Das extrapyramidale System: Definition, Funktion und klinische Bedeutung

Das extrapyramidale System (EPS), auch bekannt als extrapyramidales motorisches System, striopallidäres System, striäres System oder myostatisches System, ist ein komplexes Netzwerk von Hirnstrukturen und neuronalen Bahnen, das eine entscheidende Rolle bei der Steuerung und Modulation von Bewegung spielt. Obwohl es traditionell als vom Pyramidenbahnsystem getrennt betrachtet wurde, ist es wichtig zu betonen, dass beide Systeme eng miteinander interagieren und zusammenarbeiten, um eine reibungslose und koordinierte Motorik zu gewährleisten.

Einführung in die Motorischen Systeme

Bewegungsvorgänge werden über die somato-motorischen Neurone vermittelt. Die wichtigsten Elemente sind in Abbildung 11-1 dargestellt. Es ist wichtig, die Zielmotorik und die Stützmotorik zu trennen.

Anatomie und Bestandteile des extrapyramidalen Systems

Das extrapyramidale System umfasst eine Vielzahl von Hirnstrukturen, darunter:

  • Basalganglien (Stammganglien): Diese umfassen das Striatum (Putamen und Nucleus caudatus), den Globus pallidus (internus und externus), den Nucleus subthalamicus und die Substantia nigra. Die Basalganglien erhalten Informationen aus verschiedenen Teilen der Hirnrinde und beeinflussen die Bewegungsprogramme bezüglich ihrer Geschwindigkeit, ihres Bewegungsausmaßes, der Kraft und Bewegungsrichtung. Sie stehen über Funktionsschleifen mit der Großhirnrinde in Verbindung und haben jeweils eine eher hemmende oder eher erregende Wirkung auf die Motorik.
  • Mittelhirnkerne: Hierzu gehören der Nucleus ruber, die Substantia nigra und Teile der Formatio reticularis.
  • Kleinhirn (Cerebellum): Das Kleinhirn ist entscheidend für die Feinabstimmung und Koordination von Bewegungen. Die Kleinhirnhemisphären erstellen Bewegungsprogramme für schnelle Zielbewegungen, auf der Grundlage von Informationen aus den assoziativen Rindenfeldern und der vom Großhirn geplanten Bewegungsentwürfe.
  • Thalamus: Der Thalamus dient als Relaisstation für sensorische und motorische Informationen und spielt eine Rolle bei der Kontrolle und Modulation komplexer Bewegungen.
  • Hirnstamm: Der Hirnstamm enthält wichtige motorische Zentren und Bahnen, die an der Steuerung von Haltung, Gleichgewicht und automatischen Bewegungen beteiligt sind.

Die Fasern des extrapyramidalen Systems verlaufen nicht so geschlossen wie die der Pyramidenbahn und sind mehrfach unterbrochen und teilweise miteinander verkoppelt. Sie enden überwiegend an den spinalen Schaltneuronen, deren Erregung auf die motorischen Vorderhornzellen übertragen wird.

Funktionen des extrapyramidalen Systems

Das extrapyramidale System ist an einer Vielzahl von motorischen Funktionen beteiligt, darunter:

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  • Regulation des Muskeltonus: Das EPS hilft bei der Aufrechterhaltung eines angemessenen Muskeltonus, der für Haltung und Bewegung erforderlich ist.
  • Koordinierung von Bewegungen: Das EPS trägt zur reibungslosen und koordinierten Ausführung von Bewegungen bei, insbesondere von automatisierten und erlernten Bewegungsabläufen.
  • Unterdrückung unerwünschter Bewegungen: Das EPS hilft, unerwünschte oder überschüssige Bewegungen zu unterdrücken, um eine präzise und zielgerichtete Motorik zu gewährleisten.
  • Steuerung von Haltung und Gleichgewicht: Das EPS spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Haltung und Gleichgewicht, insbesondere bei dynamischen Bewegungen.
  • Modulation von Reflexen: Das EPS kann die Aktivität von Reflexen modulieren, um eine angemessene Reaktion auf sensorische Reize zu gewährleisten.
  • Automatisierung von Bewegungsabläufen: Das EPS ermöglicht die Automatisierung von Bewegungsabläufen, wodurch komplexe Handlungen ohne bewusste Anstrengung ausgeführt werden können. Beispiele hierfür sind Gehen, Radfahren oder Tippen auf einer Tastatur.

Im Gegensatz zur Zielmotorik, die hauptsächlich die distale Muskulatur für Feinbewegungen umfasst und über das Pyramidenbahnsystem vermittelt wird, ist das extrapyramidale System stärker in die Stützmotorik involviert. Die Stützmotorik betrifft hauptsächlich die proximale Muskulatur (Stamm- oder Axialmuskulatur) und wird durch propriozeptive Eingänge bestimmt. Diese Bewegungskomponenten laufen weitgehend unwillkürlich (reflektorisch) ab und werden durch motorische Zentren des Kortex, subkortikale Kerne und den Hirnstamm kontrolliert.

Klinische Bedeutung des extrapyramidalen Systems

Läsionen oder Dysfunktionen des extrapyramidalen Systems können zu einer Vielzahl von Bewegungsstörungen führen, die als extrapyramidale Syndrome bezeichnet werden. Zu den häufigsten extrapyramidalen Syndromen gehören:

  • Parkinson-Syndrome (Hypokinesen): Diese sind durch eine Verlangsamung der Bewegungen (Bradykinese), Muskelsteifigkeit (Rigor), Zittern (Tremor) und Haltungsinstabilität gekennzeichnet. Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS, Morbus Parkinson) ist die häufigste Form, aber es gibt auch sekundäre Parkinson-Syndrome und Parkinson-Syndrome im Rahmen anderer neurodegenerativer Erkrankungen.
  • Hyperkinetische Bewegungsstörungen (Hyperkinesen): Diese umfassen eine Reihe von Bewegungsstörungen, die durch überschüssige oder unwillkürliche Bewegungen gekennzeichnet sind, wie z. B. Tremor, Dystonie, Athetose, Tics, Myoklonus, Dyskinesien und Ballismus.
    • Tremor: Unwillkürliche, rhythmische oszillatorische Bewegung eines Körperteils.
    • Dystonie: Anhaltende Muskelkontraktionen, die repetitive Bewegungen und abnorme Haltungen verursachen.
    • Athetose: Wurmförmige, langsame Bewegungen, vorwiegend distal an den Extremitäten.
    • Tics: Plötzliche, arrhythmische, stereotype motorische Bewegungen oder Lautäußerungen.
    • Myoklonus: Rasche Muskelzuckungen, die willkürlich nicht unterdrückbar sind.
    • Dyskinesien: Traditioneller Überbegriff für durch Medikamente induzierte Überschussbewegungen, insbesondere nach Einnahme von Neuroleptika oder L-Dopa.
    • Ballismus: Abrupte, proximal betonte, ausholende, schleudernde oder wurfartige Bewegungen einer Extremität.
  • Ataxie: Störungen in der Bewegungskoordination und Gleichgewichtsregulation, die häufig mit dem Kleinhirn in Verbindung gebracht werden.

Die Diagnose von Bewegungsstörungen stützt sich weitgehend auf Anamnese und neurologische Untersuchung. Bei der Einordnung von Bewegungsstörungen ist man auf ihre klinische Phänomenologie angewiesen, weil zunächst syndromatisch vorgegangen wird.

Beispiele für Erkrankungen des extrapyramidalen Systems

  • Morbus Parkinson: Eine degenerative Erkrankung der Substantia nigra mit Untergang der Dopamin-produzierenden Zellen. Dies führt zu einem Dopaminmangel im Striatum, was die Funktion der Basalganglien beeinträchtigt und die typischen Parkinson-Symptome verursacht.
  • Huntington-Krankheit (Chorea Huntington): Eine erbliche neurodegenerative Erkrankung, die zu einer Degeneration von Neuronen in den Basalganglien und der Hirnrinde führt. Dies führt zu Chorea (unwillkürliche, ruckartige Bewegungen), kognitiven Beeinträchtigungen und psychiatrischen Symptomen.
  • Dystonie: Es gibt verschiedene Formen von Dystonie, die entweder idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) oder sekundär (als Folge anderer Erkrankungen oder Medikamente) auftreten können. Die Symptome variieren je nach betroffener Körperregion und können von leichten Muskelkrämpfen bis hin zu schweren, behindernden Haltungsstörungen reichen.
  • Medikamenteninduzierte Bewegungsstörungen: Bestimmte Medikamente, insbesondere Neuroleptika, können zu Bewegungsstörungen wie Dyskinesien, Dystonie oder Parkinsonismus führen.

Untersuchung und Diagnose

Die neurologische Untersuchung spielt eine entscheidende Rolle bei der Diagnose von Erkrankungen des extrapyramidalen Systems. Der Arzt beurteilt verschiedene Aspekte der Motorik, darunter:

  • Muskeltonus: Erhöhter Muskeltonus (Rigor) kann auf Parkinson-Syndrome hindeuten, während verminderter Muskeltonus (Hypotonie) bei anderen neurologischen Erkrankungen auftreten kann.
  • Reflexe: Die Muskeldehnungsreflexe können bei Parkinson-Krankheit auf der betroffenen Seite lebhafter auslösbar sein. Im Unterschied zur Spastik ist der erhöhte Dehnungswiderstand der Muskulatur beim Rigor geschwindigkeits- und winkelunabhängig.
  • Bewegungskoordination: Ataxie äußert sich in Störungen der Bewegungskoordination und Gleichgewichtsregulation.
  • Unwillkürliche Bewegungen: Das Vorhandensein von Tremor, Dystonie, Chorea oder anderen unwillkürlichen Bewegungen kann auf eine Erkrankung des extrapyramidalen Systems hindeuten.
  • Gangbild: Veränderungen des Gangbildes, wie z. B. ein kleinschrittiger Gang oder Startschwierigkeiten, können ebenfalls auf eine Erkrankung des EPS hinweisen.

Zusätzlich zur neurologischen Untersuchung können bildgebende Verfahren wie MRT oder CT eingesetzt werden, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen. In einigen Fällen können auch spezielle Tests wie Dopamin-Transporter-SPECT (DaTscan) durchgeführt werden, um die Funktion der Dopamin-produzierenden Zellen im Gehirn zu beurteilen.

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Therapieansätze

Die Behandlung von Erkrankungen des extrapyramidalen Systems hängt von der zugrunde liegenden Ursache und den spezifischen Symptomen ab. Zu den gängigen Therapieansätzen gehören:

  • Medikamentöse Therapie: Verschiedene Medikamente können eingesetzt werden, um die Symptome von Bewegungsstörungen zu lindern. Bei Parkinson-Krankheit werden beispielsweise Medikamente eingesetzt, die den Dopaminmangel im Gehirn ausgleichen (z. B. L-Dopa) oder die Wirkung von Dopamin verstärken (z. B. Dopaminagonisten). Bei Dystonie können Botulinumtoxin-Injektionen eingesetzt werden, um die überaktiven Muskeln zu entspannen.
  • Tiefe Hirnstimulation (THS): Ein neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Hirnregionen (z. B. die Basalganglien) implantiert werden, um die Hirnaktivität zu modulieren. THS kann bei bestimmten Bewegungsstörungen, wie z. B. Parkinson-Krankheit oder Dystonie, eine wirksame Behandlungsmethode sein.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft, Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann Patienten helfen, Strategien zu entwickeln, um alltägliche Aktivitäten trotz ihrer Bewegungsstörung auszuführen.
  • Logopädie: Logopädie kann bei Sprach- und Schluckstörungen helfen, die bei einigen Erkrankungen des extrapyramidalen Systems auftreten können.

Aktuelle Forschung

Die Forschung auf dem Gebiet der extrapyramidalen Systeme und Bewegungsstörungen ist weiterhin sehr aktiv. Wissenschaftler arbeiten daran, die Ursachen und Mechanismen dieser Erkrankungen besser zu verstehen und neue und wirksamere Behandlungsmethoden zu entwickeln. Zu den vielversprechenden Forschungsansätzen gehören die Entwicklung von krankheitsmodifizierenden Therapien für neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson-Krankheit und Huntington-Krankheit, die Erforschung neuer Zielstrukturen für die tiefe Hirnstimulation und die Entwicklung von Gentherapien für bestimmte Formen von Dystonie.

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