Einführung
Die Vorstellung, dass Körper und Geist getrennte Einheiten sind, hat lange Zeit unser Verständnis von uns selbst geprägt. Doch die moderne Forschung, insbesondere in der Psychologie und den Neurowissenschaften, rückt zunehmend die enge Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche in den Fokus. Dieser Ansatz, bekannt als Embodiment, betont, dass unser Körper nicht nur ein Ausdruck unserer inneren Zustände ist, sondern auch aktiv unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Embodiment, wie es funktioniert und wie wir es nutzen können, um unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Die Entdeckung des Embodiment: Eine Abkehr vom Dualismus
Das Bild des Menschen als rein vernunftgesteuertes Wesen wurde zu großen Teilen von Platon und Aristoteles geprägt. In der abendländischen Philosophie waren es dann die Ideen von Rene Descartes - „Cogito ergo sum“ („ich denke, also bin ich“), die zu der Vorstellung geführt haben, dass Kopf und Körper etwas voneinander Getrenntes sind. Diese dualistische Sichtweise hat jedoch in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Nun wird in der Psychologie und in der Neurowissenschaft zunehmend der Begriff Embodiment verwendet, um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche zu betonen. Das Wissen darum, dass „der Körper der Spiegel unserer Seel ist“, ist hinlänglich bekannt. Mittlerweile belegt die Forschung aber auch, dass es sich hier nicht um eine Einbahnstraße handelt: Es drücken sich nicht nur psychischen Zustände im Körper aus, sondern es zeigen sich auch Wirkungen in umgekehrter Richtung: Körperzustände beeinflussen psychische Zustände. Beispielsweise haben Körperhaltungen, die wir aus irgendeinem Grund einnehmen, direkte Auswirkungen auf unser Denken und unsere Gefühle.
Wie der Körper unser Denken beeinflusst: Beispiele aus der Forschung
Die Embodiment Spezialistin Maja Storch wertete zahlreiche Versuchsanordnungen aus und berichtet von einem Testversuch, bei der zwei Testgruppen Comics betrachten. Eine der Gruppen musste dabei einen Stift zwischen die Zähne klemmen, was zur Folge hatte, dass diese Gruppe die gezeigten Comics als weitaus witziger empfand, als die Gruppe ohne Stift. Dieser Unterschied in der Reaktion kann dadurch erklärt werden, dass durch den Stift zwischen den Zähnen Lachmuskeln stimuliert werden, die die Wahrnehmung beeinflussen - wofür auch der Begriff „Facial Feedback“ steht.
Körper vs. Leib: Eine wichtige Unterscheidung
Wenn wir von Embodiment sprechen, unterscheiden wir zwischen Körper und Leib. Es geht hier nicht mehr nur um die Wahrnehmung unseres Körpers, sondern um den erlebten und gelebten Leib. Embodiment steht gewissermaßen für unsere gesamte Biografie, steht für die Enzyklopädie unseres ganz persönlichen Lebens. Thomas Stölzel beschrieb den Körper als relativen Ort: ein Corpus, der sichtbar, tastbar, riechbar ist; und den Leib als absoluten Ort. Er stellte heraus, wie schon der Wortstamm auf eine andere Qualität hinweist: Leib kommt von Liev. Leben, Lebenskunst. Leiblich anwesend sein. Mit Leib und Seele. Auf den Leib geschnitten. Stölzel spricht von einem „leiblichen Alphabet“, das sich als individuelle „Spürorte“ in unserem ganz individuellen Leib durch unsere Lebensgeschichte einschreibe und dass es darum gehe, diese „ureigenen Impulse“ wiederzuentdecken. Denn diese seien es, die uns in unseren „Entscheidungsempfindungen“ als unschätzbare Korrekturfunktion unterstützten.
Embodiment und Führung: Authentizität und Souveränität
Spinnen wir diese Gedanken weiter, wird klar, dass uns das auf sehr interessantes Terrain führt. Es geht hier sehr direkt um das Thema (Selbst)Führung und im weiteren Sinne auch um Autonomie. Und es wird auch deutlich, dass mit Embodiment explizit nicht jene typischen Körpersprache-Techniken gemeint sind, die bei Workshops zum Thema Präsenz und Durchsetzungsvermögen antrainiert werden. Besonders in kritischen Situationen versagen die antrainierten Instruktionen, weil sie sich an den Verstand richten. Der bricht unter Belastung zusammen. Diese Art der Führung umfasst nach Palmer 3 Kernkompetenzen. 1) Inklusivität: Sie betritt einen Raum, alle im Raum nehmen sie wahr. Diese drei Fähigkeiten ermöglichen es uns, als Führungskraft auch in unangenehmen Situationen und unter Druck angemessen und souverän zu reagieren. Der Schlüssel dafür, ist unser Körper bzw. genauer gesagt, das Embodiment. Palmer stellt sehr eindrucksvoll dar, dass wir uns nicht aus stressigen Situationen herausdenken können! Wissen ist nicht genug. Unabhängig davon, was wir wissen, wechseln wir - wenn unser System überlastet wird - zu unserem Überlebensmuster. In Stresssituationen gewinnt meistens der Körper, der mit Automatismen reagiert. Bekannte Gefahrendenkstile sind dabei Fight - Flight - Freeze. Weil wir auf Nummer sicher gehen wollen, fahren wir unser Risikoverhalten auf ein Minimum herunter. Der umgekehrte Denkstil ist die Weitwinkel Perspektive. Sie befasst sich eher mit der Gesamtgestalt und der Mustererkennung. Hier kann auch mal ein Wagnis eingegangen werde. Visionen, Innovationen, kreative Problemlösungen sind hier möglich.
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Die Rolle des Gehirns: Stammhirn, limbisches System und Großhirnrinde
Die Hirnforschung lehrt uns, wie wir Reize - und damit auch Stress - verarbeiten. Der Mensch besitzt drei Zonen im Gehirn. Der älteste Teil unseres Hirnes ist das sogenannte Stammhirn, auch Reptilienhirn genannt. Es steuert die Automatismen (siehe oben Fight, Flight, Freeze). Ausgerechnet dieser Bereich ist sowohl für des strategische und abstrakte Denken als auch für unsere sozialen Fähigkeiten zuständig. Von hier aus wird unser souveränes Verhalten gesteuert. Daher gilt es, idealerweise diesen Bereich zu stärken. Es ist hierfür hilfreich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Stress in unserem Körper auftritt, bevor er in unser Bewusstsein gelangt. Das Stresshormon Cortisol beeinträchtigt die Gedächtnisleistung, indem es unseren Aufmerksamkeitsfokus wie oben beschrieben einengt. Ist es erst einmal im Körper aufgebaut, muss es über einen langen Zeitraum wieder abgebaut werden. Es geht also darum, dafür zu sorgen, dass es erst gar nicht ausgeschüttet wird. In einigen Situationen sind allerdings unsere Automatismen entscheidend für unser Überleben. Nur so haben wir als Spezies Mensch in der Vergangenheit überlebt. Deshalb geht es auch nicht darum, diese Muster komplett auszuschalten. Vielmehr geht es darum, sie zu erkennen und schnell zu beurteilen, ob sie uns dienen oder nicht. Das ist der springende Punkt: Wir können den physischen Ausdruck und die Form unseres Musters in unserer Haltung beobachten, wie wir sitzen und stehen. Stehen wir unter Druck, ziehen sich normalerweise unsere Muskeln zusammen. Mit etwas Übung (nachzulesen bei Wendy Palmer) können wir unsere Fähigkeit, integrativ und inspirierend zu sein, wiederherstellen, in dem wir die Kontraktion öffnen und unseren persönlichen Raum erweitern. Ein Schlüssel zu einem zentrierten Zustand ist eine erhabene und würdevolle Haltung. Das Aufsitzen und das Öffnen wirken sich positiv auf die Chemie unseres Gehirns aus. Richten wir unseren Körper auf sowie Kopf, Herz und Bauch vertikal übereinander aus, können wir besser mit internen und externen Reizen umgehen. Wenn uns das gelingt, haben wir die Möglichkeit, weit über unseren persönlichen Raum hinaus zu wirken, was die Neurowissenschaftler als außerpersönlichen Raum bezeichnen.
Praktische Anwendung: Wie wir Embodiment im Alltag nutzen können
Das lehrt uns, dass die Beschäftigung mit dem Körper kein Luxus ist. Dass unser Körper einen großen Einfluss auf unsere geistige Leistungs- und Entscheidungsfähigkeit hat. Um Embodiment im Alltag zu nutzen, können wir verschiedene Ansätze verfolgen:
- Körperhaltung bewusst wahrnehmen und verändern: Achten Sie auf Ihre Körperhaltung im Alltag. Nehmen Sie eine aufrechte und würdevolle Haltung ein, um Ihre Stimmung und Ihr Selbstbewusstsein zu verbessern.
- Bewegung in den Alltag integrieren: Vielfältige Anforderungen. Also Leute, die gerade nur vor dem Bildschirm sitzen und kaum das Haus verlassen - bei denen sind die Augen sehr gut trainiert und damit auch die entsprechenden Hirnareale sehr gut trainiert für das Gucken auf Objekte in 30 cm Entfernung. Was die Augen aber verlernen oder viel schlechter trainieren ist, sich hin und her zu bewegen, nach oben und unten zu gucken, in die Weite zu fokussieren. Gerade in der Nähe dieser Nervenzentren, z.B. der Augen, gibt es aber eben auch Bereiche, die Bewegung steuern. Und wenn ein Teil der Augenleistungen sozusagen ein bisschen verkümmert, dann fehlt auch den Arealen, die daneben arbeiten, [einbindende] Aktivität neben sich.
- Achtsamkeit praktizieren: Achtsame Beziehung zu sich selbst: Um gut mit anderen zu kommunizieren, hilft eine klare Position zu haben. Die Beziehung zu sich selbst ist die Basis dafür. Was denke ich? Was fühle ich? Wie geht es meinem Körper?
- Körperliche Erfahrungen suchen: Neue Erfahrungen führen also zu neuen (anderen) Haltungen. Es muss nicht immer gleich eine Weltreise sein. Auf nur einem Bein hüpfen oder mit der schwächeren Hand die Zähne putzen kann schon kurzfristig helfen. So kommst du aus der Gedankenspirale raus. Deinen Gedanken sind in dieser Welt nichts ohne deinen Körper. Er ist die Basis für deinen gesamten individuellen Selbstausdruck. Wie stehst du gerade? Wie aufrecht bist du? Nimm das wahr.
Das Belohnungssystem: Verlangen, Befriedigung und Motivation
Das beglückende Gefühl eines Stücks Kuchen im Mund, die unsagbare Erleichterung, nach dem Sport ein Glas Wasser zu trinken: Sehnsucht, Verlangen und Befriedigung motivieren zum Handeln. Das Gehirn giert nach Belohnung, wie amerikanische Wissenschaftler bereits 1954 entdeckten. Verantwortlich dafür ist das mesocortikolimbische Belohnungssystem, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen. Das Belohnungssystem funktioniert wie ein Schaltkreis: In der Großhirnrinde entsteht ein Verlangen. Gibt man ihm nach, gehen Signale unter anderem an das limbische System und den Hippocampus und zuletzt an die Großhirnrinde - als Rückmeldung, dass der Befehl ausgeführt wurde. Wichtigster Mitspieler im System ist das Dopamin. Es generiert Verlangen und Belohnungserwartung und ist damit ein wichtiger Motivator. Das Belohnungssystem im Gehirn wandelt sich im Laufe des Lebens. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der Pubertät und im Alter. Eine Studie von Jessica R. Cohen von der University of California in Los Angeles etwa zeigte, dass junge Menschen in der Pubertät besonders viel Dopamin in ihrem Striatum ausschütten, wenn sie riskante Handlungen erfolgreich abschließen. Dies motiviert sie dazu, ähnliche Situationen erneut zu suchen - und erklärt das mitunter merkwürdige risikobetonte Verhalten von Teenagern. Ursache der hohen Dopamin-Ausschüttung im Gehirn der Jugendlichen ist nach Ansicht der Forscher der massive Umbau des Gehirns in der Pubertät. Er setzt manche Kontrollmechanismen für einige Zeit außer Kraft, während andere noch nicht vollständig aufgebaut sind. Auch im Alter wandelt sich die Reaktion des Gehirns auf Dopamin. Das zeigen Studien von Jean-Claude Dreher vom französischen Institute des Sciences Cognitives in Bron und Karen Berman vom amerikanischen National Institute of Mental Health in Bethesda. Die Forscher ließen Probanden im Alter von 25 und 65 Jahren zu einem Spiel antreten, bei dem man finanzielle Belohnungen gewinnen konnte, und untersuchten dabei deren Gehirnaktivität per Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Dabei zeigte sich, dass zwar in beiden Altersgruppen je nach Belohnung etwa gleich viel Dopamin ausgeschüttet wurde. Das Gehirn der älteren Teilnehmer reagierte darauf aber weniger intensiv als das der jüngeren. Vor allem der präfrontale Cortex antwortete auf das Dopamin in sehr unterschiedlicher Weise. Bei den jüngeren Probanden nahm die Aktivität in diesem Bereich mit steigender Dopamin-Ausschüttung zu. Bei den älteren beobachteten die Forscher den gegenteiligen Effekt: Je höher der Dopaminspiegel, desto weniger aktiv war der präfrontale Cortex.
Neurozentriertes Training: Die Zusammenarbeit von Muskeln und Hirn
Wenn wir eine bestimmte Bewegung machen wollen, sei es jetzt im Alltag in einer sportlichen Bewegung, dass der Körper erst mal ein paar Informationen braucht, damit er die richtige Bewegung anschließend planen und ausführen kann. Und dazu gibt es verschiedene Strukturen im Körper, die zuerst sicherstellen, dass wir Informationen über unsere Lage im Raum, über die Position der Gelenke, über die Position des Kopfes usw. bekommen. Diese Information geht zum Gehirn und da wird dann nach diesen ganzen Informationen ein Bewegungsplan gemacht. Im neurozentrierten Training ist dieser Aspekt eben in den letzten Jahren modern geworden, bzw. überhaupt erst zur Sprache gekommen.
Embodiment und Authentizität: Im Einklang mit sich selbst
Als Embodiment, auch Verkörperung genannt, wird das Wechselspiel zwischen Körper und Psyche bezeichnet. Denken und Fühlen drücken sich im Körper aus. Der Körper wiederum trägt zum Denken und mentalem Befinden bei. Embodiment ist zudem die Basis für den eigenen Ausdruck mit Sprechen und Stimme. Was wir in diesem Leben erfahren, prägt uns. Es prägt unsere Haltung. Und zwar die innere (Denken/ Fühlen) als auch die äußere (Körper). Da das aber ein Kreislauf ist, kann ich von verschiedenen Seiten darauf Einfluss nehmen. Wahrhafte Authentizität verlangt jedoch, dass du situationsadäquant reagieren kannst - so meine Erfahrung. Wir sind nicht immer gleich. Authentizität heißt auf Situationen neu zu reagieren. Authentisch sein meint: dir deines Inneren selbst bewusst sein + dem Ausdruck zu verleihen. Mit Körper. Mit Stimme. Es braucht dazu das optimale Zusammenspiel aus deiner inneren Haltung und den äußeren Werkzeugen des Selbstausdrucks. An beiden kann man „arbeiten“ bzw. Außen eine Technik aufsetzen und innerlich aber nicht so weit sein, wirkt lächerlich. Deswegen brauch es für wahre Authentizität die Kombination aus innen und außen. Embodiment meint das Zusammenspiel aus innerer und äußerer Haltung. Als sprechender Unternehmer ist dies unsere tägliche Basis für unsere Wirkung auf Andere. Wenn beides Hand in Hand geht, wirken wir echt und wahrhaftig auf Andere. Also zeig dich - und sprich!
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Die Grenzen des Gehirns: Eine ganzheitliche Sichtweise
Das menschliche Verhalten allein durch die Gehirnfunktion zu erklären, entspringt einer Art mystischer Sichtweise des Gehirns. Das Gehirn gewinnt über die Sinneseindrücke eine Einschätzung von der Lage des Körpers im Raum und dessen Zustand - darauf basieren sozusagen die Berechnungen für Bewegungsabläufe. Wenn wir unsere Probleme lösen wollen, sollten wir sie nicht auf Probleme des Gehirns reduzieren. Wir müssen eine offene Sichtweise bewahren, die anerkennt, wie das Gehirn sowohl mit dem Körper als auch mit der Umwelt verbunden ist. Und wir müssen nach Lösungen suchen, wo immer sie auch liegen.
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