Der Einfluss von Kuhmilch auf das Gehirn: Wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Frage, ob und wie Kuhmilch die Entwicklung und Funktion unseres Gehirns beeinflusst, ist Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung. Die Ergebnisse sind vielfältig und teils widersprüchlich, was die Komplexität des Themas widerspiegelt. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus verschiedenen Studien zusammen und beleuchtet sowohl potenzielle Vorteile als auch Risiken des Milchkonsums in Bezug auf die Gehirngesundheit.

Die Bedeutung der frühen Lebensjahre

Die ersten fünf Lebensjahre sind für die Entwicklung des Gehirns von entscheidender Bedeutung. In dieser Phase werden die neuronalen Verknüpfungen, die die Grundlage für kognitive Fähigkeiten bilden, am stärksten ausgeprägt. Die Ernährung spielt dabei eine wesentliche Rolle, da sie die notwendigen Nährstoffe für das Wachstum und die Reifung des Gehirns liefert.

Eine Studie untersuchte die Zusammensetzung von Muttermilchproben aus verschiedenen Städten weltweit und fand das Zuckermolekül Myo-Inositol. Es wurde ein Zusammenhang zwischen der Menge dieses Moleküls in der Muttermilch und der Hirnentwicklung des Säuglings festgestellt. Myo-Inositol ist im Gehirn des Säuglings in dem Alter am stärksten vorhanden, in dem die neuronalen Verknüpfungen am stärksten ausgeprägt werden. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Myo-Inositol nicht nur korrelativ mit der neuronalen Entwicklung verbunden ist, sondern auch einen tatsächlichen Einfluss auf die neuronalen Verknüpfungen hat.

Milchzucker und Neurodegeneration

Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Regensburg (UKR) haben herausgefunden, dass eine zuckerarme Ernährung, unabhängig vom Blutzuckerspiegel, positive Auswirkungen auf die langfristige Leistungsfähigkeit des Gehirns haben könnte. „Unsere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere Milchzucker die Neurodegeneration unseres Gehirns beschleunigen kann“, erklärt Professor Dr. Ralf Linker, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie des UKR.

Die Studie untersuchte die Auswirkungen von Milchzucker auf das Gehirn bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS). Obwohl kein direkter Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und dem Risiko für MS oder Veränderungen des Immunsystems festgestellt wurde, zeigten sich direkte Auswirkungen von Milchzuckerkonsum auf das Gehirn.

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Das Forscherteam stellte fest, dass sich Milchzucker an Eiweiße anlagert und dadurch die Isolierschicht von Zellen verändert, was zu einer schnelleren Abnutzung und Alterung von Gehirnzellen führt. Derartige Prozesse können einer Demenz wie der Alzheimer-Erkrankung den Weg bereiten.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Gehirn auch Zucker benötigt, um Leistung zu erbringen. Glukose in Form von Traubenzucker ist ein exzellenter Energielieferant für das Gehirn, das im Normalbetrieb etwa 75 Prozent der in allen Körperzellen verbrauchten Glukose beansprucht. Es gilt also, den gesunden Mittelweg zu finden, um den Zuckerhaushalt konstant zu halten und nicht zu unterzuckern, um die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Der Einfluss von Milch auf das Belohnungssystem im Gehirn

Die Nahrungsaufnahme dient in erster Linie der Versorgung des Körpers mit Energie und Nährstoffen. Nahrung besitzt allerdings auch einen Belohnungswert. Forschungsgruppenleiter Marc Tittgemeyer und Heiko Backes sind der Frage nachgegangen, wie die Nahrungsaufnahme im Körper eigentlich kontrolliert wird. Als wichtigster Botenstoff des Belohnungssystems im Gehirn wird Dopamin ausgeschüttet. Die Messergebnisse zeigen, dass das Gehirn bereits die ersten Dopamin-Moleküle ausschüttet, wenn die Teilnehmer den Shake im Mund schmecken. Sobald das Getränk den Magen erreicht, wird erneut Dopamin freigesetzt. Die Gehirne von Teilnehmern, die ein besonderes Verlangen nach einem Milchshake hatten, setzten mehr Dopamin frei, wenn das Getränk im Mund war. Sobald es aber den Magen erreichte, wurde weniger Dopamin ausgeschüttet. „Unsere Daten zeigen, dass unser Verlangen eng mit Dopamin verbunden ist", so die Forscher.

Wenn die Belohnungssignale stärker als das Gleichgewichtssignal sind, essen wir mehr als notwendig. Es ist jedoch nicht einfach, Fettleibigkeit durch die Kontrolle der Dopamin-Freisetzung zu verhindern. Wie unsere Körpersignale unsere Handlungen beeinflussen und wie man beispielsweise durch kognitive Kontrolle darauf Einfluss nehmen kann, ist noch nicht wirklich verstanden.

Milch und Immunglobuline

Rebecca Powell, Assistant Professor an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, berichtete über die immense Kraft der Immunglobuline in der Muttermilch. Immunglobulin A (IgA) ist mit 90 % der am häufigsten vorkommende Antikörper (Ab) in der Milch, vor allem als sekretorische Form (sIgA). Diese sei besonders stabil. Während nämlich alle anderen Immunglobuline als einfaches Molekül angelegt seien, bestehe dieses aus zweien. In Powells Labor wurden Versuche durchgeführt, um die Wirksamkeit von sIgA gegen den Schleimhauterreger SARS-CoV-2 zu testen.

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Milchkonsum und Krankheitsrisiko

Die Frage, ob Milch gut für die Knochen ist oder ein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten darstellt, wird kontrovers diskutiert. Milch hat ähnlich viele Kalorien wie Saft und sogar mehr als Cola oder Limos. Allerdings sind die Nährstoffe, aus denen die Kalorien stammen, gesünder. Milch enthält Eiweiß, Kohlenhydrate (in Form von Laktose) und Fett.

Internationale Langzeitstudien haben gezeigt, dass Menschen, die in üblichen Mengen Vollmilch trinken, nicht häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall haben als Menschen, die keine Milch trinken. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2024 fand zwar einen Zusammenhang zwischen hohem Trinkmilch-Konsum und Gefäßkrankheiten, jedoch ohne Unterschied zwischen fettarmer und vollfetter Milch. Und noch eine Annahme ist widerlegt: Das Fett aus der Vollmilch macht nicht dick.

Milch ist eine ausgezeichnete Kalziumquelle, das an der Reizübertragung in Muskeln und Nerven beteiligt, wichtig für die Blutgerinnung und ein unentbehrlicher Baustoff für die Knochen ist. Allerdings schützen Milchprodukte nur bedingt vor Osteoporose. Denn der Effekt auf die Knochen hängt davon ab, wann wir in unserem Leben Milch, Joghurt oder Käse zu uns nehmen. Bei Erwachsenen ist das anders. Ein höherer Verzehr schützt sie nicht vor Knochenschwund und Knochenbrüchen im Alter, denn Osteoporose ist eine komplexe Erkrankung, bei der unter anderem auch Vitamin D eine wichtige Rolle spielt.

Zehn bis 15 Prozent der Deutschen leiden an Laktoseintoleranz und können den Milchzucker nicht verdauen. Etwa ein Prozent der Erwachsenen leidet an einer Milchallergie. Problemauslöser bei einer Allergie ist nicht der Milchzucker, sondern Milcheiweiße.

Die Theorie, dass Milch Entzündungen fördert, ist gerade sehr aktuell - wissenschaftlich bewiesen ist sie allerdings nicht. Richtig ist: Milchfett enthält Arachidonsäure, eine Omega-6-Fettsäure, die als entzündungsfördernd gilt. Es ist sinnvoll, den Verzehr fettreicher Milchprodukte wie Butter und Sahne nicht zu übertreiben. Darüber hinaus spielt vor allem die individuelle Verträglichkeit eine Rolle: Bei einigen entzündlichen Krankheiten wie Rheuma, Rosazea, Akne oder Neurodermitis kann ein Auslassversuch sinnvoll sein.

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Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt, Dickmilch, Kefir, Buttermilch liefern gesunde Milchsäurebakterien, die die Darmgesundheit fördern. Selbst bei entzündlichen Erkrankungen sind daher fermentierte Milchprodukte empfehlenswert, sofern man nicht an einer Allergie oder Unverträglichkeit leidet.

Studien an Männern zeigen eine Korrelation: Wer sehr viel Milch trinkt, also über einen Liter am Tag, hat ein leicht erhöhtes Risiko für Prostatakrebs. Manche Medikamente können zusammen mit Milchprodukten im Verdauungstrakt nicht so gut aufgenommen werden und verlieren dadurch an Wirksamkeit.

Milchprodukte und Huntington-Krankheit

Eine Studie suchte nach Zusammenhängen zwischen Ernährung und dem Beginn der Symptome bei der Huntington-Krankheit (HD) und stellte unerwartet fest, dass Menschen, die früher Symptome entwickelten, tendenziell mehr Milchprodukte konsumierten. Die Forscher vermuten eine mögliche Art und Weise, wie Milchprodukte zum Ausbruch der Symptome beitragen könnten. Das Trinken von Milch oder der Verzehr von Milchprodukten kann eine Chemikalie im Blut senken, die als Harnsäure bezeichnet wird. Frühere Studien haben einen möglichen Zusammenhang zwischen niedrigeren Harnsäurewerten im Blut und einem schnelleren Fortschreiten der Huntington-Krankheit gezeigt.

Es ist jedoch wichtig, diese Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen, da es andere mögliche Erklärungen für den Zusammenhang gibt. Es ist möglich, dass Menschen, bei denen die Entwicklung von HD kurz bevorstand, eher Milchprodukte konsumierten, da die HD-Mutation dazu führt, dass Zellen mehr Energie benötigen, was zu einem gesteigerten Hunger führen könnte. Eine andere Möglichkeit ist, dass subtile Unterschiede im Denken die Art und Weise verändern könnten, wie Menschen die Fragebögen zur Ernährung ausfüllten.

Milch und Glutathionspiegel im Gehirn

Ältere Menschen, die viel Milch und Milchprodukte zu sich nehmen, haben höhere Glutathion-Spiegel im Gehirn. Dieses Eiweiß wirkt antioxidativ, also schützend bei Stress und begegnet Zellschäden. In einer Studie mit 60 Teilnehmern im mittleren Alter von 69 Jahren erfragte man den Milch- und Käsekonsum und ermittelte dann die Glutathionkonzentration im Gehirn. Die Messungen erfolgten mit einer präzisen MRT-Aufnahme. Es zeigte sich, dass bei hoher Milchaufnahme eindeutig mehr Glutathion nachweisbar war.

Das International Milk Genomics Consortium (IMGC)

Das International Milk Genomics Consortium (IMGC) ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, die sich 2004 an der Universität von Kalifornien in Davis etablierte, um das Laktationsgenom von Säugetieren zu sequenzieren und zu vergleichen. Heute setzt sich das IMGC aus Hunderten von Wissenschaftler:innen und Innovator:innen aus der ganzen Welt zusammen, die Funktionen und Auswirkungen von Laktation und Milch erforschen, vor allem beim Menschen.

Auf dem diesjährigen Symposium ging es um aktuelle Entdeckungen in vergleichender Biologie und Laktationsphysiologie, Milchforschung, Ernährung und klinische Ergebnisse, Innovationen bei extrazellulären Vesikeln und MicroRNA (miRNA) sowie Erkenntnisse der Milchwissenschaft. Zwischendurch gab es Vorträge zur Erforschung von Rindermilch, die auch Rückschlüsse auf Zusammenhänge in der humanen Milchproduktion erlaubten.

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