Deutsche Schlaganfall Gesellschaft: Definition und Bedeutung der Stroke Unit

Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall, der durch eine Mangeldurchblutung im Gehirn verursacht wird und sofortige Behandlung erfordert. Die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft (DSG) spielt eine zentrale Rolle bei der Definition und Zertifizierung von Stroke Units, spezialisierten Krankenhausstationen für die Akutversorgung von Schlaganfallpatienten. Dieser Artikel beleuchtet die Definition einer Stroke Unit, ihre Bedeutung für die Schlaganfallversorgung in Deutschland und die Kriterien der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft.

Was ist eine Stroke Unit?

Der Begriff "Stroke Unit" stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt "Schlaganfall-Einheit". Es handelt sich um eine spezialisierte Krankenhausstation zur Akutversorgung von Schlaganfallpatienten. Diese Einheiten sind das Herzstück der modernen Schlaganfallversorgung. Sie gewährleisten durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten eine schnelle und effektive Behandlung.

Die Stroke Unit hat sich als Ort der Schlaganfallbehandlung innerhalb einer Klinik seit vielen Jahren fest etabliert und ist in der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Auf der Stroke Unit arbeitet ein speziell geschultes multiprofessionelles Team, um für den Schlaganfallpatienten von Anfang an die bestmögliche Therapie anzubieten. Das Team besteht aus Neurologen, Pflegekräften, Therapeuten der Logopädie, Physio- und Ergotherapie und einem Sozialdienst.

Ziele und Strukturen einer Stroke Unit

Die Maßnahmen und Strukturen einer Stroke Unit verfolgen mehrere wichtige Ziele:

  • Eine frühe, optimale und aktive Behandlung und Betreuung
  • Rasches Erkennen und Behandeln von Komplikationen
  • Eine Verbesserung der Prognose
  • Ein frühestmöglicher Beginn der aktivierenden Pflege
  • Ein frühestmöglicher Beginn rehabilitativer Maßnahmen
  • Die Aufklärung und Beratung des Patienten und seiner Angehörigen bzgl. des Krankheitsbildes und der individuellen Risikofaktoren
  • Die Einleitung weiterführender Maßnahmen zur Rehabilitation und ein reibungsloser Übergang zwischen Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation
  • Die Senkung des Behinderungsgrades nach einem Schlaganfall

Stroke Units unterliegen strengen Zertifizierungskriterien und müssen hohen personellen, technischen, strukturellen, baulichen sowie fachlich-inhaltlichen Standards entsprechen.

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Die Rolle der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft (DSG)

Die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft (DSG) spielt eine entscheidende Rolle bei der Qualitätssicherung in der Schlaganfallversorgung. Sie definiert Kriterien für die Zertifizierung von Stroke Units und trägt so dazu bei, dass Patienten in Deutschland eine hochwertige und standardisierte Behandlung erhalten.

Zertifizierung von Stroke Units durch die DSG

Die DSG zertifiziert Stroke Units nach festgelegten Kriterien. Diese Zertifizierung dient als Gütesiegel und zeigt, dass die jeweilige Klinik bestimmte Qualitätsstandards erfüllt. Es gibt verschiedene Arten von Stroke Units, die von der DSG zertifiziert werden können:

  • Überregionale Stroke Units: Diese sind besonders ausgestattet und bieten spezielle Behandlungsmöglichkeiten, wie die mechanische Thrombektomie, rund um die Uhr an. Hier können auch besonders komplexe Schlaganfälle behandelt werden, weil die Möglichkeiten an Diagnostik und Therapie breiter sind - es gibt etwa rund um die Uhr Neuroradiolog:innen und spezielle Arten der CT. Sie haben ein größeres Einzugsgebiet und übernehmen komplexe Fälle aus den anderen Stroke Units.
  • Regionale Stroke Units: Diese sind für die Versorgung weniger komplexer Schlaganfälle ausgelegt.

Nicht alle Stroke Units sind von der DSG zertifiziert oder die jeweiligen Kliniken streben dies gar nicht an.

Kriterien für die Zertifizierung

Die genauen Kriterien für die Zertifizierung umfassen Aspekte wie:

  • Vorhandensein eines multiprofessionellen Teams
  • Spezielle apparative Ausstattung zur Überwachung und Diagnostik
  • Einhaltung von Behandlungsstandards und Leitlinien
  • Regelmäßige Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter

Die Behandlung auf einer Stroke Unit

Auf einer Stroke Unit werden Schlaganfallpatienten umfassend betreut und behandelt. Dies umfasst eine intensive Diagnostik, Therapie und Versorgung.

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Diagnostische Maßnahmen

Sobald die Patientinnen und Patienten auf der Stroke Unit im Krankenhaus ankommen, beginnen die Ärztinnen und Ärzte umgehend mit der Diagnostik. Zu den diagnostischen Maßnahmen gehören:

  • Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT): Bildgebende Verfahren zur Darstellung des Gehirns und zur Feststellung der Ursache des Schlaganfalls.
  • Elektrokardiogramm (EKG): Zur Überwachung der Herzfunktion.
  • Angiografie oder Echokardiografie: Zur Untersuchung der Blutgefäße und des Herzens.
  • Regelmäßige Überprüfung aller sogenannten Basisparameter wie Blutdruck, Puls, Temperatur und Atmung mittels einer zentralen Monitoranlage

Therapeutische Verfahren

Je nach Situation kann etwa eine medikamentöse Behandlung (Thrombolyse) oder ein minimal-invasiver Eingriff (Thrombektomie) durchgeführt werden. Zu den therapeutischen Verfahren gehören:

  • Thrombolyse: Bei der Lysetherapie wird mittels eines Medikamentes versucht, in den ersten 4,5 Stunden nach Symptombeginn, ein verschlossenes Hirngefäß wieder zu eröffnen.
  • Thrombektomie: Mit einem Katheter wird versucht, bei größeren Gefäßverschlüssen das Blutgerinsel direkt aus dem Blutgefäß zu entfernen. Diese Intervention wird durch interventionelle Neuroradiologen durchgeführt.
  • Interdisziplinäre Therapie der Schlaganfallursachen: U. a. mittels medikamentöser Therapie (Blutverdünnung, Blutzuckereinstellung, Cholesterinsenkung).
  • Operative Therapie der Halsschlagader (Carotis-Operation)
  • Endovaskuläre Therapie bei Verengung der Halsschlagader (Carotis-Stenting)
  • Endovaskuläre Versorgung der intrakraniellen Gefäße (Stenting)
  • Interventionelle Versorgung schlaganfallrelevanter kardiologischer Erkrankungen

Multiprofessionelle Betreuung

Betreut und behandelt werden die Patienten durch ein multiprofessionelles, speziell geschultes und qualifiziertes Team aus Ärzten, Gesundheits- und Krankenpflegern, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeitern und einem Neuropsychologen.

Jeder Patient wird von den Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten einmalig am Aufnahmetag bzw. am Folgetag besucht und die jeweilige Notwendigkeit und Art der Therapie geklärt. Bei Bedarf wird der Patient dann fortlaufend von den jeweiligen Therapeuten täglich behandelt.

Überwachung und Komplikationsmanagement

Die Patienten werden rund um die Uhr überwacht, d.h. es erfolgt ein kontinuierliches Monitoring von Blutdruck, Herzschlag, Sauerstoffgehalt im Blut, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutzuckerwert. Ein wichtiger Aspekt der Behandlung auf der Stroke Unit ist die unmittelbare Erkennung und Behandlung von auftretenden Komplikationen.

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Bedeutung der Stroke Unit für die Schlaganfallversorgung

Die Behandlung auf einer Stroke Unit ermöglicht einen signifikanten Überlebensvorteil und eine höhere anschließende Lebensqualität der Patient*innen. Studien haben gezeigt, dass die Behandlung auf einer Stroke Unit das Sterberisiko im Vergleich zu einer Klinik ohne Stroke Unit nachweislich senkt. Ebenso ist das Funktionsniveau im Alltag nach dem Schlaganfall bei Behandlung auf einer Stroke Unit besser.

Frühzeitige Rehabilitation

Eng verbunden mit der Stroke Unit ist auch die Frührehabilitation, die nach einem Schlaganfall oder einer anderen neurologischen Erkrankung von einem interdisziplinären Team angeboten wird. Mit Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sowie Logopädinnen und Logopäden und anderem therapeutischen Training werden mögliche Einschränkungen wie Schluckstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen oder motorische Störungen behandelt.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz der positiven Effekte von Stroke Units gibt es in Deutschland noch Herausforderungen in der Schlaganfallversorgung. Eine Umfrage unter Rettungsdiensten im deutschsprachigen Raum im Jahr 2020 zeigte, dass bis zu einem Drittel der Patient:innen mit leichter Symptomatik und bis zu 20 Prozent der schwer betroffenen Patient:innen in die nächstgelegene Klinik und damit nicht zwingend in eine zertifizierte Stroke Unit transportiert wurden.

Fahrzeiten zu Stroke Units

Ein wichtiger Faktor ist die Erreichbarkeit von Stroke Units. Eine Analyse der Fahrzeiten zu Stroke Units hat gezeigt, dass die durchschnittliche Fahrzeit zu einem Klinikstandort mit Stroke Unit etwa 14 Minuten betragen würde, wenn alle Schlaganfälle ausschließlich an Klinikstandorten mit Stroke Units behandelt werden würden. Rund 94 Prozent der Bevölkerung würden eine Stroke Unit innerhalb der 30 Minutengrenze erreichen. Knapp 5 Millionen Menschen würden länger als 30 Minuten bis zu einem Klinikstandort mit Stroke Unit benötigen. Das bedeutet, dass für diese knapp sechs Prozent der Gesamtbevölkerung alternative Versorgungsstrukturen realisiert werden müssten.

Telemedizinische Netzwerke

In unterversorgten Gebieten ohne Stroke Unit spielen telemedizinisch vernetzte Kliniken eine besondere Rolle. Telemedizinische Netzwerke umfassen Kooperationskliniken, die von zentralen Stroke Units unterstützt werden.

Konzentration der Schlaganfall-Akutversorgung

Die Klinikreform in Deutschland sieht eine Konzentration der Schlaganfall-Akutversorgung auf eine Leistungsgruppe „Stroke Unit“ vor. Dies entspricht der Empfehlung der medizinischen Leitlinie und soll dazu beitragen, die Qualität der Schlaganfallversorgung weiter zu verbessern.

Schlaganfall erkennen und handeln

Um einen Schlaganfall bestmöglich zu behandeln, ist es unabdingbar, den Schlaganfall frühzeitig zu erkennen und ihn als Notfall einzustufen. Bei Auftreten von Schlaganfallsymptomen sollte unverzüglich 112 gewählt werden.

Schlaganfallsymptome

Typische Schlaganfallsymptome sind:

  • Halbseitige Lähmungen/ Taubheitsgefühl
  • Sprach- oder Verständnisstörungen
  • Gesichtsfeldausfall (eingeschränktes Sehen)
  • Hängender Mundwinkel
  • Koordinationsstörungen
  • Sehstörungen
  • Starken Schwindel
  • Sprachstörungen
  • Sehr starker Kopfschmerz

Der FAST-Test

Der sogenannte FAST-Test gehört zur Grundausbildung des Rettungspersonals, kann aber auch von Laien durchgeführt werden. F- A - S - T steht für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit):

  • Face: Bitten Sie die Person zu lächeln. Wenn das Gesicht einseitig verzogen ist, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.
  • Arms: Lassen Sie die Person beide Arme nach vorne strecken und dabei mit den Handflächen nach oben zeigen. Im Falle einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sinken oder drehen sich.
  • Speech: Bitten Sie die Person einen einfachen Satz nachzusprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.
  • Time: Sollte die betroffene Person mit einer dieser Aufgaben Probleme haben, wählen Sie unverzüglich die 112 und erläutern Sie die Symptome.

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