Die Hirnforschung hat im Laufe ihrer Geschichte immer wieder auf Metaphern zurückgegriffen, um das komplexe Organ zu erklären. Diese Metaphern spiegeln nicht nur den jeweiligen Stand des Wissens wider, sondern auch den Zeitgeist und die vorherrschenden Technologien. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung dieser Metaphern, von antiken Vorstellungen bis hin zu modernen Konzepten, und untersucht ihren Einfluss auf unser Verständnis des Gehirns.
Die Anfänge: Spekulationen und philosophische Überlegungen
Die Geschichte der Hirnforschung ist eng mit der Philosophie verbunden. Bereits in der griechischen Antike spekulierten Philosophen über den Sitz der Gedanken und Gefühle. Zunächst wurden diese im Herzen verortet, später in den Hirnventrikeln. Auch die unsterbliche Seele sollte ihren Platz im Körper finden.
Matthias Eckoldt beschreibt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist“ die Hirnforschung als eine Geschichte des fortlaufenden Irrtums, betont aber auch, dass die Philosophie immer die richtigen Fragen gestellt hat. Um das Wesen des Gedächtnisses zu erklären, griff Descartes auf die Analogie der Lochmaske zurück, die zum Drucken von Mustern auf Stoffe verwendet wurde. Albertus Magnus fragte sich bereits im 12. Jahrhundert, wie wir Sinneseindrücke als Einheit wahrnehmen können. Diese Frage beschäftigt die Neurowissenschaft bis heute.
Der Sprung zur Empirie: Anatomie und Elektrizität
Mit dem Beginn der Neuzeit erfolgte ein Wandel hin zur Empirie. Andreas Vesal war ein Vorreiter der anatomischen Forschung, und das Zeitalter der Aufklärung brachte den Fokus auf das Experiment. Man entdeckte die tierische Elektrizität und erkannte die Nerven als Sitz und Produzenten schwacher Ströme.
Trotz aller Empirie konnte die Hirnforschung jedoch nicht auf Metaphern verzichten. Die zeitgleich mit der Elektrophysiologie entstandenen Telegrafenleitungen führten zum Bild des Gehirns als großer Telegrafenstation. Auch die Kartografie erlebte eine Blütezeit und wurde auf die Hirnforschung übertragen: Gehirnlandkarten wurden erstellt und Funktionen bestimmten Arealen zugeordnet.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Das Gehirn als Chemiebaukasten und die Spiegelneuronen
Im 20. Jahrhundert wurde das Gehirn nach der Entdeckung des ersten Neurotransmitters Acetylcholin als Chemiebaukasten betrachtet, der pharmakologisch beeinflusst werden konnte. Die Entdeckung der Spiegelneuronen im Affengehirn, die sowohl bei der Planung eigener Handlungen als auch bei der Beobachtung anderer aktiv sind, führte zu übereilten Schlussfolgerungen über Mitgefühl.
Eckoldt warnt davor, allzu schnell eindeutige Erkenntnisse der Hirnforschung zu präsentieren und betont die Spannung zwischen faszinierenden Entdeckungen und voreiligen Interpretationen.
Metaphern im Alltag und in der Wissenschaft
Kunstmetaphern wirken oft gekünstelt, während Alltagsmetaphern Körpererfahrungen widerspiegeln. Wenn uns etwas "herunterzieht" oder "innerlich aufrichtet", steckt dahinter ein physisches Erlebnis. Dieses metaphorische Prinzip funktioniert in beide Richtungen: Aus Gefühlen entstehen Metaphern, und aus Metaphern entstehen Emotionen und Körperwahrnehmungen.
Die neurobiologische Kognitionsforschung hat diese bidirektionale Verkettung nachgewiesen. Mithilfe moderner Messverfahren beobachtet sie das Gehirn bei der Arbeit und gewinnt Einblicke in die Funktion und Zuständigkeiten verschiedener Hirnregionen. Studien haben gezeigt, dass Sprachbilder jene Areale im Gehirn aktivieren, die mit der wörtlichen Bedeutung der Begriffe verknüpft sind. So aktivieren Wörter, die Arm- oder Beinbewegungen beschreiben, den Motorkortex.
Metaphern bewegen das Gehirn, wecken Emotionen und provozieren physische Reaktionen. Schmerzwörter alarmieren das Schmerzzentrum, Bewegungsmetaphern sprechen den Motorkortex an, und Ekel-assoziierte Sprachbilder können Brechreiz auslösen. Das Gehirn hat bisweilen Schwierigkeiten, zwischen Metapher und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Juliana Goschler beschreibt, wie das Gehirn als Forschungsgegenstand metaphorisch beschrieben wird. Ihre Analyse populärwissenschaftlicher Texte zeigt, dass die Konzeptualisierung des Gehirns auf Raummetaphern, Personifizierungen und technischen Metaphern beruht.
Visuelles Denken und Metaphern
Visuelles Denken nutzt Bilder, Symbole und Metaphern, um Ideen und Informationen darzustellen. Diese Methode nutzt die Stärke des visuellen Gedächtnisses und ermöglicht es, komplexe Inhalte anschaulich zu machen.
Beispiele für visuelles Denken sind Mindmaps, Concept Maps, Sketchnoting, Visual Storytelling, Infografiken, Flowcharts und visuelle Metaphern. Das Gehirn kann beispielsweise als "Schaltzentrale" oder der Baum als "Wachstumssystem" dargestellt werden.
Visuelles Denken hat zahlreiche Vorteile für den Lernprozess. Es hilft, abstrakte Konzepte anschaulich zu machen und ermöglicht es, Gedanken visuell festzuhalten.
Künstliche Intelligenz und die Gehirn-Metapher
Künstliche Intelligenz wird oft als Maschine mit menschlichem Gehirn dargestellt. Diese Metapher ist irreführend, da sie menschliche Eigenschaften auf KI-Systeme überträgt, obwohl diese technologisch begrenzt sind. Beispiele hierfür sind künstliche "Intelligenz", "maschinelles Sehen" und "künstliche neuronale Netze".
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Metaphern sind Bedeutungsübertragungen, die eine sprachliche Verbindung zwischen zwei getrennten semantischen Bereichen schaffen. Sie helfen uns, neue Technologien zu verstehen, indem sie auf etwas Vertrautes verweisen. Die Gehirnmetapher impliziert, dass wir etwas erschaffen, das mit uns eng verwandt ist, und unterstützt die Vorstellung, dass eine Maschine wie ein menschliches Gehirn funktioniert.
Die Beschreibung von Maschinen als menschliches Gehirn ist eine bidirektionale Metapher. In der Vergangenheit wurden neue Technologien mit dem menschlichen Gehirn verglichen, später nutzte die Neurowissenschaft die Funktionalitäten von Computern, um Aufbau und Funktionsweise unserer Gehirne zu verstehen.
Obwohl die Metapher von der KI als menschliches Gehirn eine hohe Ausdruckskraft und einen heuristischen Wert besitzt, birgt sie normative Implikationen. Eine präzisere Sprache und Bildsprache kann Aspekte soziotechnischer Systeme beleuchten, die durch Metaphern verborgen bleiben.
Das rätselhafte Gehirn: Eine ewige Herausforderung
Seit Jahrtausenden versucht der Mensch, das Gehirn zu verstehen. Doch wie kann etwas Nichträumliches wie der Geist auf etwas Räumliches wie die Materie wirken? Und wie können materielle Ursachen geistige Wirkungen zeitigen?
Die Hirnforschung kann viel leisten, solange das Gehirn nicht als Sonderorgan behandelt wird. Wenn es jedoch um innere Prozesse wie die Entstehung von Gefühlen geht, wird es schwierig. Ein fundamentales Prinzip scheint noch nicht entdeckt zu sein.
Die Geschichte der Hirnforschung ist reich an Metaphern. Emil Du Bois-Reymond prägte den Ausspruch "Ignoramus et ignorabimus" (Wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen), der einer Zeit Rechnung trägt, in der der Fortschrittsoptimismus erste Dämpfer erhielt.
Trepanationen und antike Debatten
Erste Zeugnisse für die Beschäftigung des Menschen mit dem Gehirn sind über 7000 Jahre alt. Zu jener Zeit wurden Schädel mit Faustkeilen und Steinsägen geöffnet. Diese Trepanationen wurden offenbar überlebt, aber ihre Absicht ist unklar. Möglicherweise sollten böse Geister ausgetrieben werden.
Im antiken Griechenland gab es heftige Debatten über den Stellenwert des Gehirns. Hippokrates sah im Gehirn den Sitz des Denkens und der Gefühle, während Aristoteles das Herz als Zentrum der Seele betrachtete. Der römische Arzt Claudius Galen widersprach Aristoteles und vermutete in den Hirnventrikeln den Sitz des "Spiritus animalis".
Descartes und die Orgel-Metapher
Für 1000 Jahre fanden kaum empirische Untersuchungen des Gehirns statt. Descartes zerpflückte die Vorstellung des Gehirns als römischen Brunnen und entwickelte stattdessen die Metapher der Orgel. Er sah den Körper als Maschine, die vom Gehirn gesteuert wird, trennte aber die Seele als nicht-materiell ab. Descartes lokalisierte den Hauptinteraktionsort zwischen Leib und Seele in der Zirbeldrüse.
Gall und die Phrenologie
Um 1800 wurde Descartes' Schädel ausgegraben, um die neue Hirntheorie von Franz Joseph Gall zu überprüfen. Gall entwickelte die Phrenologie, die alle Fähigkeiten des Menschen in streng umrissenen Schädelbereichen verortete. Seine Theorie löste eine Sammelwut von Schädeln aus. Galls Theorie markierte die Entstehung eines neuen Menschenbildes, in dem alle geistigen und seelischen Zustände einen materiellen Ursprung haben.
Lokalisationstheorie und ihre Folgen
Die Theorie von Franz Gall verschwand rasch wieder, aber die Idee streng abgrenzbarer Areale, die für spezifische Funktionen zuständig sind, wirkte in der Hirnforschung fort. Die Hirnforschung zog Rückschlüsse auf die Funktion der beschädigten Teile des Hirns aus Ausfallerscheinungen. Broca konnte ein Sprachzentrum im hinteren Teil der dritten vorderen Windung links lokalisieren.
Kriegsverletzungen des Gehirns im 19. und 20. Jahrhundert förderten die Lokalisationstheorie. Diese wurde jedoch auch benutzt, um Hierarchisierungen, Polarisierungen, Sexismus und Rassismus wissenschaftlich zu begründen.
Telegraf und Computer als Metaphern
Galvani aktivierte Nerven durch elektrische Ströme. Seit 1866 verbindet das erste Seekabel Irland mit Neufundland. Nun wurde auch das Hirn zur Telegrafenstation, in der die Nerven auf elektrischen Bahnen mit den Befehlsempfängern im Körper verbunden sind. Der Telegraf als Metapher wurde später vom Computer abgelöst.
tags: #das #gehirn #als #metaphernmaschine