Die steigende Zahl von Demenzerkrankungen stellt eine wachsende Herausforderung für unsere Gesellschaft dar. Jedes Jahr entwickeln in Deutschland schätzungsweise 400.000 Menschen eine Demenz, und das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) prognostiziert einen Anstieg von derzeit 1,8 Millionen Betroffenen auf bis zu 2,7 Millionen im Jahr 2050. Ein oft übersehener, aber bedeutender Faktor ist der Zusammenhang zwischen Diabetes und Demenz. Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Risikofaktoren, die Diabetes und Alzheimer verbinden, und stellt evidenzbasierte Präventionsstrategien vor.
Die Risikofaktoren im Überblick
Es sind 14 Risikofaktoren für Demenz bekannt, die prinzipiell modifizierbar sind. Diese Risikofaktoren können durch medizinische Vorsorge und gesunde Lebensgewohnheiten zum Teil persönlich beeinflusst werden. Zu diesen Faktoren gehören:
- Gefäßbelastungen: Bluthochdruck, hohe Blutzucker- oder Cholesterinwerte schädigen die Gefäße.
- Entzündungen und Ablagerungen: Sie fördern Entzündungen oder schädliche Ablagerungen im Gehirn.
- Kognitive Reserve: Sie schwächen die kognitive Reserve, also die Widerstandskraft des Gehirns gegenüber Schäden.
Besonders wichtig ist, dass sich das Demenzrisiko deutlich erhöht, wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig vorliegen. Positiv ist, dass man oft mehrere Risiken gleichzeitig verringern kann, wenn man an einer Stelle ansetzt.
Detaillierte Betrachtung einzelner Risikofaktoren
- Diabetes mellitus: Typ-2-Diabetes zählt zu den am besten belegten Risikofaktoren für Demenz. Diabetes kann das Gehirn auf unterschiedliche Weise schädigen, etwa durch Veränderungen an den Gehirngefäßen, Beeinträchtigung des Zucker- und Insulinstoffwechsels im Gehirn und durch Hypoglykämien (Unterzuckerungen) durch die Diabetestherapie.
- Bluthochdruck: Bluthochdruck im mittleren Lebensalter erhöht das Risiko für alle Demenzformen, insbesondere für die vaskuläre Demenz. Der Effekt scheint besonders stark auszufallen, wenn der Bluthochdruck über Jahre hinweg unbehandelt bleibt.
- Übergewicht: Übergewicht, besonders im mittleren Lebensalter, erhöht das Risiko, später an einer Demenz zu erkranken. Besonders problematisch ist Bauchfett, dessen Botenstoffe hohen Blutdruck und entzündliche Erkrankungen fördern und die Gefäße belasten.
- Erhöhtes Cholesterin: Erhöhtes Cholesterin, vor allem bei Menschen unter 65, kann die Ablagerung von schädlichen Proteinen wie Amyloid-beta und verändertem Tau im Gehirn fördern. Zudem belastet zu viel Cholesterin die Blutgefäße.
- Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko für Alzheimer und vaskuläre Demenz, vor allem durch die negativen Auswirkungen auf Herz, Gefäße und Gehirn.
- Bewegungsmangel: Wer sich im Alltag kaum bewegt, erhöht sein Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Bewegungsmangel beeinträchtigt die Durchblutung des Gehirns, schwächt Nervenzellen und begünstigt den geistigen Abbau.
- Soziale Isolation: Soziale Isolation kann das Risiko erhöhen, an Demenz zu erkranken, da das Gehirn Anregung braucht: Gespräche, Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten halten es wach und leistungsfähig.
- Luftverschmutzung: Feine Partikel aus Abgasen, Industrie, Holz- und Kohleöfen können Entzündungen auslösen, die Gefäße schädigen und langfristig die geistige Gesundheit beeinträchtigen.
- Seh- und Hörverlust: Wenn das Seh- oder Hörvermögen nachlässt und nicht ausgeglichen wird, gehen dem Gehirn wichtige Reize verloren.
- Alkoholkonsum: Wer regelmäßig viel Alkohol trinkt, riskiert mehr als einen Kater. Studien zeigen: Schon mehr als drei Liter Bier oder zwei Liter Wein pro Woche führt zum Verlust der grauen Masse im Gehirn und damit zu einem höheren Risiko für alle Formen der Demenz.
- Kopfverletzungen: Schwere oder wiederholte Kopfverletzungen erhöhen das Risiko für Demenzerkrankungen wie Alzheimer und die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE).
- Depression: Anhaltende Niedergeschlagenheit, sozialer Rückzug und mangelnde Selbstfürsorge belasten nicht nur die Seele, sondern auch das Gehirn.
Der Zusammenhang zwischen Diabetes und Demenz
Der Zusammenhang zwischen Diabetes und Demenz ist evident. Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Einerseits führt Diabetes zu einem häufigeren Auftreten von Demenz, andererseits führt das Vorliegen von Demenz häufiger zu Therapieproblemen wie Unterzuckerungen. Dieser Zusammenhang ist geradezu ein „Teufelskreis“, bei dem sich die Probleme gegenseitig verstärken.
Mögliche Mechanismen
- Gefäßschäden: Diabetes begünstigt Arterienverkalkung und Durchblutungsstörungen - auch im Gehirn. Dadurch steigt das Risiko für eine vaskuläre Demenz. Frauen mit Diabetes haben ein 2,3-fach und Männer ein 1,7-fach erhöhtes Risiko, eine vaskuläre Demenz zu entwickeln.
- Entzündungen und Stoffwechselveränderungen: Erhöhte Blutzuckerwerte können Entzündungsprozesse fördern, die langfristig auch das Gehirn belasten.
- Insulinresistenz: Auch die Insulinresistenz der Körperzellen scheint ein Bindeglied zwischen Diabetes und Alzheimer-Demenz darzustellen.
- Zerebraler Glukosestoffwechsel: Der zerebrale Glukosestoffwechsel scheint bereits früh bei der Alzheimer-Demenz verändert zu sein. Eine periphere Insulinresistenz scheint auch mit einer zerebralen Insulinresistenz verbunden zu sein.
- Ablagerung von Beta-Amyloid: Die Ablagerung von Beta-Amyloid, ein für die Alzheimer-Demenz charakteristischer Vorgang, wird bei Diabetes begünstigt, da ein Enzym, welches für den Abbau von Insulin zuständig ist, auch für den Abbau von Beta-Amyloid verantwortlich ist.
Diabetes-Typ-3?
Einige Forschergruppen sprechen bei der Alzheimer-Demenz vom "Diabetes Typ 3". Dies unterstreicht die Bedeutung des Insulinstoffwechsels für das Gehirn.
Lesen Sie auch: Wie man nächtlichen Wadenkrämpfen bei Diabetes vorbeugen kann
Studienlage
Seit den 1990er-Jahren ist aus der Rotterdam-Studie bekannt, dass Menschen mit Diabetes circa doppelt so häufig eine Demenz entwickeln wie Menschen ohne. In den letzten Jahren wurde intensiv an den Ursachen dieser Häufung geforscht, eine einzelne, einheitliche kausale Ursache findet sich jedoch nicht. Dennoch gibt es etliche Ansatzpunkte, um das individuelle Risiko für Diabetespatienten zu reduzieren.
Präventionsstrategien: Was kann man selbst tun?
Die gute Nachricht ist, dass es verschiedene Maßnahmen gibt, die helfen können, das Demenzrisiko zu senken und die Gesundheit des Gehirns zu fördern. Etwa 45 % aller Demenzerkrankungen wären vermeidbar oder könnten zumindest deutlich hinausgezögert werden, wenn alle 14 Risikofaktoren beseitigt würden.
Lebensstilmodifikationen
- Diabetes-Prävention: "Diabetes-Prävention ist weitgehend auch Demenz-Prävention. Wer mit Ernährungsumstellung und viel Bewegung seinen Lebensstil gesundheitsbewusst gestaltet, um Diabetes zu vermeiden, beugt gleichzeitig anderen Erkrankungen und Faktoren vor, die eine Demenz begünstigen, wie z. B. Übergewicht, hohe Blutfettwerte oder Bluthochdruck.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten kann das Risiko für Diabetes und Demenz senken.
- Regelmäßige Bewegung: Bewegungsmangel ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Demenzentwicklung. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Bewegung pro Woche.
- Soziale Interaktionen: Soziale Interaktionen und Aktivitäten, die das Gehirn fördern und fordern, sind wichtig für die Gehirngesundheit.
- Geistige Aktivität: Geistige Anregung in jungen Jahren schützt das Gehirn, besonders durch den Aufbau sogenannter kognitiver Reserven. Auch im höheren Alter ist es wichtig, geistig aktiv zu bleiben, zum Beispiel durch Lesen, Spielen oder Neues lernen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen sowie übermäßigen Alkoholkonsum sollte man entsprechend vermeiden.
- Umgang mit Stress und Depression: Eigene Psyche stärken und Hilfe bei Stress, Sorgen oder depressiven Stimmungen in Anspruch nehmen.
Medizinische Vorsorge
- Regelmäßige Kontrollen: Blutdruck- und Blutfettwerte regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls ärztlich behandeln lassen. Auch Vitamin- und Hormonmangelzustände sollten regelmäßig kontrolliert werden.
- Behandlung von Risikofaktoren: Die Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Abweichungen des Fettstoffwechsels, Übergewicht und hohes LDL-Cholesterin müssen behandelt werden.
- Ausgleich von Seh- und Hörverlust: Dem Risiko für eine Demenz kann man durch das frühzeitige Tragen von Hörgeräten und Sehhilfen entgegenwirken.
- Moderne Antidiabetika: Entsprechend wurden bereits moderne Antidiabetika, sog. SGLT2-Inhibitoren, daraufhin getestet, ob sie auch das Demenz-Risiko von Menschen mit Diabetes senken können. Eine aktuelle koreanische Studie gibt Hoffnung, denn die medikamentöse Intervention reduzierte dort das Risiko um 21%.
Individualisierte Therapie bei Demenz und Diabetes
Bei Menschen mit Demenz und Diabetes ist eine individualisierte Therapie besonders wichtig. Die Zielwerte der Diabetesbehandlung müssen sehr individualisiert gesetzt werden. Vermutlich sind diese Zielwerte für den Blutglukosespiegel im Hinblick auf den Gesamtnutzen deutlich höher anzusiedeln.
- Vermeidung von Unterzuckerungen: Schwere Unterzuckerungen vermeiden. Unterzucker kann dem Gehirn schaden. Es ist daher Ziel der Therapie, nicht nur Blutzuckerschwankungen, sondern auch zu niedrige Blutzuckerwerte zu vermeiden.
- Anpassung der Therapie: Das Essverhalten ändert sich häufig bei Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz. So geht oft der Appetit zurück. Umso wichtiger, die Therapie auf die Patientin oder den Patienten zuzuschneiden.
- Moderne Insuline: Moderne Insuline erlauben eine bessere Anpassung an die Bedürfnisse von Demenzkranken.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Diabetes und Schlaganfall
Lesen Sie auch: Wadenkrämpfe vorbeugen