Eine Beziehung mit einem Narzissten kann eine Achterbahnfahrt der Gefühle sein, die oft in emotionalem Missbrauch und tiefem Leid endet. Viele Betroffene erkennen sich in Sarahs Geschichte wieder, die von ihrem Partner wenig Unterstützung erfuhr und schließlich die Beziehung beendete. Doch was genau macht eine solche Beziehung aus, und warum ist es so schwer, sich daraus zu befreien?
Was ist Narzissmus?
Narzissmus ist nicht grundsätzlich negativ. Ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl und Stolz auf die eigenen Leistungen ist normal und wichtig. Problematisch wird es erst, wenn Narzissmus krankhafte Züge annimmt. Bärbel Wardetzki, Psychotherapeutin und Autorin, betont, dass der Übergang von positivem zu krankhaftem Narzissmus fließend ist. Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl können Selbstzweifel überwinden und sich selbst unterstützen. Krankhafter Narzissmus hingegen speist sich aus einem tief gestörten Selbstwertgefühl.
Die Wurzeln des Narzissmus
Die Ursachen für Narzissmus liegen oft in der Kindheit. Wardetzki spricht von "emotional verwahrlosten Kindern", die entweder überhöht und verwöhnt oder permanent entwertet werden. In beiden Fällen entwickeln die Kinder kein gesundes Selbstwertgefühl, da sie sich nicht gesehen und angemessen gespiegelt fühlen.
Zwei Gesichter des Narzissmus
Es gibt zwei Haupttypen von Narzissten:
- Offene Narzissten: Sie wirken charmant, kreativ, intelligent und charismatisch. Sie können andere mitreißen und von ihren Ideen begeistern.
- Verdeckte Narzissten: Sie präsentieren sich als sensibel, aufopfernd und bemitleidenswert. Sie sehen sich als Opfer und verkanntes Genie.
Beide Typen haben jedoch einen brüchigen Selbstwert gemeinsam, den sie durch das Streben nach Bewunderung oder Mitleid kompensieren.
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Die Dynamik einer narzisstischen Beziehung
Die Idealisierungsphase (Love Bombing)
Am Anfang einer Beziehung mit einem Narzissten steht oft das sogenannte "Love Bombing". Der Partner wird mit Aufmerksamkeit, Komplimenten, Liebesbekundungen und Geschenken überschüttet. Es wird von "Seelenverwandtschaft" und "Schicksal" gesprochen, und es werden Zukunftspläne geschmiedet (Future Faking). Ziel ist es, den Partner emotional abhängig zu machen und von seinem Umfeld zu isolieren.
Red Flags in der Kennenlernphase
Narzissmus-Expertin Julia Marie Schmoll hat einige Warnzeichen in der Kennenlernphase identifiziert:
- Offene Narzissten: Abwertendes Verhalten gegenüber Servicepersonal, Betonung der eigenen Attraktivität und Begehrtheit, ausschweifende Erzählungen über sich selbst, Inszenierung, Affektiertheit, schnelle Verärgerung bei Grenzüberschreitungen.
- Verdeckte Narzissten: Sprechen von grandiosen Visionen, die niemand versteht, sehen sich als Opfer, lenken Gespräche auf sich selbst, suchen Rettung und Unterstützung, werden schnell fordernd und passiv-aggressiv bei Nichterfüllung der Erwartungen.
Die Abwertungsphase
Nach der anfänglichen Idealisierung folgt die Abwertung. Plötzlich ist nichts mehr gut genug. Erfolge werden kleingeredet, Meinungen belächelt, Gefühle ignoriert. Es kommt zu Witzen auf Kosten des Partners, Unterbrechungen oder dem sogenannten "Silent Treatment". Stattdessen fallen Sprüche wie: "Sei nicht so empfindlich" oder "Du bist auch nicht mehr die, die du mal warst".
Gaslighting
Eine besonders perfide Taktik ist das "Gaslighting". Dabei wird die Realität des Partners systematisch verzerrt, indem Tatsachen verdreht, geleugnet oder in Frage gestellt werden. Beispiele hierfür sind Sätze wie: "Das habe ich nie gesagt", "Das bildest du dir nur ein" oder "Du bist viel zu sensibel".
Scheinkompromisse und Schuldumkehr
Narzissten übernehmen keine Verantwortung für ihr Handeln. Selbst bei eindeutigen Fehlverhalten gibt es keine aufrichtige Entschuldigung. Stattdessen werden Scheinkompromisse eingegangen, die in der Umsetzung die Bedürfnisse des Partners ignorieren. Ein weiteres Muster ist die Schuldumkehr, bei der der Narzisst sich als Opfer inszeniert und dem Partner die Schuld für sein eigenes Verhalten gibt.
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Co-Narzissmus: Warum bleiben wir?
Ein Grund, warum Menschen jahrelang in toxischen Beziehungen bleiben, kann die eigene psychische Struktur sein. Sogenannte "Co-Narzissten" oder "Komplementärnarzissten" bilden den perfekten Gegenpart zum Narzissten. Sie haben ebenfalls einen geringen Selbstwert, kompensieren dies aber durch Aufopferung und Hingabe. Sie suchen Bestätigung durch das Helfen und Retten anderer bis zur Selbstaufgabe. Diese Dynamik passt perfekt zusammen: Der Narzisst wertet ab, der Co-Narzisst sucht die Schuld bei sich und klammert sich an die Hoffnung auf Besserung.
Die Auswirkungen auf das Gehirn
Narzisstischer Missbrauch ist gleichzusetzen mit kontinuierlichem Stress, der tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn hat. Studien zeigen, dass sowohl der Hippocampus als auch die Amygdala, die maßgeblich an emotionalen Prozessen und der Stressregulation beteiligt sind, negativ beeinflusst werden.
- Hippocampus: Durch die Ausschüttung von Cortisol (Stresshormon) reduziert sich das Volumen des Hippocampus, was zu Gedächtnisstörungen, Vergesslichkeit und einer verlangsamten Verarbeitung von Informationen führen kann. Dies kann auch zu Abuse Amnesia (Amnesie in Folge von Missbrauch), Dissoziation und Brain Fog führen.
- Amygdala: Die Amygdala, der Speicher unserer Emotionen und Traumata, vergrößert sich und versetzt den Betroffenen in eine konstante Alarmbereitschaft (Hyperarousal). Sie erkennt nicht mehr, ob eine Gefahr in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft liegt, was zu Flashbacks führen kann.
Weitere Auswirkungen des Missbrauchs auf das Gehirn:
- Frontallappen: Schädigung des Frontallappens führt zu einer Reduzierung der Größe und Beeinträchtigung der Funktionen, wie Konzentrationsfähigkeit, Problemlösungs- und Entscheidungsfindung.
- Temporallappen: Schädigung des Temporallappens erschwert die Emotionsverarbeitung und das verbale Gedächtnis. Betroffene können sich schlechter an Gespräche erinnern und Inhalte verbalisieren.
- Insula: Erhöhte Aktivität in der Insula, die für emotionale Empathie zuständig ist, führt dazu, dass Betroffene Verständnis und Empathie für den Täter empfinden, obwohl sie kognitiv wissen, dass es keine Entschuldigung für die Taten gibt.
- ACC (Anteriorer cingulärer Cortex): Eine schwächere Aktivität im ACC wird mit einer stärkeren Zurückgezogenheit, Schwierigkeiten bei der Unterdrückung negativer Gedanken und einer Veränderung der Emotionsregulation in Verbindung gebracht.
Die Trennung von einem Narzissten
Warum es so schwer ist
Die Trennung von einem Narzissten ist oft schwerer als in anderen Beziehungen. Dies liegt an mehreren Faktoren:
- Love Bombing: Die intensive Anfangsphase hat eine starke Bindung geschaffen, die es schwer macht, loszulassen.
- Hoovering: Der Narzisst versucht, den Partner zurückzugewinnen, oft nach langer Zeit und mit neuen Versprechungen (Love Bombing 2.0, Future Faking).
- Verwirrung und Manipulation: Die ständige Manipulation lässt den Partner an sich und seiner Entscheidung zweifeln.
- Hormonelle Abhängigkeit: Die emotionalen Höhen und Tiefen können eine biochemische Bindung im Gehirn verursachen, ähnlich einer Sucht.
- Ungeklärte Fragen: Narzissten neigen dazu, Konflikte offen zu lassen und Partner in einer Warteschleife zu halten.
Mögliche Reaktionen des Narzissten
Nach der Trennung können Narzissten unterschiedlich reagieren:
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- Ignorieren und Abwertung: Der Narzisst versucht, den Ex-Partner zu ignorieren oder abzuwerten, um seine eigene Überlegenheit zu demonstrieren.
- Love Bombing 2.0: Der Narzisst versucht, den Ex-Partner mit erneuten Liebesbekundungen und Versprechungen zurückzugewinnen.
- Schuldzuweisungen und Drohungen: Der Narzisst gibt dem Ex-Partner die Schuld für das Scheitern der Beziehung und droht mit Konsequenzen.
- Stalking: In extremen Fällen kann es zu Stalking und Belästigungen kommen.
Was man für sich tun kann
Die Trennung sollte als Gelegenheit genutzt werden, die eigenen Beziehungsmuster zu reflektieren und den eigenen Wert zu erkennen. Es ist wichtig, in gesunde Beziehungen zu investieren, klare Grenzen zu setzen und sich professionelle Hilfe zu suchen.
Der Weg zur Heilung
Der Weg aus einer narzisstischen Beziehung ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Es ist wichtig, sich selbst zu vergeben, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu lernen, sich selbst zu lieben. Eine Therapie kann helfen, die erlittenen Traumata zu verarbeiten und neue Beziehungsmuster zu entwickeln.