Ein Schlaganfall kann das Leben eines Menschen von einer Sekunde auf die andere verändern. Neben den offensichtlichen motorischen Einschränkungen ist eine häufige, aber oft übersehene Folge die Dysphagie, eine Schluckstörung. Diese erschwert oder verhindert die normale Nahrungsaufnahme und kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der richtigen Ernährung bei Dysphagie nach einem Schlaganfall, die verschiedenen Ernährungsstrategien und die verfügbaren Hilfsmittel, um Betroffenen eine bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen.
Was ist Dysphagie und wie entsteht sie nach einem Schlaganfall?
Dysphagie ist eine Schluckstörung, bei der die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Nahrung oder Flüssigkeit sicher vom Mund in den Magen zu transportieren. Sie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom, das verschiedene Ursachen haben kann. Nach einem Schlaganfall tritt Dysphagie häufig auf, da Verletzungen oder Erkrankungen in bestimmten Gehirnregionen den komplexen Schluckvorgang stören können.
Der Schluckvorgang besteht aus fünf Phasen, die durch neurologische Erkrankungen beeinträchtigt werden können. Bis zu 7 % der Bevölkerung sind von Schluckstörungen betroffen, insbesondere ältere Menschen. Insbesondere Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, leiden infolge dessen an Schluckbeschwerden.
Die Folgen von Dysphagie
Eine Dysphagie kann vielfältige negative Folgen haben, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen:
- Aspiration und Aspirationspneumonie: Nahrung oder Flüssigkeit können in die Luftröhre gelangen (Aspiration) und eine Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) verursachen, die zu den häufigsten Todesursachen bei Dysphagie-Patienten zählt. Die klinischen Anzeichen einer Aspiration werden häufig verkannt, infolgedessen eine Gefährdung des Patienten schwierig einzuschätzen ist.
- Mangelernährung und Dehydration: Durch die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme nehmen Betroffene oft nicht genügend Nährstoffe und Flüssigkeit zu sich. Dies führt zu Mangelernährung, Dehydration und Gewichtsverlust. Ein Mangel an Energie, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen sind insbesondere bei älteren Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen häufig anzutreffen. Besonders kritisch ist die Situation, wenn eine Mangelernährung nicht rechtzeitig erkannt wird.
- Soziale Isolation: Die Angst vor dem Verschlucken und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten führen oft dazu, dass Betroffene Mahlzeiten in Gesellschaft meiden und sich sozial isolieren. Die Patienten fühlen sich oft missverstanden, sie empfinden ihren Körper als abstoßend und grenzen sich von der Gesellschaft ab.
Frühzeitige Erkennung und Diagnose von Dysphagie
Aufgrund der potenziell schwerwiegenden Folgen ist es entscheidend, eine Dysphagie frühzeitig zu erkennen und zu diagnostizieren. Die Leitlinie Klinische Ernährung in der Neurologie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) empfiehlt die frühzeitige Detektion einer Dysphagie mittels standardisierten Screenings sowie Dysphagieassessment.
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Verschiedene Anzeichen können auf eine Schluckstörung hindeuten:
- Verlangsamte Nahrungs- beziehungsweise Flüssigkeitsaufnahme
- Häufiges Verschlucken, Hustenanfälle oder Atemnot
- Häufiges Räuspern nach dem Essen
- Rückfluss von Speichel oder Flüssigkeit aus Mund und Nase
- Druckgefühl im Halsbereich nach dem Essen
- Nasse und gurgelnde Stimme nach dem Essen
- Essensrückstände im Mund nach Beendigung der Mahlzeit
Die Diagnostik umfasst in der Regel ein ausführliches Anamnesegespräch, in der Regel durch eine Logopädin, zur Diagnostik an. Gibt das Anamnesegespräch keine ausreichenden Anhaltspunkte im Hinblick auf eine Dysphagieerkrankung oder wird die Ursache nicht ersichtlich, wird beispielsweise eine transnasale Fiberendoskopie durchgeführt. Die instrumentelle Untersuchung umfasst die Ruhebeobachtung und die Funktionsprüfung (mit unterschiedlichen Konsistenzen) vom Rachen (Pharynx) bis zum Kehlkopf (Larynx). Anhand der erhobenen Befunde wird der Schweregrad der Dysphagie festgelegt und eine entsprechende Empfehlung hinsichtlich des Ernährungsmanagements ausgesprochen.
Ernährungsmanagement bei Dysphagie nach Schlaganfall
Das Ernährungsmanagement bei Dysphagie nach Schlaganfall zielt darauf ab, eine sichere und ausreichende Nahrungsaufnahme zu gewährleisten, um Mangelernährung und Aspiration zu verhindern. Ein multimodaler Therapieansatz, der von einem Team aus Ärztinnen und Ärzten, Schlucktherapeutinnen und -therapeuten, sowie Pflege- und Ernährungsfachkräften begleitet wird, hat die größte Aussicht auf Erfolg.
Die wichtigsten Aspekte des Ernährungsmanagements sind:
1. Individuelle Anpassung der Kostkonsistenz
Die Anpassung der Konsistenz von Speisen und Getränken ist ein zentraler Bestandteil der Dysphagie-Therapie. Eine Reduzierung der Fließgeschwindigkeit verzögert beispielsweise das Auslösen des Schluckreflexes und hilft dem Betroffenen beim kontrollierten Schlucken. Auch eine veränderte Konsistenz der festen Speisen kann den Patientinnen und Patienten das Essen deutlich erleichtern.
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- Flüssigkeiten: Flüssigkeiten können mit einem geschmacksneutralen Pulver angedickt werden, um die Fließgeschwindigkeit zu verringern und das Verschlucken zu erschweren. Das Schlucken von Wasser stellt für die meisten Betroffenen große Probleme dar, weil es ungehindert in die Luftröhre gelangen kann.
- Feste Speisen: Feste Speisen sollten püriert, passiert oder in weicher Form zubereitet werden, um das Kauen und Schlucken zu erleichtern. Besonders schwierig sind krümelige oder faserige Nahrungsmittel wie Kekse, Knäckebrot oder Fleisch. Ein weiteres Kriterium der Dysphagie-Kost ist eine homogene Konsistenz der Nahrung, das heißt beispielsweise kein Joghurt mit Früchten oder Nudelsuppe.
2. Spezielle Kostformen
Bei Dysphagie ist es wichtig, bestimmte Lebensmittel zu vermeiden, die das Verschlucken erschweren können:
- Trockene, krümelige Speisen (z.B. Zwieback, Kekse)
- Faserige Speisen (z.B. Spargel, Salat)
- Klebrige Speisen (z.B. Karamell, Erdnussbutter)
- Speisen mit harten oder scharfen Bestandteilen (z.B. Nüsse, Knochen)
3.Optimierung der Mahlzeitenumgebung
Eine angenehme und entspannte Atmosphäre kann die Nahrungsaufnahme erleichtern. Ablenkungen während des Essens wie Fernsehen, Telefonieren, Chatten oder Surfen führen zu schnellerem und unbewussterem Essen.
4. Schlucktraining und Logopädie
Logopädie ist ein wichtiger Bestandteil der Dysphagie-Therapie. Durch gezielte Übungen können die Schluckmuskulatur gestärkt und die Schluckfunktion verbessert werden. Dazu gehören Übungen zur Verbesserung der Sensibilisierung von Würg-, Schluck- und Hustenreflexen sowie motorische Schulungen zur Körperhaltung, Körperspannung und Kopfposition während des Schluckens.
5.Enterale Ernährung (Sondenernährung)
Wenn eine ausreichende orale Nahrungsaufnahme nicht möglich ist, kann eine enterale Ernährung über eine Sonde erforderlich sein. Halten die schlaganfallbedingten Schluckstörungen voraussichtlich länger als sieben Tage an, sollte frühzeitig mit einer enteralen Ernährung über eine Sonde begonnen werden.
- Nasogastrale Sonde: In der Akutphase des Schlaganfalls, wenn noch nicht absehbar ist, wie lange der Patient über eine Sonde ernährt werden muss, wird die Nahrung über eine nasogastrale Sonde zugeführt. Dabei wird ein dünner Schlauch über Nase, Rachen und Speiseröhre in den Magen vorgeschoben.
- PEG-Sonde: Ist die enterale Ernährung voraussichtlich länger als 28 Tage nötig, sollte eine PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) gelegt werden. Dabei wird eine Ernährungssonde über die Bauchwand in den Magen gelegt.
Besteht bei der Sondenernährung ein Reflux-Risiko (Rücklaufen der Sondennahrung aus dem Magen in die Speiseröhre, mitunter bis in den Rachenraum), sollte die Sondennahrung nicht als Bolus, sondern kontinuierlich verabreicht werden.
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6.Ess- und Trinkhilfen
Verschiedene Hilfsmittel können die Nahrungsaufnahme erleichtern und das Risiko des Verschluckens reduzieren.
- Spezielles Essbesteck: Besteck mit großen Griffen und Riemen erleichtert das Greifen bei eingeschränkter Handfunktion.
- Teller mit Randerhöhung: Eine Randerhöhung am Teller verhindert das Herunterfallen von Speisen.
- Trinkbecher mit Nasenausschnitt: Diese Becher ermöglichen das Trinken ohne Überstrecken des Nackens.
- Gummimatten: Eine Gummimatte unterhalb des Tellers verhindert das Verrutschen.
7. Mundhygiene
Eine konsequente Mundhygiene und gute Mundgesundheit sind ebenfalls wichtig, um Infektionen im Mundraum vorzubeugen.
8. Überwachung und Anpassung
Der Ernährungszustand des Patienten sollte regelmäßig überwacht und die Ernährungsmaßnahmen gegebenenfalls angepasst werden.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Das Management von Dysphagie erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Logopäden, Ernährungsberatern, Pflegekräften und Angehörigen. Nur so kann eine individuelle und umfassende Betreuung gewährleistet werden.