Die Menopause, oft von Mythen und Unsicherheiten umgeben, ist ein bedeutender Lebensabschnitt für Frauen, der weit mehr ist als nur das Ende der Menstruation. Dr. Lisa Mosconi, eine renommierte Neurowissenschaftlerin und Expertin für Frauengesundheit, beleuchtet in ihrem Buch "Das Gehirn in der Menopause" die oft unterschätzte Bedeutung dieses hormonellen Übergangs für die Gehirngesundheit. Sie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse aus Neurologie, Endokrinologie und Ernährungswissenschaften und zeigt auf, wie hormonelle Veränderungen in der Menopause das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen beeinflussen können. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse und Forschungsansätze zusammen und bietet einen umfassenden Überblick über die Veränderungen im Gehirn während der Menopause.
Die Menopause: Mehr als nur Hitzewallungen
Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit und der sogenannte "Brain Fog" - viele Frauen fragen sich in den Wechseljahren, ob sie "verrückt" werden. Doch die Menopause ist weit mehr als nur eine Summe unangenehmer Symptome. Sie ist ein komplexes hormonelles Spektakel, bei dem das Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Alles beginnt im Kopf, und ein positives Mindset ist entscheidend, um die Menopause nicht zu fürchten, sondern als einen neuen Lebensabschnitt schätzen zu lernen.
Dr. Mosconi betont, dass die Wechseljahre nicht das Ende bedeuten. Wie Pubertät und Schwangerschaft ist auch die Menopause ein Meilenstein im Leben einer Frau, der sogar noch mehr Potenzial birgt. Um die Herausforderungen dieser Zeit erfolgreich zu meistern, stellt sie die neuesten wissenschaftlichen Ansätze vor, erklärt die Rolle moderner Hormonersatztherapien und beleuchtet natürliche Mittel, die Frauen seit Jahrhunderten nutzen. Sie gibt konkrete Tipps zu Ernährung, Bewegung und geistigen Übungen und unterstreicht die Bedeutung der Selbstfürsorge.
Das "Wechseljahrs-Gehirn": Was passiert im Kopf?
Die Hormonschwankungen in der Perimenopause (der Phase vor der letzten Menstruationsblutung) und der Postmenopause (der Zeit danach) haben deutliche Auswirkungen auf das weibliche Gehirn. Viele Frauen erleben eine Reihe von körperlichen und neurologischen Veränderungen, darunter Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und eine verminderte Libido. Ein weiteres häufiges Symptom ist der "Brain Fog", der sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit und Wortfindungsprobleme äußern kann.
Diese Veränderungen sind auf die sinkenden Östrogenspiegel zurückzuführen, die sich auf verschiedene Hirnregionen auswirken. Der Hypothalamus, der die Körpertemperatur reguliert, kann durch den Östrogenmangel Hitzewallungen verursachen. Im Hippocampus, der für Lernen und Gedächtnis wichtig ist, beeinträchtigt der Östrogenverlust Gedächtnis und Kognition. Die Amygdala, das emotionale Zentrum des Gehirns, wird gestört, und der präfrontale Kortex, der an Entscheidungsfindung, Aufmerksamkeit, Multitasking und Sprache beteiligt ist, gerät durcheinander. Sogar der Hirnstamm, der den Schlaf-Wach-Zyklus steuert, muss sich neu sortieren.
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In Gehirn-Scans wurde festgestellt, dass das Volumen der grauen Substanz in Bereichen des Gehirns, die mit Aufmerksamkeit, Konzentration, Sprache und Gedächtnis zu tun haben, bei Frauen in den Wechseljahren geringer ist. Dies erklärt, warum sich viele Frauen "gaga" fühlen und sich Sorgen um Demenz und Alzheimer machen. Dr. Mosconi betont jedoch, dass diese Veränderungen auf die Menopause zurückzuführen sind und nicht auf Demenz, die vor dem 65. Lebensjahr äußerst selten ist.
Forschungsergebnisse und Studien
Schon 2014 beschrieben Forschende vom Neuroscience Department der University of Southern California in Los Angeles das weibliche Sexualhormon Östrogen als "zentralen Stoffwechselregulator des weiblichen Gehirns und Körpers". Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 wertete über ein Dutzend Studien bis ins Jahr 2022 aus und fand übereinstimmend "Hinweise auf Veränderungen des Hirnvolumens" in den Hirnregionen, die für komplexere kognitive Aufgaben und das Gedächtnis zentral sind.
Eine neuere Studie vom August 2024 stellte bei älteren Frauen einen Zusammenhang zwischen schweren Wechseljahresbeschwerden und kognitiven Beeinträchtigungen fest. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Erforschung der Auswirkungen der Menopause auf das Gehirn und die Entwicklung von Strategien zur Förderung der Gehirngesundheit in dieser Lebensphase.
Was hilft? Linderung von Beschwerden und Förderung der Gehirngesundheit
Zur Linderung schwerer Hitzewallungen werden häufig sogenannte bioidentische Hormone eingesetzt. Seit kurzem ist auch ein nichthormonelles Präparat zugelassen, das die Thermoregulation im Gehirn verbessern soll. Die Leitlinie für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland empfiehlt neben der Hormonersatztherapie (HRT) auch Präparate mit Isoflavonen und Cimicifuga, denen in manchen Fällen eine gewisse Wirkung zugeschrieben wird. Auch eine kognitive Verhaltenstherapie kann eine Option sein.
Ob eine Hormonersatztherapie wirklich gegen Konzentrationsprobleme hilft, ist jedoch noch unklar. Prof. Dr. Petra Stute, Vorstandsmitglied der Deutschen Menopause Gesellschaft, betont, dass es bisher keine großen Studien gibt, die belegen, dass eine HRT kognitive Symptome in der Perimenopause verbessert. Möglicherweise lichtet sich der Nebel im Kopf dennoch unter einer HRT, einfach weil die Nächte nicht mehr so durchwacht oder verschwitzt sind und sich die Stimmung bessert.
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Unabhängig von Hormontherapien sind Bewegung und ein gesunder Lebensstil entscheidend für die Gehirngesundheit. Regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf können dazu beitragen, die kognitiven Funktionen zu verbessern und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen zu senken.
Ein Blick in die Zukunft: Stabilisierung und Erholung
Eine kleine Studie von Dr. Mosconi zeigte, dass sich bestimmte Biomarker des Gehirns nach der Menopause weitgehend stabilisierten und sich das Volumen der grauen Substanz in wichtigen Gehirnregionen erholte. Obwohl die Ergebnisse aufgrund der geringen Teilnehmerzahl nicht verallgemeinerbar sind, geben sie Anlass zur Hoffnung, dass sich das Gehirn nach der Menopause erholen kann.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Menopause und Perimenopause noch immer ein Thema sind, über das viele Ärztinnen und Ärzte wenig wissen. Frauen fühlen sich oft allein gelassen mit den vielfältigen Symptomen. Dr. Lisa Mosconi möchte ein Umdenken anstoßen und betont, dass die Menopause nicht nur das Ende eines Lebensabschnitts, sondern eine Phase des Übergangs und Neubeginns ist.
Das europäische Forschungsnetzwerk MenoBrain
Um die Wissenslücke rund um die Menopause und ihre Auswirkungen auf das Gehirn zu schließen, wurde das europäische Forschungsnetzwerk MenoBrain gegründet. Unter der Koordination von Prof. Dr. Christian Gaser vom Universitätsklinikum Jena arbeiten 15 Doktorandinnen und Doktoranden an 18 wissenschaftlichen Institutionen in eng aufeinander abgestimmten Projekten, um den Zusammenhang der Gehirngesundheit mit der Menopause zu untersuchen.
Die Forschungsprojekte umfassen unter anderem die Untersuchung der Auswirkungen der Hormontherapie auf die kognitive Leistungsfähigkeit, die Darm-Hirn-Kommunikation und den Alterungsverlauf, die Identifizierung von Biomarkern zur Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen, die Entwicklung neuer Therapieansätze und die Förderung der personalisierten Medizin für Frauen in den Wechseljahren. Das MenoBrain-Netzwerk erstreckt sich über elf europäische Länder und verbindet Forschende aus Neurobildgebung, Neuropsychologie, Endokrinologie, Mikrobiomforschung und Bioinformatik.
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