Das Gehirn, oft als Supercomputer, Steuerzentrale oder gar Ort der Seele bezeichnet, fasziniert die Menschheit seit Jahrhunderten. Es ist eines der letzten großen Rätsel des menschlichen Körpers und beflügelt Forschung, Fiktion und Fantasie gleichermaßen. Eine interdisziplinäre Ausstellung mit dem Titel "Das Gehirn in Kunst & Wissenschaft" nimmt sich dieser Komplexität an und beleuchtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven.
Die Ausstellung: Ein facettenreiches Panorama
Die Ausstellung "Das Gehirn in Kunst & Wissenschaft" präsentiert ein facettenreiches Panorama, in dem Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft aufeinandertreffen. Sie befragt neben der Hirnforschung und Neurologie auch Disziplinen wie Philosophie, Religion, Medizingeschichte und Psychologie. Ziel ist es, das menschliche Gehirn zu erkunden und besser zu verstehen. Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigte diese Ausstellung vom 28. Januar bis zum 26. Juni 2022. Später wurde sie adaptiert und im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité gezeigt. An der Ausstellung ist das DZNE als Kooperationspartner beteiligt. Die Forschung des DZNE wird unter anderem mit einer Hörstation zur Primär Progredienten Aphasie (PPA) präsentiert.
Fünf zentrale Fragen als Leitfaden
Die Ausstellung ist anhand von fünf zentralen Fragen strukturiert, die sich dem Gehirn aus unterschiedlichen Perspektiven nähern:
- "Was habe ich im Kopf?" Dieses Kapitel untersucht die Anatomie des menschlichen Gehirns. Zu den wichtigsten Objekten der Wissenschaftsgeschichte gehören hier beispielsweise Santiago Ramón y Cajals fantastische Zeichnungen von Gehirnzellen und -strukturen aus dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ramón y Cajal (1852-1934) wurde für seine kunstvollen und erstaunlich präzisen anatomischen Zeichnungen von Nervenzellen des Gehirns weltberühmt. Die hier dargestellten großen Nervenzellen mit ihren dreieckig geformten Zellkörpern - daher „Pyramidenzellen“ genannt - sind in der Großhirnrinde deutlich in der Überzahl. Eng an eng durchziehen sie in dichter paralleler Anordnung die graue Substanz. Sie leiten Sinneseindrücke aus der Peripherie „nach oben“ weiter und senden erregende sowie hemmende Impulse zurück in den Körper. Ihre Nervenausläufer sind bis zu 2 Meter lang. Die Berliner Künstlerin Birgit Dieker beschäftigt sich mit dem menschlichen Körper und dem Spannungsverhältnis zwischen Innen und Außen. Dafür verwendet sie Materialien, die sie als symbolisch für den Körper empfindet: Leder, Haare und getragene Kleidung. In ihren Hirnschnitten zieht sie oft bewusst mehrere medizinische Schnittbilder unterschiedlicher Hirnregionen in einer Ebene zusammen. Gehirn - souverän und zugleich subversiv nach außen präsentieren lässt.
- "Wie stelle ich mir die Vorgänge im Gehirn vor?" Dieses Kapitel fragt nach den kognitiven Funktionen und aktiven Prozessen im Gehirn. Es werden bedeutende technische Erfindungen vorgestellt, wie zum Beispiel die Magnetresonanztomografie, die das Studium des aktiven Gehirns ermöglicht.
- "Sind ich und mein Körper dasselbe?" Dieses Kapitel ist eher philosophischer Natur und thematisiert die dualistische Vorstellung von der Seele als einer vom Körper losgelösten Entität. Das Zusammenspiel von Körper und Geist zeigt sich in der Funktion unserer Sinne.
- "Wie mache ich mir die Welt?" Hier geht es um die Frage, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen und interpretieren. Wie verlässlich sind unsere Wahrnehmung und unser Gedächtnis?
- "Soll ich mein Gehirn optimieren?" Dieses Kapitel befasst sich mit der Frage, inwieweit wir unser Gehirn durch technologische oder andere Mittel verbessern sollten. Heute helfen neurologische Implantate, Krankheitssymptome zu lindern, zum Beispiel bei der Parkinson-Krankheit. Doch wie wird der Mensch der Zukunft aussehen? Werden wir eines Tages zu Cyborgs? Künstlerische Visionen als Antwort auf diese Frage sind oft von der neuesten Forschung inspiriert.
Inklusive Ausstellungsgestaltung
Die Ausstellungsgestaltung ist inklusiv und berücksichtigt die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen. Ein ansprechendes Exponatearrangement und eine involvierende Ansprache wecken die Neugierde der Besucherinnen und regen zum Nachdenken an. Unterbrochen werden die Exponate durch weiße Wissenschaftsspots an den Wänden. Strukturiert wird die Ausstellung für die Besucherinnen anhand einer kapitelweisen Abstufung der prägnanten Wandfarbe und zentralen leuchtenden Ziffern, die in der Luft zu schweben scheinen. Die Tische sprechen mit einem multisensorischen und interaktiven Angebot verschiedene Zielgruppen an und sind verbunden mit einem Bodenleitsystem aus grafischen und taktilen Linien. Sie bieten anhand ausgewählter Inhalte einen inklusiven Zugang zu den zentralen Fragenstellungen und zusätzliche Orientierungshilfen. Als Inklusionshubs sind sie integraler Bestandteil des Leitsystems und des Inklusionskonzeptes, das in Zusammenarbeit mit einer Fokusgruppe entwickelt wurde.
Vielfältige Exponate
Die Ausstellung versammelt rund 300 Werke und Objekte aus Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft. Darunter befinden sich Preziosen der Wissenschaftsgeschichte wie René Descartes Schädel oder Korbinian Brodmanns Zeichnungen zur Kartierung des Gehirns. Antike Salbgefäße, altägyptische Herzamulette, mittelalterliche und andere Skulpturen von Menschen, Heiligen und mythologischen Gestalten, so sie irgendwas mit Hirn, Kopf oder auch Seele zu tun haben, Helmhauben, der Schädel von René Descartes und die Büste Goethes in Betrachtung von Schillers Schädel: dies und anderes mehr begegnet neben historischen Illustrationen aus medizinischen Lehrbüchern, Modellen und Gerätschaften und aktuellen Visualisierungen.
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Virtuelle Erweiterung
Ergänzend zur Ausstellung wurde eine virtuelle Ausstellung entwickelt, die einen spannenden didaktischen und ästhetischen Ansatz verfolgt und im Internet weiterlebt (www.gehirn.art). Durch die Ausstellung führt ein inklusives, sinnlich erfahrbares Leitsystem. Darüber hinaus wurde, ermöglicht durch das Förderprogramm NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, parallel zur „analogen“ Ausstellung in der Bundeskunsthalle eine eigenständige 3DAusstellung im Internet entwickelt, die mit einigen Augmented-Reality-Experiences in der realen Ausstellung vernetzt ist.
Das Gehirn: Ein Buch mit sieben Siegeln?
Das Gehirn gilt in seinen Strukturen und Funktionen in vielerlei Hinsicht noch als unverstanden. Aktuell unternimmt die Neurowissenschaft die größten Forschungsanstrengungen, um die Rätsel des Gehirns zu lösen. Die Ausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ lüftet den Vorhang und bietet allen Interessierten einen Gang hinter die Kulissen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel
Es bedarf der Zusammenarbeit vieler Disziplinen, um sich dem Gehirn wie einem unbekannten Territorium zu nähern. Die Hirnforschung liefert aktuelle Erkenntnisse, steht aber auch vor vielen ungelösten Fragen. Kunst und geisteswissenschaftliche Disziplinen wie die Philosophie helfen, frei über Denken und Fühlen, Bewusstsein und Wahrnehmung, Erinnerung und Traum nachzudenken. Die Ausstellung verdeutlicht, dass nur durch die Kombination verschiedener Perspektiven ein umfassendes Verständnis des Gehirns möglich ist.
Optimierung des Gehirns: Ethische Fragen
Die Frage nach der Optimierung des Gehirns wirft ethische Fragen auf. Wie weit dürfen wir gehen, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern? Wo verläuft die Grenze zwischen Therapie und Enhancement? Die Ausstellung regt dazu an, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und die potenziellen Konsequenzen der Hirnoptimierung zu reflektieren.
Das Gehirn der Zukunft
Wie sieht das Gehirn der Zukunft aus? Werden wir zu computergestützten Cyborgs? Die Ausstellung präsentiert künstlerische Visionen, die von der neuesten Forschung inspiriert sind. Diese Visionen sind oft von der neuesten Forschung inspiriert. Vieles bleibt reine Fantasie, die aber zu interessanten Gedankenspielen anregt.
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