Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, bei der es aufgrund von kurzzeitigen, übermäßigen Entladungen von Nervenzellen im Gehirn zu Anfällen kommt. Diese Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern, von kurzen Konzentrationsaussetzern bis hin zu schweren Krampfanfällen. Obwohl Epilepsie eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems ist, gibt es nur wenige aussagekräftige epidemiologische Studien in Europa. Diese deuten auf eine Krankheitshäufigkeit von etwa 4,5 bis 5 Fällen pro 1.000 Einwohner hin.
Die Rolle der Ernährung bei Epilepsie
Die Ernährungstherapie, insbesondere die ketogene Diät, hat sich als vielversprechender Ansatz zur Behandlung von Epilepsie etabliert. Die Idee, Epilepsie mit einer speziellen Diät zu behandeln, reicht bis in die Antike zurück. Hippokrates berichtete bereits über erfolgreiche Versuche, Epilepsiekranke durch Fasten von Anfällen zu befreien. In den 1920er Jahren erlebte diese Idee eine Renaissance, da es nur wenige Antiepileptika gab.
Wie funktioniert die ketogene Diät?
Die ketogene Diät ist eine sehr fettreiche und kohlenhydratarme Diät, die den Stoffwechsel des Patienten so umstellt, dass er dem physiologischen Hungerzustand ähnelt. Da der Körper aufgrund der eingeschränkten Kohlenhydratzufuhr weniger Glukose, sondern hauptsächlich Fett und Ketonkörper zur Energiegewinnung nutzt, muss der Energie- und Proteinbedarf sorgfältig berechnet werden. Die Diät sollte unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Bei der ketogenen Ernährung werden Kohlenhydrate weitgehend durch Fett ersetzt. Dadurch kann der Energiebedarf des Gehirns nicht mehr mit Glukose gedeckt werden. Stattdessen wird das Gehirn mit sogenannten Ketonen versorgt, die der Körper in der Leber aus Fett herstellt. Diesen Stoffwechselzustand nennt man Ketose.
Der genaue Wirkmechanismus der Ketose bei Epilepsie ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Ketose die Energieversorgung des Gehirns verbessert, bestimmte Hirnbotenstoffe aktiviert, die gegen Anfälle wirken, und freie Sauerstoffradikale reduziert. Offenbar wirken Ketonkörper selbst auch gegen Anfälle.
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Arten der ketogenen Diät
Es gibt verschiedene Varianten der ketogenen Diät, darunter:
- Klassische ketogene Diät (KD): Das Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten und Proteinen beträgt 4:1 oder 3:1 (diese Form wird meist bei Kindern unter zwei Jahren angewendet).
- Modifizierte Atkins-Diät (MAD): Eine weniger restriktive Variante mit einer Kohlenhydratzufuhr von bis zu 20 g pro Tag.
- Diät mit mittelkettigen Fettsäuren (MCT-Diät): Verwendet mittelkettige Fettsäuren, die leichter in Ketone umgewandelt werden können.
- Niedrig-glykämische Index-Therapie (LGIT): Konzentriert sich auf Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten.
Unter dem Begriff Ketogene Ernährungstherapie (KET) werden all diese Formen zusammengefasst.
Wer profitiert von der ketogenen Diät?
Die ketogene Diät wird hauptsächlich bei Kindern mit therapieschwieriger Epilepsie eingesetzt, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken (medikamentenresistente Epilepsie). Sie kann jedoch auch bei Erwachsenen in Betracht gezogen werden, insbesondere bei pharmakoresistenter Epilepsie.
Von einer pharmakoresistenten Epilepsie spricht man, wenn trotz angemessener Behandlung mit ≥ 2 antikonvulsiven Medikamenten in Mono- oder Kombinationstherapie weiterhin Anfälle auftreten.
Die ketogene Ernährung ist ein wichtiger Stützpfeiler in der Behandlung dieser pharmakoresistenten Epilepsien, weil die fett- und proteinreiche und fast kohlenhydratfreie Ernährung den Körper dazu bringt, Ketonkörper als Energiequelle zu verwenden statt Kohlenhydrate. Ketonkörper können im Gehirn eine antikonvulsive Wirkung entfalten, vor allem bei Pyruvatdehydrogenasemangel oder GLUT1-Defekt.
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Wie wird die ketogene Diät durchgeführt?
Eine ketogene Ernährung sollte immer unter Aufsicht von Ärzten und speziell ausgebildeten Ernährungsfachleuten stattfinden. Meistens wird die Diät stationär, also in einer Klinik, eingeleitet. Dort können mögliche Komplikationen sofort erkannt werden. Außerdem werden der Patient und seine Angehörigen intensiv geschult, damit die Diät in der täglichen Routine umsetzbar ist.
Es ist sehr wichtig, dass die ketogene Diät bei Epilepsie sehr streng über einen definierten Zeitraum eingehalten wird und die vorgegebenen Nährstoffverhältnisse möglichst bei jeder Mahlzeit stimmen.
Vorbereitung und Überwachung
- Dokumentation der Anfälle: Vor Beginn der Diät ist eine ordentliche und möglichst lückenlose Dokumentation der epileptischen Anfälle erforderlich, um die Ausgangssituation klar zu definieren.
- Einbindung des Umfelds: Es ist ratsam, das gesamte Umfeld (Kita, Schule, Sportverein, Betreuung, ggf. Arbeitgeber) einzubinden, um die Diät erfolgreich umzusetzen.
- Regelmäßige Kontrollen: Engmaschige Kontrollbesuche in der Klinik sind erforderlich, um Blutwerte, das Wachstum der Kinder und den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Auch Nebenwirkungen einer sehr hohen Fettzufuhr müssen im Auge behalten werden.
- Ketonteststreifen: Mittels Ketonteststreifen aus der Apotheke lässt sich die Ketonkörperkonzentration im Urin kontrollieren.
Ernährungsumstellung
- Erlaubte Lebensmittel: Stärkearme Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Nüsse und (vorzugsweise pflanzliche) Fette.
- Verbotene Lebensmittel: Zucker, Getreideprodukte, die meisten Obstsorten, Kartoffeln, Reis, Süßigkeiten.
- Anpassung der Mahlzeiten: Jede Mahlzeit muss genau berechnet werden, und es gibt einen ganz genauen Essensplan. In der Regel bekommt jedes Kind pro Tag 4 Mahlzeiten mit der jeweils gleichen Kalorienzahl.
Herausforderungen und Lösungen
- Verstopfung: Erhöhung der Ballaststoffaufnahme durch Tomaten, Gurken oder Schwarzbrot. Auch abführende Maßnahmen oder der vermehrte Einsatz von MCT-Ölen kann in einigen Fällen zum Einsatz kommen.
- Soziales Leben: Die Ernährung wirkt sich auch auf das soziale Leben der Kinder aus, sie muss zuhause, in der Schule, dem Kindergarten, beim Besuch bei Großeltern und auch auf jeder Geburtstagsparty eingehalten werden.
Mögliche Nebenwirkungen
Unter der ketogenen Diät treten meist nur wenige Nebenwirkungen wie Verstopfungen und anderweitige Verdauungsprobleme auf. Zu Beginn kann es zu Unterzuckerungen (Hypoglykämien) kommen, auch Erbrechen, Verstopfung, Durchfall, Hunger und Sodbrennen können auftreten. Im Zusammenhang mit Infekten, Fieber und Erbrechen kann auch ein Flüssigkeitsmangel auftreten, der zu einer Übersäuerung des Blutes (Azidose) führt. Viel Flüssigkeit ist auch wichtig, um die Bildung von Nierensteinen zu vermeiden, die ebenso wie Verstopfung und Fettstoffwechselstörungen zu den möglichen mittel- oder langfristigen Nebenwirkungen gehören. Über Langzeitnebenwirkungen ist bis jetzt nur wenig bekannt. Möglicherweise wird das Wachstum von Kindern leicht beeinträchtigt.
Achtung: Bei einer ketogenen Diät und gleichzeitiger Einnahme von Barbituraten, Valproat, Topiramat, Sultiam oder Zonisamid ist besondere Vorsicht geboten.
Alternativen zur klassischen ketogenen Diät
Für Patientinnen und Patienten mit einer erheblich besseren Lebensqualität und Compliance verbunden sind pharmakoresistenter Epilepsie muss die Ernährung nicht streng ketogen sein. Auch andere, weniger kohlenhydratrestriktive Diäten haben ähnliche Effekte, wobei auf den glykämischen Index geachtet werden muss.
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Zwei weniger strikte Varianten der ketogenen Ernährung erzielen allerdings bei pharmakoresistenter Epilepsie ähnlich günstige Effekte: die modifizierte Atkins-Diät (MAD) und das Low Glycemic Index Treatment (LGIT).
- Modifizierte Atkins-Diät (MAD): Hier dürfen bis zu 20 g Kohlenhydrate pro Tag gegessen werden.
- Low Glycemic Index Treatment (LGIT): Erlaubt (beim Erwachsenen) bis zu 60 g Kohlenhydrate am Tag, die aber aus Nahrungsmitteln mit niedrigem glykämischen Index stammen sollen, also vor allem langkettige Kohlenhydrate enthalten, wie Vollkornprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Gemüse. Als Obst kommen Äpfel infrage.
Dauer der ketogenen Diät
In der Regel wird die ketogene Diät zunächst für maximal zwei Jahre durchgeführt. Auch Anfallssuppressiva werden häufig für maximal zwei Jahre verabreicht, bevor sie dann testweise abgesetzt werden. Auch in dieser Hinsicht ist die KET also wie ein Medikament einzustufen. Bei Erwachsenen erfolgt dieses Absetzen zurückhaltender als bei Kindern. Die positiven Effekte, die durch die Therapie erreicht wurden, halten häufig auch nach dem Absetzen an. Zudem verändern sich Epilepsien, gerade bei sich noch entwickelnden Gehirnen, was das regelmäßige Absetzen oder Nachjustieren der Behandlung ebenfalls erforderlich macht.
Forschung und Studien
Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit der ketogenen Diät bei der Reduzierung von Anfällen gezeigt. Eine Studie von Schwartz und Eaton (1989) ergab, dass sowohl eine klassische ketogene Diät als auch mit MCT-Ölen ergänzte Formen die epileptischen Anfälle bei Kindern deutlich reduzierten. Auch Neal (2008) und Lambrechts (2017) konnten die positive Wirkung von ketogenen Diäten auf die Anfallshäufigkeit bei Kindern bestätigen. Mady (2003) und Kossoff (2008) zeigten auch Erfolge bei Jugendlichen und Erwachsenen.
Eine Studie aus Indien in Epilepsia zeigte, dass die modifizierte Atkins-Diät (MAD) und das Low Glycemic Index Treatment (LGIT) bei pharmakoresistenter Epilepsie ähnlich günstige Effekte erzielen.
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