Die COVID-19-Pandemie hat weltweit Unsicherheit und Besorgnis ausgelöst, insbesondere bei Menschen mit Vorerkrankungen, einschließlich neurologischer und neuromuskulärer Erkrankungen. Die Entwicklung und Einführung von Impfstoffen gegen das SARS-CoV-2-Virus hat die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität geweckt, aber auch Fragen und Bedenken hinsichtlich möglicher Risiken und Nebenwirkungen aufgeworfen. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zu den Risiken von COVID-19-Impfungen im Zusammenhang mit neuromuskulären Erkrankungen geben und aufzeigen, was Betroffene und ihre Angehörigen beachten sollten.
COVID-19 und neurologische Erkrankungen: Eine Einführung
Nach derzeitigem Erkenntnisstand sind Menschen mit Multipler Sklerose (MS) oder Parkinson-Erkrankung durch die Erkrankung selbst grundsätzlich nicht stärker gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren oder einen schweren Verlauf zu erleiden als vergleichbare gesunde Personen. Allerdings gibt es bestimmte Faktoren, die das Risiko erhöhen können:
- Stärkere Behinderung: MS-Erkrankte mit stärkerer Behinderung (Notwendigkeit von Gehhilfen, Beeinträchtigung der Lungenfunktion, Schluck- und Sprechstörungen) haben generell ein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen, da die Belüftung der Lunge weniger gut ist.
- Immunsuppressive Therapie: MS-Erkrankte, die aufgrund einer immunsuppressiven Therapie einen Immundefekt haben, könnten theoretisch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung haben.
- Begleiterkrankungen: Wie auch in der Normalbevölkerung erhöhen bestimmte Begleiterkrankungen (z.B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Lungenkrankheiten) das Risiko für einen ungünstigen Verlauf bei einer COVID-19-Infektion.
Für Parkinson-Patienten gilt grundsätzlich, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung kein erhöhtes Infektionsrisiko haben. Allerdings können Komplikationen auftreten, wenn weitere altersbedingte Begleiterkrankungen vorliegen.
COVID-19-Impfung: Ein wichtiger Schutz
Die Schutzimpfung gegen COVID-19 ist der einzige sichere Schutz vor einem schweren Verlauf der Erkrankung. Sowohl die Österreichische Parkinsongesellschaft als auch die Ständige Impfkommission (STIKO) empfehlen daher ausdrücklich, die Möglichkeit der COVID-19-Schutzimpfung in Anspruch zu nehmen.
Sorgen betreffend RNA-Impfstoffe sind unberechtigt, da die RNA lediglich ein Botenstoff für die Bildung von Eiweißkörpern ist und im Fall der COVID-19-Impfstoffe einen RNA-Abschnitt für die Bildung eines Oberflächenproteins des Virus enthält. Die Bildung von Antikörpern dagegen ist die Grundlage für die Entwicklung einer Immunität gegen das SARS-CoV2-Virus.
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Mögliche Risiken und Nebenwirkungen der COVID-19-Impfung
Wie bei jeder Impfung können auch bei der COVID-19-Impfung Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Muskelschmerzen
- Abgeschlagenheit
- Temperaturanstieg
Diese Symptome sind meist mild und klingen innerhalb von 1-2 Tagen ab. Schwere allergische Reaktionen sind nach bisherigem Wissensstand extrem selten.
Neuromuskuläre Risiken im Fokus
Daten aus internationalen Kohortenstudien deuten auf eine Verbindung zwischen den Vektorimpfstoffen auf adenoviraler Basis und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) hin. Britische Studien mit großen Kohorten und hoher Qualität haben diesen Zusammenhang für den adenoviralen Vektor-basierten Impfstoff und das Auftreten der neuroimmunologischen Erkrankung reproduzieren können. Bei diesen Vektorimpfstoffen werden Adenoviren als Träger für den Antigen-Bauplan verwendet. Sie gelten als grundsätzlich unschädlich für den Menschen. Es ist wichtig zu beachten, dass in allen Studien auch erhebliche Einflüsse vorhanden waren, die die Sicherheit der Schlussfolgerungen einschränken.
Als neuromuskuläre Nebenwirkungen nach SARS-CoV-2-Impfung werden in der Leitlinie genannt: Hirnnervenaffektionen, Plexopathien, Polyneuritiden und Myopathien, Vakzin-induzierte immun-thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) mit zerebrale Hirnvenen- und Sinusvenenthrombosen (VITT nur nach Impfung mit Vektorimpfstoffen beschrieben)
Das Auftreten von akuter Rhabdomyolyse, Fazialisparese oder einem Guillain-Barré-Syndrom nach der ersten Impfung mit einem der in Deutschland zugelassenen COVID-19-Impfstoffe ist sehr selten.
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Trotz dieser Erkenntnisse spricht sich das Autorenteam klar für die Impfung aus, da die Risiken der Impfung für irgendeine Erkrankung äußerst unwahrscheinlich unterschätzt wurden.
Wichtig: Bei individuellen Faktoren wie beeinträchtigtem Immunsystem oder schweren allergischen Reaktionen in der Vergangenheit sollte die Frage der Impfung mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Parkinson-Patienten haben kein erhöhtes Risiko für Impfnebenwirkungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
COVID-19-Impfung bei speziellen neuromuskulären Erkrankungen
Multiple Sklerose (MS)
Eine vorbestehende neurologische Erkrankung wie MS ist keine Kontraindikation für eine Impfung. Die Impfung ist auch unter laufender Immuntherapie sinnvoll und sicher. Allerdings kann bei Einsatz breit wirksamer Immunsuppressiva, B-Zell-depletierenden Therapien und S1P-Modulatoren die Impfantwort verringert sein. In diesem Fall sollten entsprechende Impfstrategien mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Einige wichtige Punkte für MS-Erkrankte:
- Schubrisiko: Es ist bekannt, dass nach Virusinfekten ein leicht erhöhtes Schubrisiko besteht. Ob auch nach COVID-19-Erkrankungen ein erhöhtes Schubrisiko besteht, ist noch nicht abschließend geklärt.
- Cortison-Pulstherapie: Eine Cortison-Pulstherapie erhöht allgemein das Infektionsrisiko. Bei einem Schub sollte daher sorgfältig die Notwendigkeit des Cortisonpulses abgewägt werden.
- Immuntherapie: Die Behandlung mit Immuntherapeutika kann in der Regel uneingeschränkt fortgeführt werden. Allerdings sollte bei bestimmten Therapien (z.B. Ocrelizumab, Rituximab, Cladribin, Alemtuzumab) das erhöhte Infektionsrisiko berücksichtigt und entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen werden.
Multisystematrophie (MSA)
Menschen mit Multisystematrophie (MSA) gehören zu den Risikogruppen, für die die STIKO die COVID-19-Impfung empfiehlt. Die Vorteile der Impfung überwiegen die möglichen Risiken. Vor einer Impfung sollte ein Gespräch mit dem Arzt erfolgen, der den Krankheitsverlauf kennt.
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Myasthenia gravis und Lambert-Eaton-Myasthenen Syndrom
Bei der Behandlung der Myasthenia gravis und des Lambert-Eaton-Myasthenen Syndroms werden zur Immunsuppression Steroide, Azathioprin, Mycophenolat Mofetil, Methotrexat, Ciclosporin A, Eculizumab und Rituximab eingesetzt. Grundsätzlich können alle suppressiv wirkenden Medikamente die Anfälligkeit gegenüber Infektionen erhöhen, bei einer regelrecht durchgeführten Therapie allerdings nur minimal. Eine Reduktion oder das Absetzen einer bestehenden wirkungsvollen immunsuppressiven Therapie kann zu einer erheblichen Verschlechterung der Beschwerden und damit auch zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Daher sollte die Therapie nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt angepasst werden.
Duchenne Muskeldystrophie
Patienten mit Duchenne Muskeldystrophie unter Kortisontherapie sollten ihre Medikation fortsetzen. Eine Kortisontherapie sollte nicht plötzlich beendet werden.
Weitere wichtige Informationen und Empfehlungen
- Impfempfehlungen: Die STIKO empfiehlt die COVID-19-Impfung für Personen ab 60 Jahren, Personen ab 6 Monaten mit Grunderkrankungen, Bewohner:innen in Pflegeeinrichtungen, Personen mit erhöhtem Risiko in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen sowie Familienangehörige und enge Kontaktpersonen von Personen, bei denen durch eine COVID-19-Impfung vermutlich keine schützende Immunantwort erzielt werden kann.
- Auffrischimpfung: Die Auffrischimpfung sollte möglichst in einem Mindestabstand von 12 Monaten zur letzten vorangegangenen COVID-19-Impfung oder SARS-CoV-2-Infektion erfolgen.
- Kombination mit anderen Impfungen: Die COVID-19-Impfung kann zusammen mit anderen Impfungen erfolgen.
- Medikamente: In der Regel können Sie die COVID-19-Impfung mit Ihren aktuellen Medikamenten kombinieren. Es ist wichtig, Ihren Arzt darüber zu informieren, welche Medikamente Sie einnehmen.
- Vorsichtsmaßnahmen nach der Impfung: Nach der Impfung sollten die allgemeinen Hygieneregeln (Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen) beachtet werden.
- Symptome beobachten: Nach der Impfung können leichte Nebenwirkungen auftreten (Schmerzen an der Einstichstelle, Schwellungen, Hautausschläge, Müdigkeit, Fieber). Bei schweren oder anhaltenden Symptomen, sowie neu auftretenden neurologischen Symptomen sollte umgehend der Arzt informiert werden.
- Verlässliche Informationen: Vertrauenswürdige Quellen für Informationen zur COVID-19-Impfung sind das Robert Koch-Institut (RKI), die Bundesregierung und das Bundesgesundheitsministerium.
Leben mit einer neuromuskulären Erkrankung während der Pandemie
Neben der Impfung gibt es weitere wichtige Aspekte, die Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen während der Pandemie beachten sollten:
- Soziale Distanzierung: Soziale Distanzierung von mindestens 2 Metern Abstand, Vermeidung von größeren Menschenansammlungen und Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs.
- Häusliche Pflege: Haushaltsangehörige und Pflegende sollten in derselben Hausgemeinschaft leben. Notwendige außerhäusliche Pflegende sollten auf alle Eventualitäten vorbereitet sein, wenn z.B. die Assistenz durch Krankheit/Quarantäne abwesend ist.
- Therapie: Termine für Physiotherapie, Logopädie etc. sollten telefonisch mit den Therapeuten besprochen werden. Viele Übungen können auch zu Hause absolviert werden.
- Rezepte: Rezepte für Medikamente können nach telefonischer Anfrage vom Arzt ausgestellt und per Post versandt werden.
- Ambulante Vorstellung: Eine ambulante Vorstellung sollte, wenn immer möglich, vermieden werden.
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