Demenz: Umgang mit Vorwürfen von Angehörigen – Eine umfassende Anleitung

Einführung

Der Umgang mit Demenz stellt Angehörige vor immense Herausforderungen. Menschen mit Demenz verlieren zunehmend ihre Fähigkeit zur verbalen Kommunikation, was zu Missverständnissen und Frustration führen kann. Ein besonders belastender Aspekt ist der Umgang mit Vorwürfen, die von Betroffenen geäußert werden. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Leitfaden, um solche Situationen besser zu verstehen und konstruktiv zu bewältigen.

Verständnis für die veränderte Kommunikation

Menschen mit Demenz verlieren nach und nach die Fähigkeit, verbal zu kommunizieren, was für alle Beteiligten schmerzlich ist. Normale Gespräche werden zunächst schwierig und schließlich unmöglich. Es ist wichtig, sich in die Situation der betroffenen Person hineinzuversetzen und die eigene Kommunikationsweise an ihre aktuelle Auffassungsgabe anzupassen.

Sprachliche Schwierigkeiten

Menschen mit Demenz haben zunehmend Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Anfangs umschreiben sie Begriffe oder erfinden neue Wörter. Später verwechseln sie Wörter oder bringen sogar Gegensätze durcheinander. Was sie sagen, mag merkwürdig klingen, enthält aber oft eine sinnvolle Botschaft.

Verständnisprobleme

Obwohl sie oft besser verstehen als selbst sprechen können, können viele irgendwann selbst alltäglichen Gesprächen nicht mehr folgen. Dies kann zu Verwirrung, Verärgerung und Einschüchterung führen.

Verlust von Gesprächsregeln

Manche Menschen mit Demenz vergessen, wie man ein höfliches Gespräch führt. Sie halten keinen Blickkontakt, fallen ins Wort oder wechseln unvermittelt das Thema. Ihre Antworten passen möglicherweise nicht zu den gestellten Fragen, was jedoch nicht böswillig gemeint ist, sondern auf Verständnisprobleme zurückzuführen ist.

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Kurzzeitgedächtnisverlust

Weil ihr Kurzzeitgedächtnis sie immer mehr im Stich lässt, können sich manche schon nach wenigen Minuten nicht mehr daran erinnern, was sie kurz zuvor gesagt haben. Sie wiederholen sich unabsichtlich und stellen mehrmals nacheinander dieselben Fragen. Es ist sinnlos, sie darauf hinzuweisen, da dies Aggressionen und Konflikte auslösen kann.

Realitätsverlust

Viele Menschen mit Demenz fühlen sich umso jünger, je weiter ihre Demenz vorangeschritten ist. Sie bringen Vergangenheit und Gegenwart durcheinander und können nicht durch Zureden in die Realität zurückgeholt werden.

Nonverbale Kommunikation als Schlüssel

Die meisten Menschen mit Demenz beherrschen die Körpersprache länger als die Wortsprache. Sie versuchen, ihre Botschaften durch Pantomime und Zeigegesten zu übermitteln und achten genau auf die Körpersprache ihrer Bezugspersonen.

Chancen der nonverbalen Kommunikation

Wir können ihnen helfen, inhaltliche Botschaften besser zu verstehen, indem wir unsere Worte gestisch und pantomimisch untermalen und das Gemeinte vormachen. Emotionale Botschaften lassen sich oft ganz ohne Worte durch Berührungen vermitteln.

Gefahren der nonverbalen Kommunikation

Menschen mit Demenz entwickeln ein feines Gespür für die Stimmungen ihrer Bezugspersonen. Sie merken, wenn wir traurig oder abgelenkt sind, und reagieren verunsichert, wenn unsere Körpersprache unseren Worten widerspricht. Auch können sie nonverbale Signale falsch deuten, beispielsweise laute Stimmen als aggressiv wahrnehmen.

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Kommunikationsregeln für den Umgang mit Demenz

Blickkontakt und Anrede

Stellen Sie vor jedem Gespräch Blickkontakt auf Augenhöhe her und sprechen Sie Menschen mit Demenz mit ihrem Namen an.

Verständliche Sprache

Verwenden Sie im Gespräch mit Dialektsprechern wenn möglich die Mundart und vermeiden Sie Fach- und Fremdwörter, Jugendsprache sowie komplizierte mehrsilbige Begriffe. Reden Sie langsam und deutlich und verwenden Sie kurze Sätze.

Fragetechnik

Formulieren Sie Ihre Fragen so, dass sie sich mit einem einzigen Wort oder mit Ja bzw. Nein beantworten lassen. Stellen Sie nicht mehr als zwei Angebote auf einmal zur Auswahl und präsentieren Sie in späteren Phasen nur eine Alternative gleichzeitig verbal und nonverbal.

Geduld und Wiederholung

Menschen mit Demenz brauchen Zeit und Ruhe, um über den nächsten Schritt oder eine Antwort nachzudenken. Machen Sie bewusst Pausen zwischen einzelnen Sätzen und wiederholen Sie wichtige Informationen in derselben Formulierung.

Positive Kommunikation

Nutzen Sie mit positiven Gefühlen und schönen Erinnerungen besetzte Schlüsselwörter als Türöffner und vermeiden Sie negative Reizwörter. Vermeiden Sie Ironie oder übertragene Bedeutungen und drücken Sie Ihre Botschaften positiv aus.

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Einbeziehung und Bestätigung

Geben Sie Menschen mit Demenz das Gefühl, in Gesprächssituationen dazuzugehören und mitreden zu können. Stellen Sie ihnen nur Fragen, die sie auch beantworten können, und erkundigen Sie sich nach Personen und Ereignissen von früher, an die sie sich noch gut erinnern können. Sprechen Sie über Dinge, die gut gemacht wurden, und loben Sie sie ausdrücklich dafür.

Fehler vermeiden

Sehen Sie kommentarlos darüber hinweg, wenn Menschen mit Demenz sich seltsam ausdrücken oder falsche Wörter verwenden. Vermeiden Sie Diskussionen und Rechthaberei.

Umgang mit Vorwürfen und Beschuldigungen

Ursachen für Vorwürfe

Menschen mit Demenz können aufgrund von Gedächtnisverlust, Verwirrung und Realitätsverlust Vorwürfe erheben. Sie können glauben, dass ihnen Gegenstände gestohlen wurden oder dass Angehörige ihnen etwas Böses wollen. Diese Vorwürfe sind oft ein Ausdruck von Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit.

Strategien im Umgang mit Vorwürfen

  • Ruhe bewahren: Reagieren Sie ruhig und versuchen Sie, die Situation nicht zu eskalieren.
  • Ernst nehmen: Nehmen Sie die Gefühle und Ängste der betroffenen Person ernst, auch wenn die Vorwürfe unbegründet sind.
  • Empathie zeigen: Versetzen Sie sich in die Lage der betroffenen Person und versuchen Sie, ihre Sichtweise zu verstehen.
  • Nicht diskutieren: Vermeiden Sie Diskussionen und Rechthaberei, da dies die Situation verschlimmern kann.
  • Ablenken: Versuchen Sie, die betroffene Person abzulenken, indem Sie das Thema wechseln oder eine andere Aktivität anbieten.
  • Suchen helfen: Bieten Sie an, gemeinsam nach dem vermissten Gegenstand zu suchen, um der betroffenen Person zu zeigen, dass Sie ihr helfen wollen.
  • Erklären: Erklären Sie ruhig und geduldig, dass kein Diebstahl stattgefunden hat und dass Sie der betroffenen Person helfen werden, den Gegenstand zu finden.
  • Professionelle Hilfe suchen: Wenn die Vorwürfe häufig auftreten und die Situation belasten, suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Arzt oder Therapeuten.

Beispiele für den Umgang mit Vorwürfen

  • Vorwurf: "Du hast mir meine Geldbörse gestohlen!"
    • Antwort: "Ich verstehe, dass du dich ärgerst, wenn deine Geldbörse fehlt. Lass uns gemeinsam suchen, vielleicht finden wir sie ja."
  • Vorwurf: "Ihr wollt mich doch nur ins Heim stecken!"
    • Antwort: "Wir lieben dich und wollen, dass es dir gut geht. Wir werden alles tun, um dich zu unterstützen und dir ein schönes Zuhause zu bieten."

Gewalt in der Pflege vermeiden

Ursachen für Gewalt

Der Alltag mit einem dementen Menschen ist herausfordernd und kostet viel Kraft. Pflegende Angehörige sind oft überlastet, gereizt und vergreifen sich schneller im Ton. Auch Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz, die auf die Krankheit selbst zurückzuführen sind, können zu Konflikten führen.

Präventionsmaßnahmen

  • Überlastung vermeiden: Nehmen Sie sich Auszeiten und holen Sie sich Unterstützung von anderen Familienmitgliedern, Freunden oder professionellen Pflegediensten.
  • Wissen über Demenz: Informieren Sie sich über die Krankheit und ihre Auswirkungen, um Verhaltensweisen besser zu verstehen und Konflikte zu vermeiden.
  • Biografiearbeit: Beschäftigen Sie sich mit der Biografie der betroffenen Person, um Verhaltensweisen besser einordnen und darauf eingehen zu können.
  • Flexibilität: Seien Sie flexibel und passen Sie Abläufe und Erwartungen an die Bedürfnisse der betroffenen Person an.
  • Ruhe bewahren: Bewahren Sie in Konfliktsituationen Ruhe und verlassen Sie gegebenenfalls kurz den Raum, um sich zu beruhigen.
  • Medizinische Hilfe: Suchen Sie bei Bedarf medizinische Hilfe auf, um Verhaltensauffälligkeiten zu behandeln oder Medikamente anzupassen.
  • Stationäre Einrichtung: Ziehen Sie in extremen Fällen die Aufnahme in eine stationäre Einrichtung in Betracht.
  • Polizei: Rufen Sie bei akuten Situationen mit körperlicher Gewalt die Polizei.

Konstruktive Förderung und Forderung

Grundhaltung

Behandeln Sie Menschen mit Demenz als erwachsene Menschen und vermeiden Sie es, sie zu verkindlichen oder zu bevormunden. Versuchen Sie, sich in ihre Welt hineinzuversetzen und ihre Handlungen und Gedanken zu verstehen.

Kommunikation

Verwenden Sie unkomplizierte Sätze mit einer einzigen Botschaft und wiederholen Sie wichtige Informationen. Vermeiden Sie W-Fragen und geben Sie der betroffenen Person Zeit zum Antworten. Loben Sie sie für ihre Bemühungen und vermeiden Sie Kritik, Korrekturen und Vorwürfe.

Aktivierung

Fördern Sie die Selbstständigkeit der betroffenen Person, indem Sie sie konstruktiv fordern und fördern. Passen Sie die Aktivitäten an ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten an und vermeiden Sie Überforderung. Nutzen Sie Ergotherapie, Physiotherapie und Sinnesarbeit, um die Mobilität und Lebensqualität zu erhalten.

Soziale Kontakte und Routine

Fördern Sie regelmäßige soziale Kontakte und schaffen Sie einen strukturierten Alltag mit klaren Routinen. Achten Sie auf eine barrierefreie Umgebung und passen Sie die Räumlichkeiten an die Bedürfnisse der betroffenen Person an.

Herausforderndes Verhalten verstehen und begegnen

Ursachen für herausforderndes Verhalten

Herausforderndes Verhalten bei Demenz ist oft ein Ausdruck von Unwohlsein, Angst, Frustration oder unbefriedigten Bedürfnissen. Es kann durch Überforderung, Reizüberflutung, Schmerzen oder andere körperliche Beschwerden ausgelöst werden.

Strategien im Umgang mit herausforderndem Verhalten

  • Perspektivenwechsel: Versuchen Sie, das Verhalten aus der Sicht der betroffenen Person zu verstehen.
  • Bedürfnisse erkennen: Identifizieren Sie die Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten stehen, und versuchen Sie, diese zu befriedigen.
  • Umfeld anpassen: Gestalten Sie das Umfeld so, dass es den Bedürfnissen der betroffenen Person entspricht und Reizüberflutung vermeidet.
  • Ablenkung: Versuchen Sie, die betroffene Person abzulenken, indem Sie ihr eine andere Aktivität anbieten oder sie beruhigen.
  • Grenzen setzen: Setzen Sie klare Grenzen und signalisieren Sie der betroffenen Person, dass bestimmtes Verhalten nicht akzeptabel ist.
  • Professionelle Hilfe: Suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Arzt, Therapeuten oder Pflegedienst.

Selbstfürsorge für Angehörige

Bedeutung der Selbstfürsorge

Die Pflege eines Menschen mit Demenz ist eine große Belastung, die oft zu Erschöpfung, Stress und gesundheitlichen Problemen führt. Deshalb ist es wichtig, dass Angehörige auf ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden achten.

Maßnahmen zur Selbstfürsorge

  • Auszeiten nehmen: Planen Sie regelmäßige Auszeiten ein, in denen Sie sich entspannen und neue Energie tanken können.
  • Unterstützung suchen: Nehmen Sie Hilfe von anderen Familienmitgliedern, Freunden oder professionellen Pflegediensten in Anspruch.
  • Gesprächsgruppen: Treten Sie einer Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige bei, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und Unterstützung zu finden.
  • Hobbys pflegen: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Hobbys und Interessen, um Freude und Abwechslung in Ihren Alltag zu bringen.
  • Gesunde Ernährung und Bewegung: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung, um Ihre körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten.
  • Professionelle Hilfe: Suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Arzt, Therapeuten oder Berater, wenn Sie sich überfordert oder belastet fühlen.

Rechtliche und finanzielle Aspekte

Vorsorgevollmacht und Betreuung

Klären Sie rechtzeitig die rechtlichen und finanziellen Fragen, die im Zusammenhang mit der Demenz auftreten. Erstellen Sie eine Vorsorgevollmacht, um sicherzustellen, dass Ihre Wünsche im Falle einer Geschäftsunfähigkeit berücksichtigt werden. Beantragen Sie gegebenenfalls eine gesetzliche Betreuung, um die Interessen der betroffenen Person zu schützen.

Pflegegrad und finanzielle Hilfen

Informieren Sie sich über die verschiedenen Pflegegrade und beantragen Sie den entsprechenden Pflegegrad bei der Pflegekasse. Nutzen Sie die verschiedenen finanziellen Hilfen und Unterstützungsangebote, die für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zur Verfügung stehen.

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