Morbus Parkinson, auch bekannt als das Parkinson-Syndrom, ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und stellt eine wachsende Herausforderung für die Gesellschaft dar. Weltweit sind etwa 10 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland waren es im Jahr 2019 bereits gut 380.000 Erkrankte. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2040 verdoppeln oder sogar verdreifachen könnte. Dies unterstreicht die Notwendigkeit von Früherkennung, optimaler Versorgung und intensiver Forschung nach Ursachen und Therapien dieser zweithäufigsten neurodegenerativen Erkrankung nach der Alzheimer-Demenz. Der Deutsche Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen bietet eine wichtige Plattform für den Austausch von Fachwissen und die Diskussion neuester Entwicklungen.
Die Parkinson-Krankheit: Eine wachsende Herausforderung
Das Durchschnittsalter bei der Diagnosestellung liegt bei etwa 60 Jahren. Zu den Hauptsymptomen gehören Bewegungsstörungen, Muskelverspannungen (Rigor), Zittern (Tremor) und eine gestörte aufrechte Körperhaltung. Begleitsymptome können Schlafstörungen, ein verminderter Geruchssinn, Verdauungsbeschwerden und Hautprobleme sein. Auch Depressionen, Demenz und andere psychische Erkrankungen werden häufig als Begleiterkrankungen diagnostiziert, ebenso wie muskuloskelettale oder unspezifische Schmerzen.
Die Therapieregime für Parkinson werden immer komplexer. Es werden zunehmend mehr Substanzgruppen miteinander kombiniert, was zu mehr Nebenwirkungen und Wechselwirkungen führt. Auch die Einnahmezeitpunkte und mögliche Einflüsse von Nahrung müssen berücksichtigt werden. Da die Patient:innen zumeist ältere Menschen sind, müssen auch Begleiterkrankungen und die dazugehörigen Medikamente in die Therapieplanung einbezogen werden.
Schwerpunktthema Kausaltherapien
Der Kongresspräsidenten Prof. Dr. Alfons Schnitzler und Prof. Dr. Dr. Harald Hefter eröffneten den Kongress mit dem Schlüsselthema "Kausaltherapien", also der Frage, wann erste Therapien zur Verfügung stehen, mit denen die Ursache der Parkinson-Krankheit behandelt werden kann. Hierfür konnten die Veranstalter zwei weltweit anerkannte Forschergrößen auf dem Gebiet der neurodegenerativen Erkrankungen gewinnen.
Professor Bernhard Landwehrmeyer von der Universität Ulm stellte erste Erfolge bei der Bekämpfung des Zerfalls von Hirnzellen vor. Diese Ergebnisse sind besonders relevant, da bisherige Medikamente ausschließlich Symptome linderten, nicht aber die Ursachen behandelten. Im Rahmen kleinerer Studien konnte erstmals die Produktion des nervenzerstörenden Proteins bei Patienten mit Morbus Huntington - einer ebenfalls neurodegenerativen Erkrankung mit Bewegungsstörungen - deutlich reduziert werden. Er bezeichnete diese Ergebnisse als Meilenstein in der Behandlung der Huntington-Krankheit.
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Prof. John A. Hardy vom University College of London beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den pathologischen Vorgängen im Gehirn, insbesondere in Bezug auf die Interaktion von Genen und Umweltbedingungen, die das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen erhöhen.
Fortschritte in Therapie und Forschung
Das umfangreiche Kongressprogramm umfasste zahlreiche Vorträge nationaler Experten zu verschiedenen Aspekten der Parkinson-Erkrankung und anderer neurologischer Bewegungsstörungen:
- Molekulare, strukturelle und funktionelle Bildgebung: Parkinson-Forscher verzeichnen signifikante Verbesserungen in Effizienz und Genauigkeit bei der Erfassung krankhafter Veränderungen im Gehirn.
- Magnetresonanz-gesteuerter, hochfokussierter Ultraschall (MRgFUS): Die Behandlung mit MRgFUS an der Universitätsklinik Bonn ist eine vielversprechende Innovation bei der Therapie eines schweren, medikamentös nicht therapierbaren essenziellen Tremors.
- Botulinumtoxin: Botulinumtoxin kann bei neuen Indikationen angewendet werden, beispielsweise bei Sialorrhö (vermehrtem Speichelfluss). Neu entwickelte Toxine haben eine veränderte Wirkdauer und Wirksamkeit.
- Weitere Schwerpunkte: Neue Aspekte der Biomarkerforschung, der Neurogenetik und der Tiefen Hirnstimulation bei Parkinson und Dystonien sowie der Erforschung von Therapieansätzen bei atypischen Parkinsonerkrankungen.
Multidisziplinäre Versorgung im Fokus
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der multidisziplinären Versorgung von Parkinson-Patienten. Am Samstag des Kongresses wurde dieses Thema besonders hervorgehoben. Die Parkinson Stiftung lud Wissenschaftler:innen zu einem Leuchtturm-Symposium ein. Im Rahmen des Symposiums hatten alle Mitglieder der Projektgruppe die Möglichkeit ihre Forschungsansätze und wissenschaftlichen Überlegungen mit dem Fachpublikum zu teilen.
Prof. Kathrin Brockmann von der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. und Prof. Jens Volkmann, Vorsitzender der Parkinson Stiftung, vergaben offiziell die Preise an die Projektgruppe.
Die Parkinson Stiftung präsentierte zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. (DPG) ihre wegweisenden Forschungsinitiativen für Fachpublikum im Rahmen des DGN Kongresses. Im Mittelpunkt des Symposiums stand der gemeinsame Leuchtturm-Projektverbund der Parkinson Stiftung und der DPG - ein ambitioniertes Forschungsprogramm mit einem Fördervolumen von über 2 Millionen Euro, das sich der biologischen Klassifizierung der Parkinson-Krankheit widmet. Dieses innovative Projekt zielt darauf ab, die Grundlagen für personalisierte Therapieansätze zu schaffen und die Behandlung von Parkinson-Patient:innen entscheidend zu verbessern. Höhepunkt der Veranstaltung ist die feierliche Vorstellung der diesjährigen Preisträger:innen und ihrer Projekte, die mit ihrer herausragenden Forschungsarbeit wichtige Beiträge zur Parkinson-Forschung geleistet haben.
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"Vom Gen zum System - Der kinetische Code" - Deutscher Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen 2026
Der Deutsche Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen wird eine zentrale Veranstaltung für Fachleute aus der Neurologie, Medizin und Forschung im Bereich der Parkinson-Krankheit und anderer Bewegungsstörungen sein. Der Kongress bietet eine Plattform für den Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuesten Forschungsergebnissen und innovativen Behandlungsmöglichkeiten. Experten aus aller Welt kommen zusammen, um über Fortschritte in der Diagnose, Therapie und Pflege von Patienten mit Parkinson und verwandten Störungen zu diskutieren.
Unter dem Leitthema „Vom Gen zum System - Der kinetische Code“ spannt der Kongress den Bogen von molekularen Grundlagen über Biomarker und klinische Forschung bis zur interdisziplinären Versorgung. Neben der Parkinson-Krankheit und atypischen Parkinson-Syndromen werden auch Ataxien, Chorea, Dystonien, Spastik, Tics und Tremor adressiert.
Schwerpunkt im wissenschaftlichen Programm sind neue Entwicklungen in der Biomarkerforschung sowie bei den medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien - darunter die Tiefe Hirnstimulation und weitere neuromodulierende Verfahren. Diskutiert werden zudem Erkenntnisse zum Einfluss von Umweltfaktoren wie Feinstaub und Pestiziden sowie Präventionsstrategien. International renommierte Expertinnen und Experten geben Einblicke in die Fortschritte der personalisierten Neurostimulation, innovative Therapiekonzepte die Rolle des glymphatischen Systems bei neurodegenerativen Erkrankungen - dieses „Reinigungssystem“ entfernt vor allem während des Schlafs Abfallstoffe und Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn.
Keynote-Sprecher 2026
- Prof. Dr. Maiken Nedergaard: Sie wird bahnbrechende Erkenntnisse zum glymphatischen System vorstellen - einem Forschungsfeld, das sie maßgeblich geprägt hat. Ihre Arbeiten haben unser Verständnis der Rolle von Glia- und Gefäßzellen im Gehirn grundlegend verändert und neue Perspektiven für die Pathophysiologie neurodegenerativer Erkrankungen eröffnet. Sie zeigt auf, welche zentrale Bedeutung das glymphatische System für die Entstehung und mögliche Behandlung von Parkinson und verwandten neurologischen Störungen haben könnte.
- Prof. Andreas Horn: Sein Labor untersucht, wie fokale Neuromodulation das menschliche Konnektom beeinflusst, um klinische Behandlungen für neurologische und psychiatrische Störungen zu verfeinern. Eine Schlüsselfrage ist, welche Netzwerke moduliert werden sollten, um bestimmte Symptome zu verbessern - bei Erkrankungen wie der Parkinson-Krankheit, Zwangsstörungen, Depressionen oder der Alzheimer-Krankheit.
- Prof. Bo Biering-Sørensen: Er ist Neurologe und Leiter der Spastik-, Schmerz- und Bewegungsstörungsambulanzen am Rigshospitalet Glostrup, Universität Kopenhagen. Er verfügt über Weiterbildungen in Public Governance, Schmerzmedizin und Bewegungsstörungen und ist Mitbegründer des skandinavischen Ausbildungsprogramms zur Behandlung von Dystonie und Spastik.
Parkinson-Netzwerke Deutschland: Gemeinsam für eine bessere Versorgung
Der 5. Parkinson-Netzwerk-Kongress stand unter dem Motto „Vom Underdog zum Trendsetter in der Neurologie“. Im Fokus standen die Weiterentwicklung der Netzwerke, die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Kommunikation - sowohl innerhalb der einzelnen Netzwerke als auch zwischen ihnen.
Prof. Dr. Tobias Warnecke und Prof. Dr. Carsten Eggers betonten die Herausforderungen in der Versorgungssituation angesichts der steigenden Patientenzahlen und wiesen auf die Bedeutung integrierter Versorgungsansätze hin, wie sie jetzt erstmals auch in der neuen Leitlinie zur Parkinson-Krankheit empfohlen werden. „Die Erfolge lassen sich messen. Studien zeigen, dass ein koordinierter Ansatz, bei dem ein interdisziplinäres Team zusammenarbeitet und jemand die Verantwortung übernimmt, die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert“, erklärte er.
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Die Schwerpunkte des PND im vergangenen Jahr waren vielfältig und richtungsweisend, berichtete der Vorstand. So wurden die regionalen Netzwerke mit einem Starterkit und gezielten Beratungsangeboten, etwa zur Vertragsgestaltung, aktiv unterstützt. Gemeinsam mit der Hilde-Ulrichs-Stiftung und OptiMedis wurde der Parkinson-Lotse erfolgreich entwickelt und eingeführt. Parallel dazu startete die Entwicklung einer regionalen Online-Plattform für Netzwerkmitglieder und Parkinson-Betroffene in den Netzwerken Münsterland und Osnabrück.
Für die Zukunft der Netzwerke setzt der PND auf Skalierung und Innovation. Der Verein will unter anderem finanzielle Erstattungsszenarien gemeinsam mit den Kostenträgern entwickeln, neue Netzwerke aufbauen, um eine flächendeckende Versorgung zu erreichen, und Qualitäts- sowie Zertifizierungskriterien weiter etablieren.
Impulse und Einblicke
Prof. Dr. Bas Bloem, Gründer des niederländischen ParkinsonNet, begeisterte die Teilnehmenden mit eindrucksvollen Einblicken in seine Arbeit und seinem mitreißenden Spirit. Er betonte, was essenziell sei, um ein erfolgreiches Netzwerk aufzubauen: Es braucht ein Gesicht, das die Bewegung repräsentiert, echte Expert:innen aus allen Bereichen der Versorgung, eine kompetente Leitung für Organisation und Management - und letztlich die Unterstützung der Krankenkassen.
Kathrin Wersing, selbst mit 40 Jahren an Parkinson erkrankt, teilte wertvolle Einblicke, was Menschen mit Parkinson brauchen, um ein gutes Leben zu führen - Impulse, die sie direkt aus ihren Podcast-Gesprächen gewonnen hat. Sie rief dazu auf, aus dem „Kampfmodus“ auszusteigen und die Energie stattdessen positiv zu nutzen: Offen mit der Erkrankung umgehen, alte Hobbys beibehalten und gleichzeitig neue Aktivitäten entdecken.
Inga Voller widmete ihren Vortrag der entscheidenden Rolle der Kommunikation innerhalb eines Netzwerks und erklärte, wie gute Kommunikation die Zusammenarbeit stärkt, typische Herausforderungen adressiert und unbewusste Vorannahmen aufzeigt, die oft im Weg stehen.
Zertifizierung und Wissensvermittlung
Erstmals wurde bei dem Kongress das Zertifikat „Parkinson-Versorgungsexpert:in im Netzwerk“ vergeben. Hierfür war die Teilnahme an drei Basisschulungen notwendig. Dr. Odette Fründt ging auf Diagnose und Früherkennung ein und beleuchtete die typischen Kardinalsymptome sowie die Bedeutung nicht-motorischer Symptome. Tessa Huchtemann widmete sich dem aktuellen Stand der medikamentösen und nicht-medikamentöse Therapie. Prof. Dr. Paul Lingor gab einen Überblick über die Entwicklungen in der Parkinson-Therapie und beleuchtete aktuelle Therapieoptionen sowie Ansätze zur Krankheitsmodifikation.
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