Einführung
Unser Gehirn ist ein komplexes und faszinierendes Organ, das uns in vielerlei Hinsicht steuert. Über 90 Prozent von allem, was wir täglich machen, erledigt unser Gehirn quasi unbewusst. Die Dokumentation „Das automatische Gehirn“ wirft einen Blick auf diesen „inneren Autopiloten“ am Beispiel von Martha und Jake: zwei Menschen, die sich zufällig über den Weg laufen und - wie wir alle - von unbewussten Mustern im Kopf gesteuert werden. Diese unbewussten Muster beeinflussen Entscheidungen, vom Zähneputzen am Morgen über die Partnerwahl bis hin zum Autofahren.
Der unbewusste Autopilot im Alltag
Viele unserer täglichen Handlungen laufen unbewusst ab. Das Gehirn arbeitet wie ein Autopilot und spart dadurch Energie. Das zeigt sich auch bei der Ernährung: Essen wir Lebensmittel mit sehr viel Zucker und Fett, gewöhnt sich unser Gehirn daran und verlangt nach mehr. Wissenschaftler fanden heraus, dass Bereiche im Gehirn an Signale des Magens gekoppelt sind, die vermutlich das menschliche Hunger- und Sättigungsgefühl beeinflussen. Die Effekte von Zucker und Fett auf das Gehirn sind sogar auf MRT-Bildern zu sehen.
Verliebtsein als Stresssituation für das Gehirn
Sogar das Verliebtsein, eine der intensivsten menschlichen Erfahrungen, bedeutet für unser Gehirn regelrecht Stress. Es ist erstaunlich, wie wenig Einfluss der Verstand aber auch in anderen Situationen auf unsere Entscheidungen hat. Neurowissenschaftler John Bargh von der Universität Yale stellt fest, dass die Stühle, auf denen wir sitzen, unbewusst unseren Verhandlungsstil bestimmen. Und in Berlin weist John Dylan Haynes nach, dass unser Gehirn bis zu sieben Sekunden vor uns Entscheidungen fällt.
Neuroplastizität: Die ständige Veränderung des Gehirns
Unser Gehirn ist nicht statisch, sondern verändert sich ständig. Die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu strukturieren, begleitet uns ein Leben lang. Was passiert aber im Gehirn, wenn wir lernen? Das Gehirn ist ein komplexes Organ und die Schaltzentrale für unser Gedächtnis. 100 Milliarden Nervenzellen kommunizieren miteinander. Beim Lernen setzt man neue Reize. Das neuronale Netz verändert sich, es bilden sich neue Verbindungen unter den Nervenzellen, es wird dichter und größer.
Ein Beispiel für diese Neuroplastizität ist das Erlernen eines Musikinstruments. Geige erlernen ist eine Herausforderung für das Gehirn. Nicolas Schuck, Psychologe und Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, erforscht mit seinem Team, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Gerade beim Geigelernen über Wochen und Monate hinweg, wird die Struktur des Gehirns verändert. Bestimmte Verbindungen zwischen den Nervenzellen und Hirnarealen werden aktiver, besonders diejenigen, die für das Geigespielen notwendig sind. Diese Prozesse werden als Neuroplastizität bezeichnet. "Wir verstehen vor allen Dingen darunter die wechselseitige Beziehung von Struktur und Funktion. Also, wie ändert sich das Gehirn, wenn ich es benutze und wie verändert das veränderte Gehirn wiederum mein Handeln?
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Die Fähigkeit des Gehirns, sich immer wieder neu zu strukturieren, hilft aber auch, dass wir uns in unbekannten Umgebungen orientieren können und mit neuen Situationen zurechtkommen. Diese Anpassungsleistung hilft uns Menschen bei komplexen Zusammenhängen den Durchblick zu bewahren. Wir können schnell reagieren, abwägen, was neu und wichtig ist und mit bereits gespeicherten Informationen verbinden.
Neurogenese: Die Neubildung von Nervenzellen
Wenn Nervenzellen sich neu bilden, dann sprechen Forscher von einer Neurogenese. Diese Neubildung der Nervenzellen findet hauptsächlich im Hippocampus statt. Dieser Bereich im Gehirn ist für das Gedächtnis und Lernen zuständig. Ein Hirnareal, das aber auch zur räumlichen Orientierung notwendig ist. Bis ins hohe Alter können sich im Hippocampus Nervenzellen erneuern. Das ist für Menschen von Bedeutung, die aufgrund eines Schlaganfalls viele Dinge neu lernen müssen.
Routinen und Gewohnheiten
Das Gehirn spielt auch bei Routinen eine Rolle. "Sind wir einmal an eine Verhaltensweise gewöhnt, schalten wir gewissermaßen auf Autopilot", sagt Lars Schwabe, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg. Das menschliche Gehirn spare damit Arbeit. Zu der Frage, wie lange es dauert, neue, gesunde Gewohnheiten aufzunehmen, gibt es unterschiedliche Positionen: Die Dauer variiert je nach Studie und Routine zwischen 18 und 245 Tagen.
Blick ins Gehirn: Moderne Verfahren
Mit Hilfe der Neurowissenschaften können die Fähigkeiten unseres Gehirns immer genauer erklärt werden. Ein Blick ins Gehirn ist mit bildgebenden Verfahren, wie der Magnetresonanztomographie (MRT) möglich. Damit kann man Veränderungen von Hirnarealen untersuchen und das neuronale Netz in seiner Dichte erfassen. Es bietet Möglichkeiten immer besser zu verstehen, wie unser Gehirn tatsächlich lernt. Aber die neuronalen Aktivitäten im Detail zu erkennen, dafür reicht das MRT-Verfahren nicht aus.
Multitasking: Mythos oder Realität?
Ständig mehrere Dinge parallel zu tun - das erscheint uns heute völlig normal: Auto fahren, telefonieren, arbeiten, in den sozialen Medien unterwegs sein, lernen, Musik hören, Homeoffice und Homeschooling. In vielen Firmen wird die Fähigkeit zum Multitasking immer noch als wichtiges Eignungskriterium verstanden. Aber kann der Mensch überhaupt mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen? Danach fragt die Dokumentation ʺMultitasking - Wie viel geht gleichzeitig?ʺ
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Das Gehirn und Kaufentscheidungen
Unser Gehirn täuscht uns ständig: Beispielsweise empfinden wir Menschen freundlicher, wenn wir einen warmen Becher in der Hand halten. Werden uns Orangen in orangefarbenen Netzen präsentiert, wirken sie saftiger und reifer. Pro Sekunde prasseln Tausende Eindrücke auf uns ein. Unser Gehirn leistet dabei Erstaunliches: Es erkennt blitzschnell Muster und trifft Entscheidungen. Unser Körperbild ist genauso formbar: Ein einfacher Trick genügt, damit wir eine künstliche Hand als echten Teil unseres Körpers empfinden und dabei starke Emotionen erleben. "Quarks" erklärt, wie unser Denken wirklich funktioniert und wie wir es austricksen können.
Prof. Dr. Biologin Jasmina Neudecker hat genug von Sachen, die sie eigentlich nicht braucht und will es jetzt endlich wissen: Ist die Werbung Schuld an unserer Misere? Wie (un)bewusst sind unsere Kaufentscheidungen wirklich? Sie begibt sich auf ihrer Spurensuche hinter die Kulissen der Werbe-Industrie, erfährt die neuesten Neuromarketing-Tricks und lässt sich in ihren eigenen Kopf schauen. Im Shopping-Feed oder im Laden haben wir das Gefühl, dass wir das Teil unbedingt kaufen müssen - weil wir es vermeintlich brauchen oder weil es einfach schön ist. Nur um im Nachhinein festzustellen, dass es mitnichten so ist. Warum ist das so - was passiert da in unserem Gehirn?
Der lange Weg zur Erkenntnis: Hirnforschung
Vieles, was im Gehirn passiert, ist immer noch rätselhaft. Erst das sprunghafte Wachstums des Gehirns, das vor etwa zwei Millionen Jahren begann, ermöglichte dem Homo sapiens den Aufstieg zum Beherrscher der Erde. Was war die Ursache für dieses rasante Anwachsen der Großhirnrinde? Im Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden scheint nun die Antwort gefunden. Das Wissenschaftlerteam fand auch heraus, dass der Mensch seine enormen kognitiven Fähigkeiten offenbar einem Zufall verdankt. Der Film ʺZufall Mensch? Der kleine Schritt zum großen Gehirnʺ stellt die Forschungsergebnisse vor.
Geist, Gehirn und Gefühle: Eine komplexe Einheit
Wie funktioniert das menschliche Gehirn? Wer ist schlauer - Mensch oder künstliche Intelligenz? Und was schärft die Wahrnehmung? Über Fragen wie diese diskutiert Andrea Lauterbach im ʺalpha-thema Gespräch: Geist - Gehirn - Gefühleʺ mit ihren Gästen: Dr. Henning Beck ist Neurowissenschaftler, Deutscher Meister im Science Slam und Buchautor. In seinem jüngsten Buch ʺDas neue Lernen - heißt Verstehenʺ erklärt er, was für besseres Lernen wichtig ist. Prof. Dr. Claus-Christian Carbon, Professor für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, beschäftigt sich u. a. damit, wie das Tragen von Mund-Nase-Masken die Wahrnehmung der Emotionen des Gegenübers verändert. Außerdem erforscht er das Phänomen ASMR, ein kribbelndes, als entspannend empfundenes Gefühl auf der Haut.
Fazit
Unser Gehirn ist ein unglaublich komplexes und dynamisches Organ, das uns in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Von unbewussten Routinen bis hin zu emotionalen Entscheidungen - unser Gehirn arbeitet ständig im Hintergrund. Dank moderner neurowissenschaftlicher Forschung können wir immer besser verstehen, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir es optimal nutzen können. Die Dokumentation „Das automatische Gehirn“ und ähnliche Formate bieten einen spannenden Einblick in die faszinierende Welt der Hirnforschung.
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