Die Frage, wie sich die Nutzung von Bildschirmen auf unser Gehirn auswirkt, ist in unserer zunehmend digitalisierten Welt von großer Bedeutung. Zahlreiche Studien und Expertenmeinungen geben Aufschluss darüber, wie sich Bildschirmzeit auf verschiedene Altersgruppen auswirkt, welche potenziellen Risiken bestehen und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien aussehen kann.
Entwicklungsstadien des Gehirns und Bildschirmzeit
Britische Forscher haben fünf Entwicklungsstadien des menschlichen Gehirns festgestellt, in denen sich das Gehirn im Laufe eines Lebens umfassend neu verschaltet. Diese Neuverschaltungen finden im Durchschnitt im Alter von etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren statt. Die Neuvernetzung geht jeweils mit verschiedenen Denkweisen im Zuge von Wachstum, Reifung und Alterung einher.
- Erste Phase (Geburt bis ca. 9 Jahre): In dieser Phase werden übermäßig produzierte Synapsen reduziert, wobei aktiver genutzte Verbindungen zwischen den Neuronen erhalten bleiben.
- Zweite Phase (ca. 9 bis 32 Jahre): Das Gehirn befindet sich auf einem "Höhenflug", wobei die Organisation der Kommunikationsnetzwerke verfeinert wird. Dies führt zu schneller Kommunikation im gesamten Gehirn und verbesserter kognitiver Leistungsfähigkeit.
- Dritte Phase (ca. 32 Jahre): Die maximale Leistungsfähigkeit des Gehirns ist erreicht, und es kommt zu den größten Veränderungen in der Verdrahtung und der größten Gesamtverschiebung in der Entwicklung.
- Vierte Phase (ca. 66 Jahre): Eine allmähliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke erreicht ihren Höhepunkt.
- Fünfte Phase (ca. 83 Jahre): Das Gehirn tritt in die Phase des späten Alterns ein, und die Vernetzung nimmt weiter ab.
Diese Phasen liefern wichtige Hinweise darauf, wozu das Gehirn in verschiedenen Lebensabschnitten am besten geeignet ist oder wann es am anfälligsten ist.
Auswirkungen von Social Media auf das Gehirn
Der Einfluss von Social Media auf das Gehirn ist ein viel diskutiertes Thema. Eine Studie untersuchte den Einfluss von Social Media auf das Gehirn von Kindern und Jugendlichen über einen längeren Zeitraum. Hirnscans zeigten erst mal keine Auffälligkeiten bei den Kindern und Jugendlichen. Auf den ersten Blick machte es keinen Unterschied, ob sie viel auf den Apps unterwegs waren oder wenig. Beim genauen Hinsehen aber schon. "Wenn man Kinder oder Jugendliche in einen Gehirnscan legt und soziale Medien simuliert, dann weisen Kinder, die sehr viel vor sozialen Medien verbringen, tatsächlich andere Gehirnaktivitäten- und strukturen auf, vor allen Dingen im sogenannten limbischen System", erklärt Lars Kellert. Dieser Bereich im Gehirn ist unter anderem für das Verarbeiten von Gefühlen wie Angst und Freude zuständig, das Erkennen von Gefahr und auch Sexualität. Einige psychische Erkrankungen haben ihren Ursprung in einer Störung des limbischen Systems.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Auswirkungen von Social Media nicht pauschal als gut oder schlecht eingestuft werden können. Es kommt auch auf einen Ausgleich an. Wenn wir eine gewisse Zeit auf den Apps verbringen und gleichzeitig alltäglichen Aufgaben nachgehen, Hobbys haben und im realen Leben Freund*innen treffen, sollten wir uns über eine Stunde am Smartphone nicht so große Sorgen machen.
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Strategien für einen bewussten Umgang mit Social Media
Um weniger Lust auf endloses Scrollen zu haben, gibt es Strategien, die helfen können:
- Graumodus aktivieren: Inhalte werden in Schwarz-Weiß-Tönen angezeigt, was sie weniger interessant machen soll.
- Pushnachrichten und Lesebestätigungen ausstellen: Wirkt FOMO entgegen und nimmt den Druck, zu reagieren.
- Armbanduhr und Wecker nutzen: Funktionen, die auch ohne Handy möglich sind, wieder in den Alltag integrieren.
Bildschirmzeit bei Kindern und ihre Folgen
Forschende aus Singapur haben in einer Langzeitstudie untersucht, wie sich die Nutzung von Fernsehen oder Smartphones auf Kleinkinder auswirkt. Die Ergebnisse zeigten, dass viel Bildschirmzeit die Hirnströme verändern kann. So gebe es mehr langsamere Wellen, die laut der Forschenden für eine schlechtere Aufmerksamkeitskontrolle oder eben Konzentrationsfähigkeit verantwortlich sein können. Die Kinder können dann Aufgaben weniger gut priorisieren, sich nicht so gut oder lange fokussieren, schweifen leichter ab oder verlieren schneller das Interesse an mehrstufigen Aufgaben, erklärt Henning Beck. "Das setzt sich dann bis ins spätere Leben fort, also bis zum Alter von neun Jahren", so der Neurowissenschaftler.
Es ist wichtig, dass Kinder lernen, ihre "exekutiven Funktionen zu trainieren". Das sind Funktionen, die dafür sorgen, dass eintreffende Informationen genutzt werden, um eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Funktionen seien wichtig, um eigene Handlungsziele zu entwickeln und umzusetzen.
Empfehlungen für die Bildschirmzeit von Kindern
Experten empfehlen, die Bildschirmzeit für Kinder je nach Alter zu begrenzen:
- Unter 3 Jahren: Möglichst gar keine Zeit vor Bildschirmen.
- 3 bis 6 Jahre: Maximal 30 Minuten pro Tag.
- 6 bis 9 Jahre: Höchstens 45 Minuten täglich.
Bei ihren ersten Erfahrungen mit Bildschirmmedien sollten Kinder Regeln wie eine klare zeitliche Begrenzung lernen - und von den Eltern begleitet werden, die bestenfalls selbst nicht ständig auf ihr Handy schauen.
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Videokonferenzen und Kreativität
Eine Studie hat gezeigt, dass in Videocalls weniger kreative Ideen entstehen. Der Grund dafür könnte sein, dass wir uns bei Videokonferenzen sehr stark auf unsere Gesprächspartner fokussieren, was die Fähigkeit, die Gedanken schweifen zu lassen, einschränkt. Um die Kreativität bei Online-Brainstormings zu fördern, kann es helfen, den Blick absichtlich öfter mal schweifen zu lassen oder die Kamera auszuschalten.
Videospiele und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Computerspiele sind so entworfen und designt, dass sie uns gefallen, dass wir sie als beglückend, als belohnend empfinden. Wenn wir ein Gehirn im Ruhezustand beobachten, sehen wir, sobald jemand zockt, wie die neuronalen Netze, die für Verstärkung und Belohnung zuständig sind, aktiviert werden. Das passiert bei Gesellschaftsspielen auch, allerdings lange nicht so stark. Denn hinter den Computerspielen steckt eine mächtige Industrie, die dieses Belohnungsprinzip in den letzten Jahren perfektioniert hat. Studien zeigen, dass dreidimensionale Games, in denen sich die Spieler in einem Raum orientieren müssen, das Wachstum des Hippocampus stimulieren, also jenen Bereich, der mit für das Gedächtnis verantwortlich ist. Auch der sogenannte dorsolaterale präfrontale Kortex, ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde, ändert seine Struktur: Das ist der rationalste Teil unseres Gehirns.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass sich die Struktur des Belohnungszentrums und damit das Suchtverhalten ändern kann - und zwar in der gleichen Weise, wie das bei Kokainabhängigen passiert.
Die Bedeutung der realen Welt
Wenn wir uns immer mehr in digitalen Welten bewegen, kann das zur Gefahr werden. Viele der neuronalen Netze, die wir als Wissenschaftler erforschen, viele unserer kognitiven Funktionen, versteht man nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der Menschheit. Unsere Gehirnstruktur ist Ergebnis der Lebensbedingungen unserer tierischen Vorfahren und hat sich in hunderttausenden Jahren in Reaktion auf die Umwelt entwickelt.
Bildschirmzeit und Suchtverhalten
Zu viel Bildschirmzeit könne suchtähnliche Zustände vergleichbar mit Nikotin- oder Alkoholkonsum hervorrufen, sagte der Experte der Universität Braunschweig im Deutschlandfunk. Die intensive Handy- und Computernutzung könne Kinder und Jugendliche einsamer machen und schade der Entwicklung des Gehirns. Darüber hinaus seien Kinder leichter abgelenkt, wenn digitale Endgeräte vorhanden seien.
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Die Debatte um die Schädlichkeit von Medienkonsum
Die Geschichte zeigt: Jedes neue Medium weckt bei Menschen Ängste und ruft Skepsis hervor. So war es bei der Einführung von Büchern, beim Aufkommen des Radios, des Fernsehens und des Internets. Heute machen viele Eltern sich Sorgen, dass zu viel Zeit beim Computerspielen oder auf Social Media einsam oder depressiv machen kann.
Viele Studien, hauptsächlich Querschnittsanalysen, zeigen Korrelationen, aber keine Kausalitäten. Es ist unklar, ob Teenager sich schlecht fühlen, weil sie viel Zeit in sozialen Medien verbringen, oder ob sie diese nutzen, weil es ihnen nicht gut geht. Eine andere Ursache könnte ebenfalls beide Aspekte beeinflussen. Der genaue Zusammenhang bleibt unklar. Trotzdem wird in der Forschung heftig debattiert.
Die Auswirkungen des digitalen Lesens
Wer den ganzen Tag digitale Texthäppchen konsumiert, verliert unter Umständen die Fähigkeit, beim Lesen in eine Geschichte einzutauchen. Wenn immer mehr Texte digital gelesen werden, hat das Auswirkungen auf unsere gesamte Lesefähigkeit: von der Konzentration bis zum Textverständnis.
Forschende haben herausgefunden, dass der Bildschirm beim Lesen von Informationstexten dem Buch unterlegen ist. Die Leser verstehen Sachtexte besser, wenn es keine Links, keine Multimedia-Inhalte, keine Animationen gibt, sondern nur den gedruckten Text. Am Bildschirm neigen Leserinnen und Leser dazu, oberflächlicher und schneller zu lesen und die Texte zu überfliegen, anstatt fortlaufend Zeile für Zeile zu lesen.
Strategien für ein besseres digitales Lesen
- Empirische Studien mit E-Readern machen, die keinen Internetzugang haben, sondern wirklich nur zum Lesen dienen.
- Sich die Ruhe zum Lesen nehmen.
- Die äußeren Umstände berücksichtigen: Unruhe und Stress wirken sich negativ auf den Lese-Flow aus.
Die Rolle von Büchern in einer digitalen Welt
Bücher riechen, sie haben Flecke, Eselsohren. Für den Blogger Johannes Klaus bedeutet das: sie leben. Viele Geschichten gewinnen ungemein, wenn sie gedruckt sind, findet der Verleger. Deswegen begann er vor vier Jahren, die Geschichten aus seinem Reiseblog als Buch herauszubringen.
Die Digitalisierung in Schulen
Der Nutzen von Tablets in der Schule ist umstritten: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder mit Büchern besser lesen lernen als am Bildschirm. Schwedens Schulen, jahrelang Vorreiter im Einsatz von digitalen Medien, kehren zurück zum Buch. In Deutschland wollen Wissenschaftler die Digitalisierung in Schulen gleich ganz stoppen.
Zentrale Erkenntnisse sind: Digitale Geräten führen häufig dazu, dass die Nutzenden abgelenkt sind. Texte werden von Schülern und Studierenden besser verstanden, wenn sie nicht am Bildschirm gelesen oder geschrieben werden. Viele Kinder können sich ihr Wissen über Onlinerecherchen nicht selbst aneignen, da sie kognitiv dazu noch nicht fähig sind.
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