Die Wahrnehmung von Zeit ist ein faszinierendes und komplexes Phänomen, das uns alle betrifft. Obwohl wir uns auf Uhren verlassen, um die Zeit objektiv zu messen, erlebt jeder Mensch die Zeit anders. Sie kann rasen, wenn wir Spaß haben, oder sich endlos ziehen, wenn wir uns langweilen. Aber warum ist das so? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir die Zeit unterschiedlich wahrnehmen? Dieser Artikel beleuchtet die neurowissenschaftlichen Grundlagen des Zeitempfindens und die wissenschaftlichen Studien, die dazu durchgeführt wurden.
Das subjektive Zeitempfinden: Mehr als nur eine Uhr
Unsere Uhren zählen die Zeit in klar definierten und unveränderlichen Schritten von Sekunde zu Sekunde und Minute zu Minute. Man könnte annehmen, dass unser Gehirn mit diesen Zeitmessern synchronisiert ist und zeitliche Abläufe in unserer Wahrnehmung ähnlich getaktet sind. Die meisten von uns dürften aus eigener Erfahrung wissen, dass sich Zeit nicht immer gleich lang anfühlt - je nachdem, wie wir sie verbringen.
Unser Gehirn misst Zeit nicht wie eine Uhr, sondern bewertet sie als Gesamteindruck und rekonstruiert sie anhand verschiedener Einflussfaktoren. Es registriert Veränderungen in unserer Umwelt und ordnet diese in eine logische zeitliche Abfolge ein. Eine tief stehende Sonne signalisiert uns beispielsweise, dass der Tag voranschreitet. Unser Zeitempfinden ist also ein mentales Konstrukt, das unser Gehirn aufgrund äußerer Informationen erschafft.
Der Anteriore Cinguläre Cortex (ACC) als Zähler im Gehirn
Ein Team um Ryan Wirt von der University of Nevada in Las Vegas (UNLV) hat anhand von Ratten untersucht, wie das Gehirn Zeit misst. Dabei fokussierten sich die Neurowissenschaftler auf eine spezielle Gehirnregion: den Anterioren Cingulären Cortex (ACC) in der vorderen Hirnrinde.
In dem Experiment reagierten die Ratten mit einer Nasenbewegung auf bestimmte Signale. Pro Testlauf folgten dabei jeweils 200 dieser Signale in verschiedenen Abständen aufeinander. Tatsächlich fanden Wirt und seine Kollegen veränderte Aktivitätsmuster im Gehirn der Ratten, je nachdem, ob sie sich am Anfang, in der Mitte oder am Ende der Aufgabe befanden. Wie lange sie insgesamt für die 200 Riecher brauchten, spielte hingegen keine Rolle und beeinflusste die Hirnaktivität nicht.
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„Die Dauer, die für die Erledigung der Aufgabe benötigt wurde, hatte keinen Einfluss auf die Gehirnmuster. Das Gehirn ist demnach keine Uhr, sondern wirkt wie ein Zähler“, erklärt Seniorautor James Hyman von der University of Nevada in Las Vegas (UNLV). Unser Zeitempfinden orientiert sich demnach an diesem relativen Zähler und misst die verstrichene Zeit in der Anzahl der Erlebnisse und Aktivitäten, wie das Team berichtet.
Langeweile vs. Aktivität: Wie Erlebnisse unser Zeitempfinden beeinflussen
„Wenn wir uns langweilen, vergeht die Zeit daher sehr langsam, weil wir nichts tun oder nichts passiert“, so Hyman. „Wenn hingegen viele Ereignisse passieren, bringt jede dieser Aktivitäten unser Gehirn zeitlich voran. Entgegen des Sprichwortes spielt es dabei aber keine Rolle, ob uns die Aktivitäten Spaß machen oder nicht. Wer unliebsame Aufgaben hinter sich bringen will, erledigt sie demnach besser möglichst schnell, um sein Zeitempfinden auszutricksen.
„Wenn du schnell von etwas wegkommen willst, lass dich sofort auf eine Aktivität ein“, empfiehlt Hyman. „Wenn wir uns hingegen gut an etwas erinnern und es detailliert erleben und verarbeiten wollen, sollten wir vielleicht langsamer werden und uns bewusst Zeit nehmen, bevor wir uns der nächsten Aktivität widmen“, so Hyman.
Der Anteriore Cinguläre Cortex misst übrigens nicht nur körperliche Aktivitäten, sondern auch mentale Erlebnisse wie Gesprächsverläufe beim Abendessen. Auch die Dauer eines Abendessens misst unser Gehirn demnach nicht in Minuten oder Stunden, sondern in Erlebnissen. Ein zähes Gespräch kommt uns daher währenddessen langsamer vor als eines mit vielen Themen.
Das Zeitgeber-Modell: Ein Orchester im Gehirn
Ein verbreitetes theoretisches Modell geht davon aus, dass wir im Gehirn einen Zeitgeber („pacemaker“) haben, der Impulse an einen Zähler („acumulator“) sendet, basierend auf unseren Eindrücken und der resultierenden neuronal Aktivität. Unser Zeitempfinden, so sagt das Modell, resultiert aus der Anzahl an gesendeten Impulsen bzw. wie viele Impulse sich pro Zeiteinheit im Zähler ansammeln.
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Wie fMRI Studien zeigten, sind Zeitgeber und Zähler jedoch keine bestimmten Regionen im Gehirn, sondern viele verschiedene Strukturen, die alle miteinander arbeiten und zeitgleich aktiv sind, darunter das Striatum, der rechte frontale und der partietale Kortex sowie das Kleinhirn. Man vermutet, dass der Zeitgeber umso mehr Impulse sendet, je mehr neue Eindrücke man erlebt und wie stark man körperlich angeregt ist. Diese Impulse sammeln sich im Zähler, sodass das Zeitintervall für uns subjektiv länger erscheint - die Zeit wird also gefühlt langsamer. Andersherum sorgen weniger, wiederholende, oder bereits bekannte Eindrücke zu verringerter Impulsausstoßung - die Zeit verläuft für uns schneller. Diese Kombination sei für unser unterschiedliches Zeitgefühl verantwortlich.
Warren Meck von der Duke University glaubt allerdings weiterhin an eine Art Zeitzentrale in unserem Gehirn, auch wenn sie kaum noch an eine Uhr erinnert, sondern eher an ein Orchester: Vor dem Konzert üben die Musiker noch und stimmen ihre Instrumente. Auf das Zeichen des Dirigenten hin synchronisieren sie ihr Spiel und folgen dem schwingenden Taktstock bis zum Schlussakkord. In unserem Gehirn ist das Dopamin der Taktstock, und die Musiker sind Nervenzellen des Kortex, von denen man weiß, dass sie auch ohne äußeren Anlass in regelmäßigen Abständen feuern, und zwar wild durcheinander. Sobald jedoch eine Region im Mittelhirn, die Substantia Nigra, Dopamin ausschüttet, feuern die Nervenzellen im Takt. Das Konzert im Kortex wird im tiefer liegenden Striatum belauscht. Dieses Areal des Großhirns rührt Signale aus verschiedenen Bereichen des Gehirns zu bewussten Empfindungen und Handlungen zusammen.
Aufmerksamkeit und Emotionen: Die Baumeister unserer Zeitwahrnehmung
Viele verschiedene Faktoren sind an der unterschiedlichen Zeitwahrnehmung beteiligt. Darunter fallen unser aktuelles Wohlbefinden, die Situation, in der wir uns befinden, und auch unsere Aufmerksamkeit! Je mehr Aufmerksamkeit wir uns einer Aufgabe widmen, desto mehr Pulse werden vom Zähler erfasst und desto langsamer kommt uns sie Zeit vor. Denkt nur an das Warten auf den Bus: Wenn wir ständig auf die Uhr schauen und jede Minute bewusst wahrnehmen, scheint die Zeit ewig zu dauern. Das liegt daran, dass unsere Aufmerksamkeit auf den Zeitverlauf selbst gerichtet ist, wodurch unser Gehirn viele Impulse ansammelt.
Doch nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch unser aktueller Gefühlszustand ist an Zeitwahrnehmung beteiligt: Bei Angst oder Aufregung dehnt sich die Zeit aus. Situationen kommen einem oft vor, als wäre man in Zeitlupe unterwegs, wie etwa bei lebensbedrohlichen Ereignissen, beispielsweise bei einem Autounfall. Wenn wir hingegen schöne Aktivitäten unternehmen und viel Spaß haben, scheint die Zeit nur so davonzurasen. Ein ganzer Tag im Achterbahnpark, eingekuschelt im Bett, während die neue Lieblingsserie läuft, oder beim lustigen Spieleabend mit Freunden - in solchen Momenten vergessen wir die Zeit und richten unsere Aufmerksamkeit ganz auf das Geschehen. Die positiven Emotionen sorgen dafür, dass wir die Zeit um uns herum eher vergessen, weil wir so investiert im Moment sind.
Prospektive vs. retrospektive Zeit: Der Blickwinkel macht den Unterschied
Auch die Perspektive, aus der wir eine Situation wahrnehmen, kann unser Zeitgefühl deutlich verändern. Der Unterschied zwischen dem Erleben von Zeit im Moment, und dem rückblickenden Erinnern an den Moment wird prospektiver und retrospektiver Zeitmodus genannt. Wenn man bei der Arbeit eine endlose Online-Konferenz verfolgt und immer wieder auf die Uhr blickt, erlebt man Zeit prospektiv - sie scheint kaum zu vergehen. Denkt man später an denselben Vormittag zurück, also retrospektiv, erscheint er erstaunlich kurz, weil kaum etwas wirklich im Gedächtnis geblieben ist.
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Dieses unterschiedliche Zeitempfinden hat mit unserer Erinnerung zu tun: Unser Gehirn erinnert nicht jedes Details eines jeden Tages, sondern nur die bedeutsamen Momente. Und je weniger man davon gesammelt hat, desto weniger erinnert man sich, und die Zeit erscheint einem rasend.
Die innere Uhr im Alter: Warum die Zeit schneller zu vergehen scheint
Mit zunehmendem Alter scheint die Zeit nur so zu rasen. Wichtige Erklärungsfaktoren dafür sind die im Laufe des Lebens zunehmenden Handlungsroutinen und damit einhergehend das Erfahren immer weniger Lebensereignisse, die man zum ersten Mal erlebt. Retrospektiv rekonstruieren wir die Dauer von Zeitspannen auf Basis erinnerter Ereignisse in einem vergangenen Zeitabschnitt. Je mehr unterschiedliche Ereignisse erinnert werden, desto länger wird ein Zeitabschnitt geschätzt. Zunehmende Routinen führen zu weniger intensiv und bewusst erlebten Ereignissen oder Handlungen. Damit werden in derselben Zeitspanne weniger unterschiedliche Ereignisse beziehungsweise Elemente einer Handlung erinnert und die Dauer wird als kürzer wahrgenommen. Daher stelle sich rückblickend der Eindruck ein, die Zeit müsse schneller vergangen sein, obwohl sich dies in der entsprechenden Situation nicht so anfühlen muss.
Die Rolle von Dopamin: Der Taktstock im Gehirn
Im Zusammenhang mit Emotionen verwundert es nicht, dass auch der Botenstoff Dopamin - der etwa in Glücksmomenten als Belohnung freigesetzt wird - das Zeitempfinden beeinflusst. Wie ein Team von Forschenden aus Israel in einem Experiment feststellte, dehnte eine angenehme Überraschung die erlebte Zeit bei den Versuchspersonen, während eine negative Überraschung sie verkürzte.
Warren Meck glaubt, dass in unserem Gehirn Dopamin wie ein Taktstock wirkt, der die Nervenzellen im Kortex synchronisiert. Springt die Fußgängerampel wieder auf Rot, versiegt das Dopamin, und das Konzert wird beendet. Meck glaubt, dass die Nervenzellen des Striatums die Takt- und Frequenzmuster im Kortex erlernen und ihnen dauerhaft ein Zeitintervall zuordnen.
Manipulation des Zeitempfindens: Psychotricks für den Alltag
Obwohl unser Zeitempfinden stark von unserer Hirnchemie bestimmt wird, können wir es bis zu einem gewissen Grad manipulieren. Koffein und Nikotin, aber auch psychische Stimulanzien wie Computerspiele oder spannende Kinofilme können den Lauf der Zeit beschleunigen, weil sie als Nebeneffekt die Erregbarkeit des Dopaminsystems steigern. Ein öder Nachmittag im Wartezimmer oder ein paar Stunden im Zug oder auf der Autobahn dagegen mindern die Erregbarkeit und ziehen die Minuten mehr oder weniger in die Länge.
Um das „Beste“ aus seiner Zeit rauszuholen, rät Isabell Winkler, seine Zeit achtsamer zu verbringen. „Wann immer es der Alltag zulässt, könnte man Routinen durchbrechen und sich positive, bleibende Erinnerungen schaffen“. Und was kann getan werden, wenn die Zeit in der Vorlesung mal wieder nicht vorbeigehen will? Winkler: „Aus hedonistischer Sicht könnte man die Zeit in langweiligen Vorlesungen beschleunigen, indem man sich ablenkt. Sinnvoller ist es jedoch, aktiv mitzuarbeiten. Also Fragen stellen oder mitschreiben.