Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland täglich etwa 350.000 Menschen betroffen sind. Bis zu 14 % der Frauen und 8 % der Männer leiden darunter. Auf dem 18. Europäischen Kopfschmerzkongress (EHC) der European Headache Federation (EHF) in Rotterdam wurden aktuelle Forschungsergebnisse zu neuen Medikamenten und Wirkzielen bei Migräne diskutiert. Insbesondere die bevorstehende Markteinführung von Atogepant in Deutschland im März 2025 und weitere vielversprechende Therapieansätze rücken in den Fokus.
Neue Medikamente und Wirkstoffe in der Migränebehandlung
Atogepant: Ein Hoffnungsträger für Menschen mit häufigen Migräneattacken
Atogepant ist ein Medikament aus der Klasse der Gepante, die als CGRP-Rezeptorantagonisten die Möglichkeiten der individuellen Migränetherapie erweitern. Es wird erwartet, dass Atogepant vor allem Menschen mit häufigen Migräneattacken helfen kann. In den Phase-II-Zulassungsstudien PROGRESS und ADVANCE reduzierte sich unter Atogepant bei Patienten mit chronischer Migräne (mind. 15 Kopfschmerztage/Monat, davon mind. 8 migräneartig) die Zahl der Kopfschmerztage um 6,8 Tage (vs. 5,1 Tage unter Placebo). Bei episodischer Migräne (4 bis 14 Migränetage pro Monat) sank die Zahl um 4,1 Tage (vs. 2,5 Tage unter Placebo). Atogepant eignet sich besonders für Patienten, die mindestens vier Migränetage im Monat haben.
Die ELEVATE-Studie untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit bei Patienten mit episodischer Migräne, bei denen herkömmliche orale präventive Migränetherapien versagt haben. Die Ergebnisse zeigten, dass Atogepant sicher und gut verträglich war und im Vergleich zu Placebo eine signifikante klinisch relevante Reduktion der monatlichen Migränetage über 12 Wochen bewirkte.
PACAP-Inhibitoren: Ein neuer Angriffspunkt für die Migräneprävention
Neben CGRP rückt auch das Signalmolekül PACAP-38 (Pituitary Adenylate Cyclase-activating Peptide-38) in den Fokus der Migräneforschung. PACAP-38 ist wie CGRP an der Pathophysiologie der Migräne beteiligt. Die Hemmung der PACAP-Signalübertragung könnte somit ein wirksamer neuer Ansatz zur Migräneprävention sein. Ein PACAP-Inhibitor namens Lu AG09222, ein humanisierter monoklonaler Antikörper, wurde kürzlich in einer Phase-IIa-Studie (HOPE) untersucht. Die Infusion des Antikörpers verringerte die Anzahl der Migränetage pro Monat um 6,2 Tage, verglichen mit 4,2 Tagen unter Placebo. Zudem erreichten in der Verumgruppe mehr Patienten eine mindestens 50-prozentige Verringerung der Anzahl der Migränetage pro Monat als in der Placebogruppe (32 vs. 27 Prozent).
KATP-Kanäle: Ein vielversprechendes Wirkziel für zukünftige Migränetherapien
Ein weiteres interessantes Wirkziel für die Migränetherapie sind KATP-Kanäle, ATP-abhängige Kaliumkanäle, die im trigeminovaskulären System weit verbreitet sind und unter anderem an der Regulierung von Anspannung von Arterien in Gehirn und Hirnhaut mitwirken. Studien haben gezeigt, dass Medikamente gegen andere Erkrankungen, die KATP-Kanäle öffnen, bei vielen Patienten zu Kopfschmerzen führen können. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass KATP-Kanäle ein Ziel für zukünftige Migränetherapien sein könnten. Entsprechende Wirkstoffe, die auf KATP-Kanäle abzielen, müssen jedoch noch entwickelt werden.
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Anwendung von Aimovig (Erenumab)
Aimovig vom Hersteller Novartis wird zur Migräne-Prophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat eingesetzt. Das Arzneimittel mit dem Wirkstoff Erenumab wird subkutan angewendet. Es ist vorgesehen, dass sich die Patienten nach angemessener Schulung Aimovig selbst verabreichen. Die Injektionen können auch durch eine andere Person durchgeführt werden, die entsprechend geschult wurde. Aimoivig ist die erste spezifisch entwickelte Migräneprophylaxe in Deutschland.
Anwendungsempfehlung
Die Injektion kann am Abdomen, am Oberschenkel oder an der Außenseite des Oberarms verabreicht werden. Es wird empfohlen, bei jeder Injektion eine andere Injektionsstelle zu wählen. Injektionen dürfen nicht in empfindliche, verletzte, gerötete oder verhärtete Hautpartien verabreicht werden.
Dosierung
Die empfohlene Dosis beträgt 70 mg Erenumab alle 4 Wochen. Manche Patienten können von einer Dosis von 140 mg alle 4 Wochen profitieren. Jede 140-mg-Dosis wird in Form von zwei subkutanen Injektionen mit jeweils 70 mg verabreicht.
Wirkung von Erenumab
Erenumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper, der an den Rezeptor des Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) bindet. Der CGRP-Rezeptor ist an Stellen lokalisiert, die für die Pathophysiologie der Migräne relevant sind, wie etwa dem Ganglion trigeminale. Erenumab konkurriert wirksam und spezifisch mit CGRP um die Bindung am CGRP-Rezeptor und hemmt dessen Funktion am Rezeptor. Erenumab zeigt keine signifikante Aktivität an anderen Rezeptoren der Calcitonin-Familie.
CGRP ist ein Neuropeptid, das die nozizeptive Signalübertragung reguliert und als Vasodilatator wirkt. Es wurde mit der Pathophysiologie der Migräne in Zusammenhang gebracht. Es wurde gezeigt, dass der CGRP-Spiegel, im Gegensatz zu anderen Neuropeptiden, während eines Migräneanfalls signifikant ansteigt und sich beim Abklingen der Kopfschmerzen wieder normalisiert. Die intravenöse Infusion von CGRP löst bei Patienten migräneähnliche Kopfschmerzen aus.
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Studienlage Aimovig
Aimovig (Erenumab) wurde in zwei Zulassungsstudien, die das Migränespektrum sowohl der chronischen als auch der episodischen Migräne umfassten, als Migräne-Prophylaxe untersucht. In beiden Studien hatten die Patienten eine Vorgeschichte von mindestens 12 Monaten Migräne (mit oder ohne Aura) gemäß den Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (International Classification of Headache Disorders, ICHD-III).
Von der Teilnahme an den Studien ausgeschlossen waren ältere Patienten (> 65 Jahre), Patienten mit Opioid-Übergebrauch (Studie in chronischer Migräne), Patienten mit Arzneimittelübergebrauch (Studie in episodischer Migräne) sowie Patienten mit vorbestehendem Myokardinfarkt, Schlaganfall, transitorischen ischämischen Attacken, instabiler Angina pectoris, koronarer arterieller Bypass-Operation oder anderen durchgeführten Revaskularisierungsverfahren innerhalb der letzten 12 Monaten vor dem Screening. Patienten mit schlecht kontrolliertem Bluthochdruck oder BMI > 40 waren in Studie 1 ausgeschlossen.
Chronische Migräne
Das Medikament wurde in einer 12-wöchigen Phase-2-Studie mit 667 Patienten von Probanden getestet, die im Durchschnitt unter 18 Migränetagen pro Monat zu leiden hatten. In dieser Studie hatten mit Aimovig behandelte Patienten 7 Migränetage weniger pro Monat, verglichen mit 4 Tagen weniger bei Patienten, die Placebo erhielten.
Episodische Migräne
In der globalen, multizentrischen, randomisierten 24-wöchigen, doppelblinden, placebokontrollierten Strive-Studie wurden 955 Patienten randomisiert auf ein einmal monatliches subkutanes Plazebo oder Erenumab (70 mg oder 140 mg) im Verhältnis 1:1. Patienten, die 70 mg und 140 mg des Wirkstoffes erhielten, erreichten eine Reduktion von 3,2 bzw. 3,7 Tagen gegenüber dem Ausgangswert bei den monatlichen Migränetagen im Vergleich zu einer 1,8-tägigen Reduktion im Placebo-Arm. Die mit Aimovig (AMG 334) behandelten Patienten erreichten im Durchschnitt eine Verringerung der monatlichen Migränetage vom Ausgangswert um 2,9-Tage im Vergleich zu einer durchschnittlichen Reduktion um 1,8-Tage bei Placebo nach 12 Wochen.
Nebenwirkungen von Aimovig
Als Nebenwirkungen wurden bei 70 mg bzw. 140 mg folgende Nebenwirkungen beobachtet:
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- Reaktionen an der Injektionsstelle
- Obstipation
- Muskelspasmen
- Pruritus
Die meisten dieser Nebenwirkungen waren von leichtem oder mittlerem Schweregrad. Weniger als 2 % der Patienten in den Studien brachen die Teilnahme aufgrund unerwünschter Ereignisse ab.
Gegenanzeigen
Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der weiteren Bestandteile.
Wechselwirkungen
Aufgrund der Metabolisierungswege monoklonaler Antikörper wird keine Wirkung auf die Exposition von gleichzeitig verabreichten anderen Arzneimitteln erwartet. Es wurde keine Interaktion mit oralen Kontrazeptiva (Ethinylestradiol/Norgestimat) oder Sumatriptan in den Studien mit gesunden Probanden beobachtet.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Die Anwendung von Aimovig in der Schwangerschaft sollte aus Vorsichtsgründen vermieden werden.
Stillzeit: Da nicht bekannt ist, ob Erenumab in die menschliche Muttermilch übergeht. Humane IgGs gehen bekanntlich in den ersten Tagen nach der Geburt in die Muttermilch über, ihre Konzentration sinkt bald danach auf niedrige Werte ab. Dementsprechend kann ein Risiko für das gestillte Kind während dieser kurzen Periode nicht ausgeschlossen werden.
Migräne-Antikörper: Wer sollte sie meiden?
Seit 2018 sind drei Migräne-Antikörper in Deutschland zugelassen: Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®). Sie gelten als gut verträgliche Arzneimittel in der Vorbeugung von Migräne-Attacken. Dennoch gibt es Patienten, die nach Einschätzung von Experten von den Migräne-Antikörpern erstmal die Finger lassen sollten.
Mögliche Nebenwirkungen der Migräne-Antikörper
Zu den häufigsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen zählen bei Erenumab laut den Experten Nasopharyngitis (kombinierte Entzündung der Nase und des Rachens) und Infektionen der oberen Atemwege. Diese traten jedoch unter Erenumab annähernd so häufig auf wie unter Placebo. Gleichermaßen verhielt es sich mit örtlichen Schmerzen und Juckreiz an der Einstichstelle. Auch zu Verstopfung (Obstipation) ist es im Zusammenhang mit der Anwendung von Erenumab gekommen, teils war diese so ausgeprägt, dass der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zufolge operative Eingriffe erforderlich wurden. Galcanezumab und Fremanezumab scheinen hinsichtlich des Profils der Nebenwirkungen mit Erenumab vergleichbar zu sein - mit Schmerzen an der Einstichstelle, Juckreiz und Obstipation. Letzteres scheint ein Klasseneffekt zu sein: „Relevant sind bei allen monoklonalen Antikörpern Obstipationen, die selten schwerwiegend sein können“, so die Beobachtung von Migräne-Experten. Unter Fremanezumab kam es zudem noch zu Blasenentzündungen, unter Galcanezumab zu Schwindel.
Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen
In den bislang mit Migräne-Antikörpern durchgeführten Studien waren vor allem - abgesehen von ihrer Migräne - gesunde Patienten eingeschlossen. Es gibt der Leitlinie zufolge „kaum Vorerfahrungen bei Patienten mit zusätzlichen anderen Erkrankungen“, das beobachtete Nebenwirkungsspektrum beziehe sich im Wesentlichen auf ansonsten gesunde Migränepatienten.
Kardiovaskuläre Sicherheit
Novartis untersuchte Erenumab auch in einer kardiovaskulären Sicherheitsstudie bei Patienten mit stabiler Angina pectoris. Wie Novartis bereits 2017 berichtete, gab es damals keine Unterschiede zwischen Placebo und Erenumab hinsichtlich des Auftretens des Angina-pectoris-Schmerzes (Brustschmerz aufgrund einer Mangeldurchblutung des Herzens) und myokardialen Ischämien (Minderdurchblutung des Herzmuskels) sowie EKG-Veränderungen unter Belastung. Dies bestätigen aktuell auch die Migräne-Experten der Leitlinie - „kein Unterschied zu Placebo“. Allerdings existieren solche kardiovaskulären Sicherheitsdaten bislang nur für Erenumab. Für die direkten CGRP-Antikörper Fremanezumab und Galcanezumab liegen bislang keine vergleichbaren Studien vor.
Patienten, die Migräne-Antikörper meiden sollten
Patienten mit symptomatischer koronarer Herzerkrankung, ischämischem Insult (häufigste Form des Schlaganfalls aufgrund einer Minderdurchblutung des Gehirns), Subarachnoidalblutung (Blutung im Subarachnoidalraum, einem Teil des Zentralnervensystems), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), pulmonaler Hypertension (Bluthochdruck im Lungenkreislauf) oder Morbus Raynaud (anfallsartiges Erblassen der Finger durch Verkrampfung der Blutgefäße) und Transplantationsempfänger sollten keine Migräne-Antikörper erhalten.
Auch in Schwangerschaft und Stillzeit dürfen Erenumab und Co. nicht angewendet werden. Die Leitlinie begründet diesen Rat damit, dass Antikörper ab Tag 90 der Schwangerschaft die Plazenta über einen aktiven Transportmechanismus überqueren, weswegen sie mit Eintritt der Schwangerschaft abgesetzt werden sollen.
Für Kinder und Jugendliche gibt es bisher keine Informationen zur Verträglichkeit und Sicherheit. Auch umfasste das Studienkollektiv vorwiegend ansonsten gesunde Migräniker. Patienten mit Autoimmunerkrankungen waren ausgeschlossen. Bis auf weiteres sollten Migräne-Antikörper folglich auch nicht bei Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen oder Wundheilungsstörungen eingesetzt werden.
BECOME-Studie: Erkenntnisse zur Migräne-Vorbeugung
Das von Novartis initiierte und durchgeführte Forschungsprojekt BECOME (2017-2018) untersuchte die unübersichtliche und von Ärztinnen uneinheitlich gehandhabte Migräne-Vorbeugung genauer. Die BECOME Datensammlung zielte darauf ab, Erkenntnisse für die langfristige Verbesserung der Versorgung von Migräne-Patientinnen zu erhalten.
61,1 % der Betroffenen litten neben Migräne an weiteren Erkrankungen. 42,7% aller untersuchten Patientinnen hatten schon einmal eine vorbeugende Migränebehandlung abgebrochen. In Form von Fragebögen gaben die Patientinnen Auskunft über die Auswirkungen der Migräne auf ihren Alltag & ihre Lebensqualität. Ein Teil der Studie beschäftigte sich außerdem mit den Kosten die Migräne im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft verursacht. Diese Kosten sind umso höher, je mehr erfolglose Migräne-Prophylaxe-Therapien die Betroffenen erhalten hatten, bzw. je mehr monatliche Migränetage die Patient*innen hatten. Auch zeigte sich, dass die zum damaligen Zeitpunkt angewendeten Therapien von den Betroffenen zu einem hohen Prozentsatz (insgesamt ca. Vor allem Frauen leiden an Migräne. In der Studie lag ihr Anteil bei 88 Prozent.
APPRAISE-Studie: Früher Einsatz von Erenumab
In der APPRAISE-Studie wurde der frühe Einsatz von Erenumab mit nicht spezifischen oralen Migräne-Prophylaktika verglichen. Die randomisierte, multizentrische, internationale Studie lief über zwölf Monate. Teilnehmende waren 621 Erwachsene mit episodischer Migräne (4 bis 15 Migränetage pro Monat), die zuvor auf eine oder zwei Prophylaxe-Therapien nicht angesprochen hatten. Der Frauenanteil lag bei 88 Prozent.
Nach einem Jahr hatten sich bei 56 Prozent der Patienten in der Erenumab-Gruppe die monatlichen Migränetage um mindestens 50 Prozent reduziert gegenüber knapp 17 Prozent unter oraler Therapie (primärer Endpunkt). Auch die Responder-Rate war in der Erenumab-Gruppe mit 76 versus 19 Prozent deutlich höher. Im Schnitt litten die Patienten unter Erenumab 4,32 Tage weniger im Monat unter Migräne-Attacken als ohne Therapie und in der Vergleichsgruppe 2,65 Tage weniger. Ein Therapieabbruch aufgrund von Nebenwirkungen war in der Erenumab-Gruppe mit 2,2 Prozent deutlich seltener als in der Vergleichsgruppe mit 23,3 Prozent.
Leitlinien zur Migräneprophylaxe mit monoklonalen Antikörpern
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben Leitlinien zur Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne mit monoklonalen Antikörpern gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor publiziert.
Empfehlungen
Gemäß den Leitlinien werden bei den nichtmedikamentösen Maßnahmen regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung, ein regelmäßiger Tagesrhythmus und die Identifikation/das Management von Triggerfaktoren empfohlen.
Für die medikamentöse Prophylaxe standen bisher die Betablocker Propranolol und Metoprolol, Flunarizin, Amitriptylin und die beiden Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat zur Verfügung.
Zur Behandlung der chronischen Migräne besteht ein Wirksamkeitsnachweis für Topiramat und OnabotulinumtoxinA. Darüber hinaus gibt es wissenschaftliche Evidenz für weitere Substanzen (z. B. Candesartan), denen aber die Zulassung für die Indikation Migräneprophylaxe fehlt.
Monoklonale Antikörper zur Prophylaxe der Migräne
Insgesamt 4 monoklonale Antikörper wurden zur Prophylaxe der episodischen chronischen Migräne entwickelt und 3 dieser Antikörper sind in der Zwischenzeit in Deutschland zugelassen. Erenumab ist ein Antikörper, der am CGRP-Rezeptor angreift, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab hingegen blockieren das CGRP-Molekül selbst. Die monoklonalen Antikörper sind hochspezifisch und zeigen eine im Vergleich zu den etablierten Prophylaxen sehr gute Verträglichkeit. Aufgrund ihrer langen Halbwertszeit muss die Behandlung nur einmal monatlich oder alle 3 Monate erfolgen. Die Applikation erfolgt entweder subkutan (Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab) oder intravenös (Eptinezumab).
Wirksamkeit bei Therapieversagen
Die monoklonalen Antikörper wurden auch bei Patienten eingesetzt, bei denen die bisherige Migräneprophylaxe versagt hatte. Therapieversagen war definiert als ein Nichtansprechen auf die Therapie, Therapieabbruch wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen oder bestehende Kontraindikationen und andere Einschränkungen. Die monoklonalen Antikörper waren bei dieser Patientengruppe signifikant wirksamer als Placebo.
Einfluss auf die Akutmedikation
Die häufige Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln kann die Häufigkeit von Migräneattacken erhöhen und trägt das Risiko eines Kopfschmerzes durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln in sich. Daher ist es ein wichtiges Therapieziel, die Einnahmetage der Akuttherapie zu reduzieren. Dies gelang in den Zulassungsstudien mit monoklonalen Antikörpern signifikant besser als mit Placebo.
Therapiedauer
Für die klinische Anwendung wird empfohlen, die Therapie nach 6-9 Monaten zu unterbrechen, um zu überprüfen, ob eine Migräneprophylaxe noch notwendig ist. Aus den Langzeitstudien gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass im Lauf der Zeit ein Verlust an Wirkung eintritt.
Sicherheit und Verträglichkeit
Monoklonale Antikörper wirken sehr spezifisch, was erklärt, warum sie ein sehr gutes Verträglichkeitsprofil haben. Die meisten Nebenwirkungen waren unter aktiver Therapie nicht häufiger als unter Placebo. Typische Nebenwirkungen sind Schmerzen an der Injektionsstelle und allergische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie. Gelegentlich werden auch eine Nasopharyngitis oder andere Infekte der oberen Atemwege beobachtet. Erenumab kann in seltenen Fällen zu einer schweren Obstipation führen, sodass Patienten auf diese Nebenwirkung hingewiesen werden müssen. Da monoklonale Antikörper die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden können, treten keine zentralen Nebenwirkungen auf.
Voraussetzungen der Erstattung
Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) sieht eine Übernahme der Therapiekosten durch die gesetzliche Krankenversicherung bei Patienten mit episodischer Migräne vor, wenn mindestens die folgenden 5 zugelassenen medikamentösen Prophylaktika Betablocker (Metoprolol oder Propranolol), Flunarizin, Topiramat, Valproinsäure und Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder wenn gegen deren Einnahme Kontraindikationen oder Warnhinweise bestehen.
Bei Patienten mit chronischer Migräne wird als zusätzliches Kriterium empfohlen, dass diese nicht auf eine Therapie mit OnabotulinumtoxinA angesprochen haben.
Fazit
Zusammengefasst sind die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor eine wichtige Ergänzung der bisherigen Medikamente zur Migräneprophylaxe.
Nutzenbewertung von Erenumab
Erenumab ist seit 2018 zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen. Bei Markteinführung empfahl die AkdÄ den Einsatz von Erenumab nur nach Versagen aller anderen Wirkstoffe zur Migräneprophylaxe oder bei deren Unverträglichkeit, da Langzeitdaten fehlen.
Neubewertung aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse
Bei der aktuellen Bewertung handelt es sich um die erneute Nutzenbewertung des Arzneimittels Erenumab aufgrund eines Antrages des pU wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Für die Neubewertung legte der pU die Ergebnisse der randomisierten kontrollierten Studie HER-MES vor, in der Erenumab mit Topiramat verglichen wird. Insgesamt wurden in der Studie 777 Patienten randomisiert im Verhältnis 1:1 einer Behandlung entweder mit Erenumab (N = 389) oder mit Topiramat (N = 388) zugeteilt.
Ergebnisse der HER-MES-Studie
Therapieabbrüche wegen UE traten bei 10,6 % im Erenumab-Arm und bei 38,9 % im Topiramat-Arm auf. Der Unterschied ist klinisch relevant. Eine Reduktion der Migränetage um ≥ 50 % über die letzten drei Monate sowie über den ersten Monat erreichten signifikant mehr Patienten unter Erenumab als unter Topiramat.
Dossierbewertung IQWiG
In der Gesamtschau ergeben sich für das IQWiG mehrere positive und ein negativer Effekt. Bei den positiven Effekten gibt es für schwerwiegende/schwere Symptome/Folgekomplikationen Hinweise auf einen erheblichen bzw. beträchtlichen Zusatznutzen von Erenumab im Vergleich zu Topiramat. Zudem zeigen sich bei den nicht schwerwiegenden/nicht schweren Nebenwirkungen in mehreren Endpunkten (u. a. Abbruch wegen UE, spezifische UE „Erkrankungen des Nervensystems“) Hinweise auf einen geringeren Schaden, mehrheitlich mit dem Ausmaß beträchtlich. Demgegenüber zeigt sich ein negativer Effekt mit dem Ausmaß beträchtlich bei dem Endpunkt spezifische UE „Obstipation“.
Beschluss des G-BA
Der G-BA beschloss auf der Grundlage dieser Ergebnisse, dass für Erenumab gegenüber der ZVT Topiramat ein Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen vorliegt.
Schmerzklinik Kiel: Spezialisierte Therapie von Migräne
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, allen Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Migräne: Eine Volkskrankheit
Die Migräne belegt weltweit hinter Zahnkaries und Kopfschmerz vom Spannungstyp den 3. Platz der häufigsten Erkrankungen des Menschen. Jeden Tag sind allein in Deutschland etwa 900.000 Menschen von Migräneattacken betroffen. Der Migräneschmerz basiert nach heutigen Erkenntnissen auf einer neurogenen Entzündungsreaktion an den Arterien der Hirnhäute.
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