Das männliche Gehirn: Fakten und Mythen

Gibt es wirklich ein typisch männliches Gehirn? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit Langem. Während offensichtliche körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen, ist die Frage, ob sich diese Unterschiede auch in der Funktionsweise des Gehirns widerspiegeln, komplexer.

Anatomische und strukturelle Unterschiede

Es ist unbestreitbar, dass es anatomische Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen gibt. Männer haben im Durchschnitt größere Gehirne als Frauen, was jedoch hauptsächlich auf ihre größere Körpergröße zurückzuführen ist. Das durchschnittliche Gewicht eines weiblichen Gehirns liegt bei etwa 1245 g, während das eines männlichen Gehirns bei etwa 1375 g liegt. Es gibt jedoch keine Verbindung zwischen der Größe des Gehirns und der Intelligenz.

Eine Studie aus dem Jahr 2020 untersuchte die Hirnscans von fast 1.000 Männern und Frauen und stellte fest, dass es tatsächlich einige regionale Unterschiede gibt. Frauen haben tendenziell mehr graue Hirnsubstanz in Regionen wie dem präfrontalen Cortex und dem Scheitel- und Schläfenhirn, die für die Kontrolle von Aufgaben und Impulsen sowie für die Verarbeitung von Konflikten zuständig sind. Männer hingegen haben tendenziell mehr Volumen in hinteren und seitlichen Arealen des Cortex, die für die Erkennung und Verarbeitung von Objekten und Gesichtern verantwortlich sind.

Funktionelle Unterschiede

Neben den strukturellen Unterschieden gibt es auch Hinweise auf funktionelle Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen. Studien haben gezeigt, dass Männer im Durchschnitt eine bessere räumliche Vorstellungskraft haben und besser in Mathematik sind, während Frauen als empathischer gelten.

Eine Studie der Universität Waterloo in Ontario aus dem Jahr 1999 ergab beispielsweise, dass Frauen bei einem schwierigen Mathematiktest im Durchschnitt schlechter abschnitten als Männer, es sei denn, man sagte ihnen zuvor, dass beide Geschlechter in der Vergangenheit gleich gut abgeschnitten hätten. Sobald diese Information gegeben wurde, gab es keinen Unterschied bei den Ergebnissen. Dies deutet darauf hin, dass Geschlechterstereotype einen Einfluss auf die Leistung haben können.

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Der Einfluss von Hormonen

Hormone spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Funktion des Gehirns. Das Y-Chromosom, das nur Männer besitzen, sorgt für die typische männliche Testosteron-Produktion. Testosteron ist für die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich und beeinflusst auch andere Körpermerkmale wie Muskelmasse, Wuchs und Skelettbau.

Schon während der Schwangerschaft wirkt Testosteron auf den männlichen Fötus ein und beeinflusst die Entwicklung des Gehirns. Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht das Gehirn mit einem Orchester, das bei Männern und Frauen mit den gleichen Instrumenten besetzt ist, aber von Anfang an eine etwas andere Musik macht.

Studien haben gezeigt, dass Sexualhormone wie Testosteron und Östrogen die Mikrostruktur des Gehirns beeinflussen können. Eine Studie aus dem Jahr 2024 ergab, dass sich die Mikrostruktur der Gehirnrinde und des Hippocampus von Männern und Frauen regional unterscheidet, und dass diese Unterschiede davon abhängen, ob die Frauen hormonell verhüten und in welcher Phase des Zyklus sie sich befinden.

Nature vs. Nurture

Die Frage, ob Geschlechterunterschiede im Gehirn auf genetische Veranlagung ("nature") oder auf kulturelle und Umwelteinflüsse ("nurture") zurückzuführen sind, ist seit Langem Gegenstand von Debatten. Inzwischen ist klar, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Das Gehirn bildet sich immer so aus, wie man es benutzt und wie es gebraucht wird. Unser digitales Zeitalter hinterlässt also auch in unserem Gehirn seine Spuren. Wenn sich ein Gehirn auf eine bestimmte Weise entwickelt, ist nicht nur die Umwelt verantwortlich, sondern auch die eigene Begeisterung.

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Mythen und Realität

Es gibt viele Mythen über das Gehirn, von denen einige auch Geschlechterunterschiede betreffen. Einige gängige Mythen sind:

  • Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns: Dies ist völliger Unsinn. Moderne Gehirnimaging-Techniken zeigen, dass wir immer und überall unser ganzes Gehirn nutzen.
  • Wir haben 100 Milliarden Nervenzellen: Diese Zahl ist veraltet. Wissenschaftler haben festgestellt, dass wir eher um die 86 Milliarden Gehirnzellen haben.
  • Wir nutzen eine Gehirnhälfte mehr als die andere: Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für Persönlichkeitstypen, die durch die Dominanz einer Gehirnhälfte bestimmt werden.
  • Männliche Gehirne sind biologisch bedingt besser bei Mathematik, weibliche Gehirne sind empathischer: Es gibt kleine anatomische Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen, aber diese Unterschiede basieren eher auf sozialen Normen als auf biologischer Entwicklung.

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