Einführung
Die Erforschung des menschlichen Gehirns hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Diese Fortschritte haben nicht nur unser Verständnis von neurologischen Prozessen vertieft, sondern auch neue Perspektiven auf traditionelle geisteswissenschaftliche Disziplinen wie die Literatur eröffnet. Die "Poetik des Gehirns" ist ein interdisziplinäres Feld, das die Verbindungen zwischen Neurowissenschaften und Poetik untersucht, um zu verstehen, wie unser Gehirn Sprache, Literatur und Kunst wahrnimmt, verarbeitet und erlebt.
Künstlerische Forschung im Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools
Das Artist in Residence-Programm »Close to the Brain« des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools bietet Künstlerinnen und Künstlern einen einzigartigen Zugang zu neurowissenschaftlichen Laboren und Arbeitsgruppen. Ziel ist es, die Forschung zur Funktion des menschlichen Gehirns als Inspiration für künstlerische Arbeit zu nutzen. In der zweiten Runde dieses Programms wurden Annette Pehnt und Harald Kimmig eingeladen, die Arbeit der Forscher im Cluster zu begleiten. Sie besuchten Labore, sprachen mit Wissenschaftlern, Ingenieuren, Ärzten sowie Patienten und nahmen an Fachtagungen teil.
Die Perspektive von Annette Pehnt
Annette Pehnt verarbeitete ihre Eindrücke in einer Textsammlung, einer Art literarisches Logbuch mit dem Titel »Ich habe mich in mein Gehirn verliebt«. Sie präsentierte ihre Arbeit im Literaturbüro und diskutierte anschließend mit dem Neuroethiker Prof. Dr. Oliver Müller und weiteren Gästen aus der Literaturwissenschaft und der neurowissenschaftlichen Forschung über die Bedeutung des Erzählens für das künstlerische und wissenschaftliche Schreiben.
Die Zusammenarbeit mit Harald Kimmig
Harald Kimmig, Annette Pehnt und Ephraim Wegner gingen in einer künstlerischen Performance der Frage nach, wie das Gehirn klingt und erzählt. Die Bühne wurde zum kollektiven Gehirn, in dem sich Klänge mit Worten vernetzten und flüchtige Texte entstanden, die in der musikalischen Improvisation aufgenommen und anverwandelt wurden. Im Kontakt zwischen den Künstlern bildete sich die Komplexität eines interagierenden Netzwerkes ab.
Workshop zu Kreativität in Wissenschaft und Kunst
In einem Workshop in der Galerie des Literaturbüro Freiburg stellten Annette Pehnt und Harald Kimmig ihre Arbeitsweise vor und diskutierten gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Rotter, Prof. Dr. Ulrike Wallrabe, Prof. Dr. Oliver Müller sowie weiteren Gästen über wissenschaftliche und künstlerische Forschungsmethoden bezogen auf den Begriff der Kreativität.
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Die Verbindung von Lyrik und Neuropsychologie
Die Lyrik spiegelt den menschlichen Geist wider, indem sie Zusammenhänge konstruiert und der Welt Sinn verleiht. Daher liegt es nahe, die Parallelen zwischen Literatur und Neuropsychologie auszuloten. Das Buch "Gehirn und Gedicht" von Raoul Schrott und Arthur Jacobs unternimmt eine Reise durch die Tropen der Sprache und des Denkens, indem es lyrische Stilfiguren (Tropen) mit neuropsychologischen Hintergründen verbindet.
"Gehirn und Gedicht": Eine Fundgrube für Interessierte
Das Buch versammelt lyrische und wissenschaftliche Kleinoden und stellt neuropsychologische Hintergründe zu Themen wie Spiegelneurone, Gestaltwahrnehmung, Gefühlsausdruck, semantische Netze, kindlicher Spracherwerb, nonverbale Kommunikation, Humor und Musik vor. Es schlägt eine Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaft und eignet sich sowohl für Studierende als auch für an Psychologie und Hirnforschung Interessierte.
Kritik und Empfehlung
Obwohl das Buch manchmal einen nüchternen Ton anschlägt und den Leser nicht immer an die Hand nimmt, um ihn durch das Dickicht der Informationen zu leiten, ist es eine äußerst lohnende Lektüre für alle, die sich über die Poetik des Gehirns fundiert informieren möchten.
Die empirische Ästhetik und die Erforschung der Kunsterfahrung
Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt erforscht, was mit uns geschieht, wenn wir Kunst wahrnehmen. Die Grundlagenforscher verwenden High-Tech-Methoden wie Sonden, Elektroden und Hochleistungskameras, um Hirnströme, Hautleitwiderstand, Pupillenbewegungen und Puls zu messen.
Die Rolle von Winfried Menninghaus
Winfried Menninghaus, ein renommierter Literaturwissenschaftler, leitet die Abteilung für Sprache und Literatur am Max-Planck-Institut. Er erforscht mit naturwissenschaftlichen Methoden, was in uns vorgeht, wenn etwas in uns vorgeht, und schätzt dabei Genauigkeit und analytischen Zugriff.
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Ergebnisse der neuropsychologischen Wirkungsforschung
Die Ergebnisse der neuropsychologischen Wirkungsforschung sind handfest: Traurige Gefühle wirken intensiver als positive, unterliegen einem „geringeren Verschleiß“ und bleiben deswegen „stärker in der Erinnerung verankert“. Menninghaus und sein Team haben auch eine ästhetische Gefühlsskala entwickelt, die 42 Merkmale umfasst.
Experimente und Labore
Das Max-Planck-Institut verfügt über spezielle Labore für EEG-Studien, Eye-Tracking und ein „ArtLab“ mit Bühne für bis zu 40 Zuschauer. Im ArtLab werden die Reaktionen der Zuschauer während einer Musik- oder Theateraufführung mit Pulsmessgeräten, Sonden und Tablets vermessen.
Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die präzise Vermessung des Bewusstseins, wenn wir Kunst erleben, gibt uns ein ganzes Bild davon, was Kunst eigentlich ist und bedeutet. Literaturwissenschaftler können dies nur gemeinsam mit Psychologen und Neurowissenschaftlern herausfinden.
Die Poetik des Gehirns in Film und Autobiografie
Der Dokumentarfilm „Poetik des Gehirns“ von Nurith Aviv ist ein ungewöhnlicher Ansatz für eine filmische Autobiografie, der Biografie und Biologie, Körper und Emotionen, Gedanken und Erinnerungen verbindet.
Die Rolle der Kultur und individuellen Erfahrung
Studien haben gezeigt, dass das Rhythmusgefühl eines Neugeborenen hohe Flexibilität aufweist und sich erst im Laufe der Jahre an eine feste Taktstruktur gewöhnt. Diese Struktur ergibt sich aus der Summe der gängigen Musikstücke und wird im Gehirn verankert, sodass nur derjenigen Musik der Vorzug gegeben wird, die in gewohnten Taktarten wahrgenommen wird. Hier wird die Bedeutung der kulturellen Umwelt deutlich: Auf Basis des neurologischen Fundaments folgt das Gehirn der Kunst und nicht umgekehrt.
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Das Geheimnis des Gedichts
Die Neurologie entdeckt die Lyrik und bereichert die Poetik. Das Buch "Gehirn und Gedicht" versucht, die Ästhetik in unserer Wahrnehmung zu verorten und fördert dabei einige interessante Zusammenhänge zutage. Es ist eine Erklärung für etwas, das wir bereits alle kennen und unzählige Male erlebt haben. Die Poetik hat also schon immer intuitiv alles richtig gemacht und die Neurologie gibt ihr nun unwiderruflich Recht.
Die Grenzen der Neurowissenschaften und die Magie der Kunst
Obwohl die Wissenschaft die intimsten Geheimnisse des Menschen entzaubert, macht sie Leben, Liebe und Literatur umso zauberhafter. Weder Dichtung noch Menschen funktionieren wie Computer.
Weitere Perspektiven und Konzepte
Symbolische Formen und die menschliche Natur
Der Mensch ist nicht nur ein rationales Wesen, sondern auch ein "animal symbolicum", das symbolische Tätigkeiten ausübt und mit Symbolen arbeitet. Diese symbolischen Formen ermöglichen es uns, die Welt in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen.
Sprache als Phänomen der Zeit
Sprache ist ein Phänomen der Zeit, das unsere Wahrnehmung beeinflusst. Sie ist nicht völlig frei von den Funktionsweisen des Gehirns, aber ermöglicht es uns, unsere Wahrnehmung zu sondieren und die Welt neu zu fassen.
Die Bedeutung des Erzählens
Das Erzählen spielt eine wichtige Rolle sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Schreiben. Es ermöglicht uns, Klarheit zu gewinnen und unseren Raum neu zu organisieren.
Die Rolle des Unterbewussten
Viele Prozesse im Gehirn entziehen sich unserer Aufmerksamkeit. Dennoch beeinflussen sie unser Fühlen und Handeln.