Demenz: Aktuelle Forschung, Ursachen, Prävention und Umgang

Demenz ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer alternden Gesellschaft. Weltweit leben etwa 50 Millionen Menschen mit Demenz, davon rund 1,8 Millionen in Deutschland. Die Erkrankung ist eine Hauptursache für Pflegebedürftigkeit im Alter und geht mit einem fortschreitenden Verfall der kognitiven Fähigkeiten und Veränderungen der Persönlichkeit einher. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, verschiedene Demenzformen, Präventionsstrategien und den Umgang mit der Erkrankung.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig mit 3.500 Senioren über 75 Jahren, veröffentlicht im „Journal of the American Geriatrics Society“, zeigt, dass Hörbeeinträchtigungen einen signifikanten Einfluss auf die langfristige Entwicklung von Demenz haben. Die Studie, die über 20 Jahre vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Medizinischen Fakultät in Zusammenarbeit mit Forschungszentren aus Hamburg, Bonn und Hannover durchgeführt wurde, verdeutlicht, dass Hörbeeinträchtigung, aber nicht Sehbeeinträchtigung, ein starker Risikofaktor für Demenz bei Senioren ist.

Dr. Alexander Pabst, Studienautor, erklärt: „Insgesamt 30 Prozent der Teilnehmer berichteten am Anfang der Studie über eine Hörminderung und gut ein Viertel der Teilnehmer entwickelte im Laufe der Zeit eine Demenz. Es zeigte sich, dass Schwerhörigkeit ein signifikanter, unabhängiger Risikofaktor für eine Demenzentwicklung ist. So war das längsschnittliche Erkrankungsrisiko für Teilnehmer mit einer Hörminderung um 16 Prozent erhöht.“ Die durchschnittliche Zeit vom Studienstart bis zum Beginn der Krankheit betrug fünfeinhalb Jahre.

Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des ISAP, betont: „Auch wenn die biologische Verbindung zwischen Hörstörungen und Demenz weiterer Untersuchungen bedarf, so zeigen die Daten doch eindrücklich, dass der Fokus auf vermeidbare Risikofaktoren das individuelle Demenzrisiko erheblich verringern kann. Ansätze zur Prävention geistiger Abbauprozesse sollten sich das zunutze machen.“

Die Forschenden sehen kombinierte Interventionen zum Erhalt der kognitiven Leistung als besonders vielversprechend an. Eine Erhöhung der körperlichen und geistigen Aktivität, gesunde Ernährung, gute Einstellung des Blutdrucks und des Blutzuckers bei entsprechenden Erkrankungen (Bluthochdruck, Diabetes) und auch die frühzeitige Behandlung von Hörbeeinträchtigungen können einen nachhaltigen positiven Effekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität älterer Menschen haben.

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Was ist Demenz?

Der Begriff "Demenz" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich "Weg vom Geist" oder "ohne Geist". Demenz ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem fortschreitenden Verlust der geistigen Fähigkeiten einhergehen. Diese Beeinträchtigungen können das Gedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache, die Orientierung und die Persönlichkeit betreffen. Im fortgeschrittenen Stadium sind die betroffenen Personen auf fremde Hilfe angewiesen, weil sie sich im Alltag nicht mehr alleine zurechtfinden und pflegebedürftig werden.

Typische Anzeichen einer Demenz sind:

  • Gedächtnisprobleme, Vergesslichkeit
  • Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden oder Sprache zu verstehen
  • Probleme bei alltäglichen Handlungen, die früher selbstverständlich waren
  • Veränderungen in Persönlichkeit und Stimmung

Verschiedene Formen der Demenz

Es gibt nicht "die" Demenz, sondern verschiedene Formen, die unterschiedliche Ursachen haben und sich in ihren Symptomen und ihrem Verlauf unterscheiden. Die bekanntesten Formen sind:

  • Alzheimer-Krankheit: Sie ist die häufigste Form der Demenz und macht bis zu zwei Drittel aller Fälle aus. Bei der Alzheimer-Demenz sterben Nervenzellen im Gehirn aus noch nicht völlig geklärter Ursache ab (Neurodegeneration). Typisch ist eine zunehmende Vergesslichkeit, die die Betroffenen zunächst auch selbst bemerken. Im Gehirn bilden sich sogenannte Eiweißplaques: Verklumpungen bestimmter Eiweißmoleküle, die bei Gesunden nicht in diesem Maße auftreten. Seit Herbst 2025 stehen zudem zwei neue Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können, allerdings nur für Menschen mit Alzheimer im Frühstadium.
  • Vaskuläre Demenz: Diese Form entsteht aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn, beispielsweise nach einem Schlaganfall oder durch Mikroverschlüsse von Hirngefäßen. Die Symptome können plötzlich einsetzen oder schrittweise zunehmen. Meistens steht die Verlangsamung im Vordergrund.
  • Lewy-Körperchen-Demenz: Bei dieser Form führen Ablagerungen bestimmter Proteine (Lewy-Körperchen) zu kognitiven Schwankungen, verlangsamtem Denken und Schwierigkeiten mit dem Planen und Problemlösen. Auch motorische Symptome und Halluzinationen können auftreten.
  • Frontotemporale Demenz (FTD): Ursache sind Degenerationsprozesse der Stirn- und Schläfenlappen im Gehirn. Die FTD tritt meist in jüngerem Alter (<65 Jahre) auf und führt zu Veränderungen der Persönlichkeit sowie zu Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Es kommt primär zu einer Vernachlässigung: Die Patienten kleiden sich nicht mehr so akkurat, waschen sich nicht mehr oder nicht mehr so wie früher, sind nicht mehr so ordentlich, werden etwas flapsig, etwas enthemmt.
  • Parkinson-Demenz: Demenz kann sich auch bei Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung entwickeln.
  • Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE): Diese Form kann als Folge häufiger Kopfverletzungen entstehen.

Demenz: Zahlen und Fakten

  • Deutschland: Im Jahr 2023 lebten hierzulande rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 40 Jahren), davon etwa 1,7 Millionen in der Altersgruppe ab 65 Jahren. Nach Prognosen könnte die Anzahl der Betroffenen (im Alter ab 65 Jahren) im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen ansteigen, im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen und im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen erreichen. Im Jahr 2023 sind in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach Berechnungen zwischen 364.000 und 445.000 Menschen neu an einer Demenz erkrankt.
  • Europa: In der EU (inklusive UK) lebten im Jahr 2018 schätzungsweise rund 8,9 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 30 Jahren), davon ca. 8,4 Millionen in der Altersgruppe ab 65 Jahren.
  • Global: Im Jahr 2019 gab es weltweit mehr als 55 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 40 Jahren), davon rund 48 Millionen in der Altersgruppe ab 65 Jahren.
  • Jüngere Menschen: Weltweit gab es 2019 schätzungsweise mehr als 55 Millionen Menschen mit Demenz im Alter ab 40 Jahren, davon etwa 6,8 Millionen in der Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren. In Deutschland gab es Schätzungen zufolge im Jahr 2018 etwa 73.000 Menschen mit Demenz im Alter zwischen 30 und 64 Jahren.
  • Kosten: Die Kosten für Demenz in Deutschland wurden für das Jahr 2020 mit rund 83 Milliarden Euro beziffert. Nach Prognosen könnten diese Kosten im Jahr 2040 auf rund 141 Milliarden Euro, im Jahr 2060 auf rund 195 Milliarden Euro anwachsen. Im Jahr 2019 betrugen die weltweiten Kosten für Demenz rund 1,3 Billionen US-Dollar.

Risikofaktoren und Prävention

Obwohl das Alter der größte bekannte Risikofaktor für Demenz ist, ist die Erkrankung keine unvermeidliche Folge des Alterns. Studien zeigen, dass ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko senken kann. Es sind 14 Risikofaktoren für Demenz bekannt, die prinzipiell modifizierbar sind und durch medizinische Vorsorge und gesunde Lebensgewohnheiten zum Teil persönlich beeinflusst werden können. Dazu gehören unter anderem:

  • Bluthochdruck
  • Übergewicht
  • Diabetes
  • Schwerhörigkeit
  • Luftverschmutzung
  • Geringe Bildung
  • Soziale Isolation

Regelmäßige körperliche Betätigung, eine ausgewogene Ernährung, geistiges Training und die Vermeidung von Übergewicht können dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken. Auch eine gute medikamentöse Einstellung bei Bluthochdruck kann das Risiko verringern. Die frühzeitige Behandlung von sensorischen Beeinträchtigungen, insbesondere von Hörbeeinträchtigungen, ist ein wichtiger Bestandteil zur Prävention von Demenz, wie die aktuelle Studie der Universität Leipzig zeigt.

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Diagnose und Behandlung

Um die Diagnose von Demenzerkrankungen zu stellen, ist eine sorgfältige ärztliche Untersuchung erforderlich. Die Übergänge sind fließend, so dass man, wenn es ganz früh anfängt, nicht sicher sagen kann - durch ein Interview zum Beispiel - dass es eine Demenz ist und nicht normale Altersvergesslichkeit. Die Diagnose stützt sich auf verschiedene Tests und Untersuchungen, die die kognitiven Fähigkeiten, die körperliche Gesundheit und die Krankengeschichte des Patienten berücksichtigen.

Obwohl Demenz derzeit nicht heilbar ist, gibt es wirksame Maßnahmen, um den Betroffenen zu helfen. Ziel der Behandlung ist es, Symptome zu lindern, Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten und die Herausforderungen des Alltags bestmöglich zu bewältigen. Die Therapie stützt sich auf mehrere Säulen:

  • Medikamentöse Therapie: Je nach Demenzform können Medikamente eingesetzt werden, um kognitive Einschränkungen oder Begleitsymptome wie Unruhe, Depressionen oder Halluzinationen zu mildern. Bei Alzheimer-Demenz und Lewy-Körperchen-Demenz werden häufig Acetylcholinesterase-Hemmer oder Memantin verordnet. Bei vaskulärer Demenz stehen Maßnahmen zur Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes im Vordergrund.
  • Nicht-medikamentöse Therapie: Ergänzend oder alternativ können Menschen mit Demenz auch ohne Medikamente unterstützt werden. Behandlungsformen wie Musiktherapie, Kunsttherapie, Aromatherapie, Yoga oder Biographiearbeit können helfen, vorhandene Stärken zu unterstützen, die Selbstständigkeit länger zu erhalten und positive Erlebnisse im Alltag zu ermöglichen.
  • Palliative Begleitung: Seit 2025 ist zudem die palliative Begleitung Bestandteil der Leitlinien zur Behandlung von Menschen mit Demenz. Sie kann bereits früh im Krankheitsverlauf unterstützen, etwa durch eine gute Schmerzbehandlung, psychosoziale Begleitung oder Gespräche über individuelle Wünsche und Werte.

Leben mit Demenz

Eine Demenzerkrankung verändert das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen grundlegend. Es ist wichtig, die Lebensumstände - soweit möglich - an die Bedürfnisse der Erkrankten anzupassen. Das bedeutet, eine sichere und vertraute Umgebung zu schaffen, Routinen beizubehalten und die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu fördern.

Pflegende Angehörige sind oft sehr stark beansprucht. Durch Information und Beratung, Gesprächsgruppen sowie ehrenamtliche und professionelle Dienste können sie eine wirksame Entlastung erfahren. Es gibt zahlreiche Angebote zur Unterstützung im Alltag, wie beispielsweise:

  • Alzheimer-Telefon: Ein bundesweites Beratungsangebot für Menschen mit Demenz, Angehörige sowie für alle, die sich beruflich oder ehrenamtlich engagieren.
  • Gesprächsgruppen: Bieten die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen und Angehörigen auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen.
  • Ehrenamtliche und professionelle Dienste: Können bei der Betreuung und Pflege der Erkrankten unterstützen und den Angehörigen Freiräume schaffen.
  • Technische und digitale Produkte: Intelligente Beleuchtungssysteme, automatische Herdabschaltung oder virtuelle Spieleangebote können das Leben von Menschen mit Demenz komfortabler, sicherer und bunter machen.

Wenn eine Demenzerkrankung fortschreitet oder wenn der körperliche Pflegebedarf zu groß wird, stellt sich häufig die Frage nach Alternativen zum Leben zu Hause. In solchen Fällen können beispielsweise betreutes Wohnen oder eine stationäre Pflegeeinrichtung in Frage kommen.

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Rechtliche Aspekte

Im Verlauf einer Demenzerkrankung kann es notwendig werden, rechtliche Angelegenheiten für den Betroffenen zu regeln. Kann eine Person krankheitsbedingt die eigenen rechtlichen Angelegenheiten nicht mehr selbstständig erledigen, bestellt das Gericht eine andere Person, die stellvertretend Entscheidungen treffen kann (rechtliche Betreuung).

Um einer Fremdbestimmung vorzubeugen, gibt es drei Möglichkeiten:

  • Vorsorgevollmacht: Ermöglicht es, eine Person des Vertrauens zu bevollmächtigen, im Falle einer Geschäftsunfähigkeit Entscheidungen zu treffen.
  • Betreuungsverfügung: Ähnlich der Vorsorgevollmacht, jedoch legt man hier fest, wer im Falle einer Betreuung als Betreuer bestellt werden soll.
  • Patientenverfügung: Hier werden im Vorfeld medizinische Behandlungen festgelegt, die man im Falle einer Entscheidungsunfähigkeit wünscht oder ablehnt.

Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund

In Deutschland leben fast 160.000 Menschen mit Demenz im Alter ab 65 Jahren mit Migrationshintergrund. Für diese Personen kann sich der Zugang zu medizinischen Informationen, ärztlicher Betreuung und Versorgungsangeboten aufgrund von Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden zur einheimischen Bevölkerung als schwierig erweisen. Es ist wichtig, kultursensible Angebote und mehrsprachige Informationsmaterialien über Demenz bereitzustellen.

Nationale Demenzstrategie

Die von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Demenzstrategie hat das Ziel, die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern. Die Strategie umfasst verschiedene Maßnahmen zur Prävention, Diagnose, Behandlung, Versorgung und Forschung im Bereich Demenz.

Forschung für die Zukunft

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) erforscht die Ursachen von Störungen des Nervensystems und entwickelt Strategien zur Prävention, Therapie und Pflege von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Die Forschung konzentriert sich unter anderem auf die Entwicklung von Medikamenten für eine gezielte Frühtherapie.

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