Der Vagusnerv: Funktion, Bedeutung und Stimulation

Der Vagusnerv, auch bekannt als "Nervus vagus" oder "der umherschweifende Nerv", ist einer der wichtigsten Nerven im Körper und der zehnte Hirnnerv (N. X). Er entspringt im Hirnstamm und zieht sich wie ein inneres Steuerkabel durch den gesamten Körper. Etwa 80 % seiner Fasern sind afferent (aufnehmend), während nur etwa 20 % Befehle vom Gehirn in den Körper senden.

Anatomie und Verlauf des Vagusnervs

Der Vagusnerv entspringt beidseitig im verlängerten Mark (Medulla oblongata) im Gehirn. Von dort aus treten der linke und rechte Vagusnerv durch eine Öffnung an der Schädelbasis (Foramen jugulare) aus und ziehen seitlich entlang des Halses. Nach Durchtritt durch das Zwerchfell erreichen beide Vagusnerven den Oberbauch, wo sie sich weiter verzweigen.

Detaillierter Verlauf:

  1. Startpunkt: Gehirn: Ursprung im verlängerten Mark (Medulla oblongata).
  2. Halsbereich: Austritt durch das Foramen jugulare und Verlauf seitlich am Hals entlang.
  3. Brustraum: Verlauf durch den Brustraum nahe der Brustwirbelsäule.
  4. Bauchraum: Erreichen des Oberbauchs und weitere Verzweigung.

Funktion des Vagusnervs

Der Vagusnerv ist ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems (Parasympathikus), welcher für Entspannung, Regeneration und Heilung zuständig ist. Er ist mit vielen Organen und Körpersystemen verbunden und beeinflusst eine Vielzahl von Funktionen:

  • Förderung der Verdauung
  • Regulierung der Herzfrequenz
  • Beeinflussung der Atmung
  • Steuerung der Sprachbildung
  • Empfang von Informationen aus nahezu allen inneren Organen
  • Beeinflussung von Entzündungsreaktionen im Körper
  • Regulierung des Sättigungsgefühls
  • Beeinflussung von Stoffwechselprozessen

Der Vagusnerv als Teil des autonomen Nervensystems

Der Vagusnerv ist nicht nur mit dem autonomen Nervensystem (ANS) verbunden, sondern ein zentraler und dominanter Bestandteil des parasympathischen Teils des ANS. Dieser auch Parasympathikus genannte Bereich ist für Entspannung, Regeneration und Heilung zuständig. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus, der den Körper in Stress- oder Gefahrensituationen aktiviert.

Polyvagale Theorie

Ein besonders spannender Ansatz ist die Polyvagal-Theorie von Dr. Stephen Porges. Sie unterscheidet zwischen dem dorsalen Vagus (evolutionär älter, löst Erstarrung oder Rückzug aus) und dem ventralen Vagus. Ein gut funktionierender ventraler Vagus führt zu einem Gefühl von Sicherheit, Verbundenheit und Ausgeglichenheit.

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Störungen und Symptome

Störungen im Verlauf oder in der Funktion des Vagusnervs können vielfältige Symptome auslösen, da er Herz, Magen, Darm, Kehlkopf und viele weitere Bereiche beeinflusst. Ein eingeklemmter oder überreizter Vagusnerv kann sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen.

Mögliche Symptome:

  • Herzstolpern
  • Verdauungsprobleme (Übelkeit, Völlegefühl)
  • Schluckbeschwerden, Kloßgefühl im Hals
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Chronische Müdigkeit
  • Nackenschmerzen
  • Herzrasen
  • Unruhe
  • Schlafprobleme
  • Reizbarkeit

Besonders tückisch ist, dass diese Symptome plötzlich auftreten und wieder verschwinden können.

Vasovagale Synkope

In bestimmten Fällen kann eine plötzliche Überaktivierung des Vagusnervs zu einem starken Abfall von Puls und Blutdruck führen (vasovagale Synkope). Auslöser können Schmerzen, Stress, langes Stehen oder kaltes Wasser sein.

Ursachen für Vagusnerv-Störungen

  • Körperhaltung und Muskulatur: Verspannungen im Nacken-, Kiefer- oder Brustbereich sowie Fehlhaltungen können den Nerv mechanisch reizen oder einengen.
  • Seelische Verfassung: Anhaltender psychischer Stress, ungelöste Konflikte oder emotionale Überlastung können die Aktivität des Vagusnervs herabsetzen.
  • Innere Prozesse: Chronische Entzündungen (z. B. im Darm) können die Funktion des Vagusnervs hemmen. Auch ein unausgewogenes Darmmikrobiom kann vagale Rezeptoren sensibel beeinflussen.
  • Hormonelle Dysbalancen: Auch hormonelle Dysbalancen können den Vagusnerv beeinträchtigen.

Was schadet dem Vagusnerv?

Dem Vagusnerv können sowohl körperliche als auch psychische Belastungen schaden. Dauerhafte Verspannungen im Nacken-, Kiefer- oder Brustbereich sowie Fehlhaltungen können den Nerv mechanisch reizen oder einengen. Gleichzeitig schwächen chronischer Stress, negative Emotionen oder traumatische Erfahrungen seine Aktivität und stören die vagale Regulation. Auch Entzündungen, eine unausgewogene Darmflora oder schlechter Schlaf gelten als Risikofaktoren.

Stimulation des Vagusnervs

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv zu stimulieren und seine Aktivität zu fördern. Dies kann dazu beitragen, das Nervensystem aus dem Alarmzustand in den Entspannungsmodus zu bringen und das emotionale Gleichgewicht zu fördern.

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Methoden zur Stimulation:

  • Tiefe, langsame Atemübungen: Aktivieren direkt den Parasympathikus. Besonders wirksam sind die Boxatmung (Vier-Quadrat-Atmung) und die verlängerte Ausatmung.
  • Singen, Summen, Gurgeln: Stimulieren den Nerv sanft, da die Äste des Vagusnervs auf beiden Seiten des Halses entlang von Kehlkopf und Luftröhre verlaufen. Weihnachtslieder oder Wiegenlieder können einen ähnlichen Effekt haben.
  • Kälteanwendungen: Kaltes Wasser im Gesicht oder eine kalte Dusche können den Sympathikus dämpfen und den Vagusnerv aktivieren.
  • Meditation und Achtsamkeit: Fördern Entspannung und innere Ruhe.
  • Yoga: Kann den Vagusnerv sanft beruhigen und mehr Gelassenheit in den Alltag bringen.
  • Selbstmassage: Sanfte, kreisende Bewegungen seitlich am Hals können den Vagusnerv anregen.
  • Kopf drehen: Den Kopf langsam nach links und rechts drehen und dabei die Augen auf nahe Gegenstände fixieren.
  • Augenbrauen heben: Die Augenbrauen heben und dabei versuchen, die Ohren zu bewegen.
  • Akkommodation: Die Fähigkeit des Auges trainieren, Gegenstände in unterschiedlichen Entfernungen scharf zu sehen.
  • Akupressur: Den Punkt in der Ohrmuschel, der mit dem Vagusnerv in Verbindung steht, drücken und wieder loslassen.
  • Ausgleich mit Lavendel: Ätherisches Lavendelöl kann in stressigen Zeiten helfen, abzuschalten.
  • Lächeln und Lachen: Positive Emotionen können den Vagusnerv stimulieren.

Professionelle Vagusnervstimulation

Am Uniklinikum Tübingen wird die Vagusnervstimulation in Studien erforscht und dafür eine elektronische Stimulation über das Ohr genutzt. Über eine Elektrode läuft ein spezielles Programm ab, das eine gewisse Abfolge an Impulsen vorgibt. In einigen Studien wird die Stimulation auch mit einem funktionellen MRT kombiniert, um die Aktivität des Gehirns in Echtzeit sichtbar zu machen.

Anwendungsbereiche der professionellen Vagusnervstimulation (in Studien):

  • Antriebslosigkeit
  • Depressionen
  • Epilepsie
  • Störungen im Stoffwechsel oder der Verdauung
  • Trägheit oder Fatigue

Freiverkäufliche Systeme zur Vagusnervstimulation

Im Internet werden freiverkäufliche Systeme zur Stimulation angeboten, allerdings gibt es keine nennenswerten Studien zur Wirksamkeit vieler Geräte. Viele Geräte sind nicht gefährlich, aber auch nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert. Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.

Der Vagusnerv und psychische Gesundheit

In den letzten Jahren wurde eine enge Verbindung zwischen dem Vagusnerv und der psychischen Gesundheit entdeckt. Menschen mit einer starken Aktivität dieses Nervs neigen dazu, Stress effektiver zu bewältigen und eine höhere Resilienz gegenüber belastenden Situationen zu haben. Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zeigen oft Veränderungen in der Vagusnerv-Aktivität.

Wie hilft der Vagusnerv bei Angstzuständen?

Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle dabei, das Nervensystem aus dem Alarmzustand in den Entspannungsmodus zu bringen. Wenn der Vagus aktiviert wird, verlangsamt sich der Herzschlag, die Atmung wird ruhiger und der Körper signalisiert Sicherheit. Studien zeigen, dass ein gut funktionierender Vagusnerv helfen kann, übersteigerte Stressreaktionen zu dämpfen und das emotionale Gleichgewicht zu fördern.

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