Nerven soziale Medien wirklich? Eine kritische Auseinandersetzung

Soziale Medien sind allgegenwärtig. Sie durchdringen unseren Alltag, beeinflussen unsere Kommunikation, unser Konsumverhalten und sogar unser Selbstbild. Doch während sie uns scheinbar vernetzen und uns Informationen in Echtzeit liefern, mehren sich die Stimmen, die die negativen Auswirkungen sozialer Medien auf unsere Psyche, unsere Gesellschaft und unsere Zukunft beklagen. Dieser Artikel beleuchtet die Schattenseiten der digitalen Vernetzung und versucht, Antworten auf die Frage zu finden, warum Social Media so "nervig" geworden sind.

Die Psychotricks der Social-Media-Konzerne

Social-Media-Apps sind darauf ausgelegt, uns möglichst lange in ihrem Bann zu halten. Dahinter steckt ein perfides Geschäftsmodell: Je mehr Zeit wir auf den Plattformen verbringen, desto besser können die Unternehmen uns kennenlernen und uns personalisierte Werbung präsentieren. Im Kern verkaufen sie Verhaltensvorhersagen ihrer Nutzer an Höchstbietende, seien es Firmen, die Kleidung verkaufen wollen, oder politische Organisationen, die unsere Meinung beeinflussen möchten.

Um die Nutzer an die Apps zu fesseln, setzen die Programmierer auf verschiedene psychologische Tricks. Sie versuchen, in uns eine Gewohnheit aufzubauen, die Programme möglichst oft und möglichst lange zu nutzen. Welche Mechanismen genau zum Einsatz kommen, wird von den Unternehmen streng geheim gehalten.

Ein wichtiger Faktor ist die Belohnungsstruktur. Aufgaben abzuschließen, fühlt sich gut an. Wer beispielsweise ein Buch zu Ende gelesen hat, bekommt ein Gefühl der Belohnung. Apps machen sich dies zunutze, indem sie kein natürliches Ende mehr bieten. Am Ende einer Seite wird immer schnell automatisch nachgeladen, sodass wir auf der Suche nach Belohnung immer weiter scrollen.

Auch die Angst, etwas zu verpassen (FOMO - Fear of Missing Out), spielt eine große Rolle. Wir gehen auf Social Media Apps, um keine Neuigkeit zu verpassen. Durch zeitliche Verknappung mancher Inhalte sorgen Apps zusätzlich dafür, dass wir noch öfter auf die Plattformen gehen.

Lesen Sie auch: Diagnose von Schmerzen an der Außenseite des Knies

Likes bekommen und auch Likes geben aktiviert ein Hirnareal, das wichtig für die Belohnungsverarbeitung ist. Wir möchten das gute Gefühl der Belohnung immer wieder haben. Viele Messenger-Dienste haben eine Lesebestätigung voreingestellt. Wer eine Nachricht gesendet hat, kann sehen, ob sie auch gelesen worden ist. Das erzeugt Druck, schneller zu antworten. Dadurch schreiben wir insgesamt schneller hin und her, benutzen die entsprechende App also öfter.

Negative Auswirkungen auf Jugendliche

Eine repräsentative Studie zu Internetmedien im Alltag von Jugendlichen zeigt, dass die Mehrheit der Jugendlichen am Verzicht auf soziale Medien scheitert. Viele verbringen mehr Zeit auf diesen Portalen, als ihnen lieb ist, und haben das Gefühl, andere Aufgaben zu vernachlässigen. Gleichzeitig berichten viele von Ausgrenzung, Abwertung und sozialem Druck. Junge Frauen sind von sozialen Vergleichen offenbar viel häufiger betroffen als junge Männer.

An den Schulen der meisten Jugendlichen gelten generelle oder weitgehende Handyverbote. Ein komplettes Verbot im Unterricht oder im Klassenzimmer befürworten immerhin 60 Prozent der Befragten.

Die ständige Reizüberflutung

Auf Instagram und Co. werden Nutzer mit Trivialem überflutet. Folgt nicht Reiz auf Reiz, verlieren sie rasch das Interesse - gerade die Jüngeren. Oft belangloses Zeug, von dem wenig hängenbleibt. Folgen hat das Dauerscrollen in sozialen Medien dennoch, für den Einzelnen, aber auch für Gesellschaften und die Zukunft dieser Welt.

Oft dutzende Male täglich richtet sich der Blick aufs Handy - allein schon, weil die Geräte zig Funktionen haben: Filme werden geschaut, es wird gezockt, kommuniziert, fotografiert und geshoppt, Bankgeschäfte erledigt und Nachrichten gelesen.

Lesen Sie auch: Nurvet Kautabletten Nerven: Die Inhaltsstoffe und ihre Wirkung.

Experten betonen, dass es Unsinn sei, das Smartphone an sich zu verteufeln. Ihr Augenmerk richtet sich vor allem auf soziale Medien, deren Business-Modell es ist, Nutzer möglichst lange im System zu halten. Dafür werde auf fortwährende Dopamin-Kicks gesetzt, die die Erwartung von immer Neuem belohnen. Kurzvideos bieten das im Extrem. Die Gewöhnung an Reize im Sekundentakt sorge zum einen dafür, dass ein Buch weit weniger attraktiv wirke. Zudem nutze sich der Effekt nicht ab, stattdessen entstehe ein Nicht-aufhören-können ähnlich wie am Spielautomaten: „Noch das Video, dann hör’ ich auf, noch einziges mehr - und so weiter“.

Die Nutzungszeit ist extrem und all diese Lebenszeit steht uns nicht für andere Dinge zur Verfügung. Sagenhafte Stunden pro Woche bewegen sich die Bundesbürger inzwischen im Netz, mit keinem anderen Gerät mehr als mit dem Smartphone. Bei den 18- bis 39-Jährigen sind es sogar fast noch mehr Stunden. Vielfach sind wir nur stille Konsumenten.

Soziale Medien machen sich Uraltes zunutze: die evolutionär in unserer Biologie angelegte Eigenschaft, neuen Reizen Aufmerksamkeit zu schenken. Das machte einst Sinn, um nicht von einem plötzlich auftauchenden Säbelzahntiger gemampft zu werden, und hilft vermögenden Männern, die die Social-Media-Konzerne führen, heute dabei, noch reicher zu werden, indem es uns wischend und scrollend am Handy verharren lässt.

Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen

Experten sorgen sich vor allem um Kinder und Jugendliche: Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen jüngerem Alter und einer stärkeren suchtähnlichen Nutzung der sozialen Medien. Möglicherweise sei das darauf zurückzuführen, dass der präfrontale Kortex dann bisher nicht ausgereift ist. Es dauere üblicherweise bis ins junge Erwachsenenalter, bis Menschen gute Selbstregulationsfähigkeiten zeigten.

Vielfach würden psychische Probleme junger Menschen mit intensiver Social-Media-Nutzung in Verbindung gebracht. Ursächlich nachzuweisen sei dieser Zusammenhang nur schwer - allein schon deshalb, weil es keine Vergleichsgruppe ohne Smartphone gibt.

Lesen Sie auch: Warum Eltern manchmal nerven

Eine der deutlichsten bereits nachgewiesenen Folgen überbordender Handynutzung ist laut Experten Schlafmangel, der bei Kindern sowohl kurzfristige Folgen etwa für die Lernfähigkeit als auch langfristige für die Hirnreifung habe.

Einer Studie zufolge schlafen Jugendliche besser und erreichen bessere Schulergebnisse, wenn Eltern ihren abends die Smartphone-Nutzung verbieten und keine Handys über Nacht im Zimmer dulden. Im Durchschnitt schliefen die Jugendlichen länger als Altersgenossen, deren Smartphonezeit nicht begrenzt wurde.

Im Kontext des Geschäftsmodells sozialer Medien, Nutzer möglichst lange im System zu halten, werde auch die sogenannte Displacement-Hypothese diskutiert. Die Logik dahinter lautet, dass die verbrachte Zeit auf den sozialen Medien weg ist für andere wichtigere entwicklungspsychologische Aufgaben.

Hinzu kommen indirekte Folgen schon für die Jüngsten, wenn die Eltern Zeit in sozialen Medien statt mit ihnen verbringen. Beim Stillen, auf dem Spielplatz: In etlichen Situationen schauen Eltern aufs Handy - Zeit, die für Kommunikation fehlt. Studien zeigen ganz klar, dass soziale Interaktion extrem wichtig für die Entwicklung ist.

Der Entwicklungspsychologe spricht von einem „weltweiten Sozialexperiment unvergleichlichen Ausmaßes“ ohne Vorabprüfung und Kontrollen. Ein Experiment, das sich womöglich auf die künftige Zahl an Patenten und nobelpreiswürdigen Ideen, auf den Erfindergeist in allen möglichen Lebenslagen und auf die Kunst auswirkt.

Der Verlust der Langeweile und der Kreativität

Zugrunde liegt unter anderem ein durch soziale Medien aussterbendes Gefühl: die Langeweile. Sie mag nerven, macht aber kreativ, wie viele Eltern wissen: Wenn der Knirps über schreckliche Langeweile klagt, hat er Minuten später oft grandiose Spielideen. Studien zeigen Montag zufolge, dass Gedankenwandern eine Voraussetzung für Kreativität ist. Wenn ich in jeder freien Minute von meinem Smartphone absorbiert werde, ist es schwer, in einen reflexiven Modus zu kommen.

Kreativität werde immer dann besonders gefördert, wenn der vorgegebene Input möglichst gering sei. Ein Holzklötzchen kann alles sein, was ich mir vorstelle. Ein Computerspiel lasse dafür schon viel weniger Raum, weil alle Handlungsoptionen vorprogrammiert sind, wenn auch mit Varianten. Aber zumindest agiere der Nutzer noch selbst. Soziale Medien nutzen die meisten als reine Konsumenten, allenfalls für Likes und Emojis.

Geistige Abstumpfung und Konzentrationsschwierigkeiten

„Brain rot“ bezeichnet den Zustand geistiger Abstumpfung nach dem Dauerkonsum trivialer Online-Inhalte. Psychologen halten Debatten mit solchen Begriffen für irreführend und nicht hilfreich. Der Begriff lenke von den eigentlichen Problemen rund um soziale Medien ab - nicht altersangemessene Inhalte, Körperunzufriedenheit bei ständigem Konsum von Bildmaterial mit unrealistischen Körperidealen und Fake News.

Einem an das ständige Geblinker sozialer Medien gewöhnten Gehirn kann es tatsächlich schwerer fallen, sich etwa dem Lesen eines Textes zu widmen - erst recht, wenn das Smartphone in Reichweite ist. Gedanken wie „Hat mir jemand geschrieben?“ störten dann. Wenn man sich einem Thema widme, dauere es etwa 10 Minuten, um hereinzukommen. Anschließend folgten typischerweise 20 bis 30 Minuten konzentriertes Arbeiten, dann eine Pause. Dieser Zyklus wiederhole sich. Das Smartphone mit all seinen Verlockungen verkürze die theoretisch mögliche persönliche Konzentrationszeit nicht, erschwere es aber, die Konzentration tatsächlich zu halten. Das birgt die Gefahr, schlechter lernen zu können.

Statistiken weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und Bildungserfolg hin. Tatsächlich habe es einen Zusammenhang zwischen längerer Nutzungszeit der sozialen Medien und schlechteren Noten gegeben. Zudem gibt es durchaus Evidenz, dass Smartphone-Verbote in Bildungseinrichtungen zu verbesserten Noten führen können.

Demnach sinken die Denk- und Problemlösefähigkeiten von Teenagern im Lesen, Rechnen und bei naturwissenschaftlichen Aufgabenstellungen seit etwa 2010. Ein immer höherer Prozentsatz junger Menschen gebe an, sich nicht mehr so gut konzentrieren können wie früher.

Verlust des kritischen Denkens und Manipulation

Um einem Problem oder einer Fragestellung wirklich auf den Grund zu gehen, müsse man Argumente destillieren, lange Texte analysieren und langen Debatten folgen können. Es ist eines der größten Probleme, das kritische Denken verlernt wird. Soziale Medien lägen in den Händen einiger weniger mächtiger, überwiegend im Hintergrund agierender Player. Das ist die perfekte Propagandamaschine.

Ein wichtiger Schritt sei, sich die Motivation der Betreiber sozialer Medien und die Beweggründe der dort Agierenden klarzumachen, betont der Experten. Es gelte, Alternativ-Strukturen in Europa aufzubauen. Wir müssen uns aus der Abhängigkeit von US-Plattformen lösen.

Wege aus der Social-Media-Falle

Die einfachste Art, sich gegen die Psychotricks von Social Media zu wehren, ist: Benachrichtigungen ausschalten.

Die Gründe, warum wir auf Social Media gehen, sind oft unangenehme Gefühle, denen wir entfliehen wollen. Zum Beispiel Langeweile, Einsamkeit, Unsicherheit, Müdigkeit, Stress. Damit wir nicht bei jedem unangenehmen Gefühl das Smartphone aus der Tasche ziehen, brauchen wir Methoden, ähnlich wie Raucher, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Zunächst einmal müssen wir uns der Gefühle gewahr werden, die uns auf Social Media Plattformen treiben und sie beobachten. Meist verschwinden sie wieder von selbst.

Einen Zeitplan erstellen mit Dingen, die uns wichtig sind. Dazu kann auch Social Media gehören, aber nur in einem festgelegten Zeitfenster.

Die Rückbesinnung auf das "echte" Leben

Einer Studie zufolge wollen viele Menschen künftig weniger online sein und sich etwa mit Familie und Freunden treffen. Das Bewusstsein für die Problematik ist also vorhanden.

Experten raten dazu, dass Heranwachsende bis zu einem bestimmten Alter kein Handy mit Internetzugang bekommen. In teuren Internaten bekämen Kinder oft nur sogenannte Dumbphones mit extrem eingeschränkten Internet- und App-Funktionen, und selbst diese nur wenige Stunden am Tag. Auch viele Eltern im Hightech-Zentrum Silicon Valley seien extrem restriktiv.

Persönliche Erfahrungen und Ratschläge

Viele Menschen stellen sich die Frage, warum Social Media so "nervig" geworden sind. War früher alles besser? Hat uns die Abwesenheit dieser ständigen Ablenkungen wirklich produktiver gemacht? Haben soziale Medien dazu geführt, dass wir weniger echte, tiefere Beziehungen haben?

Die Anonymität im Internet hat sicherlich eine dunkle Seite, die es ermöglicht, dass Menschen ohne Konsequenzen gemeine oder hasserfüllte Dinge sagen. War das Leben ohne diese Form des Mobbings wirklich friedlicher und sicherer, besonders für junge Menschen? Waren wir ohne diese Technologien wirklich freier und weniger abhängig?

Es gibt auch viele Vorteile der sozialen Medien - sie verbinden uns mit Menschen auf der ganzen Welt, ermöglichen es uns, unsere Gedanken zu teilen und Gemeinschaften zu bilden. Aber ist der "Preis" dafür nicht doch zu hoch?!

Einige Ratschläge, wie man sich die Freude am Social Media zurückholen kann (wenn auch nur ein wenig):

  1. Mach dein Ding: Wenn du einfach nur machst, worauf du Bock hast, dann ist die Plattform erst mal egal. Dein eigener kreativer Prozess rückt in den Vordergrund und der Post ist nur das Ergebnis.
  2. Lass dir nix erzählen: Nur die Firma selbst weiß genau, wie die Algorithmen funktionieren und alla Accounts, die dir erzählen wollen, was du tun musst, um deinen Account voranzutreiben, spekulieren nur. Lass dich von den Social Media Beratern dieser Welt nicht verrückt machen. Nimm den Druck raus und verbeiße dich nicht Likes und Followerzahlen. Das sagt nicht über die Qualität deiner Arbeit aus.
  3. Du musst gar nichts: Du hast heut keine Lust, etwas zu posten? Völlig Ok! Du steigst völlig aus Social Media aus? Auch OK! Es kann dich keiner zwingen und du solltest einfach darauf hören, was dir dein Bauch sagt. Solange es dir Spaß macht, mach doch.

tags: #die #nerven #asoziale #medien