Das Kino der Weimarer Republik war mehr als nur Unterhaltung; es war ein Spiegel der Gesellschaft, ihrer Ängste, Hoffnungen und Umbrüche. Wie keine andere Kunstform spiegelte das Kino den Zeitgeist der Moderne wider. Zahlreiche Drehbücher, Plakate, Requisiten und Kameras zeigen, wie der Film auf Literatur, Kunst, Architektur und gesellschaftliche Entwicklungen reagierte. Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür ist Robert Reinerts Stummfilm "Nerven" aus dem Jahr 1919, dessen expressionistisches Filmplakat die seelischen Erschütterungen einer von Krieg und Umbruch geprägten Zeit aufgreift.
Das Kino als Seismograph der Zeit
Die Weimarer Republik war eine Zeit rastloser Erneuerung, eine Zeit, in der die Künste im Namen der Moderne verschworen waren. Das Kino war ihr lebhaftester Fiebertraum. Die opulente Ausstellung "Kino der Moderne" zeigt, wie das Kino in den 1920er Jahren zum Leit- und Massenmedium aufstieg, Vorbilder und Ideale setzte und alle Themen verhandelte, die die Zeitgenossen beschäftigten. Die Wechselwirkungen zwischen Kino und Alltag präsentiert die Schau auf drei Etagen mit 350 Exponaten auf sehr sinnliche Weise. Die Ausstellung lässt zahlreiche Zeitzeugen der Jahre 1918 bis 1933 zu Wort kommen, in denen das Kino sich zu einem wirkungsmächtigen Medium entwickelte und die Sehgewohnheiten der Menschen revolutionierte.
Das Kino bestimmte die Diskussionen in Berlin, in Deutschland, in der Weimarer Republik; das merkt man schnell, betrachtet man die zahllosen Stücke in der Ausstellung, (…) in der es selbstverständlich um das Kino geht, noch mehr aber um das Leben in der Weimarer Republik. (…) Die Rolle der Frau (steht) deutlich im Mittelpunkt der Ausstellung, ganz zeitgemäß also, aber doch auch mit gutem Grund. (…) Den Blick auf diese vergessenen Frauen der deutschen Filmgeschichte zu lenken, ist sicher das größte Verdienst der Ausstellung.
Inwieweit sich Kino und gesellschaftliche Realität in der jungen Demokratie beeinflusst haben und wie das Kino zum Massenmedium werden konnte, beantwortet die Ausstellung in einer fünfundzwanzig Kapitel langen Autopsie des Weimarer Films. (…) Das Kino der damaligen Zeit setzte ästhetische Trends, die bis heute das zeitgenössische Kino prägen: Das ist das Narrativ der Ausstellung.
"Nerven": Ein Spiegelbild der Nachkriegszeit
Robert Reinerts "Nerven" fängt eine Zeit ein, in der Dichter die Macht übernahmen. Das Stummfilmdrama „Nerven“ (1918/19) von Robert Reinert mit Begleitung von Alexander Pointner wird am Freitag, 26. Januar um 19.30 Uhr im Rahmen von „Kino in der Kiche“ in der Apostelkirche in Miesbach (Rathausstr. 12) gezeigt. Der Eintritt ist frei.
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Das Gros der Szenen mit Aufständischen wurde 1920 von der Filmprüfstelle kassiert. Die Nationalsozialisten haben später dann gänzlich dafür gesorgt, dass der Jude Reinert (1872-1928) und sein Stummfilm „Nerven“ aus der Filmgeschichtsschreibung verschwanden. Aus Fragmenten deutscher, russischer und amerikanischer Archive hat Stefan Drößler, der Leiter des Münchner Filmmuseums, nun eine 110 Minuten lange Fassung rekonstruiert. Die DVD-Edition überzeugt mit informativem Zusatzmaterial und der flüssigen Klavierbegleitung von Joachim Bärenz. Ein Drittel des Originals bleibt verloren, solange sich der Glücksfall „Metropolis“ nicht wiederholt, wobei „Nerven“ dem Fritz-Lang-Klassiker künstlerisch nicht das Wasser reichen kann.
1919 gedreht, kreist in Robert Reinerts „Monumental-Film“ alles um die inneren Erschütterungen einer Welt, die von Gewalt und Umbruch geprägt ist. Zwei Ereignisse haben ihren Niederschlag gefunden: das Trauma des Ersten Weltkriegs und die unmittelbar zurückliegenden Unruhen während der Münchner Räterepublik. Der Stummfilm zieht die Zuschauer hinein in die Schicksale von Menschen unterschiedlicher sozialen Schichten. Im Mittelpunkt steht der Fabrikbesitzer Roloff, dessen Glauben an den technischen Fortschritt zerbricht. Krieg und Zerstörung haben seine Psyche angegriffen. Der Lehrer Johannes fordert in Volksversammlungen soziale Reformen. Die zurückgewiesene Geliebte Marja wandelt sich zur Revolutionärin und ruft zum bewaffneten Kampf gegen die Herrschenden auf. Die Nerven liegen blank im Vorfeld der Revolution.
In seinem 1919 in München gedrehten "Monumental-Film" Nerven versucht Robert Reinert "den Zündstoff, den Krieg und Not im Menschen erzeugt" haben, als "nervöse Epidemie" zu beschreiben, "die die Menschen befallen hat und zu allerhand Taten und Schuld treibt". Geschildert werden die Schicksale verschiedener Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten: Im Mittelpunkt stehen der Fabrikbesitzer Roloff, dessen Glauben an den technischen Fortschritt zerbricht, der Lehrer Johannes, in Volksversammlungen soziale Reformen fordert, und die sich zur Revolutionärin wandelnde Marja, die zum bewaffneten Kampf gegen die Herrschenden aufruft.
Die Geschichte spielt in München kurz nach dem Ersten Weltkrieg und erzählt die Geschichten dreier Menschen, die alle auf ihre persönliche Art von den Folgen des Krieges beeinflusst sind. Zum einen der konservative Fabrikbesitzer Roloff, der seinen Glauben an den technischen Fortschritt schon lange verloren hat. Zum anderen Lehrer Johannes, der sich zu einem Sprecher des Volkes gewandelt hat und Reformen fordert. Wie sehr die Situation auf das Verhalten der Zeitgenossen Einfluss nimmt, zeigt sich, als Johannes Marjas Liebe aus religiöser Überzeugung ablehnt und sie ihn daraufhin der Vergewaltigung bezichtigt. Zwar nimmt Marja wenig später alles zurück und entlastet Johannes dadurch, seine pazifistischen Ansichten teilt sie nun aber nicht mehr.
Das expressionistische Filmplakat als Spiegel der Seele
Das Filmplakat zu "Nerven" ist ein eindrucksvolles Beispiel für die expressionistische Ästhetik des frühen deutschen Kinos. Es ist ein Meisterwerk des deutschen Expressionismus, das die psychologischen Themen des Films visuell einfängt. Im Zentrum steht eine stilisierte, fast karikaturhafte Darstellung eines Gesichts, das von Angst und Verzweiflung gezeichnet ist. Im Zentrum steht eine groteske, fast außerirdisch wirkende Figur mit weit aufgerissenen, rot glühenden Augen und einem schmalen Mund, der einen Ausdruck von Angst oder Wahnsinn vermittelt. Die Farbgebung ist bewusst düster gehalten, mit einem tiefen Schwarz als Hintergrund, das die dramatische Wirkung der helleren Elemente verstärkt. Die Farbpalette ist düster und kontrastreich, mit dominanten Schwarz-, Grau- und Blautönen, die eine Atmosphäre der Beklemmung und des Unbehagens schaffen. Das Gesicht selbst ist in kühlen Blau- und Grüntönen gehalten, was ihm eine unheimliche, fast übernatürliche Ausstrahlung verleiht. Die roten Akzente in den Augen und die tropfenden roten Flüssigkeiten unterhalb der Figur deuten auf Gefahr, Leid oder vielleicht auf eine Art Opfer hin.
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Der Filmtitel "NERVEN" ist in großen, auffälligen Buchstaben geschrieben, wobei die Buchstaben eine leicht verzerrte und unruhige Form aufweisen, die das Thema des Films widerspiegelt. Der Titel "Nerven" ist prominent in einer auffälligen, blockartigen Schrift platziert, die die Intensität und den Schrecken des Films unterstreicht. Die roten und hellblauen Farben des Titels bilden einen starken Kontrast zum schwarzen Hintergrund und ziehen sofort die Aufmerksamkeit auf sich.
Am unteren Rand des Plakats sind weitere Informationen wie "MARMORHAUS", die Adresse "KURFÜRSTENDAMM 236" und der Name des Direktors "DIR. SIEGBERT GOLDSCHMIDT" zu lesen. Die Nennung von Robert Reinert als Regisseur und des Marmorhaus als Kino verorten das Plakat historisch und kontextualisieren es als Werbung für ein bedeutendes Werk seiner Zeit. Die Signatur "J. Tannaker 29" weist auf den Künstler hin, der dieses eindringliche Bild geschaffen hat. Diese Elemente sind in einer kleineren, aber dennoch gut lesbaren Schriftart gehalten.
Insgesamt strahlt das Plakat eine intensive psychologische Spannung aus und verspricht einen Film, der sich mit tiefgreifenden menschlichen Emotionen und möglicherweise mit den dunkleren Seiten der menschlichen Psyche auseinandersetzt.
Die Rolle der Frau im Film der Weimarer Republik
Die Weimarer Republik war eine Zeit des Aufbruchs, in der Frauen neue Berufsmöglichkeiten in der Filmindustrie nutzten. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzen viele Frauen die neuen Berufsmöglichkeiten in der Filmindustrie. Sie treten als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen oder Produzentinnen auf, verzichten in den Credits aber meist auf die Nennung ihres Vornamens. Mit Biografien und Exponaten stellt die Ausstellung 21 weibliche Filmschaffende vor. Filmausschnitte belegen ihr vielfältiges Wirken; eine Audiostation lässt die Frauen anhand autobiografischer Texte selbst zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen im Filmmetier berichten.
Die Debatte um die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 wiederum stellen weibliche Filmschaffende stärker in den Mittelpunkt.
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Die Großstadt als Bühne der Moderne
Die Metropole wird zum Symbol der Moderne. Der nervöse Lebensrhythmus, das Nebeneinander verschiedenster gesellschaftlicher Realitäten - die Großstadt bietet eine Kulisse für Liebesgeschichte, Komödie und Drama gleichermaßen. Die pulsierende Hauptstadt Berlin prägt das Bild von Mobilität und Tempo. Filmemacher*innen fangen dies »on location« ein, wie in Berlin.
Die Vision einer vertikalen Stadt wird von Fritz Lang in ›Metropolis‹ (1927) mit spektakulären Wolkenkratzern ins Bild gesetzt. Die Fotocollagen von Künstler Umbo zur Bewerbung des experimentellen Dokumentarfilms ›Berlin. Da die Großstädte Arbeit versprechen, setzt in der Weimarer Republik die Landflucht ein. Die sozialen Unterschiede verschärfen sich rasant und werden in Spiel- und Dokumentarfilm thematisiert.
Das »lasterhafte« Berlin zeigt sich im Film in zahlreichen Facetten. Die Kehrseite - Alkoholmissbrauch und Prostitution - sieht man in Filmen wie Tagebuch einer Verlorenen (1929, Regie: Georg W. Pabst).
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