Die Frage nach der Persönlichkeit beschäftigt uns alle. Ist sie ein festes Konstrukt in unserem Gehirn, das unsere Wahrnehmung und Reaktionen bestimmt? Oder haben wir die Freiheit, unsere Persönlichkeit aktiv zu gestalten? Die moderne Psychologie und Neurowissenschaft nähern sich dieser Frage auf faszinierende Weise und bieten uns Werkzeuge, um ein gelasseneres und zufriedeneres Leben zu führen.
Die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit
Wer kennt sie nicht, die inneren Stimmen, die uns ständig begleiten, kommentieren und bewerten? Da ist die Stimme, die uns für unsere vermeintliche Ungeschicklichkeit verurteilt, wenn eine Tasse zu Bruch geht. Aber wer spricht da eigentlich in unserem Kopf? Wer beschimpft uns, wer bemitleidet uns?
Sowohl die buddhistische Psychotherapie als auch die moderne westliche Psychologie stimmen darin überein, dass unser Ich kein festes, unveränderliches Wesen ist. Vielmehr besteht es aus einer Vielzahl von Anteilen. Die Neurowissenschaft hat zudem keinen spezifischen Bereich im Gehirn identifizieren können, der ausschließlich für das Ich-Gefühl zuständig ist.
Die buddhistische Psychotherapie geht sogar davon aus, dass es unendlich viele Persönlichkeitsanteile in uns gibt, die gemeinsam unsere Persönlichkeit formen - wie ein Orchester mit vielen verschiedenen Instrumenten, die ein harmonisches Musikstück ergeben. Es gibt allgemeine Anteile wie den Inneren Familienmenschen, den Sportler, den Kreativen, den Optimisten und den Pessimisten. Jeder Mensch hat die Veranlagung zu einer unendlichen Vielfalt von Persönlichkeitsanteilen. Diejenigen, die von unserer Umwelt und uns selbst gefördert werden, entwickeln sich und treten in den Vordergrund, während andere im Hintergrund bleiben, bis sie aktiviert werden.
Wenn also eine Stimme in unserem Kopf "Du Idiot!" sagt, ist das wahrscheinlich unser Innerer Kritiker. Wenn eine andere Stimme entgegnet: "Das ist gar nicht schlimm", spricht vielleicht der Innere Verständnisvolle. In der buddhistischen Psychotherapie wird jeder Anteil als eine eigene Person in uns betrachtet, mit spezifischen Merkmalen in Körperhaltung, Gefühlswelt, Stimme, Verhalten und Weltsicht.
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Die Kunst der bewussten Anteilswahl
Die Anteile unserer Persönlichkeit sind an sich kein Problem. Der Buddhismus sieht die Schwierigkeit in unserer Identifikation mit diesen Anteilen. Wenn wir uns nicht mehr als Person mit vielen Facetten sehen, sondern uns mit dem Inneren Depressiven oder dem Inneren Aggressiven identifizieren, führt das unweigerlich zu Problemen. Denn jeder Mensch ist so viel mehr als die Summe seiner Persönlichkeitsanteile.
Jeder Mensch hat die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Persönlichkeitsanteile er fördern möchte. Das erfordert Übung, Aufmerksamkeit und Disziplin, ist aber durch gezieltes Training mit Hilfe der buddhistischen Psychologie möglich. Der Buddhismus wird nicht umsonst als Geistesschulung bezeichnet, denn wir können unseren Geist erziehen. Wir können uns von unheilsamen Anteilen befreien und Anteile fördern, die uns heilsam und hilfreich erscheinen.
Wenn Sie also das nächste Mal eine Kaffeetasse fallen lassen, beobachten Sie, was passiert und wer sich zu Wort meldet. Ist es der Innere Besserwisser oder der Innere Gelassene? Entscheiden Sie bewusst, wen Sie aktivieren möchten. Den Gelassenen? Den Verzeihenden? Wer verhilft Ihnen langfristig zu einem besseren Leben? Letztendlich ist es Ihre Entscheidung und Ihre Chance zur Veränderung.
Die Macht der neuronalen Prägung: Wie wir unser Gehirn positiv beeinflussen können
Der amerikanische Neuropsychologe Rick Hanson betont, dass wir unsere Gehirnstrukturen entweder positiv oder negativ beeinflussen können. Dieser Prozess läuft in zwei Stufen ab:
- Aktivierung eines hilfreichen Geisteszustands: Ein bestimmter mentaler Zustand wird aktiviert, der einem neuronalen Zustand entspricht. Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie eine Katze auf Ihren Schoß springt und ein wohliges Gefühl auslöst.
- Abspeicherung als neuronale Struktur: Dieser Zustand wird als neuronale Struktur abgespeichert. Andernfalls "läuft" der Geisteszustand durch das Gehirn, ohne es nachhaltig zu prägen.
Unser Gehirn hat eine ausgeprägte Negativitätstendenz. Es wirkt wie ein Magnet für negative Erfahrungen und wie Teflon für positive. Daher ist es wichtig, positive Zustände bewusst zu speichern, da diese die Grundlage für innere Stärke, Glück, liebende Güte und Achtsamkeit bilden.
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HEAL: Ein Trainingsprogramm zur Verankerung positiver Erfahrungen
Rick Hanson hat ein Übungsprogramm entwickelt, um das Gute in uns aufzunehmen und im Gehirn zu verankern. Dieses Programm, abgekürzt HEAL, umfasst vier Schritte:
- H (Have): Machen Sie eine positive Erfahrung.
- E (Enrich it): Reichern Sie die Erfahrung an.
- A (Absorb): Nehmen Sie die Erfahrung in sich auf. Spüren Sie nach, wie das Erlebte auf Sie wirkt.
- L (Link): (Optional) Verbinden Sie die positive Erfahrung bewusst mit einer negativen Erfahrung, um diese langsam zu beruhigen oder sogar zu ersetzen. Die positive Erfahrung sollte dabei etwas stärker und intensiver sein als die negative.
Nehmen Sie sich täglich ein paar Minuten Zeit, um das Gute in sich aufzunehmen. Dies führt dazu, dass Sie sich auf das Positive fokussieren und eine freundliche, unterstützende Haltung sich selbst gegenüber entwickeln. Sie werden aktiv, anstatt passiv zu sein.
Achtsamkeit: Mehr als nur ein Trend
Achtsamkeit, eine Praxis aus dem Buddhismus, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Sie soll uns vom Alltagsstress befreien und zu mehr Gelassenheit und Lebensfreude verhelfen. Doch was genau ist Achtsamkeit?
Im öffentlichen Verständnis wird Achtsamkeit oft als Synonym für Aufmerksamkeit im Sinne von Beobachtungsfähigkeit verwendet. Das Konzept der Achtsamkeit geht jedoch auf den Buddha zurück, dessen Erkenntnisse sich auf allgemein-menschliche Erfahrungen beziehen.
Der vietnamesische buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh trug maßgeblich dazu bei, Achtsamkeit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und eine Verbindung zwischen den überlieferten Lehren und dem Alltag des westlichen Menschen herzustellen.
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Achtsamkeit in der Praxis: Den "wilden Affengeist" beruhigen
Wer Achtsamkeit praktiziert, lernt, den "wilden Affengeist" - das ständige Durcheinander von Gedanken - zu beruhigen. Durch Beobachtung lernt man zu verstehen, wie Gedanken, Körpergefühle, Stimmungen und Emotionen zusammenhängen.
Achtsamkeit ist keine bloße Entspannungsmethode, sondern eine innere Haltung, die alle Aspekte des Lebens einbezieht. Sie kann durch formale Übungen wie Bodyscan, sitzende Achtsamkeitsmeditation und Achtsamkeits-Yoga geübt werden, aber auch informell im Alltag, beispielsweise bei der Zubereitung einer Tasse Kaffee. Dabei bemerkt man aufkommende Gedanken und kehrt mit seiner Wahrnehmung zum Atem und den sinnlichen Erfahrungen zurück.
Ein Achtsamkeitskurs oder ein MBSR-Kurs (Mindfulness-Based Stress Reduction) können hilfreich sein, um Achtsamkeit zu erlernen. Die Teilnehmer fördern einander durch ihre Erfahrungen, die Teil einer universellen menschlichen Erfahrung sind.
Wer Achtsamkeit praktiziert, macht die Erfahrung, dass das eigene Empfinden von Glück und Lebensfreude nicht von äußeren Bedingungen abhängig ist.
Gelassenheit: Eine Frage der Übung und Perspektive
Gelassenheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss immer wieder neu "erkämpft" werden. Jedes Mal, wenn wir uns ärgern, uns von Problemen herausgefordert fühlen oder uns von einer kritischen Bemerkung verletzt fühlen, sind wir neu gefordert, gelassen zu werden.
Der Neuropsychologe Rick Hanson betont, dass Gelassenheit aus evolutionärer Sicht eigentlich "unnatürlich" ist. Unsere Vorfahren mussten in Bruchteilen von Sekunden entscheiden, ob etwas ihr Leben gefährden könnte. Daher reagiert die Amygdala, die "Alarmglocke" des Gehirns, am stärksten auf potenziell bedrohliche Reize.
Dennoch ist es dem Menschen möglich, Gelassenheit zu erlangen. Die Alternsforscherin Ursula Staudinger geht davon aus, dass eine gewisse Entwicklung hin zu Gelassenheit in uns angelegt ist. Mit zunehmendem Alter entwickeln wir eine größere Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit, mit widrigen Umständen besser umzugehen.
Die vielen Gesichter der Gelassenheit
Es gibt verschiedene Formen der Gelassenheit. Lukas Niederberger unterscheidet zwischen der "guten Gelassenheit", die eine innere Ruhe ist, der "versteckten Gleichgültigkeit" und der "engagierten Gelassenheit". Letztere ermöglicht es uns, inmitten von Stress und Engagement nicht auszubrennen oder uns lähmen zu lassen.
Engagierte Gelassenheit beinhaltet auch die Fähigkeit, in Konfliktsituationen konstruktiver umzugehen. Es geht darum, Ziele zu haben, aber flexibel in der Wahl des Weges zu sein. Gelassenheit kann auch mit der Fähigkeit zu tun haben, die eigene Position zu reflektieren und zu relativieren.
Gelassenheitshemmer: Die Fallen auf dem Weg zur inneren Ruhe
Es gibt viele "Gelassenheitshemmer", die uns davon abhalten, eine Sache ruhig und entspannt anzugehen. Einer der größten ist der Irrglaube, dass uns alles gelingen müsse. In unserer Gesellschaft ist es quasi verpönt, zu scheitern.
Selbst das Streben nach Gelassenheit kann zur Falle werden. "Wer Gelassenheit anstrebt, dem vergeht sie", schrieb Viktor E. Frankl. Gelassenheit erreicht man am besten, indem man loslässt. Und fast alle Gelassenheitshemmer haben mit der Mühe zu tun, die uns das Loslassen bereitet.
Wir können Unangenehmes noch schwerer loslassen als Liebgewonnenes. An Ärger und Wut, Verletzungen und Enttäuschungen halten wir stärker fest als an Erfolgen und Geschenken.
Mitgefühl als Schlüssel zur Gelassenheit
Paul Gilbert betont, dass es nicht unsere Schuld ist, wenn wir uns aufregen, statt gelassen zu bleiben. Die Ursache liegt im Zusammenspiel der intelligenten Teile unseres Gehirns mit drei emotionalen Systemen: dem Bedrohungssystem, dem Antriebssystem und dem Beruhigungs- und Bindungssystem.
In der heutigen Zeit ist es vor allem das Antriebssystem, das uns die Gelassenheit raubt. Die westlichen Gesellschaften sind zu stark darauf fixiert, die Emotionen des Antriebssystems zu verstärken.
Ein wirksames Mittel gegen den Stress ist Mitgefühl. Mitgefühl aktiviert das Beruhigungs- und Bindungssystem und erzeugt Zufriedenheit und Geborgenheit - und damit auch eine Basis für Gelassenheit.
Ein freundliches Wort, eine liebevolle Berührung führen zur Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin, Hormonen, die mit innerer Ruhe und Wohlbefinden in Zusammenhang stehen. Dieser Prozess findet auch statt, wenn man sich selbst mit Freundlichkeit und Mitgefühl begegnet.
Das Gehirn trainieren: Achtsamkeit und positive Emotionen kultivieren
Rick Hanson betont, dass wir die subkortikalen Regionen unseres Gehirns, insbesondere die Amygdala und den Hippocampus, trainieren können. Durch Achtsamkeitspraxis und indem wir bewusst positive Emotionen und Erfahrungen wie Dankbarkeit oder Freundlichkeit kultivieren, können wir erreichen, dass die Amygdala sich beruhigt und nicht mehr so reaktiv ist.
Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle dabei, Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu überführen. Daher ist es wichtig, kleine positive Erlebnisse im Alltag bewusst wahrzunehmen und zu vertiefen, damit sie zu dauerhaften Ressourcen werden.
Gelassenheit in schwierigen Zeiten: Ja sagen zur Angst
Ezra Bayda, ein Zenlehrer, erzählt in seinem Buch, wie er selbst mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert wurde. Er erkannte, dass der Sturz durch das dünne Eis nur einen Arztbesuch weit weg ist.
Er versuchte, "ja zu sagen zu den aufkommenden Ängsten". Dieses Bejahen ermöglichte ihm, wahrzunehmen, was jetzt gerade wirklich geschah: Wie seine Angst sich ausdrückte, wie sein Körper reagierte, wie sein Geist versuchte, Szenarien zu entwerfen. Das machte ihn ruhiger und brachte ihn auf den Boden zurück.