Die diabetische Neuropathie, eine häufige Komplikation des Diabetes, verursacht oft schmerzhafte Nervenschädigungen, insbesondere in den Füßen und Händen. Viele Patienten finden mit herkömmlichen Medikamenten nur unzureichende Linderung oder leiden unter erheblichen Nebenwirkungen. Daher rücken alternative Therapieansätze wie die Verwendung von Cannabis und seinen Inhaltsstoffen zunehmend in den Fokus der Forschung. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien und Erkenntnisse zur Anwendung von Cannabis bei diabetischer Neuropathie.
Diabetische Neuropathie: Eine häufige und schmerzhafte Komplikation
Über die Hälfte aller Diabetes-Patienten leidet an einer peripheren diabetischen Neuropathie (DNP). Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die Nerven in Händen und Füßen und verursachen starke Schmerzen, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Typische Symptome sind kribbelnde, brennende oder stechende Schmerzen, Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen, beeinträchtigtes Temperaturempfinden und Taubheitsgefühle.
Konventionelle Therapien und ihre Grenzen
Etablierte Medikamente gegen DNP können die Schmerzen lindern, sind jedoch oft mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden. Auch andere Medikamente wie trizyklische Antidepressiva, Opioid-Schmerzmittel, Paracetamol und nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) können unerwünschte Wirkungen haben und wirken oft unzureichend.
Cannabis in der Medizin: Ein historischer Überblick
Cannabis-Präparate werden in der Medizin bereits seit der Antike eingesetzt. Trotzdem ist die Forschungslage im Bereich der Schmerztherapie eher dürftig. Die Aufnahme von Cannabis in das internationale Opiumabkommen im Jahr 1925 und die Gleichstellung von Hanfprodukten mit Opiaten im internationalen Abkommen über Betäubungsmittel im Jahr 1961 erschwerten die Forschung zusätzlich.
Cannabidiol (CBD) als vielversprechende Option
Eine amerikanische Doppelblindstudie untersuchte die Wirksamkeit von nicht-psychotropem Cannabidiol (CBD) zur Behandlung von Schmerzen bei peripherer DNP der Füße. Die Ergebnisse zeigten, dass CBD ein effektives und nebenwirkungsarmes Medikament sein könnte. Nach einmonatiger Behandlung mit einer CBD-Sublingualtablette nahmen die Schmerzen signifikant ab.
Lesen Sie auch: Einblick in die Pathophysiologie der diabetischen Polyneuropathie
Studiendesign und Ergebnisse
Für die Studie wurden 55 Patienten mit diagnostizierter DNP der Füße ausgewählt. Die Teilnehmer nahmen dreimal täglich im Abstand von 6 Stunden entweder eine CBD-haltige oder eine Placebo-Sublingualtablette ein. Die Schmerzstärke, Schlafqualität, Angstsymptome und Lebensqualität wurden mithilfe von Fragebögen beurteilt.
In der CBD-Gruppe traten während der 4-wöchigen Studienphase keine Nebenwirkungen auf. Sowohl die durchschnittliche als auch die maximale Schmerzstärke gingen signifikant zurück. Die Schlafqualität und Angstsymptome verbesserten sich ebenfalls, obwohl der Unterschied zur Placebogruppe statistisch nicht signifikant war.
Einschränkungen der Studie
Die Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass die engen Auswahlkriterien der Teilnehmer und der strenge Studienablauf die Aussagekraft der Ergebnisse einschränken könnten. Beispielsweise wurden Personen ausgeschlossen, die gleichzeitig andere Neuropathie-Medikamente oder Cannabisprodukte einnahmen.
Weitere Studien und Forschungsergebnisse
Sativex bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie
Eine Placebo-kontrollierte Studie mit 30 Patienten mit schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie untersuchte die Wirkung eines Cannabis-haltigen Extrakts (Sativex). In beiden Gruppen wurde eine leichte Besserung erzielt, aber die Wirkung von Cannabis auf die Schmerzen war nicht besser als der Placebo-Effekt. Interessanterweise ließen sich die Schmerzen bei Patienten mit Depressionen sowohl mit Cannabis als auch mit Placebo günstiger beeinflussen als bei Patienten ohne Depression.
Dosier-Inhalator für medizinisches Cannabis
Eine Studie untersucht die Einnahme des medizinischen Cannabis Bedrocan mithilfe eines neuen Dosier-Inhalators. Im Vergleich zur oralen Einnahme soll die Inhalation schon nach wenigen Minuten eine schmerzstillende und entspannende Wirkung auslösen. Der Inhalator soll eine präzise Messung der individuell vorgesehenen Dosierung ermöglichen und dadurch psychoaktive Nebenwirkungen reduzieren.
Lesen Sie auch: Therapieansätze bei diabetischer Polyneuropathie
Transdermales Cannabisöl
In einer klinischen Studie der Phase III erwies sich die transdermale Anwendung eines standardisierten Cannabisöls als wirksam bei der Behandlung von Schmerzen, die durch eine diabetische periphere Neuropathie (DPN) verursacht werden. Die randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie wurde in Thailand durchgeführt. Die Prüfmedikation war ein medizinisches Cannabisöl, das eine standardisierte Kombination der drei Cannabinoide Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC), Cannabidiol (CBD) und Cannabinol (CBN) enthielt. Die Applikation des Cannabisöls erfolgte entsprechend der von den Patienten angegebenen Schmerzintensität.
Während der Behandlung mit Cannabisöl nahmen die NPSI-T-Werte in allen fünf Schmerz-Dimensionen stetig ab und verringerten sich nach den Wochen 4, 8 und 12 statistisch signifikant. Die Cannabisformulierung wies ein sehr gutes Sicherheitsprofil auf.
Wirkmechanismen von Cannabis
Medizinisches Cannabis entfaltet seine Wirkung in erster Linie durch die Modulation des Endocannabinoid-Systems, insbesondere durch die Interaktion mit peripheren CB1- und CB2-Rezeptoren. Der wichtigste psychoaktive Inhaltsstoff von Cannabis, THC, weist eine hohe Bindungsaffinität für beide Rezeptor-Subtypen auf. Die Aktivierung von CB1-Rezeptoren vermittelt antinozizeptive Wirkungen, indem die Schmerzsignalübertragung gedämpft wird. Die Stimulation von CB2-Rezeptoren verleiht hingegen entzündungshemmende und neuroprotektive Eigenschaften. Diese Wirkung wird durch die synergistische Wechselwirkung von THC mit anderen Cannabinoiden, insbesondere Cannabidiol CBD und CBN, verstärkt. Die transdermale Anwendung ermöglicht gezielte therapeutische Effekte mit geringeren systemischen Nebenwirkungen als bei oraler Einnahme.
Medizinalcannabis (THC25:CBD25) in der klinischen Praxis
Eine Beobachtungsstudie untersuchte die Wirksamkeit eines spezifischen Cannabis-Extrakts (Cannamedical® Hybrid Cannabis Extract THC25:CBD25) zur Linderung von Schmerzen bei Patienten mit chronischen Schmerzen. Die Studie umfasste 64 Patienten mit chronischen Schmerzen, wobei chronische Rückenschmerzen und Knochen- und Gelenkerkrankungen die häufigsten Indikationen waren. Die durchschnittliche Schmerzintensität sank im Laufe der Studie sowohl in der Gesamtgruppe als auch in der Cannabis-naiven Gruppe. Die körperliche und psychische Gesundheit verbesserte sich tendenziell ebenfalls in beiden Gruppen. Die Autoren schlossen, dass die Behandlung chronischer Schmerzen mit Medizinalcannabis (THC25:CBD25) in der klinischen Praxis vielversprechende Effekte zeigte. Die Studie erfolgte jedoch ohne Kontrollgruppe und konnte keine statistisch belastbaren Ergebnisse liefern.
Cannabis-Konsum und kardiovaskuläre Risiken
Es ist wichtig zu beachten, dass eine US-amerikanische Studie ergab, dass Cannabis-Konsum das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall erhöhen kann, insbesondere bei jüngeren Personen. Daher ist Vorsicht geboten und eine umfassende Aufklärung der Patienten unerlässlich.
Lesen Sie auch: Symptome & Behandlung
tags: #diabetische #neuropathie #cannabis