Das Ohr ist ein komplexes Organ, das nicht nur für das Hören, sondern auch für das Gleichgewicht zuständig ist. Eine Schädigung der Myelinscheiden der Nervenfasern im Ohr, auch Demyelinisierung genannt, kann schwerwiegende Folgen haben. Um die Ursachen und Auswirkungen der Demyelinisierung des Ohrs besser zu verstehen, ist es wichtig, das Immunsystem und seine Funktionsweise zu betrachten.
Das Immunsystem und Autoimmunerkrankungen
Das Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk von Zellen und Molekülen, das den Körper vor schädlichen äußeren und inneren Einflüssen schützt. Es patrouilliert unaufhörlich Blutgefäße und Organe und erkennt gefährliche Moleküle, Zellen oder Gewebe, die es dann unbarmherzig verfolgt und vernichtet.
Manchmal kann es jedoch vorkommen, dass das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen als Feinde erkennt und angreift. Dies führt zu Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper schädigt. Genetische Veranlagungen, Virusinfektionen oder Tumorerkrankungen können das Immunsystem durcheinanderbringen und Autoimmunreaktionen auslösen. In vielen Fällen bleibt die genaue Ursache jedoch unbekannt.
Es ist bekannt, dass Menschen in nördlichen Regionen häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind als Menschen in Äquatornähe. In diesem Zusammenhang wird der Einfluss von Sonnenlicht und Vitamin-D-Mangel in der Kindheit vermutet.
Autoimmunangriffe auf den eigenen Körper können verschiedene Krankheiten verursachen, wie z. B. Schuppenflechte (Angriff auf die Haut) oder Rheuma (Angriff auf die Gelenke). Auch das Nervensystem kann von Autoimmunprozessen betroffen sein.
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Autoimmunerkrankungen des Nervensystems
Das Nervensystem ist normalerweise durch eine besondere Funktionsweise und die Entfernung von typischen Eintrittspforten für Erreger vor dem Immunsystem abgeschirmt. Dennoch kann es zu Autoimmunangriffen auf das Nervensystem kommen, die verschiedene neurologische Erkrankungen verursachen können.
Im Folgenden werden einige wichtige neurologische Autoimmunerkrankungen vorgestellt, die das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark, ZNS) oder das periphere Nervensystem (Nerven und Muskeln, PNS) befallen können.
Autoimmunentzündungen des ZNS
- Multiple Sklerose (MS): Die Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Autoimmunerkrankung. Bei MS greifen Immunzellen die weiße Substanz von Gehirn und Rückenmark an, wo die "Verbindungskabel" zwischen den verschiedenen "Rechenzentren" verlaufen. Die Immunzellen richten sich gegen die Isolierung dieser Verbindungskabel, die sogenannte Myelinscheide. Dadurch wird die Leitung stark verlangsamt, was zu Schüben führt. Die Entzündungsreaktionen führen zu multiplen Entmarkungen, die sklerotisch (narbig) abheilen. Je nachdem, an welcher Stelle die Entzündung auftritt, können unterschiedliche Symptome auftreten, wie z. B. Seh-, Gefühls-, Blasen- oder Beweglichkeitsstörungen.
- Akute, demyelinisierende Enzephalomyelopathie (ADEM): ADEM tritt vor allem bei Kindern und jungen Menschen als Überreaktion auf eine fieberhafte Infektion auf. Im Gegensatz zur MS greifen bei ADEM Immunzellen das ZNS massiv zur selben Zeit und am selben Ort an.
- Neuromyelitis optica (NMO): NMO befällt den Sehnerv und das Rückenmark mit besonders schweren Schüben.
- Entzündungen der grauen Substanz: Werden nicht die "Verbindungskabel", sondern die "Rechenzentren" selbst angegriffen, spricht man von einer Autoimmun-Enzephalitis. Je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, können unterschiedliche Symptome auftreten, wie z. B. Denkstörungen, epileptische Anfälle, Gang- und Koordinationsstörungen.
Autoimmunerkrankungen des PNS
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Als Reaktion auf eine Infektion werden die Kabelisolierungen des peripheren Nervensystems demyelinisert. Binnen weniger Tage fallen immer mehr Nerven aus, was zu einem weitgehenden Funktionsverlust mit ausgedehnten, schlaffen Lähmungen führen kann, die sogar zu Atemlähmungen führen können.
- Chronisch inflammatorische, demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Die CIDP ähnelt dem GBS sehr stark, verläuft jedoch nicht akut binnen Tagen, sondern schubweise oder allmählich schleichend über Monate bis Jahre. Es handelt sich gewissermaßen um eine MS des PNS.
- Myasthenie: Bei der Myasthenie werden nicht die Nerven selbst, sondern die Übergänge zwischen den Nervenenden und der Muskulatur, die neuromuskulären Endplatten, angegriffen. Typisch ist eine deutlich erhöhte Ermüdbarkeit der Muskeln, insbesondere im Bereich der Augen-, Gesichts- und Schlundmuskeln.
- Myositis: Bei Myositiden wird die Muskulatur selbst angegriffen, was zu zunehmenden Lähmungen führt, meist im Bereich des Schulter- und Beckengürtels.
Beteiligung des Nervensystems bei anderen Autoimmunerkrankungen
- Gefäßentzündungen: Entzündungen der Gefäße können zu Durchblutungsstörungen eines oder mehrerer Nerven führen. Sie können aber auch Durchblutungsstörungen am Auge oder Gehirn, mit Schlaganfällen und Blutungen in diesen Regionen, bedingen.
Demyelinisierung des Ohrs
Die Demyelinisierung des Ohrs kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
- Autoimmunerkrankungen: Wie bereits erwähnt, können Autoimmunerkrankungen das Nervensystem und somit auch die Nerven im Ohr angreifen.
- Infektionen: Bestimmte Virus- oder Bakterieninfektionen können zu einer Demyelinisierung der Nerven im Ohr führen.
- Gefäßerkrankungen: Durchblutungsstörungen im Innenohr können die Nerven schädigen und zu einer Demyelinisierung führen.
- Toxische Substanzen: Bestimmte Medikamente oder Umweltgifte können die Nerven im Ohr schädigen und eine Demyelinisierung verursachen.
- Genetische Faktoren: In einigen Fällen kann eine genetische Veranlagung zu einer Demyelinisierung des Ohrs führen.
Auswirkungen der Demyelinisierung des Ohrs
Die Demyelinisierung des Ohrs kann verschiedene Auswirkungen haben, darunter:
- Hörverlust: Die Schädigung der Myelinscheiden kann die Weiterleitung von Nervenimpulsen zum Gehirn beeinträchtigen und zu Hörverlust führen.
- Tinnitus: Die Demyelinisierung kann zu Ohrgeräuschen (Tinnitus) führen.
- Gleichgewichtsstörungen: Da das Innenohr auch für das Gleichgewicht zuständig ist, kann eine Demyelinisierung zu Schwindel und Gleichgewichtsstörungen führen.
- Neuropathie: In einigen Fällen kann die Demyelinisierung auch zu neuropathischen Schmerzen im Ohrbereich führen.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose einer Demyelinisierung des Ohrs umfasst in der Regel eine umfassende Untersuchung des Hör- und Gleichgewichtssystems, neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren wie MRT.
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Die Behandlung der Demyelinisierung des Ohrs hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Bei Autoimmunerkrankungen können Immunsuppressiva eingesetzt werden, um die Immunreaktion zu unterdrücken. Bei Infektionen können antivirale oder antibiotische Medikamente helfen. In einigen Fällen kann eine symptomatische Behandlung erforderlich sein, um Hörverlust, Tinnitus oder Gleichgewichtsstörungen zu lindern.
Seltene Innenohrerkrankungen
Neben den oben genannten Ursachen für Demyelinisierung des Ohrs gibt es auch eine Reihe seltener Innenohrerkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können. Es ist wichtig, diese seltenen Erkrankungen zu erkennen, um eine korrekte Diagnose und eine wirksame Therapie zu gewährleisten.
Einige Beispiele für seltene Innenohrerkrankungen sind:
- Autoimmunerkrankungen des Innenohres (AIED): AIED ist eine seltene Erkrankung, bei der das Immunsystem das Innenohr angreift und zu Hörverlust und/oder Gleichgewichtsstörungen führt.
- Superior Canal Dehiscence Syndrome (SCDS): SCDS ist eine Erkrankung, bei der eine abnormale Öffnung im Knochen über dem oberen Bogengang des Innenohrs besteht. Dies kann zu Schwindel, Hörverlust und anderen Symptomen führen.
- Erweiterter Aquäduktus vestibuli (EVA): EVA ist eine Erkrankung, bei der der Aquäduktus vestibuli, ein Kanal im Innenohr, abnormal vergrößert ist. Dies kann zu Hörverlust und/oder Gleichgewichtsstörungen führen.
- Innenohrschwannom: Ein Innenohrschwannom ist ein seltener Tumor, der von den Schwann-Zellen des Hörnervs ausgeht. Dies kann zu Hörverlust, Tinnitus und/oder Gleichgewichtsstörungen führen.
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