Die Geschichte der Psychiatrie und Neurologie im Nationalsozialismus ist ein düsteres Kapitel der Medizingeschichte. Institutionen wie das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Hirnforschung und psychiatrische Einrichtungen wie die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch waren in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt. Dieser Artikel beleuchtet die Verstrickungen von Neurologen und psychiatrischen Einrichtungen in die NS-Verbrechen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Mauthausen, und gibt Einblicke in die Aufarbeitung dieser Vergangenheit.
Die Rolle der Heil- und Pflegeanstalten im Nationalsozialismus
Psychiatrische Einrichtungen wie die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch spielten eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Die Anstalt wurde 1905 als "Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt bei Wiesloch" gegründet und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem modernen psychiatrischen Zentrum. Doch die Zeit des Nationalsozialismus war von Ausgrenzung, Zwangssterilisation und Mord geprägt.
Ausgrenzung und "Euthanasie"
Die Nationalsozialisten verfolgten die Vision eines "gesunden Volkskörpers" und wollten alles "Kranke und Ungesunde" ausmerzen. Psychische Krankheiten galten als Erbkrankheiten, und ab 1934 wurden psychisch Kranke systematisch zwangssterilisiert. Nach Kriegsbeginn wurden über 2000 Patient*innen aus Wiesloch in Tötungsanstalten wie Grafeneck und Hadamar transportiert und dort ermordet.
Die "Kinderfachabteilung" in Wiesloch
Besonders erschütternd ist die Geschichte der "Kinderfachabteilung" in Wiesloch. Im Jahr 1941 wurden zwölf behinderte Kinder im Alter von ein bis sieben Jahren umgebracht, weil sie als nicht bildungsfähig galten und ihre zukünftige Versorgung nur Kosten verursachen würde.
Forschung an Patient*innen
In der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch richtete der Heidelberger Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie, Prof. Dr. Carl Schneider, im Dezember 1942 eine Forschungsabteilung ein. Für seine Forschungen wurden 34 Patientinnen nach auffälligen körperlichen und psychischen Merkmalen untersucht. Um diese Befunde mit hirnorganischen Veränderungen vergleichen zu können, war geplant, die Forschungspatientinnen später zu töten und ihre Gehirne zu entnehmen. Kriegsbedingt wurde das Projekt jedoch im April 1943 abgebrochen. Von den 80 verlegten Frauen starben 76 in Eichberg und Weilmünster innerhalb kurzer Zeit an Vernachlässigung und Hunger oder wurden in Hadamar mit Medikamenten ermordet.
Lesen Sie auch: Umfassende Übersicht: Neurologen Kassel
Gedenken an die Opfer
Erst Ende Februar 1980, zum 40. Jahrestag des ersten Abtransports von Patientinnen in die Tötungsanstalt Grafeneck, versammelten sich Mitarbeiterinnen des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Wiesloch zu einer Gedenkfeier. Heute erinnern Mahnmale und Gedenkstätten auf dem Gelände des PZN an die Opfer der NS-Euthanasieaktionen.
Die Rolle des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung
Das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Hirnforschung in Berlin-Buch war eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen ihrer Zeit. Doch auch hier gab es Verstrickungen in die NS-Verbrechen.
Forschung an Opfern der "Euthanasie"
Der Hirnforscher Julius Hallervorden, Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen, ist bekannt für seine Sammlung präparierter Gehirne von ermordeten Kindern und Erwachsenen. Diese Gehirne stammten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programme.
Der Fall Nikolaj V. Timoféeff-Ressovsky
Ein Beispiel für die komplexen Verhältnisse während des Nationalsozialismus ist der Fall des russischen Genetikers Nikolaj V. Timoféeff-Ressovsky. Er leitete ab 1925 die genetische Abteilung am KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch. Obwohl er 1937 von Moskau aufgefordert wurde, Nazideutschland zu verlassen, blieb er mit seiner Familie in Berlin. Timoféeff-Ressovsky half vielen verfolgten jüdischen und ausländischen Wissenschaftlern und Zwangsarbeitern. Sein ältester Sohn Dmitrij war Mitglied einer Widerstandsgruppe und kam 1945 im KZ Mauthausen ums Leben. Timoféeff-Ressovsky selbst wurde 1945 verhaftet und in die Sowjetunion verschleppt.
Raphael Weichbrodt: Ein jüdischer Neurologe in Frankfurt am Main
Auch jüdische Ärzte und Wissenschaftler wurden Opfer des NS-Regimes. Ein Beispiel ist der Psychiater und Neurologe Raphael Weichbrodt aus Frankfurt am Main.
Lesen Sie auch: Fachärzte für Neurologie in Schwäbisch Hall
Entrechtung und Verfolgung
Weichbrodt wurde 1886 in Labischin geboren und studierte Medizin in Heidelberg, Berlin, Freiburg und München. Nach seiner Habilitation war er als Privatdozent und außerordentlicher Professor an der Universität Frankfurt tätig. 1933 wurde ihm als "Nichtarier" die Lehrbefugnis entzogen. In den folgenden Jahren konnte er seine Praxis und Gutachtertätigkeit nicht mehr fortsetzen.
Deportation und Tod in Mauthausen
Im Mai 1942 wurde Weichbrodt von Frankfurt aus deportiert und am 30. Mai 1942 in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt, wo er am folgenden Tag starb.
Gedenken an Raphael Weichbrodt
In Frankfurt erinnern heute eine Gedenktafel, Namensblöcke und Stolpersteine an Raphael Weichbrodt und seine Tochter Dorrit, die ebenfalls deportiert wurde.
Die Rolle der Universitäten und Forschungseinrichtungen
Die "Gleichschaltung" der Universitäten verlief überall ähnlich. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 ermöglichte die Entlassung von jüdischen oder anderweitig missliebigen Lehrenden. Viele Zwangsemeritierungen erfolgten auch aus vorgeschobenen Altersgründen. Neue Lehrstühle aus dem nationalsozialistischen Ideologie-Spektrum wurden eingerichtet.
Vertreibung und Opportunismus
Die Entlassung nicht-arischer Kollegen verlief ohne nennenswerte Proteste oder Solidaritätsbekundungen. Die Vertreibung der einen bedeutete frei werdende Stellen für die anderen. Die Frankfurter Fakultät verlor 53 Mediziner durch Vertreibung.
Lesen Sie auch: Psychiater im Gespräch
Die Aufarbeitung der Vergangenheit
Erst ab den 1980er Jahren begann eine grundlegendere Auseinandersetzung mit den Medizinverbrechen im "Dritten Reich". Studien und Publikationen beleuchten die komplexen Zusammenhänge der NS-Gesellschaft und einzelne Biografien Belasteter. Auch die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) leiteten Untersuchungen in die Wege.
Die Situation im Krankenhaus Haina
Das Krankenhaus Haina, ursprünglich ein Hospital, wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer psychiatrischen Einrichtung. Auch hier gab es im Nationalsozialismus dunkle Kapitel.
Von der Hospitalversorgung zur "Irrenpflege"
Das Hospital Haina wurde 1533 gegründet und diente zunächst der Versorgung armer, alter und gebrechlicher Männer. Später wurden auch Waisen, Findelkinder und psychisch kranke Menschen aufgenommen. Im Laufe der Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt immer mehr auf die "Geisteskranken". Ende des 19. Jahrhunderts wurde Haina endgültig eine Einrichtung für "Irrenpflege".
"Freiere Behandlungsmethoden" und ihre Grenzen
Nachdem der Zwangsstuhl abgeschafft worden war, setzte Haina vermehrt "freie Behandlungsmethoden" ein, wie Dauerbäder und Wachsaalbehandlung. Gleichzeitig gab es Anfänge einer Familientherapie. Doch auch diese Methoden waren nicht immer human und dienten oft der Kontrolle und Beruhigung der Patienten.
Lehren aus der Vergangenheit
Die Geschichte der Psychiatrie und Neurologie im Nationalsozialismus mahnt zur Wachsamkeit. Die Verbrechen, die im Namen der Wissenschaft und Medizin begangen wurden, dürfen nie vergessen werden. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit ist ein wichtiger Schritt, um sicherzustellen, dass sich solche Gräueltaten nicht wiederholen. Es ist wichtig, die ethischen Grundsätze der Medizin zu wahren und die Würde jedes Menschen zu achten.
tags: #die #neurologen #mauthausen