Die bipolare Störung, auch manisch-depressive Erkrankung genannt, ist eine komplexe psychische Erkrankung, die durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet ist. Diese Schwankungen reichen von manischen Episoden mit gesteigerter Energie, Euphorie und Aktivität bis hin zu depressiven Episoden mit Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Interessenverlust. Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass bipolare Störungen Hirnerkrankungen sind. Diese Zustände beeinträchtigen das Denken, Fühlen, Handeln und die Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte im Verständnis der neuronalen Grundlagen der bipolaren Störung gemacht.
Genetische und biologische Grundlagen
Genetische Faktoren
Genetische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung bipolarer Störungen. Auch wenn eine bipolare Störung selbst offenbar nicht vererbt werden kann, so wird zumindest die Anfälligkeit für solch eine Erkrankung von Generation zu Generation weitergegeben. Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien haben gezeigt, dass bei Verwandten ersten Grades von Patienten mit bipolaren Störungen solche Erkrankungen etwa sieben Mal häufiger auftreten. Wenn ein Elternteil erkrankt ist, besteht bei den Nachkommen eine Wahrscheinlichkeit von ca. 10 %, an derselben Störung zu erkranken. Sind beide Elternteile betroffen, liegt das Erkrankungsrisiko sogar bei ca. 40 bis 50 %. Leidet ein eineiiger Zwilling an einer bipolaren Störung, so ist sein Zwilling mit einer ca. 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit ebenfalls erkrankt.
Ein internationales Forschungsteam hat das Genom von über 150.000 Menschen mit bipolarer Störung untersucht. In der Studie wurden 298 Regionen des Genoms identifiziert, in denen genetische Varianten das Risiko für eine bipolare Störung erhöhen - 267 davon wurden in der aktuellen Ausführung der GWAS neu entdeckt. Durch die Studie wurde auch eine neue Region identifiziert, die speziell in den Stichproben mit ostasiatischer Herkunft mit einem erhöhten Risiko für bipolare Störungen einhergeht. In den identifizierten Regionen stehen 36 konkrete Gene im Verdacht, für die bipolare Störung relevant zu sein. Die nächsten Schritte der Forschung könnten darin bestehen, diese Gene genauer zu untersuchen. Sie könnten auch zur Erforschung neuer Angriffspunkte für Medikamente gegen bipolare Störungen verwendet werden.
Neurotransmitter und Hirnaktivität
Bei Patienten mit bipolaren Störungen sind Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt festgestellt worden. Unter Neurotransmittern versteht man chemische Botenstoffe, die an der Weiterleitung von Nervenimpulsen beteiligt sind. So fand sich bei depressiven Menschen ein Mangel an den Neurotransmittern Serotonin und Noradrenalin, während bei einer Manie die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht sind. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass nicht einzelne Veränderungen der Neurotransmitter, sondern eine Störung des Gleichgewichts verschiedener Transmitter ursächlich ist. Außerdem ist bei depressiven Menschen die Empfindlichkeit und Dichte der Rezeptoren verändert, auf die die Neurotransmitter einwirken.
Durch bildgebende Verfahren wurde bei Betroffenen während einer Krankheitsepisode eine veränderte Aktivität des so genannten limbischen Systems im Gehirn festgestellt. Das limbische System ist für das Empfinden und Verarbeiten von Gefühlen mit verantwortlich.
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Hirnstruktur und -funktion
Longitudinale Bildgebungsstudien haben gezeigt, dass Rückfälle in manische oder depressive Episoden mit einem erhöhten Verlust an grauer Substanz, Hirnvolumen und kortikaler Dicke verbunden sind. Während erwachsene Patienten im Vergleich zu gesunden erwachsenen Probanden eine verstärkte Abnahme der Hirnstruktur zeigten, zeigten Jugendliche mit bipolarer Störung keine Zunahme der grauen Substanz, des Hirnvolumens und der kortikalen Dicke im Vergleich zu gesunden Jugendlichen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Beginn im Jugendalter mit spezifischen Veränderungen der Hirnstruktur verbunden ist. Diese Veränderungen der Hirnstruktur könnten aus einem Zusammenspiel zwischen Hirnreifungsprozessen und dem Ausbruch der bipolaren Störung resultieren.
Umweltfaktoren und psychosoziale Einflüsse
Belastende Lebensereignisse
Belastende Lebensereignisse können zum Ausbruch der Krankheit führen. Man nimmt heute verstärkt an, dass belastende Lebensereignisse (sog. „life events“) wie frühe Scheidung der Eltern, Trauerfälle, frühe schwere körperliche Erkrankungen etc., aber vor allem Traumata wie sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und fortgesetzte Vernachlässigung zu psychiatrischen Erkrankungen wie der Bipolaren Störung führen können bzw. bei einer vorbestehenden individuellen Disposition diese mitverursachen können. Auslöser für eine Bipolare Störung sind Stress und psychische Belastung. Auf psychosozialen Stress wie Partnerschaftkonflikte, Arbeitsplatzschwierigkeiten, Wohnungswechsel etc. können Betroffene viel sensibler reagieren als Nicht-Betroffene.
Jahreszeitliche Einflüsse
Offenbar spielt bei bipolaren Erkrankungen auch die Jahreszeit eine gewisse Rolle. Statistisch gesehen treten im Sommer häufiger manische Episoden auf, während es im Herbst vermehrt zu depressiven Episoden kommt.
Psychische und soziale Faktoren
Psychische Faktoren, die die Erkrankung negativ beeinflussen können, sind negative Einstellungen, eine schlechte Verarbeitung von Ereignissen oder der Missbrauch von Alkohol. Als soziale Faktoren können sich zum Beispiel häufige Kritik oder Ablehnung ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirken. Auch eine ungeordnete Lebensführung, zum Beispiel ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus oder Phasen mit intensiver und weniger intensiver Arbeit, kann erneute Krankheitsphasen auslösen. Dabei können nicht nur besonders positive Ereignisse wie Erfolgserlebnisse und Veränderungen der Lebensumstände, zum Beispiel eine längere Urlaubsreise, sondern auch negative Ereignisse, etwa der Tod eines Angehörigen, eine manische oder hypomanische Episode auslösen. Auf der anderen Seite gibt es auch Schutzfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für weitere Krankheitsphasen verringern können. Dazu gehören psychische Faktoren wie die Fähigkeit zur Stressbewältigung oder ein selbstverantwortlicher Umgang mit Medikamenten, aber auch soziale Faktoren, zum Beispiel eine stabile Partnerschaft oder die Unterstützung von Angehörigen.
Meyer Modell
Das Modell von Meyer (2008) nimmt an, dass es am Anfang einer manischen oder hypomanischen Phase zuerst zu Veränderungen beim Aktivitätsniveau und bei der Schlafdauer kommt. Diese führen dann zu einem Anstieg der Stimmung in Richtung Euphorie oder Reizbarkeit. Dadurch wird laut Meyer ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Das Selbstwertgefühl steigt immer weiter an und die Betroffenen setzen oft eigenmächtig ihre Medikamente ab, was die manischen Symptome weiter verstärkt. Durch die Kritik von Angehörigen kann es wiederum zu einer immer stärkeren Reizbarkeit kommen.
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Symptome und Verlauf
Symptome
Die bipolare Störung ist durch das Auftreten von manischen, hypomanen, depressiven und gemischten Episoden gekennzeichnet.
- Manische Episoden: Betroffene fühlen sich unruhig, aktiv, sprunghaft und potenziell auch reizbar. Charakteristische Anzeichen während einer hypomanen oder manischen Episode sind beispielsweise ein Kaufrausch, verstärkte Ablenkbarkeit und Gesprächigkeit, ein verringertes Schlafbedürfnis, Promiskuität oder Größenwahn.
- Hypomane Phasen: Betroffene erleben für mehrere Tage eine bessere Stimmung als üblich.
- Manie mit psychotischen Symptomen oder auch wahnhafte Manie: Zu den psychotischen Symptomen gehören z. B. Halluzinationen und Bewegungsauffälligkeiten.
- Depressive Episoden: Betroffene zeigen typische depressive Symptome. Sie fühlen sich antriebslos, niedergeschlagen und wertlos. Während einer depressiven Phase zeigen Betroffene unter anderem weniger Interesse an Freunden und Freizeitaktivitäten. Sie schlafen eventuell länger oder leiden unter Schlafstörungen.
- Gemischte Episoden: Betroffene fühlen sich z. B. niedergeschlagen oder traurig, aber gleichzeitig angetrieben.
Verlauf
Die ersten Symptome treten meist schon im frühen Erwachsenenalter, etwa ab dem 20. Lebensjahr, auf. Dabei erlebt etwa die Hälfte der Betroffenen zunächst eine depressive Episode. Die bipolare Störung wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt und kann deshalb noch nicht entsprechend behandelt werden. Die Diagnose „bipolar“ wird meist erst im Alter von 30 Jahren gestellt. In diesem Alter kommt es auch oft zu einem ersten Klinikaufenthalt.
Auf den ersten Blick erscheint eine Bipolar-II-Störung wegen der leichter ausgeprägten Symptome als weniger schwere Störung. Doch sind die Phasen mit stabiler Stimmung oft kürzer als bei einer Bipolar-I-Störung, was für die Betroffenen ebenfalls sehr belastend ist. Ohne eine Behandlung mit Medikamenten erlebt die Hälfte der Betroffenen im ersten Jahr nach der ersten Krankheitsphase einen Rückfall. In manchen Fällen folgen die Phasen gehobener und depressiver Stimmung direkt aufeinander, zum Beispiel beim Umschlagen einer Manie in eine Depression, manchmal können aber auch Monate oder Jahre zwischen den Krankheitsphasen liegen.
Oft treten im Zusammenhang mit einer bipolaren Störung noch andere psychische Probleme auf. Am häufigsten kommt ein Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen vor. Auch Angststörungen, der Missbrauch von Medikamenten und Persönlichkeitsstörungen sind im Kontext einer bipolaren Störungen nicht selten.
Behandlung
Eine unbehandelte bipolare Störung kann schwerwiegende Folgen haben. Ohne Behandlung verschlimmern sich die Symptome häufig, was zu intensiveren und häufigeren manischen und depressiven Episoden und damit zu erheblichen sozialen und beruflichen Beeinträchtigungen führen kann, darunter Konflikte in Beziehungen und Probleme am Arbeitsplatz bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Das Risiko für Substanzmissbrauch und Suizidgedanken ist ebenfalls erhöht. Eine rechtzeitige und kontinuierliche Behandlung ist daher entscheidend, um die Symptome zu kontrollieren, die Lebensqualität zu verbessern und langfristige Schäden zu minimieren.
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Bei der Behandlung einer bipolaren Störung können verschiedene Therapiemethoden zum Einsatz kommen. Diese reichen von Medikamenten über Psychotherapie bis zur Anpassung des Lebensstils.
Medikamentöse Behandlung
Medikamente gegen eine bipolare Störung sind Stimmungsstabilisatoren wie Lithium oder Antikonvulsiva, außerdem Antidepressiva und Antipsychotika. Wie bei allen Medikamenten gibt es auch bei der medikamentösen Behandlung der bipolaren Störung potenzielle Nebenwirkungen. Langzeitüberwachung und regelmäßige Kontrollen sind daher unerlässlich, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten.
Stimmungsstabilisatoren: Lithium, Antikonvulsiva
Stimmungsstabilisatoren sind eine der Hauptstützen bei der Behandlung der bipolaren Störung. Dabei ist Lithium die Substanz, die das Risiko des erneuten Auftretens von manischen und depressiven Episoden statistisch am stärksten senkt. Antikonvulsiva oder atypische Antipsychotika werden als stimmungsstabilisierende Medikamente eingesetzt, wenn Lithium sich als nicht verträglich erweist. Lithium wird auch in der Akutbehandlung manischer Episoden eingesetzt und senkt außerdem unabhängig vom Vorliegen einer bipolaren Störung das Suizidrisiko.
Antidepressiva und Antipsychotika
Antidepressiva werden manchmal verwendet, um depressive Episoden zu behandeln. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten: Sie sollen bei bipolaren Störungen nur in Kombination mit Stimmungsstabilisierern eingesetzt werden, da sie sonst bei manchen Patienten manische Episoden auslösen können. Antipsychotika werden häufig zur Akutbehandlung von manischen Episoden und bei psychotischen Symptomen eingesetzt. Sie können auch als Zusatzmedikation in der Langzeitbehandlung verwendet werden.
Psychotherapie
Die Psychotherapie zur Behandlung einer bipolaren Störung kann verschiedene Ansätze umfassen.
Kognitive Verhaltenstherapie
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist eine wirksame psychotherapeutische Methode zur Behandlung der bipolaren Störung. Sie hilft den Betroffenen, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, was zur Verbesserung der Stimmung und zur Vermeidung von Rückfällen beiträgt.
Psychoedukation
Psychoedukation zielt darauf ab, den Betroffenen und deren Angehörigen Wissen über die Erkrankung zu vermitteln. Dies umfasst Informationen über Symptome, Auslöser und Behandlungsmöglichkeiten.
Familientherapie
Familientherapie hilft häufig dabei, das Familienumfeld zu stabilisieren und die Kommunikation zu verbessern, was für den Krankheitsverlauf und das Verständnis des Umfeldes von großer Bedeutung ist.
Interpersonelle und soziale Rhythmustherapie (IPSRT)
IPSRT konzentriert sich auf die Regulierung der sozialen Rhythmen und die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese Therapieform hilft den Betroffenen, stabile tägliche Routinen zu entwickeln und soziale Interaktionen zu verbessern, was wiederum die Stimmung stabilisiert und Rückfälle verhindert.
Lebensstil und Selbsthilfe
Die Anpassung des Lebensstils ist von elementarer Bedeutung für bipolare Personen.
Strukturierter Tagesablauf und Schlafhygiene
Ein geregelter Tagesablauf mit festen Schlafenszeiten ist wichtig für die Stabilisierung der Stimmung bei bipolarer Störung. Regelmäßige Routinen helfen, das Risiko von manischen oder depressiven Episoden zu verringern.
Stressmanagement und gesunde Ernährung
Effektives Stressmanagement, zum Beispiel durch Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation, kann das Rezidivrisiko senken. Eine gesunde Ernährung trägt ebenfalls zur allgemeinen körperlichen und psychischen Gesundheit bei und reduziert so Stimmungsschwankungen.
Selbsthilfegruppen und Peer-Unterstützung
Wie auch bei anderen Erkrankungen, ist der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen für viele Betroffene sehr hilfreich. Peer-Unterstützung bietet nicht nur emotionalen Beistand, sondern auch praktische Tipps und Strategien für den Umgang mit der Erkrankung im Alltag. Der Kontakt zu Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, mindert oft das Gefühl der Isolation und unterstützt den Genesungsprozess.
Früherkennung
Die Früherkennung spielt bei der Behandlung der bipolaren Störung eine entscheidende Rolle. Je früher die Erkrankung diagnostiziert und behandelt wird, desto besser sind die Chancen, die Symptome zu kontrollieren und schwere Episoden zu verhindern.