Das Gehirn und das Bewusstsein: Eine Annäherung an ein komplexes Phänomen

Die Frage nach dem, was „Bewusstsein“ eigentlich ist, beschäftigt die Forschung seit langem und wird aktuell intensiv untersucht. Insbesondere das „Hard Problem of Consciousness“, also die Frage, wie subjektives Erleben entsteht, stellt eine große Herausforderung dar.

Freud und die Topographie des Bewusstseins

Sigmund Freud sah das Bewusste als einen Ort in der Psyche. Er deutete bereits verschiedene Bewusstseinsgrade an, die heute näher erforscht werden. Sein topographisches Modell unterscheidet drei Bereiche innerhalb des seelischen Apparates:

  • Das Unbewusste (Ubw): Enthält Verdrängtes und Dinge, die nie bewusst geworden sind oder bewusst werden können.
  • Das Vorbewusste (V-Bw): Hier liegen Inhalte, die leicht bewusst werden können, wenn die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird.
  • Das Bewusste (Bw): Nach Freud die Oberfläche des seelischen Apparates. Es ist eng mit der Sprache und den Wortvorstellungen verknüpft. Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist bewusst.

Freud unterschied zudem das Wahrnehmungs-Bewusstsein (W-Bw). Ihm zufolge erkennen wir etwas und können darüber sprechen, wenn es uns bewusst wird. Das Denken in Bildern ist nach Freud jedoch nur ein sehr unvollkommenes Bewusstwerden.

Gefühle als Bewusstsein: Die Perspektive von Marc Solms

Der Psychoanalytiker und Neurowissenschaftler Marc Solms argumentiert, dass Gefühle bereits Bewusstsein sind, auch wenn wir keine Worte dafür finden. Seiner Ansicht nach fühlt der Hirnstamm, ohne dass eine Großhirnrinde notwendig ist. Er erklärt, dass Kinder, die ohne Großhirn geboren wurden, dennoch mit Frust reagieren, wenn man ihnen etwas wegnimmt. Sie schlafen, wachen auf und lachen, wenn man sie kitzelt. Solms plädiert dafür, Bewusstsein nicht als „an oder aus“ zu betrachten.

Quantenphysik und das Bewusstsein

Die Bewusstseinsforschung macht Fortschritte, wobei die Quantenphysik eine wichtige Rolle spielt. Der Psychiater Fredric Schiffer zitiert Roger Penrose, der davon ausgeht, dass bewusste Erlebnisse real sind und durch physikalische Gesetze erklärt werden können, allerdings durch die Gesetze einer neuen Physik. Penrose vermutet, dass der Übergang von Quantenzuständen in klassische Zustände mit der Emission von proto-bewussten Ereignissen, sogenannten „Bings des Bewusstseins“, zusammenhängen könnte.

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Schiffer schlägt vor, dass es unentdeckte Quantenfelder geben könnte, die Subjektivität induzieren, wenn sie mit bestimmten Gehirninformationen interagieren. Informationen, die Bedeutung transportieren, üben demnach Kraft durch das Verständnis aus, das sie vermitteln. Es besteht ein kontinuierliches Zusammenspiel zwischen Erfahrung und Gehirninformationen.

Michael C. Wiest argumentiert, dass ein Quanten-Mikrotubuli-Substrat des Bewusstseins experimentell unterstützt wird und die Bindungs- und Epiphänomenalismus-Probleme löst. Er verweist auf experimentelle Beweise dafür, dass funktionell relevante Quanteneffekte in Mikrotubuli bei Raumtemperatur auftreten, sowie auf direkte physikalische Beweise für einen makroskopischen Quantenverschränkungszustand im lebenden menschlichen Gehirn, der mit dem Bewusstseinszustand und der Arbeitsgedächtnisleistung korreliert.

Zwei Dimensionen des Bewusstseins: Zustand und Inhalt

Das Bewusstsein kann entlang zweier Hauptdimensionen konzeptualisiert werden:

  • Der Zustand oder die Ebene des Bewusstseins: Bezieht sich auf Erregung oder Wachheit.
  • Der Inhalt des Bewusstseins: Umfasst die qualitativen Aspekte der subjektiven Erfahrung.

Metaphysischer Idealismus und Conscious Realism

Die philosophische Position des metaphysischen Idealismus betrachtet das Bewusstsein als das Primat der Ontologie. Die Physik wäre demnach die Wissenschaft von den Mustern und Regularien subjektiver Erfahrungen. Eine andere Perspektive bietet der Conscious Realism von Donald D. Hoffman, der mathematisch belegt, dass wir nicht die Wahrheit sehen, also wie die Dinge wirklich sind.

Kritik am Materialismus und die Rolle der Emergenz

Einige Kritiker des Materialismus argumentieren, dass Bewusstsein sich nicht aus unbewussten Zutaten ableiten lässt. Sie sehen die von Materialisten postulierte „starke Emergenz“ als ein Wunder anstelle einer sparsameren Erklärung, die mit dem Primat des Bewusstseins beginnt.

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Die Bedeutung der proximalen und multisensorischen Wahrnehmung

Andy Clark schlägt vor, dass die Aufgabe des Gehirns darin besteht, vorherzusagen, welche Information als nächstes kommt, basierend auf den zuvor wahrgenommenen Informationen. Das Gehirn antizipiert aktiv die Welt durch die Linse vergangener Erfahrungen. Wahrnehmungen sind proximal und multisensorisch. Wir nehmen die Welt und was sich neben unserem Körper befindet, unentwegt über unsere Haut oder unseren Geruchssinn wahr.

Der Tastsinn, vermittelt über die Haut, ist der primitivste Weg, die Welt kennenzulernen und wahrzunehmen. Er vermittelt das grundlegendste Gefühl für Präsenz und Wirklichkeit. Taktiles Erleben besitzt die Dualität von „berührend/berührt“. Unsere primitivsten Wahrnehmungserlebnisse entstehen im Körper einer anderen Person, was bedeutet, dass unsere primitivsten Erfahrungen fundamental geteilte Erfahrungen sein mögen.

Markov-Decken und das minimale Selbst

Das Konzept der „Markov-Decke“ wird als vielversprechender Weg gesehen, die Idee einer Grenze zu gestalten, die Interaktionen zwischen einem System und seiner Umwelt vermittelt. Eine Markov-Decke ist eine statistische Grenze, die ein Paar von Zuständen trennt. Eine zweite grundlegende Implikation betrifft das Bewusstsein selbst und die Definition des Begriffs „minimales Selbst“.

Bewusstsein als Zusammenspiel verschiedener Gehirnzentren

„Bewusstsein“ besteht aus verschiedenen Erlebniszuständen, von allgemeiner Wachheit bis zum Selbstbewusstsein. Diese entstehen durch spezifische Interaktion unterschiedlicher Gehirnzentren. Nur solche Hirnprozesse sind bewusstseinsfähig, die in der assoziativen Großhirnrinde des Schläfen-, Scheitel- und Stirnlappens ablaufen. Die für Bewusstsein unabdingbare Aktivität subkortikaler Zentren wie Hippocampus, Amygdala und retikuläre Formation ist grundsätzlich unbewusst.

Bewusstsein tritt auf, wenn das Gehirn mit kognitiven oder motorischen Aufgaben konfrontiert ist, für die noch keine „zuständigen“ Nervennetze existieren. Dabei finden synaptische Reorganisationen in spezifischen Nervennetzen statt.

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Descartes und die Unbezweifelbarkeit des Bewusstseins

Sobald wir über etwas nachdenken, tun wir dies bewusst - Bewusstsein lässt sich also nicht anzweifeln oder wegdiskutieren. Diese Erkenntnis fasste Descartes in dem berühmten Satz: „Ich denke, also bin ich.“

Bewusstsein, Aufmerksamkeit und der „stream of consciousness“

Bewusstsein ist das, was Wachsein etwa vom Koma unterscheidet. Es ist aber immer auch Bewusstsein von etwas, bezieht sich also auf einen Gegenstand. Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind nicht dasselbe und auch nicht automatisch deckungsgleich. William James charakterisierte das Bewusstsein als etwas Kontinuierliches, das sich nicht aus Einzelteilen zusammensetze: „Es fließt.“ Er prägte den Ausdruck „stream of consciousness“ als Metapher für all die wechselvollen Gedanken, Wahrnehmungen, Emotionen und Gefühle, die uns beschäftigen.

Das Leib-Seele-Problem und die Neurowissenschaft

Für die Philosophie kristallisiert sich im Bewusstsein das alte „Leib-Seele-Problem“: Wie hängen geistige und materielle Welt zusammen? Die Neurowissenschaft wagt sich zunehmend an das Thema heran. Inwieweit das Bewusstsein sich allerdings jemals auf rein biologischer und damit letztlich physikalischer Ebene erklären lässt, bleibt umstritten.

Verschiedene Perspektiven und Definitionen von Bewusstsein

Es gibt keine anerkannte wissenschaftliche Definition von Bewusstsein. Der Neurophilosoph Thomas Metzinger entfaltet fünf verschiedene Wortbedeutungen im Eintrag „Bewusstsein“ in der „Enzyklopädie Philosophie“. Ned Block unterscheidet zwischen dem Bewusstsein als phänomenalem Erleben und „bewusst“ im Sinne von „für unser Denken und unsere Verhaltenskontrolle verfügbar“.

Die „Global Workspace Theory“ zufolge ist das Bewusstsein so etwas wie eine Bühne im Scheinwerferlicht: Nur was sich auf der Bühne abspielt, ist für die im Dunkeln sitzenden Zuschauer - die vielen unbewussten Prozesse im Gehirn - zu sehen und zu hören und steht ihnen somit als Information für ihre Zwecke zur Verfügung.

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