Corona und Schlaganfall: Eine Analyse der Häufigkeit und des Risikos

Die Frage, ob eine Coronainfektion langfristige Auswirkungen auf das Herz haben kann, beschäftigt Mediziner und Forscher weltweit. Neue Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen COVID-19 und einem erhöhten Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt hin. Obwohl die Corona-Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund gerückt ist, steigen die Infektionszahlen weiterhin.

Aktuelle Situation der Corona-Infektionen

Die Coronazahlen steigen seit einigen Wochen wieder an. Während einige Betroffene über starke Schmerzen klagen, hat das Virus in der breiten Bevölkerung weitgehend seinen Schrecken verloren. Die Hospitalisierungsrate in Deutschland lag in der ersten Oktoberhälfte bei 4 von 100.000 Einwohnern, verglichen mit etwa 1 von 100.000 im Juni 2024. Es ist zu beachten, dass diese Zahlen aufgrund verzögerter Meldungen aus den Krankenhäusern möglicherweise noch höher liegen könnten. Im vergangenen Jahr erreichte die Hospitalisierungsrate zu dieser Zeit ihren Höhepunkt mit fast 22 pro 100.000 Einwohnern (17. Oktober 2023).

Zusammenhang zwischen COVID-19 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eine US-Studie hat ergeben, dass eine COVID-19-Infektion mit einem erhöhten Risiko einhergeht, in den folgenden drei Jahren eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden, wie z. B. einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Studie erschien im Fachmagazin „Atherosclerosis, Thrombosis, and Vascular Biology“. Das Forscherteam hatte die Daten von knapp 220.000 Männern und Frauen untersucht, von denen bei rund 10.000 Covid-19 nachgewiesen werden konnte. Darunter waren fast 2000 schwere Coronafälle.

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang

Die US-Studie geht nicht näher auf die Gründe für den Zusammenhang zwischen COVID-19 und einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle ein. Es wird spekuliert, dass eine genetische Komponente eine Rolle spielen könnte. Die Studie untersuchte auch den Zusammenhang zwischen schwerem COVID-19, dem Risiko für Herzinfarkte und der Blutgruppe der Patienten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen mit einer anderen Blutgruppe als 0 ein höheres Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt haben, wenn sie einen schweren COVID-Verlauf erleiden. Es sind jedoch weitere Untersuchungen erforderlich, um die genauen Ursachen und Zusammenhänge zu klären. Sportkardiologe Makowski vermutet, dass eine besonders schwere COVID-Infektion Betroffene anfälliger für Plaquebildung oder Verletzungen der Blutgefäße machen und so zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall beitragen könnte.

Schutz vor Corona-Infektion weiterhin wichtig

Die US-Forscher betonen, dass Krankenhauspersonal das erhöhte Herz-Kreislauf-Risiko bei der Versorgung von Coronapatienten berücksichtigen sollte. Die Studie zeigt auch, wie wichtig es ist, sich weiterhin durch Impfung und Hygieneregeln vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Eine neue Studie zeigt: In den ersten drei Monaten nach einer Corona-Infektion besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. Forschende haben während der Corona-Pandemie ein Jahr lang Covid-19-Fälle beobachtet. Sie fanden heraus: Das Schlaganfallrisiko ist nach einer Corona-Infektion deutlich erhöht.

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Schlaganfallrisiko durch Infektionen allgemein

Nicht nur COVID-19, sondern auch banale Infekte können einen Schlaganfall auslösen oder begünstigen. Schlaganfälle treten zum Beispiel häufiger während der Grippe-Saison im Winterhalbjahr auf. Schwelen Entzündungen im Körper, ist das Risiko, einen Schlaganfall zu bekommen, dreimal so hoch. Mediziner erleben immer wieder, dass Menschen aufgrund von Krankheitserregern einen Schlaganfall bekommen. Bei einer Infektion zeigen die Blutwerte zunächst meist nur, dass irgendeine Entzündung vorliegt, weil die Entzündungswerte steigen - nicht aber welche Art. Jedoch haben alle Entzündungen dieselben Grundmechanismen, durch die bei Infektionen Schlaganfälle ausgelöst werden können: Bei jeder Infektion im Körper springt neben dem Immunsystem auch das Gerinnungssystem an. Das bedeutet, das Blut wird dicker und somit der Blutfluss langsamer. Es werden vermehrt Gerinnungsfaktoren produziert, das Blut gerinnt schneller. Die kleinen Blutklümpchen wandern mit dem Blutfluss - manchmal auch in den Kopf. So kann es zu Schlaganfällen kommen. Das hat nichts mit Alter zu tun, auch junge Menschen und Kinder können Schlaganfälle erleiden, aber sehr selten. Ganz wichtig: Infektionen darf man nie verschleppen! Schlaganfälle treten verstärkt zu bestimmten Infektzeiten auf - zum Beispiel häufiger während der Grippe-Zeit im Winterhalbjahr auf. Auch eine Herzklappenentzündung (Endokarditis) kann einen Schlaganfall auslösen: Bakterien können durch einen Infekt, wie zum Beispiel einen Harnwegsinfekt, in den Körper gelangen. Wenn sie sich auf einer Herzklappe ansiedeln, können sie dort eine Entzündung verursachen. Hinzu kommt eine Beeinträchtigung des Blutflusses: An der Klappe bilden sich durch das mechanische Hindernis Thromben, die zunächst meist an der Herzklappe hängenbleiben. Sie können sich aber später lösen und durch den Körper wandern. Gelangen sie ins Gehirn, können sie dort ein Blutgefäß verstopfen und so einen Schlaganfall auslösen. Behandelt wird eine Endokarditis mit Antibiotika.

Symptome eines Schlaganfalls erkennen

Es ist wichtig, die Symptome eines Schlaganfalls schnell zu erkennen, um rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Achten Sie auf folgende Anzeichen:

  1. Bitten Sie die Betroffene oder den Betroffenen zu lächeln. Ist das Gesicht dabei einseitig verzogen, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.
  2. Bitten Sie die Person, die Augen zu schließen, die Arme nach vorn zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen.
  3. Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen? Versteht die Person die Aufforderung nicht?

Auswirkungen von Corona-Infektionen auf Schlaganfall-Patienten

Grundsätzlich sind die Verläufe einer Corona-Infektion sehr individuell und unterschiedlich ausgeprägt. Bei Schlaganfall-Betroffenen kann es gewisse Faktoren geben, die das Risiko für einen schwereren Verlauf oder ausgeprägtere Spätfolgen erhöhen - dies hängt unter anderem auch von den Ursachen und Folgen des Schlaganfalls ab. Zum Beispiel:

  • Bei bestimmten Lähmungen kann es sein, dass die Atmung nicht mehr so kräftig ist wie bei gesunden Menschen. Eine etwas verminderte Lungenleistung kann zu schwereren Auswirkungen einer Corona-Infektion führen.
  • Das Gehirn ist bereits vorgeschädigt.

Schlaganfall-Betroffene mit einer halbseitigen Lähmung sollten sich in den gesunden Arm impfen lassen. Schlaganfall-Betroffene haben allein aufgrund des Schlaganfalls kein erhöhtes Risiko für Impf-Nebenwirkungen.

Impfempfehlungen für Schlaganfall-Patienten unter Gerinnungshemmern

Viele Patienten mit Vorhofflimmern oder Schlaganfällen nehmen allerdings Gerinnungshemmer zur Blutverdünnung. Diese Patienten sollten Folgendes beachten: Grundsätzlich rät das Expertengremium der Ständigen Impfkommission auch Patienten unter Antikoagulation (Gerinnungshemmer) zur Covid-19-Impfung. Die Impfung muss intramuskulär, also in den Muskel, verabreicht werden. Andere Methoden - zum Beispiel unter die Haut oder in die Venen - kommen nicht infrage. Bei einer intramuskulären Impfung besteht für Patienten, die Gerinnungshemmer einnehmen, eine erhöhte Gefahr von Einblutungen. Deswegen sollte eine sehr feine Injektionskanüle genutzt werden und die Einstichstelle sollte nach der Impfung mindestens zwei Minuten fest komprimiert werden. Bei den betroffenen Patienten ist eine verlängerte Nachbeobachtungszeit von bis zu 30 Minuten (statt 15 Minuten) nach der Impfung empfohlen. Es besteht eventuell die Möglichkeit, die Medikamente vor der Impfung abzusetzen.

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Booster-Impfung: Ja oder Nein?

Die Booster-Impfung stellt nicht nur den Immunisierungszustand nach der 2. Impfung wieder her, sondern die Immunität wird besser als nach der 2. Impfung. Vier Wochen nach der 3. Impfung sind die Antikörper wesentlich erhöht. Damit ist man auch besser vor der Delta-Variante geschützt. Bei anderen Impfungen sind drei Impfungen bereits üblich, z.B. bei Tetanus, Polio, Diphterie etc. Es würde jeder - unabhängig von Alter oder Vorerkrankung - von einer dritten Impfung profitieren. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem ist die 3. Impfung allerdings relevanter. Außerdem bilden ältere Menschen weniger Antikörper, weswegen auch bei ihnen die 3. Impfung relevanter ist. Bei jüngeren, gesunden Menschen ist der Booster noch nicht notwendig. Die 3. Impfung verringert das Risiko zur Weitergabe des Virus noch erheblicher als die ersten Impfungen. Deswegen ist eine 3. Impfung auch für junge, gesunde Menschen jetzt bereits ratsam, die im ärztlichen, pflegerischen oder therapeutischen Bereich arbeiten. Bei der einmaligen Impfung mit Johnson&Johnson gibt es die meisten Impf-Durchbrüche, also Menschen, die trotz Impfung am Corona-Virus erkranken. Deswegen sollen diese Personen ab vier Wochen nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstopp ein zweites Mal geimpft werden.

Vierte Impfung für Schlaganfall-Patienten?

Eine dritte Impfung kann bei der Omikron-Variante die meisten schweren Verläufe verhindern - auch bei Risiko-Patienteninnen und Patienten. Eine vierte Impfung kann für Schlaganfall-Betroffene trotzdem sinnvoll sein. Denn das Ansteckungsrisiko ist durch die neue Virusvariante hoch. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat hier eine entsprechende Empfehlung für Menschen ab 70 und Menschen mit Immunschwäche, beispielsweise nach Schlaganfall, bereits ausgesprochen. Die insgesamt vierte Impfdosis sollten entsprechende Personen frühestens drei Monate nach der ersten Auffrischung erhalten. Eine Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gibt es noch nicht. Im März 2022 soll bereits ein an die Virusvariante Omikron angepasster Impfstoff auf den Markt kommen. Jüngere Menschen und Nicht-Risikopatienten sind laut Experten und Expertinnen mit der dritten Impfung bereits gut immunisiert - auch gegen Omikron. Ältere, insbesondere hochbetagte Menschen und viele Schlaganfall-Patientinnen und Patienten verfügen oft über ein geschwächtes Immunsystem.

Schlaganfall nach Impfung: Zufall oder Ursache?

Jedes Jahr erleiden etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Da bereits etwa 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, ist es - rein statistisch - wahrscheinlich, dass einzelne Menschen kurz nach ihrer Impfung einen Schlaganfall erleiden. Ob ein Schlaganfall in direktem Zusammenhang mit der Impfung steht, muss individuell abgeklärt werden. Wenn der Verdacht besteht, dass es sich um eine Nebenwirkung der Impfung handelt, kann dies dem Paul-Ehrlich-Institut mitgeteilt werden.

COVID-19 und neurologische Auswirkungen

Die Symptome von Patienten mit COVID-19 deuten immer wieder darauf hin, dass die Erkrankung auch das Nervensystem angreifen und das Schlaganfallrisiko erhöhen kann (siehe Webinar am 12.5.20, Springer Medizin). Das scheint nicht nur Patienten mit schweren Infektionen zu betreffen, sondern auch relativ junge Personen mit mildem Verlauf. Von 160 Patienten mit COVID-19 und Schlaganfall (Hirnschlag oder Apoplex) war fast die Hälfte der unter 50-Jährigen bis zum Zeitpunkt des Schlaganfalls asymptomatisch, stellten die Forscher fest. Das Team um Dr. Sebastian Fridman von der Western Universität in Ontario wertete für die Analyse Daten aus zehn Studien zur Schlaganfallhäufigkeit bei COVID-19-Patienten und 35 bisher unveröffentlichte Fälle aus verschiedenen Ländern aus. Die Forscher analysierten klinische Merkmale und Mortalitätsraten im Krankenhaus und teilten die Probanden dafür in drei Altersgruppen: unter 50, 50 bis 70 und über 70 Jahre. Der Anteil der COVID-19-Patienten, die einen Schlaganfall hatten (1,8 %) und im Krankenhaus daran verstarben (34 %), sei außerordentlich hoch gewesen, so die Forscher. Viele Patienten der jüngsten Gruppe, die einen Schlaganfall hatten, wiesen keine Risikofaktoren oder Komorbiditäten auf (43 %). Die jüngeren Patienten hatten zudem am häufigsten erhöhte kardiale Troponinwerte, verglichen mit der mittleren und der älteren Gruppe (71 %). Die Mortalitätsrate war dagegen bei der jüngsten Gruppe um 67 % niedriger als bei der ältesten. „Schlaganfall ist bei COVID-19-Patienten relativ häufig und hat verheerende Folgen für alle Altersgruppen“, resümieren Fridman und Kollegen. Eine mögliche Ursache für Schlaganfälle bei jüngeren Patienten mit COVID-19 könnte eine immunologisch bedingte, erhöhte Gerinnungsneigung sein, was zu Thrombosen führen könne, erläutert Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Auch eine direkte Gefäßwandschädigung durch das Virus sei nicht ausgeschlossen.

Studienergebnisse zur Schlaganfallhäufigkeit bei COVID-19

Zahlreiche Studien berichten über ein erhöhtes Schlaganfallrisiko und andere zerebrovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit COVID-19. Die Berichte über einen Schlaganfall im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion reichen von Fällen bei jüngeren Patienten bis hin zu älteren Personen, die generell ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und andere kardiovaskuläre Erkrankungen haben. Eine schwedische Studie ermittelte neben einem erhöhten Schlaganfallrisiko auch ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte in einer Kohorte von mehr als 80.000 Personen. Allerdings zeigen die bisher ermittelten Daten eine breite Streuung und die ermittelten Schlaganfallzahlen im Zusammenhang mit einer COVID-19-Infektion reichen von 0,4% bis hoch zu 8% mit einem Durchschnittswert von 1,4%. Einige Studien konnten kein erhöhtes Schlaganfallrisiko bei hospitalisierten COVID-19-Patienten zeigen bzw. war das Risiko geringer als erwartet. Natürlich können Unterschiede im Studiendesign, länderspezifische Faktoren und Größe der Studiengruppen zu den unterschiedlichen Ergebnissen beitragen. Allerdings waren bislang nur wenige Studien auf eine ältere Patientenpopulation ausgerichtet. Gerade hinsichtlich einer möglichen Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen bedarf es hier weiterer Klärung.

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US-Studie zu Schlaganfallrisiko bei älteren COVID-19-Patienten

Anhand von Krankenversichertendaten untersuchte ein Team um Dr. Quanhe Yang von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, USA, die Assoziation zwischen einer COVID-19-Erkrankung und dem Risiko für einen akuten ischämischen Schlaganfall bei Patienten ≥ 65 Jahren. Die Forscher analysierten die Krankenversichertendaten von 37.379 Personen in einer selbstkontrollierten Fallserie. Alle Personen waren 65 Jahre und älter und hatten im Zeitraum von April 2020 bis Februar 2021 einen positiven SARS-CoV-2-Nachweis. Die Hospitalisierungen aufgrund eines akuten ischämischen Schlaganfalls wurden im Zeitraum von Januar 2019 bis Februar 2021 erfasst. Zur Untersuchung der Assoziation zwischen COVID-19 und einem Schlaganfall nutzen die Wissenschaftler den Vergleich von Inzidenz-Raten (Incidence Rate Ratio, IRR) für einen Schlaganfall in einer Risiko-Periode (0-3, 4-7, 8-14 und 15-28 Tage nach der COVID-19-Diagnose) im Vergleich zur Kontrollperiode.

Ergebnisse der US-Studie

Bei den 37.379 Personen mit COVID-19 und Schlaganfall lag das mittlere Alter zum Zeitpunkt der COVID-19-Diagnose bei 80,4 Jahren (Interquartilen-Range 73,5-87,1). Von den Teilnehmenden waren 56,7% weiblichen Geschlechts. Die Ergebnisse zeigen ein 10-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko innerhalb der ersten drei Tage nach der COVID-19-Diagnose im Vergleich zum Kontrollzeitraum (IRR 10,3%; 95% Konfidenzintervall [CI] 9,86-10,8). In den folgenden Beobachtungszeiträumen nahm der Risikounterschied zwischen den Gruppen stark ab (4-7 Tage: IRR 1,61; 95%CI 1,44-1,80; 8-14 Tage: IRR 1,44; 95%CI 1,32-1,57; 15-28 Tage: IRR 1,09; 95% CI 1,02-1,18). Der Zusammenhang war bei jüngeren Patienten stärker. Schaute man das Schlaganfallrisiko von Tag 0-3 in der Gruppe der 65-74-Jährigen im Vergleich zur Gruppe der über 80-Jährigen an, so zeigte sich ein deutlicher Altersunterschied (IRR 14,7 vs. 7,0; p ˂ 0,001). Personen ohne Schlaganfall in der Anamnese hatten ein höhere Risiko als Personen, die bereits früher einen Schlaganfall erlitten hatten (IRR 14,6 vs. 7,9; p ˂ 0,001). Die Ergebnisse änderten sich deutlich, als die Forscher die Schlaganfälle an Tag 0 aus der Analyse ausklammerten. Das Schlaganfallrisiko bei COVID-19 an Tag 1-3 war dann nur noch um das 1,8-fache erhöht (IRR 1,77; 95%CI 1,57-2,01). Die Studienergebnisse zeigen ein 10-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko an den Tagen 0-3 nach COVID-19-Diagnose im Vergleich zum Kontrollzeitraum. Ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall während einer SARS-CoV-2-Infektion scheinen besonders Personen in der Altersgruppe von 65-74 Jahren und Personen ohne bisherigen Schlaganfall zu haben.

Interpretation der Studienergebnisse

Interessant sind die Unterschiede in der IRR, abhängig davon ob man Tag 0 in die Berechnungen mit einbezieht oder nicht (IRR 0-3 Tage: 10,3 vs. IRR 1-3 Tage: 1,77). Die Autoren gehen dennoch von einem Zusammenhang aus, da die Patienten vermutlich schon vor der Schlaganfall-Diagnose mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Eine Verzerrung ist dennoch nicht auszuschließen. Denn Schlaganfallpatienten werden bei Klinikaufnahme, genauso wie alle anderen Patienten auch, auf SARS-CoV-2- gescreent. Die initiale Infektion könnte schon länger zurückliegen. In der zuvor erwähnten schwedischen Studie zeigte sich auch nach Ausschluss von Tag 0 ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse im Zusammenhang mit SARS-CoV-2.

Internationale Studie zu Schlaganfällen bei COVID-19

Schlaganfälle sind eine seltene Komplikation von COVID-19, die laut einer internationalen Studie in Stroke (2021; DOI: 10.1161/STROKEAHA.120.032927) jedoch häufig bei jüngeren Patienten auftritt und zu einer schweren Schädigung des Gehirns führt. Erste Berichte einer Klinik aus China, wo bei etwa 5 % aller hospitalisierten COVID-19-Patienten ein Schlag­anfall diagnostiziert wurde, haben die Neurologen alarmiert. Ein Team um Ramin Zand vom Geisinger Neuroscience Institute in Danville/Pennsylvania initiierte die „Multinational COVID-19 Stroke Study“, die seither Daten zu neurologischen Komplikationen gesammelt hat.

Ergebnisse der internationalen Studie

Von den damals in 99 Schwerpunktkliniken in 11 Ländern behandelten 17.799 Patienten hatten „nur“ 156 (0,9 %) einen Schlaganfall erlitten. Darunter waren 123 (79 %) ischämische Schlaganfälle, 27 (17 %) intrazerebrale oder Subarachnoidalblutungen und 6 (4 %) Sinusthrombosen. Die Häufigkeit war demnach nicht wesentlich höher als bei anderen Viruserkrankungen wie der Grippe bei schweren Verläufen, die eine Hospitalisierung erforderlich machen. Die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung und die häufigen koronaren Begleiterkrankungen der Patienten lieferten zudem eine plausible Erklärung für viele Erkrankungen. Eine genaue Analyse von mittlerweile 432 Schlaganfällen zeigt jedoch, dass es Unterschiede zu Schlag­anfällen mit anderem Hintergrund gibt. Von den 283 ischämischen Schlaganfällen wurden 124 (44,5 %) durch eine Verlegung der großen Hirnarterien verursacht. Normalerweise beträgt der Anteil dieser „Large vessel occlusions“ (LVO) nur 24 % bis 38 % der ischämischen Schlaganfälle. LVO hinterlassen in der Regel große Schäden im Gehirn, wenn sie überhaupt überlebt werden. LVO sind allerdings häufiger einer mechanischen Thrombektomie zugänglich. Bei dieser Behandlung werden die Thromben über einen Katheter aus den Hirnarterien entfernt. Wenn die Behandlung rechtzeitig erfolgt, können schwere Behinderungen vermieden werden. Eine weitere Besonderheit von SARS-CoV-2 scheint ein höherer Anteil von jüngeren Patienten zu sein. Die meisten Schlaganfälle treten normalerweise jenseits des 65. Lebensjahres auf. In der Kohorte der hospitalisierten COVID-19-Patienten waren 46 % unter 65 Jahre und 36 % sogar unter 55 Jahren. In diesem Alter sind ischämische Schlaganfälle selten. Eine häufigere Ursache bei jüngeren Patienten sind rupturierte Hirnaneurysmen, die eine Subarach­noidalblutung auslösen. Bei 69,5 % der COVID-19-Patienten mit Subarachnoidalblutung wurden jedoch keine Hirnaneurysmen gefunden, so dass die Blutungen andere Ursachen haben müssen. Welche, ist derzeit unklar. Bei insgesamt 18 Patienten wurde der Schlaganfall durch eine zerebrale Venen- und Sinusthrombose (CVST) ausgelöst. Eine CVST kann in seltenen Fällen auch als Komplikation nach einer Impfung mit vektorbasierten Impfstoffen von Astrazeneca oder Johnson & Johnson auftreten. Ähnlich wie bei den Impfkomplikationen wurde die CVST vor allem bei jüngeren und weiblichen Patien­ten beobachtet. Das Durchschnittsalter betrug 51 Jahre. 1/4 war unter 40 Jahre.

Schlaganfallrisiko nach COVID-19-Impfung

Ende März letzten Jahres wurde eine schwere, wenn auch seltene Nebenwirkung nach COVID-19-Impfung mit Vektor-basierten Vakzinen beobachtet: Impfassoziiert traten vor allem bei jüngeren Frauen Sinus- und Hirnvenenthrombosen auf, es kam zu Todesfällen. Der Vektor-basierte Impfstoff ChAdOx1 (AstraZeneca) wurde daraufhin nicht mehr jungen Frauen verabreicht, außerdem wurden Geimpfte für das Leitsymptom Kopfschmerzen nach Impfung sensibilisiert und Ärztinnen und Ärzte auf das Phänomen der Bildung von anti-PF4-Antikörpern hingewiesen. Es wurde aber auch ein leicht erhöhtes Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle (sogenannte Hirnblutungen) nach Impfung mit einem mRNA-Vakzin beschrieben. Eine im Oktober 2021 publizierte Auswertung zeigte diesbezüglich ein erhöhtes Risiko an den Tagen 1-7 und den Tagen 15-21 nach Impfung mit BNT162b2 (IRR: 1,27 und 1.38). Seitdem haftet allen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 das Stigma an, sie könnten Schlaganfälle auslösen, eine Sorge, die verständlicherweise zu Ängsten führt und zur Impfskepsis beiträgt.

Studien zur Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen in Bezug auf Schlaganfälle

In einem publizierten, systematischen Review wurden zwei randomisierte Studien, drei Kohortenstudien und elf Register-basierte Studien ausgewertet. Insgesamt wurden 17.481 Fälle ischämischer Schlaganfälle erfasst - bei einer Gesamtzahl von 782.989.363 Impfungen. Die Schlaganfallrate betrug insgesamt 4,7 Fälle pro 100.000 Impfungen. Wie die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, ist damit die Schlaganfallrate nach Impfung mit der in der Allgemeinbevölkerung vergleichbar - und die TTP, die zu Sinus- und Hirnvenenthrombosen führte, zumindest nach den Vorkehrungen, die getroffen wurden, eine sehr seltene Komplikation. Bei der zweiten Studie handelt es sich um eine aktuelle Auswertung des „French National Health Data System“ (Système National des Données de Santé [SNDS]). Untersucht wurde, wie häufig nach erster und zweiter Gabe von Vakzinen gegen SARS-CoV-2 bei Menschen im Alter von 18 bis 75 Jahren kardiovaskuläre Ereignisse (Myokardinfarkte, Lungenembolien oder Schlaganfälle) auftraten. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass es keine Assoziation zwischen mRNA-Impfstoffen und dem Auftreten dieser schweren kardiovaskulären Komplikationen gab. Die erste Dosis des Vektor-basierten Impfstoffs ChAdOx1 war in Woche 2 nach der Impfung mit einer erhöhten Rate an Myokardinfarkten und Lungenembolien vergesellschaftet (RI: 1,29 und 1,41), auch beim Impfstoff von Janssen-Cilag konnte eine Assoziation mit dem Auftreten von Myokardinfarkten in Woche 2 nach Vakzinierung nicht ausgeschlossen werden.

Expertenmeinung zur Impfung und Schlaganfallrisiko

DGN-Generalsekretär Professor Dr. Peter Berlit schlussfolgert: „Die vorliegenden Daten zeigen zumindest für die mRNA-Impfstoffe keinerlei Sicherheitssignale in Bezug auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Ganz im Gegenteil: Der Experte betont, dass die SARS-CoV-2-Infektion mit einer höheren Schlaganfallrate einhergeht und die Impfung somit vor Schlaganfällen schütze. Das zeigte jüngst eine koreanische Studie : Von 592.719 SARS-CoV-2-positiven Patientinnen und Patienten im Studienzeitraum (von Juli 2020 und Dezember 2021) wurden 231.037 in die Studie eingeschlossen. Die geimpften Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer waren älter und wiesen mehr Komorbiditäten auf. Dennoch waren schwere oder gar kritische COVID-19-Verläufe in dieser Gruppe seltener ebenso wie die Rate an Folgeerkrankungen.

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