Die Depression ist eine weit verbreitete und komplexe psychische Erkrankung, die durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet ist. Dazu gehören unter anderem eine anhaltende gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, verminderter Antrieb und erhöhte Ermüdbarkeit. Die Schwere der Depression kann dabei stark variieren und sich in unterschiedlichen Ausprägungen manifestieren.
Das Wesen der Depression
Der amerikanische Romancier William Styron beschrieb in seinen Lebenserinnerungen von 1990 seinen Zustand während einer depressiven Phase auf erschreckend nüchterne Weise. Er schilderte, wie ihn Selbstmordgedanken quälten und wie er in seiner Umgebung überall Möglichkeiten sah, sich das Leben zu nehmen. Diese Schilderung verdeutlicht, dass eine klinische Depression weit mehr ist als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit oder Unlust, die durch bestimmte Lebensumstände ausgelöst wird. Sie unterscheidet sich auch von der natürlichen Trauer, die man beim Verlust eines nahestehenden Menschen empfindet. Eine krankhafte Schwermut nimmt in viel stärkerem Maße die Lebenskraft, ist noch bedrohlicher, und die niederschmetternde Traurigkeit geht zudem mit einer Anzahl weiterer Symptome einher. Viele Betroffene quälen sich außer mit Selbstmordgedanken auch mit Schuldgefühlen und mit tiefen Minderwertigkeitskomplexen. Oft fällt es ihnen schwer, klar zu denken, Dinge im Gedächtnis zu behalten oder sich überhaupt noch über etwas zu freuen. Depressive fühlen sich nicht selten von Angst beherrscht und mitunter völlig energie- und antriebslos; viele können kaum noch essen und schlafen, andere möchten dies im Extrem.
Ursachen und Risikofaktoren
Depressionen haben vielfältige Ursachen, die meist in einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren liegen. Dazu gehören:
- Genetische Vorbelastung: Studien haben gezeigt, dass Kinder depressiver Eltern ein erhöhtes Risiko haben, selbst an einer Depression zu erkranken. Auch Zwillingsstudien deuten auf genetische Faktoren hin, die die Wahrscheinlichkeit einer Depression erhöhen. Der genetische Einfluss ist bei bipolaren Depressionen besonders ausgeprägt.
- Psychische Belastungen: Schwerwiegende Lebensereignisse wie der Tod eines nahestehenden Menschen, Trennungen oder der Verlust des Arbeitsplatzes können eine Depression auslösen. Auch chronische Belastungen wie Konflikte am Arbeitsplatz, finanzielle Schwierigkeiten oder Einsamkeit erhöhen das Risiko.
- Frühe traumatische Erfahrungen: Verluste, Vernachlässigung, Gewalterlebnisse oder sexueller Missbrauch in der Kindheit können die Anfälligkeit für Depressionen im späteren Leben erhöhen.
- Verhaltensmuster und Lebenseinstellung: Negative Denkmuster, eine pessimistische Lebenseinstellung und Schwierigkeiten bei der Stressbewältigung können das Depressionsrisiko erhöhen.
- Andere Erkrankungen: Auch andere psychische Erkrankungen (z. B. Suchterkrankungen) und körperliche Erkrankungen (z. B. Diabetes) können das Risiko einer Depression erhöhen.
Neurologische Aspekte der Depression
Psychologen und Neurobiologen diskutieren oft, ob Depressionen durch traumatische Erlebnisse und Selbstvorwürfe oder durch biologische Prozesse verursacht werden. Die menschliche Psyche existiert jedoch nicht ohne das Gehirn. Es gibt genügend Hinweise darauf, dass die Entwicklung der Krankheit - was auch immer den Anstoß dazu gegeben haben mag - am Ende biochemische Veränderungen im Zentralnervensystem beinhaltet. Erst sie rufen letztlich die tiefe Traurigkeit und die übrigen auffälligen Symptome hervor. Auch wenn sich diese Gehirnvorgänge noch nicht im vollen Umfang beschreiben lassen, so hat ihre Erforschung doch in den letzten Jahrzehnten und insbesondere in den letzten Jahren rasche Fortschritte gemacht.
Neurotransmitter und Depression
Ein Schwerpunkt der Forschung liegt auf den Neurotransmittern, den Botenstoffen, die an den Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen Signale übertragen. In vielen Fällen geht eine Depression offenbar zumindest teilweise auf Störungen in neuronalen Schaltkreisen zurück, die mit Noradrenalin oder Serotonin arbeiten. Beide gehören wie das wohl bekanntere Dopamin zu den Monoaminen und sind Abkömmlinge von Aminosäuren.
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Die Forschung konzentriert sich seit einigen Jahren verstärkt auf Serotonin - dank des Erfolges von Fluoxetin und verwandten antidepressiven Wirkstoffen, die hier ansetzen. Ernsthaft untersucht wird die Rolle dieses Transmitters bei Gemütskrankheiten allerdings schon seit fast 30 Jahren - seit nämlich Arthur J. Prange jr. von der Universität von North Carolina in Chappel Hill und Alec Coppen vom britischen Medizinischen Forschungsrat in London mit ihren Mitarbeitern die These formulierten, daß eine Erschöpfung von Serotonin ein Absinken der Noradrenalin-Menge fördere oder "zulasse", wie sie es nannten. Das ist durchaus möglich, denn serotonin-erzeugende Neuronen ziehen von den Raphe-Kernen des Hirnstamms zu diversen Stellen des Gehirns (und des Rückenmarks), darunter zu Nervenzellen, die Noradrenalin ausschütten oder seine Freisetzung kontrollieren.
- Noradrenalin: Joseph J. Schildkraut von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) plädierte in den sechziger Jahren für Noradrenalin, das chemisch zugleich ein Catecholamin ist. In seiner mittlerweile klassischen "Catecholamin-Hypothese für Gemütskrankheiten" schlug er vor, daß der depressive Zustand auf zuwenig, der manische dagegen auf zuviel Noradrenalin in bestimmten Schaltkreisen beruhe. Die Theorie ist mittlerweile zwar noch verfeinert worden, denn nicht bei jedem Menschen ändert sich mit einem Abfall oder Anstieg der Konzentration dieses Neurotransmitters zugleich die Stimmung. Aber für einen Zusammenhang im Falle der Depression gibt es erhebliche experimentelle Stütze. Die betreffenden neuronalen Bahnen ziehen vom Hirnstamm, vor allem vom Blauen Kern (Locus coeruleus), zu vielen Regionen, einschließlich dem limbischen System - einer Gruppe verschiedener Strukturen, die entscheidend an der Regulierung von Emotionen beteiligt ist.
- Serotonin: Die Rolle von Serotonin bei Gemütskrankheiten wird seit fast 30 Jahren ernsthaft untersucht. Es wurde die These formuliert, dass eine Erschöpfung von Serotonin ein Absinken der Noradrenalin-Menge fördert oder "zulässt". Serotonin-erzeugende Neuronen ziehen von den Raphe-Kernen des Hirnstamms zu diversen Stellen des Gehirns (und des Rückenmarks), darunter zu Nervenzellen, die Noradrenalin ausschütten oder seine Freisetzung kontrollieren.
Weitere neurologische Faktoren
Neben den Neurotransmittern spielen auch andere neurologische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Depressionen. Dazu gehören:
- Veränderungen im limbischen System: Mithilfe bildgebender Verfahren wurde bei Betroffenen während einer depressiven Episode eine veränderte Aktivität des limbischen Systems im Gehirn festgestellt. Das limbische System ist für das Empfinden und Verarbeiten von Gefühlen mitverantwortlich.
- Hormonelle Einflüsse: Viele depressive Menschen haben erhöhte Werte des Stresshormons Kortisol, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Auch entzündungsfördernde Hormone aus dem Bauchfett können eine Depression begünstigen.
- Vitaminmangel: Ein starker Mangel an Vitamin B12 kann zu Störungen in der Weiterleitung von Schlüsselbotenstoffen führen, die wiederum Unregelmäßigkeiten in der Serotoninproduktion hervorrufen. Auch ein Vitamin-D3-Mangel kann psychischen, neurologischen und körperlichen Erkrankungen Vorschub leisten.
- Schilddrüsenfunktionsstörungen: Unregelmäßigkeiten in den Schilddrüsenhormonen können sowohl depressive Anzeichen (bei ausgeprägtem Schilddrüsenhormonmangel) als auch manische Phasen (bei deutlicher Überfunktion) auftreten.
- Andere körperliche Erkrankungen: Auch Herzerkrankungen, Krebserkrankungen und neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Epilepsie können mit Depressionen einhergehen.
Diagnose
Eine Depression kann sich in einer Vielzahl von Symptomen äußern. Gemäß der 10. Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) müssen für die Diagnose „Depression“ mindestens 2 Hauptsymptome und mindestens 2 Zusatzsymptome über 2 Wochen auftreten.
Hauptsymptome:
- Depressive, gedrückte Stimmung
- Interessenverlust und Freudlosigkeit
- Verminderung des Antriebs mit erhöhter Müdigkeit und Aktivitätseinschränkung
Zusatzsymptome:
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
- Schuldgefühle und Gefühle der Wertlosigkeit
- Zukunftsängste
- Schlafstörungen
- Appetitverlust
Es gibt kein einheitliches Erscheinungsbild einer Depression. Oft geht eine Depression mit anderen psychischen Erkrankungen einher. Die Bandbreite reicht von leichten depressiven Verstimmungen bis hin zu schweren Verlaufsformen, die mit Wahnvorstellungen und Suizidgedanken verbunden sein können.
Diagnostische Verfahren
Eine ausführliche Diagnose umfasst in der Regel unterschiedliche Messverfahren, z.B.:
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- Ausführliches Gespräch: Ein ausführliches Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten ist wichtig, um herauszufinden, ob eine Depression mit Krankheitswert vorliegt.
- Fragebögen: Mithilfe von systematischen Fragebögen kann geklärt werden, ob und in welchem Ausmaß Symptome einer Depression vorhanden sind.
- Körperliche Untersuchung: Da depressive Symptome auch bei körperlichen Erkrankungen auftreten können, muss zusätzlich eine internistische und neurologische Abklärung erfolgen.
Therapie
Nicht jede Depression muss sofort psychotherapeutisch oder mit Medikamenten behandelt werden. Bei leichten depressiven Störungen kann man sich zunächst beraten und anleiten lassen, wie man selbst besser mit gedrückten Stimmungen umgehen kann. Kommt es innerhalb von zwei Wochen zu keiner Besserung, sollte mit der Patient*in überlegt werden, die Behandlung zu intensivieren.
Psychotherapie
Nachweislich wirksam bei depressiven Störungen sind Verhaltenstherapie, psychodynamische Psychotherapie, Interpersonelle Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie und Systemische Therapie.
Medikamentöse Therapie
Zur medikamentösen Therapie sind insbesondere verschiedene Klassen von Antidepressiva zugelassen. Ziel der medikamentösen Therapie der Depression ist es Störungen im Stoffwechsel der Überträgerstoffe zwischen den Nervenzellen im Gehirn zu verbessern. Wichtige Überträgerstoffe hierfür sind Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Melatonin. Die Frage, welches Medikament, in welcher Dosierung, über welchen Zeitraum eingesetzt werden soll, wird durch den Facharzt (Psychiater oder Neurologen) in enger Abstimmung mit dem Patienten festgelegt.
Weitere Therapieansätze
- Körperliches Training und Entspannungstraining: Ratsam sind 30-60 min Ausdauertraining mehrfach wöchentlich. Durch körperliches Training werden die Gehirnzellen aktiviert und Stammzellen im Gehirn zur Teilung angeregt. Eine Sonderform des körperlichen Trainings ist das Entspannungstraining.
- Neural-Akupunktur: Hypothetisches Ziel der Neural-Akupunktur ist es, durch Stimulation an den Nervenaustrittspunkten die Freisetzung der körpereigenen Endorphine herbeizuführen.
- Magneto-elektrische Stimulation: Mit einer direkt über den Kopf gehaltenen Magnetspule wird im Bereich des Gehirns schwacher elektrischer Strom ausgelöst, der das Gehirn aktiviert.
Heilungschancen
Eine depressive Erkrankung kann vollständig zurückgehen, sodass die Patientin wieder ohne Beschwerden ist. Manchmal bleiben einzelne Beschwerden bestehen. Nicht jede Depression ist heilbar. Depressionen können insbesondere chronifizieren, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wurden. Eine Behandlung verkürzt die Zeit, die eine Patientin unter der gedrückten Stimmung leidet, deutlich: auf durchschnittlich 16 Wochen. Depressive Phasen können sich wiederholen: Bei über der Hälfte der Patient*innen kommt es nach der ersten Erkrankung zu einer weiteren depressiven Episode. Die Wahrscheinlichkeit einer Wiedererkrankung erhöht sich nach zweimaliger Erkrankung auf 70 Prozent und nach der dritten Episode sogar auf 90 Prozent. Behandlungen senken die Rückfallrate erheblich.
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