Das Gehirn denkt in Geschichten: Wissenschaftliche Erkenntnisse

Menschen haben eine natürliche Vorliebe für Geschichten. Der Wissenschaftspublizist Jonathan Gottschall nannte unsere Spezies treffend "das geschichtenerzählende Tier". Die Psychologin Elaine Reese, die in Neuseeland lehrt, stimmt ihm zu: "Menschen aller Kulturen, die je untersucht wurden, sind Geschichtenerzähler." Wir erzählen von unseren Erlebnissen und lieben fiktive Geschichten in Romanen, Filmen und Theaterstücken. Doch warum interessieren uns die ausgedachten Abenteuer erfundener Figuren so sehr? Eine mögliche Antwort ist, dass sie unseren Geist in vielfältiger Hinsicht fordern und fördern.

Geist auf Wanderschaft

Geschichten beflügeln unsere Vorstellungskraft. Die Neurowissenschaftlerin Ulrike Altmann und ihr Team beobachteten, dass im Gehirn das Default Network aktiv wurde, sobald ihre Testpersonen Geschichten lasen, im Gegensatz zu Sachtexten. Dieses Netzwerk übernimmt im Alltag die Kontrolle, wenn wir uns Erinnerungen und Tagträumen hingeben können. Beim Schwelgen in Geschichten ist diese Wanderschaft des Geistes jedoch kein zielloses Schlendern, sondern ein Eintauchen in den Kosmos der Erzählung, wobei die Außenwelt verblasst. Die narrative Psychologie bezeichnet dies als "Transportation" oder "Immersion". Der Kognitionsforscher Fritz Breithaupt schreibt: "Mit jeder Narration tauchen wir in eine vieldimensionale virtuelle Welt ein, ganz ohne Spezialbrille."

Offenbar fördert dies unsere Neugier und die Bereitschaft, Unbekanntes zu erkunden. Entgegen dem Klischee sind Vielleser keineswegs übermäßig introvertiert, sondern zeichnen sich durch eine Offenheit für Neues aus - die Bereitschaft, unseren Geist nach anderen Welten auszustrecken, so Elaine Reese.

Wissen (und Scheinwissen)

Nicht nur aus Sachbüchern und Dokumentationen kann man lernen. Romane und Filme spielen oft an einem fremden Ort oder in einer fernen Zeit. Dieser oft akribisch recherchierte Hintergrund fließt in die Handlung ein, und so wird einem beim Eintauchen in die Erzählung auch ein wenig Fortbildung zuteil. "Studien zeigen, dass wir aus Geschichten historische Fakten sehr effizient lernen", schreibt Reese.

Doch mit der Fiktion ist es so eine Sache, gerade bei historischem Stoff: Was man aus der Geschichtsforschung nicht genau weiß, füllt ein guter Roman mit plausibel Hinzuerfundenem. "Diese Überbrückungen können Probleme machen", erläutert Reese. Studien bestätigten den Verdacht, dass das Lesepublikum oft auch die erfundenen Details für wahr hielt. Schlimmer noch: "Unser Glaube an die Fantasiefakten wird mit der Zeit sogar noch stärker, denn wir vergessen, dass der ‚Fakt‘ aus einer Story stammte." Man muss deshalb aber nicht so weit gehen wie einst Plato, der alle Poeten des Landes verweisen wollte, da sie falsches Wissen verbreiteten.

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Mentale Gymnastik

Narratives mehrt nicht nur das Wissen, sondern schärft auch den Geist. Literatur, selbst Belletristik, enthält oft komplexe Satzstrukturen. Auch der Plot, dessen Versatzstücke man beim Lesen oft im Kopf zusammensetzen und in eine zeitliche und logische Ordnung bringen muss, fordert dem Verstand einiges ab. Zur "mentalen Gymnastik", wie Reese es nennt, gehört auch, dass wir fortlaufend darüber nachsinnen, was wohl als Nächstes passieren wird und was die Figuren tun werden - und wir rekapitulieren zu diesem Zweck ständig, was bisher geschah. Dieses mentale Zeitreisen, wiederum unter der Regie des Default Network, ist eine überaus komplexe Hirnleistung.

Beim Eintauchen in Erzählungen läuft noch ein weiteres, dem Zeitreisen verwandtes Geistesmodul auf Hochtouren, das "kontrafaktische Denken". In unserem Alltag und erst recht in Geschichten spielen wir oft in szenischen Bildern alternative Versionen des Erlebten durch. "Wir malen uns aus, wie es anders hätte laufen können", so Fritz Breithaupt. Im narrativen Kopfkino trainieren wir das, was er als "mobiles Bewusstsein" bezeichnet.

In fremden Köpfen

Die eindrucksvollste Form mentaler Gymnastik in narrativen Vorstellungswelten ist, dass wir uns in die Figuren der Geschichte hineinversetzen, also in unserem eigenen Kopf eine fremde Gedanken- und Gefühlswelt simulieren. Wir trainieren dabei unsere "Theory of Mind", also unsere Fähigkeit, die Welt aus der Warte anderer Menschen zu betrachten.

Raymond Mar und Keith Oatley überschrieben im Jahr 2006 eine Studie mit Erstsemestern mit "Bücherwürmer versus Nerds". Mit speziellen Tests ermittelten sie erstens, wie literarisch bewandert die Teilnehmenden jeweils waren, und zweitens, wie gut es um ihre Theory of Mind bestellt war. Ergebnis: Wer Literatur mochte, war generell besser darin, sich in die Gedankenwelt anderer zu versetzen und zu erahnen, was diese beschäftigte und bewegte. Das wurde 2013 sogar experimentell bestätigt: Eine Gruppe von Testpersonen las eine literarische Passage, eine zweite eher Abenteuerliches, die dritte einen Sachtext. Tatsächlich: Wer Literatur gelesen hatte, schnitt anschließend im Theory-of-Mind-Test etwas besser ab.

Narrativ vereint

"Eine meiner ersten Lebenserinnerungen", schreibt Elaine Reese, "ist, wie ich mich bei meiner Mutter ankuschelte, als sie mir ein Bilderbuch vorlas - ich weiß nicht mehr welches. Der beruhigende Klang ihrer Stimme, ihr nackter an meine Wange geschmiegter Arm, der Duft nach Kaffee in ihrem Atem vereinen sich zu jener puren Behaglichkeit, die wohl mit dem dänischen Wort Hygge gemeint ist."

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"Eine der wunderbaren Eigenschaften von Narrationen ist, dass wir sie vom einen zum anderen weitergeben können", meint auch Fritz Breithaupt. Wir lieben es, uns gegenseitig von den Romanen, die wir gelesen, den Filmen, die wir - oft gemeinsam - gesehen haben, zu erzählen und unsere Gedanken und Empfindungen zu teilen. Die Person, die erzählt oder vorliest, und diejenige, die zuhört, scheinen dabei auf eine innige Weise miteinander verschränkt zu sein, so dass die beiden "im Narrationsfluss an den gleichen Stellen jeweils ähnliche Erfahrungen machen und ähnliche Emotionen durchlaufen", berichtet Breithaupt. Weitergetragene Erzählungen seien "Miterfahrungsangebote".

Geschichten fördern also nicht nur die Empathie mit den fiktiven Charakteren, sondern auch die Verbundenheit mit denjenigen Menschen aus Fleisch und Blut, mit denen wir unsere Geschichten teilen.

Geschichten als Kompass in der Klimakrise

Für das menschliche Gehirn ist das Geschichtenverstehen und -weitererzählen wie ein Kompass: Es orientiert sich mithilfe von narrativen Strukturen in einer unübersichtlichen Welt. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Wie wahrscheinlich ist es bei so einem komplexen Thema wie der Klimakrise, dass das Gehirn Fakten mit Befürchtungen, Vermutungen und unsicheren Prognosen vermischt, ohne es zu merken?

Die Wissenschaft über Geschichten will vor allem herausfinden: Welche Struktur macht Geschichten so erfolgreich, wenn es ums Lernen und sozialen Austausch geht? Und sie fragt, welche neuronalen und psychologischen Muster sich mit dieser Struktur in Verbindung bringen lassen? Kann uns diese Wissenschaft helfen, die Geschichten zu beurteilen, die wir uns selbst über die Klimakrise erzählen? Wie skeptisch sollten und dürfen wir sein, wenn die Geschichte vom drohenden Untergang der Zivilisation kursiert oder von der Technologie, die uns am Ende retten wird?

Kreativität und das Default Mode Network

Obwohl bereits große Teile des Gehirns erforscht sind, liegen die Funktionsweisen unzähliger Vorgänge noch im Dunkeln - vor allem jene, die keiner konkreten Region im Gehirn zugeschrieben werden können. Eine aktuelle Studie hat sich dennoch mit der Frage beschäftigt, wie Kreativität im Hirn entsteht und wie sie gefördert werden kann. In der Studie rückt das sogenannte Default Mode Network (DMN) in den Mittelpunkt der Forschung. Das DMN ist ein Netzwerk, das im Gehirn für Gedankenabläufe zuständig ist, die unabhängig von konkreten Handlungen oder Aufgaben im Ruhezustand stattfinden. „Im Gegensatz zu den meisten Funktionen, die wir im Gehirn haben, ist das DMN nicht zielgerichtet“, sagt Ben Shofty, Neurochirurg und Hauptautor der Studie. Das DMN ist bei der Meditation, beim Tagträumen und anderen nach innen gerichteten Denkweisen aktiv und im Gehirn über mehrere Regionen hinweg verteilt.

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Um die Aktivität des DMN zu messen, müssen deshalb fortschrittliche bildgebende Methoden genutzt werden. Beim Brainstorming für Ideen leuchtete das DM-Netzwerk auf, bevor sich die Hirnaktivität mit anderen Regionen synchronisierte, die normalerweise beim Lösen komplexer Probleme oder beim Treffen von Entscheidungen aktiv werden. Ein zweiter Versuch, bei dem die Forschenden mithilfe von Elektroden die Aktivität bestimmter Regionen des DMN ausschalteten, bestätigte ihre Hypothese. Künftig will Shofty Wege finden, Menschen zu helfen, denen kreatives Denken schwerfällt. Erste Ansätze zum Verbessern der Kreativität gibt es bereits. Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat beispielsweise die Verbindung zwischen Achtsamkeitsübungen und Kreativität untersucht. Zu diesen Aktivitäten gehört auch die Meditation. „Bewusstes Umherschweifen der Gedanken kann zu neuen Ideen oder neuen Verbindungen anregen“, heißt es in der Studie.

Die Macht der Vorstellungskraft

Eine neue Studie der Universität von Colorado Boulder (CU Boulder) und des MPI CBS zeigt, dass allein die Vorstellung einer positiven Begegnung mit jemandem dazu führen kann, dass man diese Person mehr mag. Sie verändert auch, wie Informationen über diese Person im Gehirn gespeichert werden. Die Studie liefert einige der bislang überzeugendsten Belege dafür, dass lebhafte Vorstellungen konkrete Auswirkungen auf das Nervensystem und das Verhalten haben können. Die Ergebnisse könnten potentiell neue Wege zur Behandlung psychischer Probleme, zur Verbesserung von Beziehungen und sogar zur Steigerung der sportlichen und musikalischen Leistungsfähigkeit aufzeigen.

„Wir zeigen, dass wir aus imaginären Erfahrungen lernen können, und dass dies im Gehirn auf sehr ähnliche Weise funktioniert wie das Lernen aus tatsächlichen Erfahrungen“, sagt der leitende Autor Roland Benoit. Die Forscher rekrutierten 50 Personen für eine Studie mit bildgebenden Verfahren. Im Mittelpunkt der Experimente stand der „Belohnungsvorhersagefehler“, ein Phänomen, das entscheidend dazu beiträgt, dass Menschen Präferenzen entwickeln, Gewohnheiten bilden und lernen.

Im funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT) wurden den Teilnehmern die Namen derjenigen Personen gezeigt, die sie als neutral eingestuft hatten. Sie wurden angewiesen, sich 8 Sekunden lang entweder eine positive Erfahrung mit dieser Person (z. B. ein Eis mit ihr an einem heißen Tag) oder eine negative Erfahrung (z. B. dass sie sich ihr Fahrrad ausgeliehen und es kaputt zurückgebracht haben) lebhaft vorzustellen. Die Teilnehmer entwickelten eine Vorliebe für die Personen, mit denen sie mehr positive imaginäre Erlebnisse hatten, und gaben in einem anschließenden Test an, dass sie diese Personen mehr mochten.

Bemerkenswert ist, dass sich die Art und Weise, wie sie zu dieser Präferenz gelangten, deutlich in ihren Gehirnscans zeigte: Das ventrale Striatum (die Hauptregion des Gehirns, die für die Vorhersage von Belohnungsfehlern zuständig ist) leuchtete während der Vorstellung stärker auf, wenn die Teilnehmer eine unerwartet positive Erfahrung machten und somit einen stärkeren Vorhersagefehler erlebten. Diese Region arbeitete mit dem dorsomedialen präfrontalen Kortex zusammen, der an der Speicherung von Erinnerungen an einzelne Personen beteiligt ist.

Die Forschungsergebnisse sind für zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten bedeutsam, beispielsweise im Bereich der Psychotherapie. Anstatt sich realen Ängsten auszusetzen - wie es bei der gängigen Phobiebehandlung, der Expositionstherapie, praktiziert wird - können Betroffene diese einfach vorstellen und ähnliche Ergebnisse erzielen. Die aktuelle Forschung liefert wichtige Erkenntnisse über die zugrunde liegenden Mechanismen. Um Spannungen am Arbeitsplatz abzubauen, könnte man sich eine positive Zeit mit einem Kollegen vorstellen, zu dem man kein so gutes Verhältnis hat. Dies könnte der Beziehung zu einem Neustart verhelfen. Die Vorstellungskraft hat jedoch auch ihre Schattenseiten. Menschen mit Angstzuständen und Depressionen neigen dazu, sich negative Dinge lebhaft vorzustellen, was die Probleme verschlimmern kann.

Geschichten und KI: Parallelen in der Verarbeitung

In einer aktuellen Studie haben Forscher spannende Parallelen zwischen der Art und Weise gefunden, wie menschliche Gehirne und künstliche Sprachmodelle Geschichten verarbeiten. Die Ergebnisse zeigen, dass beide Systeme beim Verstehen von Erzählungen ähnliche hierarchische Muster verwenden. Was diese Entdeckung besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass sie die bisherige Kritik an Künstlicher Intelligenz als „statistische Papageien“ in Frage stellt. Bisher wurde oft argumentiert, dass KI lediglich Wahrscheinlichkeiten für das nächste Wort berechnet. Diese Erkenntnisse könnten nicht nur die Entwicklung effizienterer KI-Modelle vorantreiben, sondern auch neue Forschungsansätze in der Neurowissenschaft eröffnen.

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