Novartis Migräne-Impfung: Wirkung, Anwendung und Perspektiven

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, Übelkeit und andere Symptome gekennzeichnet ist. Die Migräne belegt weltweit hinter Zahnkaries und Kopfschmerz vom Spannungstyp den 3. Platz der häufigsten Erkrankungen des Menschen. Die Einjahres-Prävalenz in Europa für alle Formen der Migräne beträgt 43,6% bei Frauen und 26,9% bei Männern. Jeden Tag sind allein in Deutschland etwa 900.000 Menschen von Migräneattacken betroffen. 100.000 Menschen sind wegen Migräneanfällen pro Tag arbeitsunfähig und bettlägerig. Drei Millionen Deutsche nehmen im Mittel täglich eine Kopfschmerztablette über Selbstmedikation ein.

Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte bei der Entwicklung von Migräneprophylaktika gemacht. Eine dieser Innovationen ist die Entwicklung von monoklonalen Antikörpern, die gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor gerichtet sind. Diese Antikörper, oft als "Migräne-Impfung" bezeichnet, haben sich als vielversprechende Option für Patienten erwiesen, bei denen andere vorbeugende Therapien nicht ausreichend wirksam waren oder nicht vertragen wurden.

Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise, Anwendung, Studienergebnisse und Perspektiven der Novartis Migräne-Impfung, insbesondere des Wirkstoffs Erenumab (Aimovig®).

Was ist die Migräne-Spritze?

Die Migräne-Spritze ist ein Medikament zur Vorbeugung von Migräne. Sie gehört zur Gruppe der monoklonalen Antikörper. Das sind im Labor hergestellte Wirkstoffe, die gezielt den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) im Körper blockieren. Dieser spielt bei der Entstehung von Migräne eine entscheidende Rolle. Wird seine Wirkung gehemmt, können Attacken seltener auftreten und schwächer ausfallen.

Die Spritze gegen Migräne kommt nicht in akuten Phasen zum Einsatz, sondern dient der langfristigen Vorbeugung. Verabreicht wird sie in der Regel einmal im Monat oder alle drei Monate - je nach Präparat.

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Es handelt sich um eine subkutane Injektion, also eine Spritze in das Unterhautfettgewebe. Patient*innen haben die Möglichkeit, sich die Spritze gegen Migräne selbst zu Hause zu verabreichen.

Wie funktioniert die Migräne-Impfung?

Der Migräneschmerz basiert nach heutigen Erkenntnissen auf einer neurogenen Entzündungsreaktion an den Arterien der Hirnhäute. Entzündungsstoffe werden dort im Initialstadium der Migräneattacke freigesetzt. Diese führen zu einer verstärkten Schmerzempfindlichkeit der Hirnhäute mit Schwellung und Erweiterung der Gefäßwände. Jeder Pulsschlag führt zu einem pochenden, hämmernden Migräneschmerz, jede Bewegung des Kopfes tut weh und verstärkt den Schmerz.

CGRP ist ein Neuropeptid, das eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräne spielt. Es wirkt gefäßerweiternd und ist an der Entzündungsreaktion beteiligt, die während einer Migräneattacke auftritt.

Die Migräne-Spritze wirkt, indem sie entweder CGRP selbst oder seinen Rezeptor blockiert. Die Folge: weniger Entzündungen, weniger Schmerzübertragung und im besten Fall deutlich weniger Migräne-Anfälle.

Erenumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper, der spezifisch an den CGRP-Rezeptor bindet und dessen Funktion hemmt. Durch die Blockade des Rezeptors kann CGRP seine Wirkung nicht entfalten, was zu einer Reduktion der Migräneattacken führt.

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Verfügbare CGRP-Antikörper

In Deutschland sind aktuell vier Migräne-Spritzen zugelassen:

  • Aimovig® (Erenumab) von Novartis
  • Ajovy® (Fremanezumab) von Teva
  • Emgality® (Galcanezumab) von Lilly
  • Vyepti® (Eptinezumab)

Erenumab wurde als erster Vertreter dieser neuen Wirkstoffklasse im Juli 2018 in Deutschland zugelassen und ist seit November 2018 in den Apotheken erhältlich.

Für wen ist die Migräne-Impfung geeignet?

Die Spritze gegen Migräne kommt infrage, wenn andere vorbeugende Therapien nicht wirken oder nicht vertragen werden. Sie richtet sich an Menschen, die regelmäßig unter Migräne leiden, also meist bei mindestens vier Migräne-Tagen pro Monat.

Besonders geeignet ist die Migräne-Spritze für Betroffene mit schweren Verläufen oder bei starker Beeinträchtigung im Alltag. Auch bei chronischer Migräne, also mehr als 15 Kopfschmerztagen im Monat, kann die Spritze eine sinnvolle Option sein.

Manche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur, wenn andere vorbeugende Medikamente wie etwa Betablocker bereits ausprobiert wurden.

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Erenumab ist zugelassen zur Migräne-Prophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat. Die Behandlung sollte von Ärzten eingeleitet werden, die mit der Diagnose und Behandlung von Migräne Erfahrung haben.

Anwendung und Dosierung von Erenumab (Aimovig®)

Erenumab wird subkutan durch die Patienten selbst angewendet. Die Injektion kann am Bauch, am Oberschenkel oder an der Außenseite des Oberarms verabreicht werden. Bei jeder Folge-Injektion sollte eine andere Injektionsstelle verwendet werden. Injektionen dürfen nicht in empfindliche, verletzte, gerötete oder verhärtete Hautpartien gegeben werden. Der Autoinjektor ist für den einmaligen Gebrauch einzusetzen.

Die empfohlene Dosis beträgt 70 mg Erenumab alle vier Wochen. Manche Patienten können von einer Dosis mit 140 mg alle vier Wochen profitieren, welche in Form von zwei subkutanen Injektionen mit jeweils 70 mg verabreicht wird. In klinischen Studien zeigte sich durch die Dosierung mit 140 mg eine zahlenmäßig höhere Ansprechrate, die statistisch jedoch nicht signifikant war.

Das Ansprechen auf die Therapie kann sich bereits in den ersten zwei Behandlungswochen abzeichnen. Bei Patienten, die nach drei Monaten noch kein Ansprechen zeigen, sollte die Behandlung nicht weitergeführt werden. Die Behandlung sollte kontinuierlich evaluiert werden. Zur Verlaufs- und Erfolgskontrolle eignet sich die Migräne-App (kostenlos für iOS und Android erhältlich), die eine genaue quantitative Evaluation der Vorbeugung und der Akuttherapie ermöglicht.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Erenumab

Die jetzt verfügbaren Antikörper haben in sehr groß angelegten internationalen Studien alle ihre Wirksamkeit belegt. Für Erenumab liegen Studiendaten für die episodische Migräne, d.h. bis zu 14 Migränetage pro Monat, und die chronische Migräne, d.h. mehr als 15 Kopfschmerztage pro Monat, vor. Untersucht wurde auch, ob Patienten, die bisher auf die bereits zugelassenen Medikamente zur Vorbeugung nicht angesprochen haben, trotzdem eine Wirkung erzielen können.

Aimovig (Erenumab) wurde in zwei Zulassungsstudien, die das Migränespektrum sowohl der chronischen als auch der episodischen Migräne umfassten, als Migräne-Prophylaxe untersucht. In beiden Studien hatten die Patienten eine Vorgeschichte von mindestens 12 Monaten Migräne (mit oder ohne Aura) gemäß den Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (International Classification of Headache Disorders, ICHD-III).

Chronische Migräne

Das Medikament wurde in einer 12-wöchigen Phase-2-Studie mit 667 Patienten von Probanden getestet, die im Durchschnitt unter 18 Migränetagen pro Monat zu leiden hatten. In dieser Studie hatten mit Aimovig behandelte Patienten 7 Migränetage weniger pro Monat, verglichen mit 4 Tagen weniger bei Patienten, die Placebo erhielten.

Episodische Migräne

In der globalen, multizentrischen, randomisierten 24-wöchigen, doppelblinden, placebokontrollierten Strive-Studie wurden 955 Patienten randomisiert auf ein einmal monatliches subkutanes Plazebo oder Erenumab (70 mg oder 140 mg) im Verhältnis 1:1. Patienten, die 70 mg und 140 mg des Wirkstoffes erhielten, erreichten eine Reduktion von 3,2 bzw. 3,7 Tagen gegenüber dem Ausgangswert bei den monatlichen Migränetagen im Vergleich zu einer 1,8-tägigen Reduktion im Placebo-Arm. Die mit Aimovig (AMG 334) behandelten Patienten erreichten im Durchschnitt eine Verringerung der monatlichen Migränetage vom Ausgangswert um 2,9-Tage im Vergleich zu einer durchschnittlichen Reduktion um 1,8-Tage bei Placebo nach 12 Wochen.

Demnach erreichten 77 Prozent der Patienten unter einer kontinuierlichen Einnahme des Antikörpers eine Reduktion der monatlichen Migränetage um mindestens 50 Prozent. Bei mehr als der Hälfte der Patienten (56 Prozent) nahmen die monatlichen Migränetage um 75 Prozent ab. 33 Prozent erzielten nach 4,5 Jahren eine Reduktion der monatlichen Migränetage um 100 Prozent.

Wirksamkeit bei Therapieversagen

Die monoklonalen Antikörper wurden auch bei Patienten eingesetzt, bei denen die bisherige Migräneprophylaxe versagt hatte. Therapieversagen war definiert als ein Nichtansprechen auf die Therapie, Therapieabbruch wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen oder bestehende Kontraindikationen und andere Einschränkungen. Die monoklonalen Antikörper waren bei dieser Patientengruppe signifikant wirksamer als Placebo.

In der LIBERTY-Studie wurde die Wirksamkeit und Sicherheit von 140 mg Erenumab bei Patienten mit episodischer Migräne mit vier bis 14 Migränetagen pro Monat untersucht, bei denen zwei bis vier vorherige vorbeugende Therapien aufgrund mangelnder Wirksamkeit oder nicht tolerierbarer Nebenwirkungen versagt hatten. Dabei zeigten lediglich 30,3% unter Erenumab 140 mg gegenüber 13,7% unter Placebo eine Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage um mindestens 50%. Klinisch bedeutete dies jedoch lediglich eine absolute Reduktion von 1,76 Kopfschmerztagen pro Monat unter 140 mg Erenumab und 0,15 Kopfschmerztagen pro Monat unter Placebo.

Mögliche Nebenwirkungen

Als Nebenwirkungen werden bei 70 mg bzw. 140 mg Erenumab Reaktionen an der Injektionsstelle, Obstipation, Muskelspasmen und Pruritus berichtet. Die meisten dieser Nebenwirkungen sind von leichter oder mittlerer Schwere. Weniger als 2 % der Patienten in den Studien brachen die Teilnahme aufgrund unerwünschter Ereignisse ab.

Die Migräne-Spritze kann - wie die meisten Medikamente - Nebenwirkungen haben. Viele Beschwerden sind eher mild und vorübergehend. Dazu zählen beispielsweise:

  • Reaktionen an der Einstichstelle: Häufig kommt es zu Rötungen, Schwellungen, Juckreiz oder Schmerzen direkt nach der Injektion.
  • Müdigkeit oder Erschöpfung: Vor allem in den ersten Tagen nach der Anwendung kann ein allgemeines Schwächegefühl auftreten.
  • Verstopfung: Einige Wirkstoffe (z. B. Erenumab) stehen mit einer veränderten Darmtätigkeit in Zusammenhang.
  • Muskel- oder Gliederschmerzen: Diese Beschwerden können gelegentlich auftreten, sind aber meist nur leicht ausgeprägt.
  • Allergische Reaktionen: In sehr seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen kommen, etwa mit Hautausschlag, Juckreiz oder Atembeschwerden.

Gegenanzeigen und Vorsichtsmaßnahmen

Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der weiteren Bestandteile.

Aus Vorsichtsgründen soll eine Anwendung von Erenumab während der Schwangerschaft vermieden werden. Da nicht bekannt ist, ob Erenumab in die menschliche Muttermilch übergeht, sollte die Anwendung in der Stillzeit nur nach sorgfältiger Abwägung erfolgen.

Bei schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist besondere Vorsicht geboten.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Aufgrund der Metabolisierungswege monoklonaler Antikörper wird keine Wirkung auf die Exposition von gleichzeitig verabreichten anderen Arzneimitteln erwartet. Es wurde keine Interaktion mit oralen Kontrazeptiva (Ethinylestradiol/Norgestimat) oder Sumatriptan in den Studien mit gesunden Probanden beobachtet.

Kosten und Erstattung

Die Migräne-Spritze kostet je nach Präparat zwischen 250 und 500 Euro pro Stück.

Der Preis für die monatliche Dosis von 70 mg Erenumab (Aimovig®) beträgt 688,36 Euro. Dies entspricht Jahrestherapiekosten von 8.260,32 Euro, die möglicherweise über Jahre oder Jahrzehnte anfallen können. Bei einer Behandlung mit 140 mg betragen die Jahrestherapiekosten 16.520,64 Euro.

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine Migräne-Spritze, wenn mindestens vier Migräne-Tage pro Monat vorliegen und andere vorbeugende Therapien nicht ausreichend geholfen haben oder nicht vertragen wurden.

Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) sieht eine Übernahme der Therapiekosten durch die gesetzliche Krankenversicherung bei Patienten mit episodischer Migräne vor, wenn mindestens die folgenden 5 zugelassenen medikamentösen Prophylaktika Betablocker (Metoprolol oder Propranolol), Flunarizin, Topiramat, Valproinsäure und Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder wenn gegen deren Einnahme Kontraindikationen oder Warnhinweise bestehen.

Bei Patienten mit chronischer Migräne wird als zusätzliches Kriterium empfohlen, dass diese nicht auf eine Therapie mit OnabotulinumtoxinA angesprochen haben.

Vergleich mit Botox-Spritze

Beide Spritzen zielen darauf ab, Migräne-Anfälle zu reduzieren, aber wirken völlig unterschiedlich.

Die Migräne-Spritze blockiert gezielt den Botenstoff CGRP oder seinen Rezeptor. Sie kommt bei episodischer und chronischer Migräne zum Einsatz und wird meist monatlich unter die Haut gespritzt.

Botox (Botulinumtoxin A) dagegen wird nur bei chronischer Migräne empfohlen. Dabei injizieren speziell geschulte Ärzt*innen den Wirkstoff in sehr niedriger Dosis an mehreren Stellen der Kopf- und Nackenmuskulatur. Botox entspannt die Muskeln und unterdrückt bestimmte Schmerzsignale. Die Behandlung erfolgt mindestens alle drei Monate. Die Botox-Behandlung gegen Migräne kostet in der Regel ab 250 Euro pro Sitzung.

Welche Spritze gegen Migräne besser geeignet ist, hängt von der Art der Migräne, dem bisherigen Verlauf und der individuellen Verträglichkeit ab.

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