Die Frage, ob und wie sich das weibliche Gehirn vom männlichen unterscheidet, beschäftigt die Wissenschaft seit Langem. Neurowissenschaftliche Studien liefern faszinierende Einblicke, werden aber oft auch als Projektionsfläche für Geschlechterklischees missverstanden. Daher ist es wichtig, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und zu berücksichtigen, dass jedes Gehirn einzigartig ist.
Multitasking: Mythos oder Realität?
Die Vorstellung, dass Frauen besser im Multitasking sind als Männer, ist weit verbreitet. Meinungsumfragen scheinen dies zu bestätigen, doch wissenschaftliche Beweise dafür sind rar. Der Neurobiologe Gerald Hüther glaubt, dass Frauen lediglich auf sensorischer Ebene besser darin sind, mehrere Dinge parallel zu tun, was auf Übung zurückzuführen sei. Ernst Pöppel hingegen hält Multitasking physiologisch für unmöglich, da das Gehirn sich immer nur auf einen Sachverhalt im Zentrum des Bewusstseins konzentrieren könne. Studien zeigen, dass der Versuch, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, zu Zeitverlust, sinkender Wahrnehmung und erhöhter Fehlerquote führt.
Strukturelle Unterschiede im Gehirn?
Eine aufwändige Studie der University of Pennsylvania untersuchte den Verlauf der Nervenfasern im Gehirn von Frauen und Männern. Dabei zeigte sich, dass bei Frauen die beiden Hirnhälften im Schnitt stärker miteinander verknüpft waren, während Männer eine engere Vernetzung innerhalb der Hemisphären aufwiesen. Diese Ergebnisse wurden in den Medien jedoch oft überinterpretiert und als Beleg für stereotype Geschlechterunterschiede dargestellt. Die Wissenschaftlerinnen Cliodhna O’Connor und Helene Joffe kritisierten, dass in vielen Artikeln vor allem betont wurde, dass sich Männer- und Frauenhirne grundlegend unterscheiden, ohne dies näher zu erläutern.
Essenzialismus und die Überbetonung von Unterschieden
Die Psychologin Gina Rippon von der Aston University in Birmingham bemängelt, dass die gegenwärtige Forschungskultur dazu verführe, Geschlechterunterschiede zu überbetonen. Sie macht dafür unter anderem eine kognitive Voreinstellung verantwortlich, die als Essenzialismus bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass bestimmte Eigenarten fest in der Natur des Menschen verankert und nicht (oder kaum) durch äußere Faktoren veränderbar seien. Rippon betont, dass kein Individuum ein eindeutig "männliches" oder "weibliches" Gehirn besitze und dass die Plastizität des Nervensystems es problematisch mache, von dem Männer- oder dem Frauenhirn zu sprechen.
Der Einfluss von Lernumwelten
Männer und Frauen sind oft unterschiedlichen Lernumwelten ausgesetzt, beispielsweise bedingt durch die jeweilige Studien- und Berufswahl. Daher lässt sich bei Erwachsenen kaum bestimmen, woher ein entdeckter neuronaler Unterschied rührt - von den Genen oder von der Umwelt. Vielmehr prägt uns stets ein enges Wechselspiel aus beidem. Die Wissenschaftssoziologin Hanna Fitsch von der TU Berlin betont, dass beim Einsatz bildgebender Verfahren eine Vielzahl von Entscheidungen vorab getroffen werden muss, was den Deutungsspielraum vergrößert.
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Publikationsbias und stereotype Vorstellungen
Die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine von der University of Melbourne kritisiert, dass in der Geschlechterhirnforschung oft gezielt auf Geschlechterunterschiede hin getestet werde, selbst wenn es dafür gar keinen ersichtlichen Grund gebe. Sie weist auf das Problem des Publikationsbias hin, wonach statistisch signifikante Unterschiede zwischen Probandengruppen in wissenschaftlichen Fachjournalen mit größerer Wahrscheinlichkeit veröffentlicht werden als so genannte Nullbefunde. Dies verstärke letztlich geschlechtsspezifische Rollenbilder.
Die Gegenposition: Vernachlässigung von Unterschieden?
Der Neurowissenschaftler Larry Cahill von der University of California in Irvine vertritt die Ansicht, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Gegenteil zu wenig betont würden. Seiner Meinung nach werden geschlechtsspezifische Besonderheiten bei neurologischen Erkrankungen oft vernachlässigt. Er argumentiert, dass zu oft männliche Gehirne als Standard für "das Gehirn" schlechthin herhalten, während die Merkmale des weiblichen Gehirns lediglich als Sonderfall betrachtet würden.
Geschlecht und Gender: Eine wichtige Unterscheidung
Für das deutsche Wort "Geschlecht" gibt es im Englischen zwei mögliche Übersetzungen: "Sex" betont den biologischen Aspekt, während "gender" die psychosoziale Perspektive bezeichnet, beispielsweise die gesellschaftlich vermittelte Vorstellung über Männlichkeit und Weiblichkeit. Es ist wichtig, diese beiden Aspekte auseinanderzuhalten, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Biologie und sozialer Prägung zu verstehen.
Neurofakten und Geschlechterklischees
Unabhängig davon, wie viel Geschlecht tatsächlich im Gehirn steckt, haben kurzweilige "Neurofakten" in der populärwissenschaftlichen Literatur Konjunktur. Alte Klischees werden plötzlich wieder attraktiv, wenn sie (und sei es auch nur scheinbar) mit neurowissenschaftlichen Befunden unterfüttert werden. Sobald sich ein Phänomen neuronal aufzeigen lässt, erscheint es glaubwürdiger, fassbarer, wahrer.
Die Rolle sozialer Repräsentationen
Einer Theorie zufolge interpretieren wir neue Reize stets im Licht so genannter sozialer Repräsentationen - also gemeinschaftlich geteilter Ideen und Überzeugungen. Diese sorgen dafür, dass wir abstrakte Wissensinhalte in ein bestehendes Wertesystem integrieren. Wer einer essenzialistischen Weltsicht verhaftet ist, liest also wissenschaftliche Texte durch eine "Essenzialismusbrille".
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Die Wechseljahre und das weibliche Gehirn
Auch die Wechseljahre bringen Veränderungen im weiblichen Gehirn mit sich. Hormonschwankungen, insbesondere der sinkende Östrogenspiegel, können zu Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und dem sogenannten "brain fog" führen. Studien haben gezeigt, dass das Volumen der grauen Substanz in Bereichen des Gehirns, die mit Aufmerksamkeit, Konzentration, Sprache und Gedächtnis zu tun haben, bei menopausalen Frauen kleiner sein kann. Allerdings betonen Forscher, dass diese Veränderungen nicht mit Demenz zu verwechseln sind.
Was hilft bei Wechseljahresbeschwerden?
Zur Linderung schwerer Hitzewallungen tragen nachweislich sogenannte bioidentische Hormone bei. Ein nichthormonelles Präparat, das die Thermoregulation im Gehirn verbessern soll, wurde ebenfalls zugelassen. Bewegung und ein gesunder Lebensstil werden von Expertinnen und Experten empfohlen, um die Symptome der Wechseljahre zu lindern.
Sensorische Wahrnehmung: Unterschiede zwischen Mann und Frau?
Studien haben gezeigt, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der sensorischen Wahrnehmung gibt. Frauen sind beispielsweise besser in der Lage, reine Töne zu erkennen und schwache Gerüche zu identifizieren. Männer hingegen können Chinin besser identifizieren. Allerdings sind die Unterschiede oft gering und nicht immer statistisch signifikant.
Die Vielfalt der Gehirne
Die Hirnforschung ist ein spannendes Feld, das uns immer wieder neue Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Gehirns liefert. Es ist jedoch wichtig, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und zu berücksichtigen, dass jedes Gehirn einzigartig ist. Die Vorstellung, dass es ein typisch männliches oder weibliches Gehirn gibt, ist zu einfach und wird der Vielfalt der menschlichen Gehirne nicht gerecht.
Multitasking im Detail
Die Kunst, vieles gleichzeitig zu tun, steht hoch im Kurs. Zahlreiche repräsentative Untersuchungen zeugen davon. So ergab eine Studie der Partnervermittlungsagentur Elite-Partner mit mehr als 10 000 deutschsprachigen Singles, dass drei Viertel der Frauen „Multitasker“ waren, aber nicht einmal die Hälfte der Männer. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine von der Firma Intel in Auftrag gegebene Befragung: Männer widmen sich lieber nur einer Sache, während Frauen es vorziehen, sich mit unterschiedlichen Dingen zugleich zu beschäftigen. Der Begriff stammt aus der Informatik und bedeutet dort, dass ein Betriebssystem mehrere Prozesse in sehr kurzen Abständen abwechselnd aktiviert und damit scheinbar gleichzeitig bewerkstelligt. Die Meinungsumfragen liefern allerdings keine Beweise für die Multitasking-Fähigkeit bei Menschen. Und wissenschaftlich ist nicht erwiesen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern auf verschiedenen Baustellen gleichzeitig agieren können. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther glaubt zwar, dass Frauen besser darin sind, mehrere Dinge parallel zu tun - allerdings: „ Sie können es nur auf der sensorischen Ebene und auch da nur, weil Übung die Meisterin macht.“ Als klassisches Beispiel nennt Hüther Mütter, die gleichzeitig ihre drei Kinder im Auge behalten, das Süppchen auf dem Herd vorm Überkochen bewahren und der Freundin am Telefon zuhören. Würden Männer das trainieren, wären sie dazu ebenfalls in der Lage, ist Hüther überzeugt. „Das gibt es gar nicht“, glaubt Ernst Pöppel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians Universität München. „Es ist physiologisch für das Gehirn nicht möglich.“ Jeder Versuch der Gleichzeitigkeit endet dort, wo das Gehirn nicht nur wahrnehmen, sondern auch reagieren muss. „Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann immer nur ein einziger Sachverhalt im Zentrum des Bewusstseins stehen“, sagt Neuropsychologe Pöppel. Wenn das Gehirn bewusst Entscheidungen treffen muss, richtet sich seine Aufmerksamkeit nur auf einen Punkt. Im Hintergrund können Handlungen gleichzeitig ablaufen, die „wir aber nur mit quasi gleitender Aufmerksamkeit verfolgen, wie Musikhören beim Autofahren“, erklärt Pöppel. Wer glaubt, mehreres gleichzeitig erledigen zu können, irrt. In Wirklichkeit springen die Gedanken rasch zwischen den verschiedenen Tätigkeiten hin und her. Die amerikanischen Hirnforscher konfrontierten ihre Studienteilnehmer mit einer Reihe unterschiedlich vertrauter Aufgaben. Die Umstellung auf die neue Anforderung kostete jedes Mal Zehntelsekunden. Je komplizierter die Aufgabenstellung war, desto höher war auch der Zeitverlust. Dazu sanken Wahrnehmung und Reaktionsschnelligkeit, während gleichzeitig die Fehlerquote stieg. Löste eine der Tätigkeiten dazu noch starke Emotionen aus, sank die Konzentrationsfähigkeit bei den anderen Aufgaben gegen Null. Das Ergebnis: Wer sich nicht mindestens zehn Minuten am Stück auf eine Sache konzentriert und sich ihr ohne Unterbrechung widmet, braucht für alles bedeutend länger. Was Meyer und Evans herausgefunden haben, lässt sich immer wieder im Alltag beobachten. Der Aachener Psychologieprofessor Iring Koch wurde an der Supermarktkasse fündig: „Es lagen drei Milchpackungen auf dem Band, die die Kassiererin stereotyp über den Scanner ziehen musste. Bei der ersten funktionierte das problemlos - doch dann klingelte das Telefon“, erzählt er. „Sie ging dran, und dabei stockte selbst eine so simple Aufgabe wie das Scannen der Ware. Telefonieren und dabei gleichzeitig Milchtüten übers Band ziehen - damit war das Gehirn schon überfordert.“ Erstaunt hat den Psychologen diese Beobachtung nicht. Seit über zehn Jahren forscht und publiziert Iring Koch zur „Interferenz in Doppelaufgaben“, wie das Multitasking im Fachjargon genannt wird. Immer wieder hat er dabei festgestellt: Selbst scheinbare Gleichzeitigkeit erzeugt Probleme. Und nicht nur das: Die überwiegende Mehrheit der Menschen - Männer wie Frauen - fühlt sich durch parallel anfallende Aufgaben gestresst. „Auch wenn die Leistung konstant bleibt, nehmen die Menschen so etwas meist als anstrengender wahr“, erklärt Koch. Doch es gibt Menschen, die diese Form der Arbeit schätzen, weil sie es lieben, immer neue Reize zu spüren. Solche Menschen haben verkürzte Aufmerksamkeitsspannen, fanden Psychologen von der Harvard University heraus. Sie „zappen“ zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her und wollen gar keine langfristigen Projekte, weil sie sich auf deren Inhalt nicht einlassen und konzentrieren können. Doch diese „ Multitasking-Junkies“ sind in der Minderheit. Die meisten Angestellten leiden vielmehr darunter, dass ihr Arbeitsplatz ihnen nicht die Möglichkeit gibt, sich konzentriert jeweils einer Aufgabe zu widmen. „Die Firmen täten besser daran, den Multitasking-Druck, der auf den Angestellten lastet, zu vermindern“, meint Psychologe Koch. Davon würden alle profitieren: die Firmen, weil weniger Fehler gemacht und engagierter gearbeitet würde - und die Mitarbeiter, weil sie weniger gestresst und somit weniger krankheitsanfällig wären. „Dieses Nacheinander lässt sich leicht erlernen“, meint Koch. Und mit ein bisschen Übung können es Männer und Frauen dabei gleich weit bringen. Im letzten Teil haben wir uns intensiv mit der Anatomie und Funktionsweise des Gehirns befasst und nach Geschlechterunterschieden gesucht.
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- Es gibt Geschlechterunterschiede im Gehirn, doch diese sind eher gering, es gibt große Überlappungen und die Unterschiede zwischen zwei Männern können u. U.
- Wenn es Unterschiede gibt, heißt es noch lange nicht, dass diese Unterschiede “angeboren” sein müssen. Da unser Gehirn plastisch ist, reagiert es auch auf seine Umwelt (und bei Menschen besonders auf das soziale Umfeld und die Kultur) und kann sich entsprechend anpassen.
- Damit sind die Unterschiede auch nicht starr: z. b.
- Wenn sich Unterschiede finden, heißt das bei Weitem nicht, dass diese Unterschiede irgendeine Qualität haben. Unterschiede sind erst einmal eines: nämlich nur Unterschiede.
- Unterschiede in der Persönlichkeit lassen sich nicht mit Unterschieden in der Gehirnstruktur in Verbindung bringen. Zwar haben die unterschiedlichen Gehirnareale verschiedene Aufgaben. Doch selbst die kleinste Tätigkeit (z. b. den Namen mit einem Stift auf Papier schreiben) erfordert die Koordination unterschiedlicher Hirnareale: Sehzentrum (sehe ich den Stift und das Papier?), Sprachzentrum (kenne ich meinen Namen?), motorisches Zentrum (kann ich den Stift festhalten?), Erinnerungsvermögen (erinnere ich mich an meinen Namen?), Emotionen (welche Gefühle habe ich, wenn ich meinen Namen schreibe?), Stammhirn (ich muss immer noch atmen können) etc. sind erforderlich, um den eigenen Namen aufzuschreiben. Folgerichtig müssen auch bei unserer Persönlichkeit und unserer Identität mehrere Hirnregionen miteinander koordiniert sein. Es lässt sich also an der Struktur des Hypothalamus z. B. kein “Transsexuellen-Gehirn” festmachen.
- Hirnregionen können einander kompensieren. Kleinere Hirnareale können ihre “Defizite” dadurch ausgleichen, dass sie z. B.
- Unabhängig davon, ob man die Unterschiede zwischen Männerhirnen und Frauenhirnen übertreibt oder herunterspielt, liefern beide Versionen keine nennenswerten Argumente für die Queer-Theorie. Wenn es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirnen gibt, so kann die Behauptung, dass man ein Frauenhirn in einem Männerkörper (oder umgekehrt) haben kann, nicht richtig sein. Sollten jedoch sehr große Unterschiede bestehen, dann ist z. B. ein Mann, der sich „weiblicher“ fühlt, lediglich jemand der vom statistischen Durchschnittswert abweicht, aber immer noch ein Mann.
Sinnliche Wahrnehmung im Vergleich
Abb. 1: Wie verschieden nehmen Mann und Frau die Umwelt wahr? Wir fangen an dieser Stelle mit dem Fundamentalsten an: unseren Sinneswahrnehmungen. BAKER (1987) untersuchte verschiedene geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Obwohl die Studie über zwei Jahrzehnte alt ist, gehört sie zu den am besten dokumentierten Arbeiten geschlechtsspezifischer Unterschiede sensorischer Systeme, die sich auch durch aktuelle Studien belegen lassen. Beim Hören sind Frauen z. B. besser in der Lage, reine Töne (Töne einer Frequenz) im Kindesalter und zum größten Teil im Erwachsenenalter zu erkennen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass erwachsene Frauen für höhere Frequenzen empfindlicher sind als Männer und Mädchen haben im Schulalter niedrigere Hörschwellen als Jungen. Dies bedeutet, dass sie schwache Töne besser hören können. Aber hier ist anzumerken, dass die Unterschiede zwar messbar, aber sehr gering sind und dazu statistisch nicht immer signifikant, da es große Überschneidungen gibt (vgl. Der Hörverlust bei US-amerikanischen Männern im Alter von 70 - 89 als bei Frauen im selben Alter (PRATT, KULLER, TALBOTT, McHUGH-PEMU, BUHARI & XIAOHUI 2009). Der größere Hörverlust bei Männern in diesem Alter lässt sich aber auch teilweise durch die Lebensumstände erklären: Rauchen, Lärm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirken sich negativ auf das Hörvermögen aus und bei vielen dieser kausalen Faktoren sind Männer in den USA häufiger betroffen als Frauen. Beispielsweise zeigt eine vergleichbare Studie aus China, die sich mit auditorischen Funktionsproblemen zwischen dem 65. und 90. In einer umfangreichen Studienreihe berichtet MCFADDEN (1998, 2008) eine breite Palette von geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der auditorischen Wahrnehmung. So gibt es z. B. Unterschiede bei Geschlechtern, wenn zwei Töne mit geringfügig unterschiedlichen Frequenzen für jedes Ohr separat präsentiert werden (sog. Binaurales Hören). Frauen haben auch stärkere otoakustische Emmissionen als Männer. Darunter versteht man akustische Aussendungen des Ohrs, die retrograd, d. h. entgegen der Richtung bei der Schallwahrnehmung, über den Weg Gehörknöchelchen und Trommelfell in den Gehörgang gelangen und dort mit Hilfe von hochempfindlichen Messmikrofonen aufgenommen werden können. Weil sich diese Unterschiede auch bei Neugeborenen finden, geht man davon aus, dass diese Unterschiede nicht umweltbedingt erzeugt werden (vgl. BIERINGER 2007). Man sollte aber auch hier in Betracht ziehen, dass auch Ungeborene im Mutterleib akustische Signale wahrnehmen. Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, welches sich im Embryo entwickelt. Embryonen nehmen nicht nur den Herzschlag und die Stimme der Mutter wahr, sondern auch die Stimmen anderer Personen und z. B. klassische Musik. Auch ein Neugeborenes nimmt sofort nach der Geburt seine Umwelt wahr und verändert seine Nervenverbindungen. Neugeborene sind somit keineswegs isoliert von Umwelt und Erziehung zu betrachten, auch wenn es durchaus nicht auszuschließen ist, dass die auditorischen Unterschiede sich dem Einfluss der Umwelt und der Erziehung entziehen. Ein sensorisches System, bei dem Frauen einen klaren Vorteil zu haben scheinen, ist die Fähigkeit, schwache Gerüche zu erkennen. Obwohl Frauen empfindlicher auf Geruchsstoffe reagieren und diese besser identifizieren und unterscheiden können (wenn man weiß, dass zwei sehr ähnliche Gerüche tatsächlich verschieden sind), und sich an Gerüche besser erinnern können, sind die Unterschiede in der Regel recht klein (DOTY & CAMERON 2009). Der weibliche Vorteil bei der Geruchserkennung erstreckt sich über die gesamte Lebensdauer (DOTY, SCHAMANE, APPLEBAUM, GIBERSON, SIKORSKY & RROSENBERG 1984). In einer kürzlich durchgeführten Studie über Riechfähigkeiten im Kindesalter haben Forscher herausgefunden, dass die Fähigkeit, Gerüche zu erkennen und zu identifizieren, mit zunehmendem Alter der Kinder zwischen 4 und 12 Jahren zunimmt und Mädchen besser abschnitten als Jungen (MONNERY-PATRIS, ROUBY, NICKLAUS & ISSANCHOU2009). Die Forscher glauben, dass eine mögliche Erklärung für die überlegenen Fähigkeiten von Mädchen darin bestehe, dass diese eine bessere verbale Fähigkeiten besitzen als gleichaltrige Jungen und daher scheint ein Vorteil bei einer olfaktorischen Aufgabe tatsächlich ein Unterschied in den verbalen Fähigkeiten zu sein. Sie waren eher in der Lage, Gerüche zu bezeichnen und sich an die Marken zu erinnern. Beim Vergleich von Jungen und Mädchen, die die gleichen sprachlichen Fähigkeiten besaßen, verschwand der Vorteil, die Mädchen bei olfaktorischen Aufgaben gezeigt hatten. Der Unterschied liegt also nicht im olfaktorischen System, sondern in der Art und Weise, wie Frauen und Männer unterschiedliche Gerüche mit deren Erinnerung an bestimmte Marken in Verbindung bringen. Aus dieser einen Studie lässt sich nicht ableiten, dass Männer und Frauen gleich gut riechen können (Frauen sind da etwas besser, wie DOTY & CAMERON (2009) zeigen. In einem Übersichtsartikel über Sexualität und Alterungseffekte bei der Geschmackswahrnehmung berichtet MOJET (2004), dass in vielen Studien Geschlechtsunterschiede beschrieben wurden, wobei Männer mehr Fehler als Frauen bei der Erkennung des Grundgeschmacks von sauer, süß, salzig und bitter machten. Wenn Unterschiede in der Geschmackswahrnehmung gefunden werden, sind Frauen im Allgemeinen empfindlicher für unterschiedliche Geschmäcker, aber es gibt viele Forscher, die keine Geschlechtsunterschiede fanden. In ihren eigenen Studien fand Mojet, dass Frauen die Intensität von Aspartam stärker wahrnehmen als Männer, Männer hingegen Chinin besser identifizieren können. Daher sind einfache Schlussfolgerungen, dass ein Geschlecht immer geschmacksempfindlicher ist, falsch. Andere Beweise zeigen,…