Darf Liebe nerven? Psychologie des Verliebtseins und seine Auswirkungen

Verliebtsein wird oft als eine der schönsten Erfahrungen im Leben angesehen, doch aus psychologischer Sicht ist es ein komplexer Zustand, der sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf unseren Körper und Geist haben kann. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen und physiologischen Aspekte des Verliebtseins, die Unterschiede zur Liebe, die Rolle von Hormonen und die langfristigen Auswirkungen auf unsere Gesundheit und Beziehungen.

Verliebtsein als Stresszustand

Entgegen der romantischen Vorstellung von Verliebtsein als einem Zustand reinen Glücks, argumentiert Prof. Dr. Beate Ditzen, Professorin für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, dass die körperlichen Reaktionen auf Verliebtsein denen einer Stressantwort sehr ähnlich sind. "Die psychologischen und die körperlichen Reaktionen bei Verliebten sind sehr zu vergleichen mit einer Stressantwort, wir können auf der körperlichen Ebene gar nicht gut unterscheiden zwischen einer Stressantwort und Verliebtsein", erklärt sie. Dies liegt daran, dass der Körper in einem Zustand starker Aktivierung ist, der sich in Symptomen wie Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und Nervosität äußern kann.

Körperliche Reaktionen

Zu Beginn einer romantischen Verbindung kommt es zu einer Reihe faszinierender chemischer Reaktionen im Nervensystem und innerhalb der Hormone. Der Körper reagiert auf das Verlieben wie auf Stress bei der Arbeit. Diese Reaktionen können sich unterschiedlich äußern, sind aber oft mit negativen Stresssituationen vergleichbar:

  • Geringeres Bedürfnis nach Essen und Schlaf: Verliebte Menschen haben oft ein geringeres Bedürfnis zu essen und zu schlafen.
  • Nervosität: Ein Gefühl der Nervosität ist ein häufiges Symptom.
  • Erhöhte Durchblutung: Die periphere Durchblutung ist gesteigert, was zu einer allgemeinen Erregung führt.
  • Gewichtsverlust: Man nimmt üblicherweise auch ab und ist allgemein erregt - das muss nicht rein sexuell sein, sondern einfach stark aktiviert.
  • Schlaf: Zudem scheint man in der sogenannten Honeymoon-Phase mit weniger Schlaf zurechtzukommen.

Der Körper unterscheidet nicht zwischen positivem und negativem Stress, sondern bewertet die Situation lediglich unterschiedlich. Im Vergleich zu beruflichem Stress, bei dem die Situation als negativ bewertet wird, aber eine hohe Aktivierung vorliegt, sind sowohl die Bewertung als auch die Aktivierung in der Verliebtheit sehr hoch.

Hormone im Ungleichgewicht

Während der anfänglichen Verliebtheit geraten Hormone aus dem Gleichgewicht. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. "Adrenalin und Cortisol wirken auf eine stärkere Zuckerverwertung hin. Bedeutet: Wir haben die Energie sofort verfügbar, verbrauchen diese aber auch sofort. Deshalb nehmen wir ab und haben weniger Hunger", erklärt Prof. Dr. Ditzen. Adrenalin fördert zudem die Durchblutung der Haut, verstärkt den Herzschlag und erhöht den Blutdruck. Cortisol wirkt immunregulierend, wodurch das Immunsystem in der Reaktion gedrosselt wird.

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Verliebtsein vs. Liebe: Ein fataler Unterschied

Es ist wichtig, zwischen Verliebtsein und Liebe zu unterscheiden, da sie unterschiedliche neurologische und emotionale Prozesse beinhalten. Die Anthropologin Helen Fisher konnte zeigen, dass Liebe und Verliebtheit zwei verschiedene Dinge sind, die sich in unterschiedlichen Gehirnarealen abspielen. Verliebtsein ist eher im Stammhirn verortet, dem älteren, archaischen Teil unseres Gehirns. Dieser Teil des Gehirns reagiert schneller als der jüngere Teil, der für rationales Denken oder Erinnerungen zuständig ist: die Großhirnrinde.

Die Honeymoon-Phase und ihr Ende

Die Phase der Verliebtheit, oft als "Honeymoon-Phase" bezeichnet, ist durch intensive Gefühle und Idealisierung des Partners gekennzeichnet. Dieser Zustand hält jedoch nicht ewig an. "Es wird immer von Wochen oder Monaten gesprochen, Jahre hält das allerdings nicht an", so Ditzen. Nach dieser Phase flacht die Verliebtheit ab und geht in eine ruhigere Phase über, die oft mit Gewohnheit verwechselt wird. Dies kann zu Enttäuschung und dem Wunsch nach dem anfänglichen Hochgefühl führen.

Die Rolle von Bindungshormonen

In der ruhigeren Phase einer Beziehung spielen Bindungshormone wie Oxytocin und Vasopressin eine wichtige Rolle. Oxytocin wird freigesetzt, wenn man den Partner zum ersten Mal in die Arme nimmt oder wenn eine Frau ihr Kind stillt. Vasopressin ist am Entstehen von Bindung beteiligt. Diese Hormone sorgen für ein Gefühl von Ruhe, Geborgenheit und Vertrauen und halten den Wunsch nach Nähe wach.

Liebe im Gehirn: Eine neue Studie

Eine Studie von Pärttyli Rinne und seinem Team von der Aalto-Universität in Finnland untersuchte, wie sich verschiedene Arten von Liebe im Gehirn zeigen. Die Ergebnisse zeigten, dass unser Gehirn ganz unterschiedliche neuronale „Fingerabdrücke“ für die verschiedenen Formen der Liebe erzeugt. Sie aktivieren verschiedene Hirnregionen, wobei sie sich in ihrer Intensität unterscheiden. Der Vergleich zwischen Partner-, Eltern-, Freundes- und Fremdenliebe zeigt, dass zwar alle diese zwischenmenschlichen Emotionen in ähnlichen Hirnarealen verarbeitet werden, jedoch mit unterschiedlicher Intensität.

Liebe zu Tieren

Es gab allerdings Unterschiede zwischen Haustierbesitzern und Menschen ohne Haustier: Bei Haustierbesitzern wurden die Hirnareale für soziale Kognition stärker aktiviert als bei Menschen ohne Haustiere. „Bei den Haustierbesitzern ähnelt die Liebe zu Haustieren also eher der zwischenmenschlichen Liebe“, so Rinne.

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Kulturelle Unterschiede

Zukünftig interessiert sich das Forschungsteam besonders dafür, wie ein solcher Versuch in einem anderen kulturellen Kontext aussehen könnte. Dafür möchten sie demnächst die westliche Bevölkerung mit einer ostasiatischen Bevölkerung vergleichen.

Die dunkle Seite des Verliebtseins

Ständig verliebt zu sein, kann krank machen, so wie auch ständiger Stress im Alltag ungesund ist. "Verliebtsein ist natürlich extrem belohnend, deswegen wünschen wir uns, dass das ewig anhält." Ebenso ist der Wunsch nach erwiderter Liebe oder erwidertem Verliebtsein präsent. Was ebenfalls stressig für den Körper sein kann, aber lange nicht so intensiv wie die eigene Verliebtheit.

Geschlechterunterschiede

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass eine bindungsbezogene Stressantwort auch durch Geschlechtshormone reguliert wird. Das seien vor allem Studien, die postmenopausale Frauen untersuchen. "Diese zeigen, dass bei ihnen ein Partnerverlust, aber auch eine positive Aktivierung des Systems durch frische Verliebtheit oder durch extrem positive Gefühle sogar eine bestimmte Herzerkrankung auslösen können." Das betrifft fast nur Frauen, so Ditzen, zu fast 90 Prozent. Primär Frauen nach der Menopause. "Man kann sicher davon ausgehen, dass das mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat, aber es ist noch nicht gänzlich geklärt, wie das aussieht."

Was tun, wenn die Liebe nervt?

Wenn die anfängliche Verliebtheit nachlässt und die Beziehung in eine ruhigere Phase übergeht, ist es wichtig, aktiv an der Beziehung zu arbeiten. Offenheit und Vertrauen, selbst in schwierigen Phasen, scheinen Beziehungen zu stärken. Die Liebesforscherin Helen Fisher hat auch einen sehr praktischen Tipp für Paare: Sie sollen aus ihrem Alltag ausbrechen, ihre Routinen immer mal wieder über Bord werfen und gemeinsam Neues und Aufregendes erleben. Auch nach Jahrzehnten kann dies Paare weiter zusammenschweißen. Ein gemeinsames Erleben kann ihnen dabei helfen, sich nicht zu verlieren oder auseinanderzuleben. Dabei sollten Paare trotzdem auf Freiräume achten.

Glückshormone aktivieren

Auch ganz ohne Romantik lässt sich die körpereigene Apotheke des Glücks aktivieren. Alles, was Begeisterung auslöst, setzt im Gehirn Regelkreisläufe in Gang, die nicht nur Hochgefühle bescheren, sondern auch Gesundheit. Für Abenteurer mag es die steinige Mountainbike-Tour sein, für Chormitglieder der große gemeinsame Auftritt, für Großeltern das Spiel mit den Enkeln - die Vorgänge im Körper ähneln sich.

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  • Hund & Katz: Weiches Fell, treuer Blick - der Mensch liebt seine Tiere. Die Basis für diese Liebe bildet der gleiche Stoff, der Mütter und Babys zusammenhält.
  • Meditation: Ob Achtsamkeit, Body Scan oder klassische Meditation: Mentales Training kann Stress nachhaltig reduzieren.
  • Kochen: Man kann es gemeinsam tun oder sich selbst etwas gönnen. Ein mit Freude gekochtes Essen ist generell beglückend.
  • Draußen arbeiten: Manchmal reicht es, das Staudenbeet vom Unkraut zu befreien. An anderen Tagen ist es der Bau eines Gartenhäuschens oder das Bäumefällen.

Blickkontakt

„Das effektivste Mittel, um ein Gefühl von Liebe auszulösen, ist Blickkontakt“, sagt Professorin Judith Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin. Dieser Effekt des Blickkontakts sei nicht allein für verliebte Paare spürbar.

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