Angst und Furcht sind grundlegende Emotionen, die eine entscheidende Rolle für das Überleben spielen. Sie dienen als Warnsystem, das uns vor potenziellen Bedrohungen schützt, und treiben uns dazu an, Gefahren zu vermeiden oder ihnen zu entkommen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen im Gehirn, die diesen Emotionen zugrunde liegen, und untersucht, wie sie entstehen, verarbeitet und reguliert werden.
Angst und Furcht: Eine Definition
Oft wird zwischen Angst und Furcht unterschieden. Angst wird als ein allgemeines, ungerichtetes Gefühl beschrieben, während Furcht sich auf eine spezifische Bedrohung bezieht. Angst kommt "von innen", die Furcht "von der Außenwelt". Im wissenschaftlichen und allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Unterscheidung jedoch nicht immer konsequent durchgehalten. Daher wird sie im Folgenden nicht eigens berücksichtigt.
Körperliche Symptome der Angst
Die körperlichen Symptome der Angst sind vielfältig und können von Person zu Person variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Herzklopfen
- Anstieg des Blutdrucks
- Schnelle Atmung bis hin zur Atemnot
- Trockener Mund
- Veränderte Mimik
- Blässe oder Erröten
- Schwitzen
- Zittern
- Schwäche
- Schwindelgefühl
- Durchfall
- Harndrang
- Übelkeit
- Wahrnehmungsstörungen oder Ohnmacht
Diese Reaktionen werden durch das sympathische Nervensystem vermittelt, das den Körper in einen Zustand der Alarmbereitschaft versetzt.
Angst als Verhaltensmuster
Angst äußert sich im Verhalten durch Vermeidungs- und Fluchtverhalten oder Abwehr. Sie steht im Gegensatz zur explorativen Neugier, die mit positiv empfundener Erregung einhergeht. Die Begegnung mit Unbekanntem kann sowohl angstvolles Weglaufen als auch neugierige Hinwendung hervorrufen. Angst unterdrückt oft die Freude an Erkundung, Spiel, Nachahmung und Kreativität. Ein gewisses Spiel mit der Angst in einem kontrollierten Rahmen wird jedoch von vielen Menschen als lustvoll erfahren.
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Subjektives Erleben von Angst
Im subjektiven Erleben reicht Angst von der Furcht vor konkreten Bedrohungen (extrem als Todesangst) über die Verlassensangst (insbesondere bei Säuglingen und kleinen Kindern) bis hin zur Lebens-, Existenz- und Weltangst. Sie kann die Persönlichkeit stark verändern sowie Motivation, Bereitschaft und Handlungssteuerung schwer beeinträchtigen.
Psychologische Perspektiven auf Angst
Verschiedene psychologische Schulen haben unterschiedliche Perspektiven auf Angst entwickelt:
- William James: Verstand Angst als Ergebnis visceraler Empfindungen wie Herzklopfen oder Engegefühl in der Brust.
- Sigmund Freud: Erörterte Angst vielschichtig und brachte sie mit dem "Trauma der Geburt" in Verbindung. Er unterschied zwischen Realangst, Gewissensangst und neurotischer Angst.
- Alfred Adler: Erkannte eine Vielfalt sozialer Ängste und ihre Beziehung zum Minderwertigkeitsgefühl. Er sah die Unterdrückung des Aggressionstriebs als Quelle der Angst.
Angst in der Persönlichkeitspsychologie
In der Persönlichkeitspsychologie wird zwischen einer allgemeinen Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal und Angst als kurzfristig bestehender Zustand unterschieden. Kleine Kinder, die besonders schreckhaft und schüchtern sind, werden später eher emotional labil und von Ängsten geplagt sein. Sie sind aufgrund einer chronischen Überproduktion von Stresshormonen auch anfälliger für körperliche Erkrankungen.
Lernpsychologische Aspekte der Angst
In der Lernpsychologie wird Angst als subjektive, physiologische und motorische Reaktion auf einen aversiven Reiz aufgefasst. Sie kann sowohl durch klassisches als auch durch operantes Konditionieren gelernt werden.
- Klassische Konditionierung: Ein neutraler Reiz wird mit einem aversiven Reiz assoziiert, sodass der neutrale Reiz allein Furchtreaktionen auslöst.
- Operante Konditionierung: Bestimmte Verhaltensweisen, Sinneseindrücke oder Körperempfindungen werden mit einem furchterregenden Erlebnis assoziiert.
Angststörungen
Angststörungen werden heute vorwiegend als neuronale "Fehlprogrammierungen" betrachtet. Eine Vielzahl von Reizen der Umgebung, aber auch eigene Verhaltensweisen, werden als bedrohlich empfunden und deshalb vermieden oder unterdrückt. Autonome Körpersignale werden fehlinterpretiert und wirken als bedingte (innere) Stimuli, was Panik-Anfälle auslösen kann. Diese gelernten Assoziationen müssen nicht notwendig bewusst sein.
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Umgang mit Angst
Bei subjektivem Leidensdruck ist zunächst Ruhe und Distanzierung geboten, aber auch eine aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Zustand. Das Zugeben oder Leugnen von Angst spielt auch in der Stressverarbeitung eine diagnostisch wichtige Rolle. Ärztliche Therapien verfolgen unterschiedliche Strategien, deren Wirksamkeit umstritten ist.
- Psychoanalyse: Sieht das Ziel der Therapie in der Auflösung unbewusster Konflikte.
- Verhaltenstherapie: Strebt mittels Desensibilisierung, Angstüberflutung usw. eine Gegenkonditionierung an.
- Kognitive Therapie: Versucht, die Angstgefühle durch eine Veränderung der bewussten Einstellung zu ihnen zu kontrollieren.
Gehirnbereiche, die an der Entstehung von Angst beteiligt sind
Verschiedene Gehirnbereiche spielen bei der Entstehung von Angst und Furcht eine Rolle:
- Schläfenlappen: Teile der Schläfenlappen sind bei Panikstörungen ebenso wie bei nichtpathologischer Angst besonders stark durchblutet. Elektrische Stimulationen können dort Angst erzeugen.
- Präfrontaler Cortex: Hat neben kognitiven auch emotionale Funktionen. Läsionen reduzieren die Gefühle einschließlich der Angst. Er reift nach der Geburt noch aus und kann erst dann bei der Unterscheidung und Deutung von Sinneseindrücken mitwirken.
- Hypothalamus: Spielt bei der Entstehung von Angst ebenfalls eine wichtige Rolle und ist ein Zielort für Psychopharmaka. Er beeinflusst das sympathische Nervensystem.
- Amygdala: Ist der für die Angstentstehung und das Furchtgedächtnis bedeutendste Hirnbereich.
Die Rolle der Amygdala
Die Amygdala spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Angst und Furcht. Bildgebende Verfahren zeigen, dass die Amygdala bei Angstzuständen aktiv ist. Wird sie elektrisch stimuliert, erhöhen sich Herzschlag- und Atemfrequenz, Blutdruck usw., und Menschen berichten von Angstgefühlen. Läsionen der Amygdala führen zu Gefühlsarmut einschließlich einer deutlichen Abnahme von Angst.
Die Amygdala besteht aus mehreren eng miteinander verschalteten Kernen, wobei für die Furchtreaktion vor allem der zentrale und der laterale Kern sowie basale Kerne von Bedeutung sind. Der zentrale Kern empfängt Informationen vom Cortex, Hippocampus und Thalamus. Er leitet Signale an Hirnstrukturen weiter, die verschiedene emotionale Reaktionen steuern. Über die basolaterale Amygdala werden Veränderungen des Verhaltens gesteuert.
Angst-Konditionierung
Die Angst-Konditionierung ist ein wichtiger Mechanismus, durch den wir lernen, bestimmte Reize mit Gefahr zu assoziieren. Im Experiment hören z.B. Ratten einen Ton und erhalten dann einen elektrischen Schlag. Bald reagiert das Tier auf den Ton allein mit angsttypischen Merkmalen. Akustische Reize gelangen über die Ohren und Hörnerven in die akustischen Kerne des Hirnstamms, von dort in die Colliculi inferiores im Mittelhirn und über das Corpus geniculatum mediale in die Hörrinde. Läsionsstudien wiesen den entscheidenden Anteil der Amygdala bei der Angst-Konditionierung nach.
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Emotionale Gedächtnisbildung
Rein emotionale Erinnerungen speichert das Gehirn an anderer Stelle als rationale Inhalte. Man kennt jetzt die neuralen Wege und Schaltstationen, über die das Gedächtnis grundlegender Gefühle wie Angst aufgebaut wird.
Der Pfad der Angst
Experimente mit Ratten, bei denen ein Ton mit einem leichten Elektroschock assoziiert wird, haben gezeigt, dass die Hörrinde für die Angst-Konditionierung nicht unbedingt erforderlich ist. Das auditorische Signal muss bis hin zur Ebene des Thalamus laufen, damit die Tiere es mit dem Elektroschock verknüpfen. Die Amygdala spielt eine entscheidende Rolle bei der Konditionierung.
Schnittstellen der Informationswege
Der zentrale Nucleus der Amygdala ist mit Regionen im Hirnstamm verbunden, die für die Regelung von Herzschlagfrequenz, Atmung und Blutdruck wichtig sind. Er hat eine Schlüsselrolle bei bedingten Reaktionen des vegetativen Systems. Der laterale Kern der Amygdala ist die sensorische Schnittstelle der Amygdala, während der zentrale Kern die Schnittstelle zu den Systemen zu sein scheint, die anschließend die konditionierten Reaktionen steuern.
Speicherung situativer Informationen
Ein Tier im Konditionierungsexperiment verbindet nicht nur das harmlose Geräusch mit der Gefahr, sondern auch die Begleitumstände, vor allem die räumliche Situation. Der Hippocampus ist für das deklarative Gedächtnis wichtig, das der Kognition zugängliche Informationen speichert, unter anderem auch Ortskenntnisse.
Mitwirken der Hirnrinde
Obgleich es eindeutig unterhalb der Ebene der Hirnrinde eine sensorische Bahn gibt, über die eine Angst-Konditionierung erfolgt, heißt dies nicht, dass der Cortex völlig unwichtig wäre. Es wird intensiv diskutiert, ob und wie corticale und subcorticale Mechanismen bei Emotionen interagieren.
Die Rolle des Thalamus
Der Thalamus ist eine wichtige zentrale Schaltstelle für Nachrichten von den Sinnesorganen. Er erhält einen emotionalen Reiz und leitet eine grobe Skizze des Sinneseindrucks direkt weiter an einen kleinen Zellverbund in der lateralen Amygdala. Werden diese Zellverbände aktiviert, fließt die Information weiter zum zentralen Kern der Amygdala. Hier werden die defensiven Verhaltensprogramme aktiviert.
Die "High Road" der kognitiven Verarbeitung
Zusätzlich zu der schnellen Abkürzung vom Thalamus zur Amygdala führt auch die so genannte "High Road" der kognitiven Verarbeitung. Auf dieser bewussten Route gelangt die Sinnesinformation vom Thalamus zuerst in den Cortex und den Hippocampus. Dort werden die Eindrücke genauer analysiert, bevor sie die Amygdala erreichen.
Das "Dreigestirn" der Angst im Gehirn
Angst wird im Gehirn von einer Art Dreigestirn repräsentiert:
- Amygdala: Die Instanz für einfache Formen des assoziativen Furchtlernens.
- Hippocampus: Spielt eine wichtige Rolle für kompliziertere Formen und den Kontext der Angst.
- Präfrontaler Cortex: Die Instanz, die das Furcht- und Angstgedächtnis kontrollieren und auch die zunächst gemachte Angsterfahrung überlagern kann.
Angststörungen: Wenn die Angst überhandnimmt
Angststörungen sind mehr als nur vorübergehende Ängste. Bei Betroffenen wird das „Alarmsystem“ des Gehirns dauerhaft überaktiv, was dazu führt, dass selbst harmlose Situationen als bedrohlich empfunden werden. Die Amygdala spielt bei Angststörungen eine zentrale Rolle.
Therapieansätze bei Angststörungen
Verschiedene Therapieansätze können bei Angststörungen helfen:
- Expositionstherapie: Hilft, das Gehirn neu zu „programmieren“, indem Betroffene schrittweise angstauslösende Situationen erleben und lernen, dass keine echte Gefahr besteht.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Hilft Betroffenen, ihre Gedankenmuster zu identifizieren und zu verändern.
- Achtsamkeit und Atemtechniken: Praktiken wie Meditation, Atemübungen und Achtsamkeit helfen dabei, das Salienznetzwerk und die Amygdala zu beruhigen.
- Medikamentöse Behandlung: In schweren Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um die Aktivität der Amygdala und die Freisetzung von Stresshormonen zu regulieren.
Die Biokulturelle Gefühlsregulation
Gefühle sind nicht nur angeboren, sondern auch ein Kulturprodukt. Formen des emotionalen Ausdrucks und Kommunizierens müssen gelernt werden. Die Art und Weise, mit der Bezugspersonen auf die Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern reagieren, reguliert gravierend deren Gefühlsleben.
Das "Panik-System"
Das so genannte "Panik-System" (oder Trennungs-Schmerz-System) ist ein spezielles Gefühlssystem, das empfindlich auf fehlendes soziales Verständnis reagiert. Es treibt uns an, soziale Bindungen einzugehen, um Angst, Ärger und Panik zu vermeiden.
Die Rolle der Eltern
Die Art und Weise, mit der Bezugspersonen auf die Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern reagieren, reguliert gravierend deren Gefühlsleben. Sie bestimmt, ob es eine eher positive oder eher negative Richtung nimmt, und wie die Kinder ihre Gefühle ausdrücken können.
Selbstregulation der Gefühle
Kleinkinder haben eine gewisse Fähigkeit, ihre Emotionen selbst zu regulieren. Der Leitrahmen für diese Selbstregulation der Gefühle bleibt aber weiterhin das Verhalten der Eltern: wenn sie dauerhaft negative Emotionen provozieren, dann stößt auch die Selbstregulation an Grenzen.