Die Kunst des Zeichnens: Wie man lernt, ein echtes Gehirn zu zeichnen

Viele Anfänger sind oft frustriert, wenn sie versuchen, etwas aus dem Kopf oder aus ihrer Fantasie zu zeichnen. Die Erwartung, ein Bild einfach aus dem Kopf aufs Papier bringen zu können, ist jedoch sehr hoch. Oft glaubt man, das Bild klar vor Augen zu haben, doch beim Versuch, es zu zeichnen, scheitert man. Einer der Gründe dafür ist, dass unser Gehirn Informationen filtert und Klischees speichert, die nicht unbedingt die echte Form der Dinge wiedergeben.

Die Filter des Gehirns und ihre Auswirkungen auf das Zeichnen

Unser Gehirn speichert Informationen selektiv. Es merkt sich beispielsweise, dass ein Mensch einen runden Kopf, einen geraden Körper, Arme und Beine hat. Ein Auto hat runde Räder und eckige Fenster, und ein Haus hat ein spitzes Dach und viereckige Fenster. Dies sind Klischees, die nicht unbedingt die tatsächliche Form der Dinge beinhalten. Wenn man nun versucht, einen Menschen, ein Auto oder ein Haus zu zeichnen, entsteht eine Abbildung, die diese Klischees wiedergibt.

Dieser Umstand, dass unser Gehirn vor allem Klischees abspeichert, bereitet uns sogar beim Abzeichnen Probleme. Auch hier möchte unser Gehirn Wichtiges von (vermeintlich) Unwichtigem trennen.

Sehen lernen: Der Schlüssel zum realistischen Zeichnen

Beim Zeichnen lernen ist es wichtig, die Dinge unvoreingenommen zu betrachten, so als würde man das, was man zeichnen will, zum ersten Mal sehen. Dies wird beim Zeichnen lernen als "Sehen lernen" bezeichnet. Spätestens dann, wenn einem bewusst wird, dass selbst das Abzeichnen vom realen Modell eine große Herausforderung ist, versteht man, wie unrealistisch die Erwartung ist, etwas einfach aus dem Kopf zeichnen zu können. Ein Motiv aus dem Kopf zu zeichnen gelingt in der Regel nur, wenn man das Objekt bereits unzählige Male abgezeichnet hat.

Die Rolle der Selbstdisziplin und der rechten Gehirnhälfte

Um das Zeichnen zu erlernen, bedarf es einer gehörigen Portion Selbstdisziplin. Es ist wichtig, die rechte (nonverbale) Gehirnhälfte zu nutzen, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ein Experiment, bei dem Schüler eine auf dem Kopf stehende Picasso-Zeichnung abzeichneten, zeigte, dass sie alle eine einwandfreie Zeichnung lieferten, weil sie nur abzeichneten, was sie sahen und die Zeichnung als solche nicht erkennen konnten.

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Dieses Prinzip kann man nutzen, indem man Strich für Strich abzeichnet, ohne genau zu wissen, wie die fertige Zeichnung aussehen wird. Dabei arbeitet man fast ausschließlich mit der rechten Gehirnhälfte, während sich die linke, verbale Gehirnhälfte zurückzieht. So werden die Striche bedächtig und langsam, wodurch sie genauer werden. Alles andere ist dann aus dem Kopf ausgeblendet und plötzlich sieht man!

Praktische Übungen und Techniken

Es gibt verschiedene Übungen und Techniken, die helfen können, das Zeichnen zu erlernen:

  • Abzeichnen von auf dem Kopf stehenden Vorlagen: Diese Übung hilft, die linke Gehirnhälfte auszutricksen und die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren.
  • Abdecken des Bildes: Decken Sie den Teil des Bildes ab, den Sie gerade nicht zeichnen, um sich auf den aktuellen Bereich zu konzentrieren.
  • Zeichnen von einer Seite zur anderen: Beginnen Sie mit dem Zeichnen von einer Seite des Bildes und arbeiten Sie sich zur anderen Seite vor, anstatt zuerst die Umrisse zu zeichnen.
  • Üben nach dem Prinzip von Betty Edwards: Betty Edwards hat eine Methode entwickelt, um die rechte, intuitive Gehirnhälfte zu aktivieren, sodass das naturgetreue Abzeichnen plötzlich leichtfällt.

Die Bedeutung von Proportionen und Symmetrie beim Portraitzeichnen

Um ein menschliches Gesicht zeichnen zu lernen, benötigt man unbedingt zuverlässige Orientierungspunkte. Es ist wichtig, die Proportionen eines Gesichts zu kennen und zu wissen, wie man Mund, Nase und Augen an der richtigen Stelle zeichnet.

Jedes Gesicht hat seine eigenen Charakteristika und ist sehr individuell. Damit eine Portraitzeichnung realistisch wirkt, sollte man jedoch bestimmte Faustregeln zu Proportionen beachten. So nimmt die Stirn etwa ein Drittel des Gesichts ein, das zweite Drittel beginnt an den Augenbrauen und endet an der Nasenspitze, und das letzte Drittel umfasst den unteren Teil des Gesichts bis zum Kinn.

Weiterhin kann man eine senkrechte Linie durch die Hälfte des Gesichts ziehen, auf welcher dann der Punkt zwischen den Augenbrauen, die Nasenspitze und der kleine Bogen in der Mitte der Oberlippe liegen. Zwar sind Gesichter niemals zu einhundert Prozent symmetrisch, beim Zeichnen hilft es dennoch, diese senkrechte Achse zur Hilfe zu nehmen.

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Das richtige Material für Portraitzeichnungen

Für Portraitzeichnungen benötigt man das richtige Material. Dazu gehören:

  • Weiche Bleistifte vom Typ B (2B, 4B…): Diese Art von Grafit Bleistift ist sehr nützlich, um in verschiedenen Stärken zu zeichnen.
  • Harte Bleistifte vom Typ H (2H, 4H usw. bis 10H)
  • Ein Knetradierer: Super wichtig für die Schattierungen Eurer Zeichnungen.
  • Ein Vinyl Radiergummi: Dieser Radierer ist dazu da, Eure Striche komplett zu entfernen.
  • Estompe / Papierwischer: Hiermit könnt Ihr Striche verwischen.
  • Zeichenpapier: Standardmäßig ist Zeichenpapier weiß.
  • Einen Kohlestift: Mit einem solchen Stift könnt Ihr sehr präzise Striche zeichnen, aber auch breitere Flächen ausfüllen.

Posen und Referenzen für das Zeichnen von Menschen

Das Nachzeichnen von Posen ist eine reine Übung für unser Gehirn und schafft auch ein intuitives Verständnis für den menschlichen Körper. Es gibt zahlreiche Portale und Quellen, die Posen für das Zeichnen von Menschen anbieten:

  • Line of action: Hier gibt es alles. Posen für komplette Körper, Gesichter, Hände usw.
  • Character Design: Hier findet man eine umfangreiche Sammlung an unterschiedlichen Posen und eine vielseitige Anzahl an Charakteren.
  • Sketch Daily References: Hier stellt man einfach ein, was man zeichnen möchte und klickt auf Start.
  • AdorkaStock: Besonders interessant ist der Sketch-Bereich. Hier stellt man eine Zeit für eine Zeichnung ein und dann werden z.B. immer nach einer Minute neue zufällige Posen eingeblendet.
  • SenshiStock: Hier gibt sich eine kleine Community wirklich viel Mühe für Künstler verschiedene Action Posen zusammenzustellen.
  • Pose-Emporium auf Deviant Art: Hier findet man jede Menge Posen für alle möglichen Zwecke.
  • Art Model Tips: Hier findest du eine Sammlung an vielen Akt-Models und verschiedenen Posen zum Nachzeichnen.
  • Photo reference for comic artists: Hier kannst du direkt nach einer Pose suchen und wirst sicherlich fündig.
  • Draw This (YouTube Channel): Hier findest du eine umfangreiche Sammlung an Videos, in denen unterschiedliche Menschen verschiedene Posen einnehmen.
  • Daily Life Drawing Session (YouTube): Eine Video-Reiche auf YouTube, die vom New Masters Academy Channel betrieben wird.
  • Figurosity: Hier handelt es sich um ein Portal, in dem Posen von digitalen Figuren jeder Art zu finden sind.

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