufgrund der anhaltenden Entzündung geschädigt war.

"Die Ergebnisse sind verblüffend", sagte Goldstein. "Sie ähneln fast einem autoimmunähnlichen Prozess in der Nase".

Was kann man bei Geschmacks-Störungen tun?

Die Erholung der Riechschleimhaut kann aktiv unterstützt werden, indem man den Riechsinn trainiert. Ein Riechtraining dauert nur wenige Minuten und kann einfach in den Tagesablauf integriert werden. Es sieht so aus, dass man mehrmals täglich 30 Sekunden lang an unterschiedlichen Geruchsquellen riecht. Empfohlen werden Zitrone, Rose, Nelke und Eukalyptus. Dieses Training wird im Idealfall bis zu sechs Monate durchgeführt, dabei sollten die Geruchsstoffe regelmäßig ausgetauscht werden.

Ein Ansatz zur Behandlung postviraler Riechstörungen ist das Riechtraining, bei dem Patienten jeden Morgen und jeden Abend für jeweils 30 Sekunden an vier verschiedenen Düften riechen sollen.

Professor Dr. Thomas Hummel vom interdisziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden erklärt, wie das sogenannte Riechtraining konkret aussieht: »Die Patienten sollen dabei jeden Morgen und jeden Abend für jeweils 30 Sekunden an vier verschiedenen Düften riechen. Dieses Training sollten sie konsequent über mindestens vier, teilweise aber auch bis zu neun Monate durchführen. Die Gerüche können dabei individuell gewählt werden. In der Praxis werden beispielsweise Rosen- oder Zitronendüfte angewendet.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten

Goldstein und sein Forschungsteam hoffen nun auf Therapien, die die abnormen Immunreaktionen bremsen und die Reparatur der Riechzellen unterstützen. Denkbar wäre hier eine immunmodulierende Therapie, bei der Cortisonpräparate direkt über die Nase verabreicht werden, um die Entzündungstätigkeit herunterzuregulieren. Vorangegangene Tests mit Cortisontabletten hatten hingegen keine Verbesserung der Riechfähigkeit erreicht.

Die Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie der DGHNO-KHC rät zu einer vollständigen HNO-ärztlichen Spiegeluntersuchung inklusive Rhinoskopie bei Patienten mit andauernder COVID-19-assoziierter Riechminderung. Wenn keine anderen Ursachen gefunden werden, können HNO-Ärzte ihren Patienten ein Riechtraining verschreiben.

Eine schnelle Lösung mit Medikamenten gibt es allerdings bisher nach Einschätzung der HNO-Experten nicht. Die Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln wie Omega-3-Fettsäuren oder einer Kombination aus Palmitoylethanolamid und Luteolin, die manchmal empfohlen würden, muss weiter geprüft werden. Das gilt auch für das Auftupfen von plättchenreichem Plasma oder Vitamin A auf die Riechrinne in der Nase. In Zusammenhang mit Riechstörungen nach COVID-19 raten die Experten von Kortison ab.

Verlauf und Prognose

Wie eine Untersuchung mit 51 Teilnehmenden zeigte, erholte sich der Geruchssinn bei 84 Prozent der Betroffenen innerhalb von vier Monaten vollständig. Am Ende der Studie nach zwölf Monaten konnten 96 Prozent der Teilnehmenden wieder normal riechen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Geruchs- und Geschmackssinn mit der Zeit zurückkehren, ist größer als dass die Sinne dauerhaft betroffen bleiben. Um sie in Prozent auszudrücken, fehlen uns jedoch die Daten, da es bisher noch keine Langzeituntersuchungen gibt. Es gibt keine Deadline. Je mehr Daten wir erhalten, desto aussagekräftiger sind die Ergebnisse.

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