Das Nervensystem der Flussbarbe: Eine anatomische Studie von Georg Büchner

Georg Büchner, bekannt für sein literarisches Werk, war auch ein Naturwissenschaftler. Seine Dissertation von 1836, "Das Nervensystem der Flussbarbe", zeigt seine anatomischen Fähigkeiten und seinen wissenschaftlichen Ansatz. Dieser Artikel beleuchtet Büchners anatomische Forschung, insbesondere seine Arbeit über das Nervensystem der Flussbarbe, und stellt sie in den Kontext seiner Zeit.

Georg Büchner: Dichter und Anatom

Georg Büchner (1813-1837) studierte Medizin in Straßburg und Zürich. Neben seinem literarischen Schaffen widmete er sich intensiv naturwissenschaftlichen Studien. Er war sowohl mit dem "anatomischen als auch dem literarischen Skalpell" tätig, um verborgene Ursachen von Phänomenen aufzudecken. Seine Dissertation über das Nervensystem der Flussbarbe ist ein Zeugnis seiner anatomischen Forschung.

Büchners Studium und wissenschaftliche Interessen

Büchner begann sein Medizinstudium im Wintersemester 1831 an der Universität Straßburg. Er interessierte sich neben den Kernfächern vor allem für vergleichende Anatomie und Zoologie. Seine Neigung zur anatomischen Forschung und zu Präparationstechniken zeigte sich früh. Im Rahmen seines Studiums belegte er Fächer wie Psychologie, Anatomie, Logik, Naturrecht, Naturphilosophie und analytische Chemie.

Die Dissertation: "Das Nervensystem der Flussbarbe"

Büchners Dissertation war das Ergebnis eigener Sektionen und Präparationen. Er versuchte, die Methoden der französischen, empirisch ausgerichteten Naturwissenschaft mit Ansätzen der deutschen romantischen Naturphilosophie zu verbinden.

Inhalt und Aufbau der Dissertation

Die Dissertation lässt sich grob in folgende Teile gliedern:

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  1. Entstehung: Büchner plante die Arbeit zunächst für Weihnachten, dann für das Frühjahr abzuschließen. Fertig wurde sie jedoch erst im April 1836.
  2. Beschreibender Teil: Büchner beschreibt detailliert die Nervenverläufe der Barbe und vergleicht seine Beobachtungen mit der internationalen Fachliteratur.
  3. Philosophischer Teil: Hier beurteilt Büchner die Nerven der Fische im Hinblick auf ihre entwicklungsgeschichtliche Stellung im Stamm der Wirbeltiere.
  4. Veröffentlichung und Rezeption: Büchner trug eine vorläufige Fassung des Mémoire am 13. und 20. April sowie am 4. Mai 1836 vor der Straßburger „naturhistorischen Gesellschaft“ mündlich vor. Der Druck erfolgte später in den "Mémoires de la Société du Muséum d’histoire naturelle de Strasbourg".

Der beschreibende Teil im Detail

Büchner beschreibt im Detail die Nervenverläufe und gleicht seine Beobachtungen mit denen in der internationalen Fachliteratur ab. Ein wichtiger Punkt ist seine Auseinandersetzung mit dem "zurücklaufenden Ast" des Trigeminusnervs. Büchner korrigierte Sektionsfehler führender Anatomen und wies darauf hin, dass deren falsche Beschreibungen jede vernünftige Theorie des Nervensystems unmöglich machen würden. Seine korrekte Beschreibung trug zur Klärung der Frage bei, ob die Natur in der Entwicklung des Nervensystems einem festen Bauplan folgt.

Das Bell-Magendie-Gesetz

Büchner übertrug das Bell-Magendie-Gesetz, das ursprünglich für die Spinalnerven formuliert wurde, auf die Schädelnerven. Er schloss aus der Schädelwirbeltheorie, dass das Hirn eine Verlängerung des Rückenmarks sei und wie dieses aus vier Strängen bestehe. Bei Fischen glaubte er, diese vier Markstränge noch unterscheiden zu können. Er lokalisierte den Ursprung der Nervenwurzeln sehr genau, um die Schädelwirbeltheorie auch von neurologischer Seite her zu bestätigen.

Der philosophische Teil im Detail

Im zweiten Teil seiner Arbeit beurteilt Büchner die Nerven der Fische im Hinblick auf ihre entwicklungsgeschichtliche Stellung im Stamm der Wirbeltiere. Er orientiert sich dabei an folgenden Prinzipien:

  1. Wiederholung und Steigerung: In der Entwicklung der Lebewesen wiederholen sich Strukturen, jedoch auf einer höheren Stufe. So sind die Schädelnerven "Spinalnerven höherer Potenz".
  2. Entwicklung vom Einfachen zum Differenzierten: Das Nervensystem entwickelt sich vom Einfachen zum Besonderen und Differenzierten.
  3. Grundausstattung an Schädelnerven: Alle Wirbeltiere verfügen über eine Grundausstattung an Schädelnerven.
  4. Schädelwirbel: Büchner nimmt an, dass der Schädel aus sechs Wirbeln gebildet ist, da er sechs "Primitivnerven" annimmt.
  5. "Derivate" des Trigeminus und Vagus: Einige Schädelnerven der höheren Säugetiere sind bei den Fischen noch nicht vorhanden. Büchner beurteilt diese als "Derivate" des Trigeminus oder des Vagus.
  6. Metamorphose: Büchner folgt Lorenz Okens Annahme, dass das Ohr eine Umbildung der Kiemenhöhle sei.
  7. "Höhere Potenz": "Höhere Potenz" bezeichnet ein Verhältnis der relativen Sublimierung und Verfeinerung.
  8. Zwei Gruppen von Primitivnerven: Büchner teilt die Primitivnerven des Gehirns in zwei Gruppen ein: die Nerven des Schalls und des Lichts (Acusticus und Opticus) und die Nerven, die das vegetative Leben zum animalen Leben erheben (Hypoglossus, Vagus, Trigeminus und Olfactivus).

Diese Annahmen sind im System der deutschen romantischen Naturphilosophie verankert, die versuchte, die Vielfalt der biologischen Arten ohne Rückgriff auf einen Schöpfergott zu erklären.

Veröffentlichung und Rezeption

Büchner trug seine Arbeit 1836 in Straßburg vor. Die Gesellschaft beschloss daraufhin, die Abhandlung in ihren Annalen zu veröffentlichen. Der Druck erfolgte in einer Auflage von 300 Exemplaren. Die Züricher Fakultät verlieh ihm aufgrund von Gutachten die "philos. doctoris dignitas".

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Johannes Müller, der bedeutendste deutsche Anatom seiner Zeit, rezensierte Büchners Arbeit und lobte unter anderem seine Deutung des "nervus recurrens" und seine Unterscheidung von Primitivnerven und abgeleiteten Nerven. Er widersprach jedoch Büchners Annahme von sechs Schädelwirbeln.

Anatomie der Flussbarbe im Überblick

Um Büchners Arbeit besser zu verstehen, ist es hilfreich, die Anatomie der Flussbarbe im Allgemeinen zu betrachten:

  • Skelett: Das Skelett besteht aus Knochen, teilweise noch aus Knorpel. Der Schädel trägt das Kiemenskelett.
  • Muskulatur: Die Muskulatur ist in Rumpf- und Flossenmuskulatur unterteilt und segmental in Myomere gegliedert.
  • Blutkreislauf: Knochenfische haben einen geschlossenen Blutkreislauf mit einem einfachen Herzen, das venöses Blut in die Kiemen pumpt.
  • Atmung: Die Kiemen nehmen Sauerstoff aus dem Wasser auf. Einige Fischarten verfügen über zusätzliche Atmungsorgane wie Darmatmung oder Labyrinthorgane.
  • Schwimmblase: Die Schwimmblase dient dem Fisch zum bewegungslosen Schweben im Wasser.
  • Nervensystem: Das Nervensystem ist einfach, das Gehirn klein, eine Großhirnrinde fehlt. Der Geruchssinn ist meist sehr ausgeprägt.
  • Sinnesorgane: Die Gleichgewichts- und Gehörorgane bestehen aus geschlossenen, flüssigkeitsgefüllten Blasen. Viele Fische sind farbtüchtig und nehmen auch ultraviolettes Licht wahr. Der Tastsinn ist besonders bei bodenlebenden Fischen gut entwickelt.
  • Seitenlinienorgan: Das Seitenlinienorgan dient der Wahrnehmung von Strömungsveränderungen.
  • Nieren: Die Nieren sind ein paariges, langgestrecktes Organ unterhalb der Wirbelsäule.
  • Fortpflanzungsorgane: Die Fortpflanzungsorgane befinden sich seitlich und oberhalb des Darms. Die Befruchtung findet bei den meisten Arten ohne Kopulation statt.

Büchners Einfluss auf sein literarisches Werk

Sein Verleger Karl Gutzkow bescheinigte dem Dichter bereits zu Lebzeiten den Einfluss seiner medizinisch-naturwissenschaftlichen Studien auf sein literarisches Werk. Büchners wissenschaftliche Herangehensweise, insbesondere seine Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Analyse, spiegeln sich in seinen literarischen Werken wider.

"Leonce und Lena"

In "Leonce und Lena" übt Büchner mittels des Krankheitsbildes der Melancholie Kritik an den gesellschaftlichen Missständen der Restaurationsepoche.

"Lenz"

Die Novelle "Lenz" ist eine psycho-pathologische Studie über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. Büchner löste sich von der zeitlich gängigen Deutung einer "religiösen Melancholie" und gestaltete den pathologischen Verlauf neu. Seine medizinische Herangehensweise einer avancierten psychiatrischen Diagnostik ist zukunftsweisend.

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"Woyzeck"

Auch im "Woyzeck" greift Büchner tatsächlich Geschehenes auf, um die zerstörerischen Bedingungen einer von Ausbeutungsstrukturen geprägten Gesellschaft zu demonstrieren.

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