Die moderne digitale Welt, geprägt von ständiger Erreichbarkeit und einem Überfluss an Informationen, hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser Gehirn und unsere Gesellschaft. Dieser Artikel beleuchtet die Kritik an der zunehmenden "Verramschung" unseres Gehirns durch das Internet und untersucht die vielfältigen Ursachen und Folgen dieses Phänomens. Dabei werden Aspekte wie Boreout, Überqualifizierung, Kontrollverlust, der Einfluss von Algorithmen und die Rolle der Medien kritisch hinterfragt.
Boreout: Wenn Langeweile krank macht
Burnout ist in aller Munde, doch Boreout, die krank machende Langeweile im Job, wird oft belächelt. Dauerhafte Unterforderung in Organisationen kann schwerwiegende Folgen haben. Viele Betroffene berichten, dass sie sich nicht in der Lage sehen, ihre Situation selbst zu verändern.
Ursachen von Langeweile im Job
- Fehlende Entscheidungs- und Handlungsspielräume: Viele Gelangweilte haben das Gefühl, "Ich selbst kann ja nichts verändern". Sie sehen keine Möglichkeit, ihren Arbeitsalltag aktiv zu gestalten. Manche fühlen sich wie im Gefängnis.
- Isolation im Homeoffice: Was zu Beginn der Corona-Krise für einige entspannte Freiheit bedeutete, ist für andere zur Einsamkeits-Falle geworden. Weniger Kontakt zu Kollegen, kein Plausch mehr zwischendurch, keine Events oder Messebesuche.
- Überqualifizierung: Unterforderung resultiert oft aus Überqualifizierung. Juristen mit Prädikatsexamen, die Akten nach Schema-F abarbeiten, oder Produktionsmitarbeiter mit Maschinenbau-Studium. Viele berichten, dass ihnen im Bewerbungsgespräch spannende Aufgaben versprochen wurden, die es in der Realität nie gab.
- Mangelnde Delegation: Führungskräfte, die nach dem Motto handeln "Ich mache es lieber selbst, dann weiß ich, dass es gut wird", delegieren zu wenig Aufgaben an ihre Mitarbeiter. Dies ist oft ein Klassiker bei perfektionistisch veranlagten Chefs.
- Systemische Probleme: Boreout schien zunächst vor allem ein Systemproblem zu sein. Der öffentliche Dienst wurde lange als Keimzelle der Langeweile im Job betrachtet. Inzwischen ist klar, dass dies alles andere als ein Behörden-Thema ist.
- Saisonale Arbeitsspitzen: Zweimal im Jahr für einen Monat reinklotzen, dazwischen jeweils 5 Monate Flaute. Dies ist wohl die schlimmste Form des Boreouts, denn die Betroffenen sehen regelmäßig, wie es anders sein kann, wenn sie gefordert werden.
- "Abstellgleis" für ältere Mitarbeiter: Gerade ältere Mitarbeiter, die den Anforderungen unserer digitalen Arbeitswelt angeblich nicht mehr gewachsen erscheinen, werden aufs Abstellgleis geschoben.
Folgen von Boreout
Dauerhafte Unterforderung ohne intellektuelle Herausforderungen verändert unser Denken und Handeln. Wer nicht gefordert wird, baut ab. Auch die Fähigkeit, flexibel auf Unvorhergesehenes zu reagieren, geht mit der Zeit verloren. Die eigene Welt wird immer kleiner.
Viele der im Büro Gelangweilten beginnen damit, vorzutäuschen, dass sie sich vor Arbeit nicht retten können. Eine logische Überlebensstrategie, die sie sich schnell aneignen, sobald die Langeweile im Job beginnt. Sie haben Angst um ihre Berechtigung in einem Team und damit vor Jobverlust. Also werden Aufgaben erfunden oder künstlich in die Länge gezogen. Der Blick in den Monitor täuscht die intensive Arbeit vor, dabei flimmert dort der x-te freiwillig belegte Selbstlernkurs. Das Nichtstun im Büro unter Kollegen zu verbergen wird ebenfalls zur Routine, kostet jedoch extrem viel Energie und erzeugt bei einem Boreout den gefühlt größten Dauerstress.
Mit der fehlenden Herausforderung und ausbleibenden Erfolgserlebnissen schwindet auch das Selbstvertrauen in uns. Wer auf diese Weise einige Zeit vor sich hindümpelt, fragt sich irgendwann: Was kann ich denn überhaupt noch? Wie konnte ich nur diesen Job annehmen? Habe ich das Falsche studiert? Bin ich schuld daran, dass mir keine spannenden Aufgaben mehr übertragen werden? Bin ich zu schlecht? Logisch, dass besonders solchen Arbeitnehmern auf dem oben beschriebenen Abstellgleis derartige Gedanken durch den Kopf schwirren - ich erlebe dies jedoch auch bei jüngeren Angestellten, die mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden sind. Sie verlieren das Gespür für sich selbst, ihre Stärken und ihre Wirksamkeit. Alles dies führt dazu, in eine dermaßen passive Rolle zu verfallen, dass jegliche Veränderung aus eigenem Antrieb nahezu unmöglich erscheint.
Lesen Sie auch: Gehirn mit dem Internet verbinden: Chancen und Gefahren
Was tun gegen Boreout?
- Bewusstsein schaffen: Analysieren Sie, was Sie am Tag (nicht) getan haben. Woher kamen Aufgaben, wie haben Sie sie erledigt? Was hat Ihnen Kraft gegeben, was hat Energie geraubt?
- Innere Motivation finden: Was können Sie gewinnen, wenn Sie etwas an Ihrer Situation verändern? Was versprechen Sie sich davon, etwa das Gespräch mit dem Chef oder Ihren Kollegen zu suchen, den Job zu wechseln, sich beruflich neu zu orientieren oder im Privaten etwas zu verändern?
- Eigene Stärken erkennen: Schauen Sie zurück auf Ihre Ausbildungen, die letzten Stellen und auch den aktuellen Job. Blicken Sie auch auf Ihr Privatleben. Welche Aufgaben oder Tätigkeiten fallen Ihnen leicht, machen Freude und geben Ihnen etwas?
- Verantwortung übernehmen: Warten Sie nicht darauf, dass Ihr Chef erkennt, was Ihnen fehlt, und hoffen Sie auch nicht darauf, dass Ihre Kollegen Sie irgendwann retten werden.
- Kontakt zu Kollegen suchen: Gehen Sie wieder bewusst auf Ihre Kolleginnen und Kollegen zu und bieten Sie ihnen auch Ihre Unterstützung an.
- Aufgabenspektrum erweitern: Begeben Sie sich auf die Pirsch! Halten Sie Augen und Ohren offen und suchen Sie nach Chancen, interessante Aufgaben oder Projekte zu übernehmen.
- Privatleben aktivieren: Stellen Sie sich auch im Privatleben die Frage „Was wollte ich immer schonmal machen und was hindert mich eigentlich daran, es genau jetzt zu tun?“
Die Macht der Algorithmen und der Kontrollverlust
Wir leben in einer Ära der Digitalisierung, die nicht länger Technik beschreibt, sondern eine Machtverschiebung. Sie ist nicht neutral, nicht nur Werkzeug, sie ist Struktur, Kontrolle, Vorentscheidung. Die politische Debatte aber bleibt weit hinter dem Tempo der Entwicklungen zurück. Dabei geht es längst um mehr als Technik: Es geht um Macht, Freiheit und die Zukunft einer offenen Gesellschaft. Es ist an der Zeit, dass sich die Politik konkret mit dem Thema KI und Digitalisierung beschäftigt. Das heiß nicht nur irgendwelche Lippenbekenntnisse formulieren, sondern die Bürger aufklären.
Hinter Schlagworten wie „digitale Teilhabe für alle“, „effiziente Verwaltung“ und „moderne Kommunikation“ baut sich ein Überwachungsapparat auf, wie ihn sich selbst Orwell kaum ausmalen konnte. Jeder Klick, jede Bewegung, jede Zahlung: registriert, gespeichert, bewertet. Ohne richterlichen Beschluss, ohne politische Kontrolle, oft ohne Bewusstsein der Betroffenen.
Noch immer wiegt sich ein Großteil der Bevölkerung in Sicherheit. Der Satz „Ich habe doch nichts zu verbergen“ ist zur Lebenslüge einer Gesellschaft geworden, die ihre Freiheit gegen Bequemlichkeit eintauscht. Doch wer so denkt, versteht nicht, wie Macht heute funktioniert. Nicht der einzelne Akt ist entscheidend, sondern das Muster. Nicht der Inhalt, sondern die Verbindung. Und dieses Bild wird gewertet, gespeichert, weiterverkauft, oder im schlimmsten Fall: missbraucht.
Reale Beispiele für Überwachung und Kontrolle
- Ein Mann in der Provinz trifft eine Frau in einem politischen Forum. Sie diskutieren über die Bundeswehr, über Waffenlieferungen. Was er nicht weiß: Sie stand einst auf einer internen Liste, weil sie Kontakte zu einer als „linksextrem“ eingestuften Gruppe hatte. Jahre später fällt sein Name in einem digitalen Raster auf. Kein Verbrechen, kein Verdacht, nur eine Verbindung. Es kommt zur Hausdurchsuchung. Der Grund? „Hinweise auf sicherheitsrelevante Kontakte“.
- Eine Journalistin schreibt kritisch über die europäische Rüstungspolitik. Wochen später wird ihr Konto bei einer Online-Bank gekündigt. Ohne Angabe von Gründen. Sie fragt nach, erhält nur vage Formulierungen: „Wir behalten uns das Recht vor…“ Intern heißt es: Reputationsrisiko.
- Ein Rentner googelt Medikamente gegen Demenz. Zwei Tage später wird seine Krankenkasse aktiv. „Frühintervention“, heißt es. Ein KI-gestützter Algorithmus habe einen Risikohinweis generiert. Beratungsgespräch, verpflichtend.
Gesetzesinitiativen und ihre Gefahren
Die EU arbeitet an einem Gesetz zur Durchsuchung privater Kommunikation, angeblich um Kindesmissbrauch zu bekämpfen. Tatsächlich würde dieses Gesetz das Ende der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bedeuten. Ein Dammbruch, wie ihn selbst China bislang nicht vollzogen hat.
Gleichzeitig plant die Europäische Zentralbank ein digitales Zentralbankgeld. „Digital Euro“ nennt sich das Projekt. Offiziell freiwillig, aber mit einer Infrastruktur, die eine umfassende Überwachung aller Transaktionen ermöglicht.
Lesen Sie auch: Das weibliche Gehirn im Vergleich zum Internet
Die Rolle der Medien
Die Medien tragen ihren Teil dazu bei. Statt zu hinterfragen, wird bestätigt. Statt aufzuklären, wird verharmlost. Der Journalismus hat sich von der Macht distanziert, aber nicht von der Machtlogik. Kritik an Überwachung gilt schnell als „schwurblerisch“. Zweifel an Digitalgesetzen als „reaktionär“. Und so wird aus Technik ein Dogma. Wer nicht mitmacht, ist verdächtig.
Was tun gegen den Kontrollverlust?
Wir müssen fordern, was selbstverständlich sein sollte: Ein Recht auf analoges Leben. Auf Offline-Sein. Auf Bargeld. Auf Verschlüsselung. Auf Datenschutz, der nicht nur auf dem Papier steht. Wir brauchen Medien, die wieder fragen. Politiker, die wieder denken. Und Bürger, die verstehen, dass Freiheit nicht darin besteht, keine Geheimnisse zu haben, sondern das Recht, welche zu besitzen.
Populärpsychologie und die "Verramschung" der Seele
Diana Pflichthofer kritisiert in "Die Psycho-Industrie", dass populäre Psychologen wie Stefanie Stahl, Leon Windscheid oder Eckart von Hirschhausen therapeutische Konzepte trivialisieren, Betroffene vorführen oder bequeme »Tools« fürs Seelenwohl präsentieren.
Oft werden Methoden, die Zeit und Mühe kosten, als kinderleichte Fünf-Minuten-Tricks verkauft, die das Gehirn »umprogrammieren«. Doch andererseits ist es durchaus legitim, schnelle Besserung alltäglicher Nöte zu suchen. Und man kann umgekehrt mit psychoanalytischer Begriffshuberei ewig tief schürfen, ohne einen Schritt voranzukommen. Was lange währt, lässt auch lange die Kasse klingeln.
Auf dem Markt der Seelenhilfe ist für fast jeden Geschmack etwas dabei: vom schnellen Lifestyle-Hack über esoterische Heilsversprechen bis zur endlosen Selbstbeschau der eigenen unbewussten Verletzungen. Es verkauft sich eben gut, was die Leute gerne hören und was die Illusion überlegenen Wissens erzeugt.
Lesen Sie auch: Ethische Implikationen des Gehirn-Uploads
Alternativen zum Kapitalismus: Die Gemeinwohl-Ökonomie
Christian Felber schlägt eine Gemeinwohl-Ökonomie als Alternative zum Kapitalismus vor. In dieser Ökonomie soll es nicht nur um Profit und Konkurrenz gehen, sondern um Kooperation. Das Ziel soll das Gemeinwohl sein.
Felber kritisiert, dass in der klassischen Betriebswirtschaftslehre das Geld und die Vermehrung des Kapitals zum Zweck des Wirtschaftens geworden sind, während das Gemeinwohl das eigentliche Ziel sein sollte. Er versucht, das Kapital und das Geld wieder auf seinen Platz zu verweisen, nämlich als Mittel des Wirtschaftens.
Kernpunkte der Gemeinwohl-Ökonomie
- Gemeinwohl als Ziel: Das Ziel des Wirtschaftens soll nicht die Kapitalmehrung sein, sondern die Mehrung des Gemeinwohls.
- Kooperation statt Konkurrenz: Unternehmen sollen nicht maximal wachsen und gegeneinander agieren, sondern mit anderen gemeinsam agieren und ihre optimale Größe einnehmen.
- Ethische Verantwortung: Auch eine finanzielle Insolvenz ist eine ethische Insolvenz, weil hinter der gesetzlichen Verordnung „du musst eine Finanzbilanz hinterlegen und sie muss positiv sein über die Zyklen“ eine ethische, moralische Anforderung des Gesetzgebers steht.
- Gemeinwohl-Bilanz: Unternehmen sollen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, die bewertet, wie sich die unternehmerischen Aktivitäten in allen Bereichen auf die Menschenwürde, auf die Gerechtigkeit, auf die Solidarität, auf die ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie auswirken.
Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie
- Unternehmen, die eine geringere Ungleichheit haben, sollen positive steuerliche Anreize erhalten.
- Je besser das Gemeinwohl-Bilanzergebnis, desto geringer der Steuersatz, desto geringer die Zollhöhe oder desto einfacher der Marktzugang, Vorrang im öffentlichen Einkauf, günstigere Kredite.
- Je schlechter das Gemeinwohl-Bilanzergebnis, desto teurer ist das, so dass im Effekt die ethischen verantwortungsvollen und bewussten Produkte und Dienstleistungen für die Endverbraucher*innen preisgünstiger sind, als die weniger ethischen Produkte.
tags: #das #internet #verramscht #unser #gehirn