Politisches Framing: Eine Analyse von Elisabeth Wehlings Werk

Elisabeth Wehling, eine an der University of California, Berkeley, forschende Linguistin und Kognitionswissenschaftlerin, beleuchtet in ihrem Werk "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" die Macht der Sprache in politischen Debatten. Das Buch zielt darauf ab, zu verdeutlichen, dass in politischen Auseinandersetzungen nicht Fakten an sich entscheidend sind, sondern die gedanklichen Deutungsrahmen, die in der Kognitionswissenschaft als Frames bezeichnet werden.

Einführung in das politische Framing

Wehlings Buch gliedert sich in zwei Hauptteile: Der erste Teil führt in die theoretischen Grundlagen des politischen Framings ein, während der zweite Teil eine praktische Anwendung des Konzepts auf aktuelle politische Debatten in Deutschland darstellt.

Theoretische Grundlagen des politischen Framings

Der erste Teil des Buches widmet sich der Frage, wie Menschen Sprache begreifen und wie sich Sprache auf unser Denken und Handeln auswirkt. Wehling orientiert sich an der kognitionswissenschaftlichen Vorstellung der "Embodied Cognition" und geht davon aus, dass wir "begreifen, was einer sagt, indem unser Gehirn so tut, als würden wir es selber sagen". Kognitive Simulation ist demnach das gedankliche Nachahmen von Gehörtem oder Gelesenem aufgrund unserer zuvor gesammelten und im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen mit der Welt.

Die Erkenntnis, dass das Begreifen einzelner Worte automatisch ein Bouquet semantisch angegliederter Ideen aktiviert, ist entscheidend. Erst solche Frames geben einzelnen Worten Bedeutung. Anhand einer Vielzahl von Experimenten belegt Wehling, dass diese Frames nicht nur unser Denken und unsere Wahrnehmung, sondern auch unser Handeln fest im Griff haben. Sprache übersetzt sich also direkt in Handlungen.

Wie politisches Framing funktioniert

Wehling stellt fest, dass die neuronale Einbettung von Sprache in gedankliche Rahmen jedes rationalistische Politikverständnis in Frage stellt. Eine reine, an Fakten orientierte Sachpolitik kann es demnach nicht geben. Bei gleicher Faktenlage machen Frames die Musik und nicht etwa die Fakten. Diese Tatsache macht Fakten in der Politik nicht obsolet, im Gegenteil.

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Ein wichtiger Aspekt des politischen Framings ist die Vermeidung der "Neinsager-Falle". Wann immer man eine Idee verneint, aktiviert man sie in den Köpfen seiner Zuhörer oder Leser. Wann immer man in der politischen Debatte also gegen bestimmte Maßnahmen oder Ideologien argumentiert, verheddert man sich sprachlich - und damit gedanklich - in der Weltsicht des Gegners, anstatt in den Köpfen seiner Zuhörer einen Frame zu aktivieren, der von der eigenen politischen Weltsicht erzählt. Dies ist besonders deshalb fatal, weil Sprache unser Gehirn und damit unser Denken verändert (Hebbian Learning). Vereinfacht gesagt, oft genutzte Verbindungen (im Gehirn) werden immer leichter und automatischer aktiviert.

Jede Gruppe in einer pluralen Gesellschaft braucht eine Sprache, die ihre Werte und Anliegen klar widerspiegelt. Nur so können ihre Interessen wirkungsvoll begriffen, vertreten und gerechtfertigt werden. Denn: Was in Diskursen nicht gesagt wird, wird schlicht und ergreifend auch nicht gedacht. Die Schaltkreise in unserem Gehirn werden nicht angeworfen, sie verkümmern!

Metaphoric Mapping

Wichtig für unser Verständnis politischer Kommunikation ist darüber hinaus, dass abstrakte Konzepte des gesellschaftlichen und politischen Miteinanders über eine Anbindung an Konzepte des direkt Erfahrbaren geframet werden. Steuern werden als Last erfahrbar oder die finanzielle Absicherung zwischen EU-Ländern wird als Schirm verbildlicht. Wehling spricht hier von Metaphoric Mapping: Abstrakte Ideen werden von uns über Metaphern an körperliche Erfahrungen angebunden und damit denkbar gemacht. Die Krux dabei ist erneut: Metaphorischer Sprachgebrauch aktiviert eine ganze Heerschar von Ideen und Inferenzen, die im eigentlichen Wort nicht stecken. Politische Schlachten werden also immer auch mit Hilfe treffender Metaphern geschlagen und gewonnen.

Praktische Anwendung des politischen Framings

Der zweite Teil des Buches ist eine Art praktische Anwendung des theoretischen Konstrukts auf die aktuellen politischen Debatten in Deutschland. Wehling analysiert die Frames in den Bereichen Steuern, Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam und Terrorismus sowie Zuwanderung und Asyl. In jedem dieser Kapitel versucht die Autorin die jeweils vorherrschenden Deutungsrahmen (Frames) herauszuarbeiten, zeigt, wie diese Deutungsrahmen durch die Verwendung bestimmter Begriffe aktiviert und stabilisiert werden, und erörtert daraus folgende politische Konsequenzen.

Steuerdebatten als Beispiel

Die Steuerdebatten der letzten Jahre werden von Wehling als Beispiel herangezogen, um die Grundstruktur ihrer Analysen zu verdeutlichen. Steuern werden stets mit physischer Last assoziiert. Da ist von Steuerlast, Steuerbelastung, Steuererleichterung, Steuerbürde usw. die Rede. Der Bürger wird zur Melkkuh und wer in der Steuerfalle sitzt, dem bleibt eigentlich nur die Flucht auf eine Steueroase. Steuern werden in allen Debatten von links wie rechts als Last und Strafe begriffen, die man wo es geht vermeiden sollte. Umstritten scheint lediglich, wer hier zu belasten und zu bestrafen und wer zu entlasten und belohnen ist. Der Frame Besteuerung als Strafe wird so weiter stabilisiert - und dominiert unser politisches wie privates Denken und Handeln mit Blick auf Steuern.

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Interessant ist dabei, was im Rahmen dieses Frames nicht gesagt wird - nicht sagbar ist. Steuern können hier nicht als Beitrag der Bürger zu einem funktionierenden Gemeinwesen wahrgenommen werden. Sie sind kein Ausdruck der Verantwortung gegenüber einem Gemeinwesen, das uns (mit Hilfe unseres Beitrags an Steuern) schützt und unterstützt, bildet und ermächtigt.

Weitere Beispiele für politisches Framing

Wehling analysiert auch andere politische Themenfelder und zeigt, wie Framing die öffentliche Meinung beeinflusst. So suggeriert der Begriff "Sozialleistungen", dass der Staat als eine Art Dienstleister fungiert, welcher eine Leistung verlangt, um eine Gegenleistung zu bieten. Wehling betont, dass Steuern von allen gezahlt werden, um dem Gemeinwohl zu dienen.

In Bezug auf die Gesellschaft weist Wehling darauf hin, dass sozial "stark" bzw. "schwach" einen Wettlauf-Frame suggeriert, den man gewinnt oder verliert. Sie kritisiert die Wortwahl vehement, da ein hohes Einkommen nicht immer mit einer hohen Leistung in Einklang steht. Ein weiteres Problem: "Wenn man jemandem hilft, hindert man ihn letztlich daran, selber stark zu werden". Das heißt im Grunde, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und genau das widerspricht dem Grundgedanken einer sozialen Gesellschaft.

Kritik an Wehlings Ansatz

Obwohl Wehling auf zentrale Problematiken politischen Sprechens und öffentlicher Debatten aufmerksam macht und ihre Beispiele einprägsam und plausibel sind, gibt es auch Kritik an ihrem Ansatz. So wird bemängelt, dass der Beitrag der Neurolinguistik zur Politikwissenschaft eher gering bleibt. Die Bedeutung von Metaphern in der Politik und die Notwendigkeit, Politik in anschlussfähige Erzählungen zu fassen, gehören seit der Antike zu ihrem ideengeschichtlichen Fundus.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Wehling in ihrem praktischen Anwendungsteil wenig systematisch und suggestiv vorgeht. Ausgewählt werden immer nur in ihrem Sinne passende Beispiele und interpretiert wird entsprechend einseitig. Dies dürfte nicht zuletzt eine Folge des allzu reduktionistischen, mechanischen Verständnisses der Neurolinguistik liegen. Die immer gleiche Vorgehensweise in Teil 2 wirkt dann auch zunehmend ermüdend und langweilig. Zunehmend drängt sich der Eindruck auf, dass der Leser hier geframt werden soll. Der Framing-Trick der Autorin würde dann darin liegen, mit neurolinguistischem Begriffs- und Namedropping den Frame Wissenschaft zu aktivieren, um dann selektiv gewählte Experimente, Beispiele und Interpretationen als allgemeingültige Wahrheiten und grundlegend neue Erkenntnisse erscheinen zu lassen.

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Fazit

Elisabeth Wehlings Buch "Politisches Framing" bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Bedeutung der Sprache in politischen Debatten. Sie zeigt, wie Frames unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen und wie Politiker diese Erkenntnisse nutzen können, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Obwohl es auch Kritik an ihrem Ansatz gibt, ist Wehlings Werk ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über politische Kommunikation und Meinungsbildung.

Wehling betont, dass es wichtig ist, sich der eigenen Frames bewusst zu sein und die Sprache des politischen Gegners zu meiden. Stattdessen sollte man der eigenen Weltsicht eine klare Stimme geben und die moralischen Prämissen der eigenen Politik sichtbar machen. Nur so kann man die eigenen Werte wirkungsvoll vertreten und die Demokratie stärken.

Implikationen für die Demokratie

Wehling argumentiert, dass ein bewusstes politisches Framing eine Überlebensstrategie für unsere Demokratie ist. Jeder sollte wissen, wie das eigene Denken funktioniert und welche Rolle eine saubere, ehrliche Sprache für das demokratische Miteinander spielt. Das sollte Inhalt im Schulunterricht sein und Werte wie die Empathie können bereits im frühen Kindesalter gefördert werden. Wer beruflich in besonderem Maße für unsere Demokratie relevant wird - wer etwa in die Politik oder den Journalismus geht -, der sollte neben den Grundkenntnissen zu Gehirn, Sprache und Entscheiden auch die moderne Werte- und Ideologieforschung kennen, um Sprech- und Denkmuster im öffentlichen Diskurs oder auch einfach nur die eigene Programmatik besser zu durchdringen.

Die Rolle der Medien

Die Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Frames. Sie können entweder die Frames des politischen Gegners verstärken oder eigene, starke Frames setzen. Wehling empfiehlt den Medien, proaktiv eigene Frames aufzumachen und nicht auf die Frames des politischen Gegners einzugehen. Stattdessen sollten sie die eigene Interpretation eines Themas stark präsentieren und einen Frame aufmachen, der die Wahrheit in den Mittelpunkt stellt.

Die Verantwortung des Einzelnen

Jeder Einzelne hat die Verantwortung, sich kritisch mit der Sprache auseinanderzusetzen und die eigenen Frames zu hinterfragen. Man sollte sich bewusst machen, dass jedes Wort einen Frame aktiviert und dass die Wahl der Worte unser Denken und Handeln beeinflusst. Indem man die Naivität gegenüber der Bedeutung der Sprache überwindet, kann man sich besser vor Manipulation schützen und einen aktiven Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung leisten.

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