Das Durchgangssyndrom, heute eher als Delirium bezeichnet, ist ein Zustand akuter Verwirrtheit, der bei Patienten mit Epilepsie auftreten kann. Es ist wichtig, dieses Syndrom zu erkennen und zu behandeln, da es die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann.
Neurologische Erkrankungen und ihre Auswirkungen
Neurologische Erkrankungen umfassen eine Vielzahl von Zuständen, die das Rückenmark, die Sinnesorgane, das Gehirn, die Nervenwurzeln und die peripheren Nerven betreffen. Auch Erkrankungen der Hirnhäute sowie des Hormon- und Immunsystems fallen in diese Kategorie. Es ist wichtig zu betonen, dass neurologische Erkrankungen bei älteren Menschen nicht automatisch eine psychiatrische Einweisung erfordern. Vielmehr sollte die Pflegekraft dem Betroffenen das Gefühl geben, trotz seiner Einschränkungen ernst genommen zu werden, um Schamgefühle gegenüber Ärzten, Freunden und Familie abzubauen.
Einige Beispiele für neurologische Erkrankungen sind:
- Durchblutungsstörungen im Gehirn
- Entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS)
- Neuroimmunologische Erkrankungen des ZNS
- Degenerative Erkrankungen (z. B. Alzheimer, Demenz)
- Nervenkompression
- Sehstörungen
- Atypischer Gesichtsschmerz
- Epilepsie
- Speicherkrankheiten
- Schwindel
Epilepsie und das Durchgangssyndrom
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine plötzliche, unkontrollierte Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Diese Entladungen können verschiedene Symptome verursachen, darunter Bewusstseinsverlust, Krämpfe und Verhaltensänderungen.
Das Durchgangssyndrom, oder Delirium, kann als Komplikation bei Epilepsie auftreten. Es handelt sich um einen Zustand akuter Verwirrtheit, der sich durch Desorientiertheit, Halluzinationen, Wahnvorstellungen und ein gestörtes Bewusstsein auszeichnet. Das Delirium kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter:
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- Epileptische Anfälle: Häufige oder schwere Anfälle können das Gehirn belasten und ein Delirium auslösen.
- Antiepileptische Medikamente: Einige Medikamente zur Behandlung von Epilepsie können als Nebenwirkung ein Delirium verursachen.
- Andere medizinische Bedingungen: Infektionen, Stoffwechselstörungen und Dehydration können ebenfalls ein Delirium auslösen.
- Narkose: Ein Zustand der Verwirrtheit, ein sogenanntes Delirium, tritt immer wieder nach einer Operation mit Narkose auf.
Ursachen des Durchgangssyndroms
Die genauen Ursachen des Durchgangssyndroms sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können, darunter:
- Neurotransmitter-Ungleichgewicht: Veränderungen im Neurotransmitterstoffwechsel können die Hirnfunktion beeinträchtigen und ein Delirium auslösen.
- Entzündliche Prozesse: Entzündungen im Gehirn können ebenfalls zu einem Delirium beitragen.
- Physiologischer Stress: Schwerer körperlicher oder emotionaler Stress kann ein Delirium auslösen.
- Metabolische Veränderungen: Stoffwechselstörungen wie Elektrolytverschiebungen können die Hirnfunktion beeinträchtigen und ein Delirium verursachen.
- Genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung eines Deliriums spielen können.
Risikofaktoren für ein Delirium
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für ein Delirium erhöhen können:
- Hohes Alter: Ältere Menschen sind anfälliger für ein Delirium.
- Schwere Erkrankung: Schwere körperliche Erkrankungen erhöhen das Delirrisiko.
- Demenz: Patienten mit Demenz haben ein höheres Risiko, ein Delirium zu entwickeln.
- Gebrechlichkeit: Gebrechliche Menschen sind anfälliger für ein Delirium.
- Gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie): Die Einnahme mehrerer Medikamente kann das Delirrisiko erhöhen.
- Neue oder abgesetzte Medikamente: Änderungen in der Medikation können ein Delirium auslösen.
- Alkoholmissbrauch: Alkoholmissbrauch erhöht das Delirrisiko.
- Niereninsuffizienz: Nierenprobleme können ein Delirium verursachen.
- Chirurgische Eingriffe: Operationen können ein Delirium auslösen, insbesondere bei älteren Menschen.
- Infektionen: Infektionen können ein Delirium verursachen.
- Flüssigkeitsmangel: Dehydration erhöht das Delirrisiko.
- Sehstörungen: Sehprobleme können zu Desorientiertheit und Verwirrung beitragen.
- Schwerhörigkeit: Hörprobleme können ebenfalls zu Desorientiertheit und Verwirrung beitragen.
- Akuter Schmerz: Starke Schmerzen können ein Delirium auslösen.
- Herzkreislaufstörungen
- Stoffwechselerkrankungen wie etwa Diabetes
Symptome des Durchgangssyndroms
Die Symptome eines Deliriums können vielfältig sein und von Person zu Person variieren. Einige häufige Symptome sind:
- Desorientiertheit: Der Betroffene weiß nicht, wo er sich befindet oder welche Zeit es ist.
- Verwirrtheit: Der Betroffene hat Schwierigkeiten, klar zu denken und sich zu konzentrieren.
- Halluzinationen: Der Betroffene sieht oder hört Dinge, die nicht real sind.
- Wahnvorstellungen: Der Betroffene hat falsche Überzeugungen, die nicht auf Fakten basieren.
- Gestörtes Bewusstsein: Der Betroffene ist schläfrig oder schwer zu wecken.
- Unruhe oder Agitiertheit: Der Betroffene ist unruhig, nervös oder aggressiv.
- Apathie oder Teilnahmslosigkeit: Der Betroffene zeigt wenig Interesse an seiner Umgebung.
- Schlafstörungen: Der Betroffene hat Schwierigkeiten, ein- oder durchzuschlafen.
- Stimmungsschwankungen: Der Betroffene erlebt plötzliche und unerwartete Stimmungsschwankungen.
- Gedächtnisprobleme: Der Betroffene hat Schwierigkeiten, sich an aktuelle Ereignisse zu erinnern.
- Sprachstörungen: Der Betroffene hat Schwierigkeiten, sich auszudrücken oder Gesprochenes zu verstehen.
- Wahrnehmungsstörungen: Betroffene sehen Dinge, die nicht da sind (häufig furchteinflößende Tiere, Schatten oder Ungeziefer); Geräusche werden eine völlig andere Bedeutung zugeschrieben.
- Tag-Nacht-Rhythmus ist verschoben.
Es gibt verschiedene Formen des Delirs:
- Hypoaktives Delir: Apathie, wenig Antrieb, Schläfrigkeit. Es kann schnell übersehen werden, da die Patienten nicht ‚offensichtlich auffällig‘ laut sind, wie bei einem hyperaktiven Delir.
- Hyperaktives Delir: Die Patienten zeigen eine erhöhte psychomotorische Aktivität, die sich auch in stereotypen Aktivitäten äußern kann.
- Mischformen: Wechsel zwischen hypoaktivem und hyperaktivem Delir.
Diagnose des Durchgangssyndroms
Die Diagnose eines Deliriums basiert in erster Linie auf der klinischen Beurteilung des Patienten. Der Arzt wird die Symptome des Patienten erfragen und eine körperliche und neurologische Untersuchung durchführen. Es können auch Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren durchgeführt werden, um andere mögliche Ursachen der Symptome auszuschließen.
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Ein gebräuchliches Diagnoseinstrument ist die Confusion Assessment Method (CAM). Der neunteilige Fragenkatalog dient sowohl als Screeningtool als auch zur Diagnosestellung und Klassifizierung der Schwere des Deliriums.
Behandlung des Durchgangssyndroms
Die Behandlung des Deliriums zielt darauf ab, die zugrunde liegende Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern. Einige Behandlungsmaßnahmen sind:
- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn das Delirium durch eine medizinische Erkrankung verursacht wird, muss diese behandelt werden.
- Ausschalten von Auslösern: Nüchternheit ist beispielsweise ein Auslösefaktor, der wir ganz einfach beheben können. An Hilfsmittel wie Brille und Hörgeräte zu denken hört sich so banal an, ist aber essentiell in der Delir Prophylaxe und auch in der Therapie.
- Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um die Symptome des Deliriums zu lindern. Haloperidol gilt als Goldstandard. Atypische Antipsychotika wie Olanzapin und Risperidon scheinen nicht unterlegen zu sein. Benzodiazepine sollten grundsätzlich nicht eingesetzt werden, da die Evidenz für ihre Wirksamkeit fehlt und sie selbst als Auslösefaktoren gelten.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Es gibt eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die helfen können, die Symptome des Deliriums zu lindern. Dazu gehören:
- Sorgen Sie für eine ruhige und reizarme Umgebung.
- Stellen Sie sicher, dass der Patient ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt.
- Helfen Sie dem Patienten, sich zu orientieren, indem Sie ihm Informationen über Ort, Zeit und Personen geben.
- Sorgen Sie für einen regelmäßigen Tagesablauf mit festen Schlaf- und Wachzeiten.
- Beziehen Sie Angehörige in die Betreuung des Patienten ein.
- Orientierungshilfen unterstützen den Patienten, sich zurechtzufinden.
- Ein regelmäßiger Tagesablauf mit festem Tag-Nacht-Rhythmus gibt Halt.
- Reizüberflutung ist ebenso zu vermeiden wie ein Mangel an äußerer Stimulation.
- Die Betreuung und Pflege sollten vertraute Personen übernehmen und die Bezugspersonen nicht häufig wechseln.
- Die Kommunikation sollte ruhig und klar sein.
- Wahnhafte Vorstellungen und Halluzinationen des Patienten sollte man nicht verstärken.
- Eine Fixierung von stark agitierten Patienten ist zu vermeiden, da sie die Symptomatik meist verstärkt. Nur bei ausgeprägter Fremd- oder Selbstgefährdung kann sie kurzfristig notwendig und vertretbar sein.
Prävention des Durchgangssyndroms
Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die ergriffen werden können, um das Risiko für ein Delirium zu verringern:
- Identifizierung von Risikopatienten: Die Identifikation möglicher Risikopatient:innen ist von großer Bedeutung. Gelingen kann das durch eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte im Vorfeld der stationären Aufnahme.
- Vermeidung von Auslösern: Identifizieren und vermeiden Sie mögliche Auslöser für ein Delirium, wie z. B. bestimmte Medikamente oder Dehydration.
- Sorgen Sie für eine gute medizinische Versorgung: Stellen Sie sicher, dass Patienten mit Epilepsie eine gute medizinische Versorgung erhalten, um Anfälle zu kontrollieren und andere medizinische Probleme zu behandeln.
- Schonende Narkose: Bei Risikopatientinnen (z.B. in hohem Alter oder mit Vorerkrankungen) ist es wichtig, wenn möglich auf eine schonende Narkose zurückzugreifen. Je kürzer die Patientinnen in Narksose liegen, also weggetreten sind, desto besser.
- Die richtige Behandlungsumgebung: Alles, was Orientierung und Erinnerung bringt, hilft. Große, gut lesbare Uhren zum Beispiel, die neben der Uhrzeit auch den Wochentag und das Datum anzeigen. Um die Orientierung zu fördern, sollten Patientinnen unmittelbar nach der Operation wichtige Gegenstände, wie ihre Brille oder ihr Hörgerät zurückbekommen und zu viel Hekitk und unnötger Lärm vermieden werden. Außerdem hilfreich ist es, auf den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu achten: Tagsüber werden die Patientinnen aktiviert, und nachts mit schlaffördernden Maßnahmen unterstützt.
- Aktive Vorsorge sowie einer konsequenten und frühzeitigen Behandlung erster Symptome kann ein Delirium vermieden beziehungsweise abgeschwächt werden.
- Auch detailliert geplante Operationen mit möglichst geringer Narkosebelastung beugen der Gefahr wirksam vor.
- Angehörige können bei der Re-Orientierung helfen, sie können viel eher als das Pflegepersonal an Erinnerungen anknüpfen und diese aktiv halten. In einem gewissen Rahmen können gegebenenfalls auch Rituale von zu Hause in der Klinik umgesetzt werden. Beispielsweise das Ritual mit der Ehefrau zu Hause Kaffee trinken und über das Welt Geschehen sprechen. „Alles was der Re-Orientierung dient, ist auch gleichzeitig eine Delir-Prophylaxe.“
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