Ein Schlaganfall kann eine Vielzahl von gesundheitlichen Problemen verursachen, darunter auch Inkontinenz. Nahezu jeder zweite Schlaganfallpatient leidet unmittelbar nach dem Ereignis an einer Harninkontinenz. Dieser Artikel befasst sich mit den Ursachen, Diagnose und verschiedenen Behandlungsansätzen von Inkontinenz nach einem Schlaganfall, insbesondere im Zusammenhang mit Hemiplegie (Halbseitenlähmung).
Einführung
Ein Schlaganfall ist eine Durchblutungsstörung des Gehirns, die zu einer Funktionsstörung der betroffenen Gehirnareale führt. Es gibt zwei Hauptformen des Schlaganfalls: die Mangeldurchblutung (80 Prozent der Fälle) und die Blutung (20 Prozent der Fälle). Die Folgen eines Schlaganfalls hängen von der Art und dem Ausmaß der Schädigung ab. Am häufigsten sind Lähmungen die Folge, oft als Halbseitenlähmung (Hemiplegie) rechts bei linksseitigem Schlaganfall oder links bei rechtsseitigem Schlaganfall. Da das Gehirn auch an der Steuerung der Harnspeicherung und Harnentleerung beteiligt ist, können auch hier Ausfälle auftreten, die zu Inkontinenz führen.
Ursachen von Inkontinenz nach Schlaganfall
Die Kontrolle über die Blase kann nach einem Schlaganfall verloren gehen, was zu einer Überaktivität der Blase mit häufigem und zwanghaftem Wasserlassen führen kann. In der Frühphase besteht die Gefahr, dass die Blase durch Harnverhalt überdehnt wird, was sich zu einer Dranginkontinenz entwickeln kann.
Es gibt verschiedene Arten von Inkontinenz, die nach einem Schlaganfall auftreten können:
- Harninkontinenz: Unwillkürlicher Verlust von Urin. Zu den Symptomen gehören ein starker Drang zum Wasserlassen (Dranginkontinenz) oder der Abgang von Harn beim Lachen oder Niesen (Stressinkontinenz).
- Stuhlinkontinenz: Unkontrollierbarer Abgang von Stuhl. Charakteristisches Symptom ist, dass Darminhalt, ohne dass Betroffene es kontrollieren können, aus dem After abgeht.
Die Schädigung des Gehirns durch den Schlaganfall kann die Nervenbahnen unterbrechen, die für die Kontrolle der Blasen- und Darmfunktion verantwortlich sind. Dies kann dazu führen, dass der Betroffene den Harndrang nicht mehr rechtzeitig wahrnimmt oder den Schließmuskel nicht mehr kontrollieren kann. Auch eine bestehende Prostatavergrößerung kann bei Männern zu Blasenentleerungsstörungen führen. Übergewicht und Obstipation (Verstopfung) können zusätzlichen Druck auf den Beckenboden ausüben und die Inkontinenz verstärken.
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Auswirkungen von Inkontinenz auf Betroffene
Inkontinenz kann erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben. Sie kann zu Schamgefühlen, psychischem Stress und sozialer Isolation führen. Die Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen kann beeinträchtigt werden, und das Selbstwertgefühl kann leiden. Depressionen sind häufige Begleiterscheinungen.
Diagnose von Inkontinenz nach Schlaganfall
Um die Ursache der Inkontinenz zu ermitteln und die geeignete Behandlung zu planen, sind verschiedene diagnostische Maßnahmen erforderlich:
- Anamnese: Ausführliches Gespräch mit dem Arzt über Häufigkeit, Dauer und Art der Inkontinenz.
- Körperliche Untersuchung: Untersuchung des Beckenbodens und der Genitalregion.
- Miktionsprotokoll: Aufzeichnung der Trinkmenge, der Toilettengänge und des ungewollten Harnverlusts über einen bestimmten Zeitraum.
- Urinuntersuchung: Ausschluss von Harnwegsinfektionen.
- Ultraschalluntersuchung: Beurteilung der Blase und der Nieren.
- Urodynamische Untersuchung: Messung der Blasenfunktion.
- Rektoskopie und Koloskopie: Spiegelung des Mastdarms und des Dickdarms zur Erkennung von Auffälligkeiten.
- Defäkographie: Röntgenuntersuchung der Darmentleerung.
- Neurologische Untersuchungen: Überprüfung der Nervenfunktion im Beckenbodenbereich.
Behandlungsansätze bei Inkontinenz nach Schlaganfall
Die Behandlung von Inkontinenz nach Schlaganfall zielt darauf ab, die Kontrolle über die Blasen- und Darmfunktion wiederherzustellen oder zumindest die Symptome zu lindern. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die je nach Art und Ursache der Inkontinenz eingesetzt werden können:
Allgemeine Maßnahmen
- Anpassung des Wohnumfelds: Sicherstellen, dass die Toilette leicht erreichbar ist. Gegebenenfalls Toilettensitzerhöhung oder Haltegriffe installieren.
- Flüssigkeitsmanagement: Ausreichende Trinkmenge (1,5 bis 2 Liter pro Tag), aber Reduktion von harntreibenden Getränken wie Kaffee und Alkohol.
- Ernährungsumstellung: Ballaststoffreiche Ernährung zur Vermeidung von Verstopfung.
- Hautpflege: Sorgfältige Reinigung und Pflege der Haut im Intimbereich, um Hautirritationen und Infektionen vorzubeugen. pH-neutrale Waschlotionen verwenden und auf parfümierte Produkte verzichten.
Spezifische Therapien
- Blasentraining: Ziel ist es, das Füllungsvolumen der Blase zu vergrößern und den Harndrang besser kontrollieren zu können. Der Patient wird angehalten, die Toilettengänge hinauszuzögern und die Blase nur zu bestimmten Zeiten zu entleeren.
- Beckenbodentraining: Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, um die Blase und den Darm besser zu stützen. Beckenbodentraining ist Aufgabe der Physiotherapeuten.
- Toilettentraining: Regelmäßige Toilettengänge zu bestimmten Zeiten, um die Blasen- und Darmentleerung zu trainieren.
- Elektrostimulation: Stimulation der Beckenbodenmuskulatur mit elektrischen Impulsen.
- Medikamentöse Therapie: Einsatz von Medikamenten zur Entspannung der Blasenmuskulatur (z.B. Anticholinergika) oder zur Stärkung des Schließmuskels (z.B. Alpha-Sympathomimetika). Bei Männern mit Prostatavergrößerung können Alphablocker eingesetzt werden.
- Sakrale Nervenstimulation: Implantation einer Elektrode zur Stimulation der Sakralnerven, die die Blasen- und Darmfunktion steuern.
- Anale Irrigation: Regelmäßige Darmspülung zur Entfernung von Stuhl und Vermeidung von unkontrolliertem Stuhlabgang.
- Operative Maßnahmen: In seltenen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, z.B. zur Korrektur einer Prostatavergrößerung oder zur Rekonstruktion des Beckenbodens.
Hilfsmittel
- Inkontinenzvorlagen und -hosen: Saugfähige Materialien zum Auffangen von Urin oder Stuhl. Es gibt verschiedene Größen und Saugstärken für unterschiedliche Bedürfnisse.
- Kondomurinale: Für Männer mit Harninkontinenz. Ein Kondomurinal wird über den Penis gestülpt und mit einem Urinbeutel verbunden.
- Urinbeutel: Zum Auffangen von Urin bei Bettlägerigkeit oder eingeschränkter Mobilität.
- Toilettenstuhl: Für Menschen, die nicht mehr selbstständig die Toilette aufsuchen können.
- Bettpfannen und Urinflaschen: Für bettlägerige Patienten.
- Speziell angepasste Kleidung: Kleidung, die Inkontinenzhilfsmittel kaschiert und leicht an- und auszuziehen ist.
Weitere unterstützende Maßnahmen
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der Bewältigung der psychischen Belastung durch die Inkontinenz.
- Ergotherapie: Training vonAlltagsfähigkeiten und Anpassung des Wohnumfelds.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen, die häufig nach einem Schlaganfall auftreten.
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen.
Pflegeplanung bei Inkontinenz nach Schlaganfall
Eine umfassende Pflegeplanung ist entscheidend für die erfolgreiche Behandlung von Inkontinenz nach Schlaganfall. Die Pflegeplanung sollte individuell auf die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sein und folgende Aspekte berücksichtigen:
- Erhebung des Ist-Zustands: Erfassung der Art und des Ausmaßes der Inkontinenz, der Begleiterscheinungen und der individuellen Bedürfnisse des Patienten.
- Festlegung von Zielen: Formulierung realistischer Ziele, z.B. Reduktion des ungewollten Harnverlusts, Verbesserung der Hautgesundheit, Erhöhung des Selbstwertgefühls.
- Planung von Maßnahmen: Auswahl geeigneter Maßnahmen zur Erreichung der Ziele, z.B. Blasentraining, Beckenbodentraining, medikamentöse Therapie, Anpassung des Wohnumfelds.
- Durchführung der Maßnahmen: Umsetzung der geplanten Maßnahmen durch das Pflegepersonal, den Patienten und die Angehörigen.
- Evaluation der Ergebnisse: Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen und Anpassung der Pflegeplanung bei Bedarf.
Tipps für den Umgang mit Inkontinenz im Alltag
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt und Ihrem Pflegepersonal über Ihre Inkontinenzprobleme.
- Selbsthilfe: Informieren Sie sich über Inkontinenz und suchen Sie Kontakt zu Selbsthilfegruppen.
- Akzeptanz: Akzeptieren Sie Ihre Inkontinenz und konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Sie noch tun können.
- Humor: Behalten Sie Ihren Humor und lassen Sie sich nicht von der Inkontinenz unterkriegen.
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