Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das in zwei Hälften unterteilt ist, die sogenannten Hemisphären. Obwohl diese Hälften auf den ersten Blick symmetrisch erscheinen, weisen sie subtile, aber funktionell relevante Unterschiede auf. Eine übermäßige Asymmetrie oder Vergrößerung einer Gehirnhälfte kann verschiedene Ursachen haben und unterschiedliche Auswirkungen auf die individuellen Fähigkeiten und die allgemeine Gesundheit haben.
Die Asymmetrie des Gehirns: Eine Einführung
Auf den ersten Blick scheint der menschliche Körper symmetrisch zu sein, mit zwei Armen, zwei Beinen, zwei Augen und zwei Ohren. Selbst Nase und Mund scheinen sich bei den meisten Menschen in beiden Gesichtshälften an einer imaginären Achse zu spiegeln. Und schließlich das Gehirn: Es ist in zwei Hälften geteilt, die ungefähr gleich groß sind, und auch die Furchen und Wülste folgen einem ähnlichen Muster. Doch der erste Eindruck trügt: Die verschiedenen Hirnregionen weisen subtile, aber funktionell relevante Unterschiede zwischen der linken und der rechten Seite auf.
Die beiden Hemisphären sind auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. So wird beispielsweise die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen überwiegend in der rechten Hemisphäre verarbeitet, die Sprache überwiegend in der linken. Der Grund: Die Arbeit kann besser auf beide Hälften verteilt werden - und das Aufgabenspektrum damit insgesamt erweitert.
Diese Spezialisierung, auch Lateralisation genannt, ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden. Selbst bei Menschen, bei denen die Funktionen im Gehirn prinzipiell klassisch angeordnet sind, ist die Asymmetrie unterschiedlich stark ausgeprägt.
Mögliche Ursachen für eine vergrößerte Gehirnhälfte
Eine übermäßige Vergrößerung einer Gehirnhälfte kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
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- Genetische Faktoren: Die individuelle Ausprägung der Hirnasymmetrie ist teilweise vererbbar.
- Umwelteinflüsse: Persönliche Erfahrungen und Anforderungen können die Entwicklung der Hirnasymmetrie beeinflussen.
- Krankheiten: Bestimmte Erkrankungen wie Schizophrenie, Autismus-Spektrum-Störungen oder Legasthenie werden mit einer veränderten Hirnasymmetrie in Verbindung gebracht.
- Tumore: Tumore im Gehirn können zu einer Vergrößerung einer Gehirnhälfte führen, indem sie Druck auf das umliegende Gewebe ausüben oder dessen Wachstum stimulieren.
- Entzündungen: Entzündungen im Gehirn, wie Meningitis oder Enzephalitis, können ebenfalls zu einer Vergrößerung einer Gehirnhälfte führen.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall kann zu einer Vergrößerung einer Gehirnhälfte führen, indem er das Gewebe schädigt und eine Schwellung verursacht.
- Hydrozephalus: Ein Hydrozephalus, auch Wasserkopf genannt, ist eine Erkrankung, bei der sich übermäßig viel Liquor (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) im Schädelinneren ansammelt. Dies kann zu einer Vergrößerung einer Gehirnhälfte führen, indem es Druck auf das Gewebe ausübt.
- Hirnaneurysma: Ein Hirnaneurysma ist eine Ausbuchtung einer Schlagader im oder nahe am Gehirn. Wenn ein Aneurysma reißt, kann es zu einer Hirnblutung kommen, die zu einer Vergrößerung einer Gehirnhälfte führen kann.
Mögliche Auswirkungen einer vergrößerten Gehirnhälfte
Die Auswirkungen einer vergrößerten Gehirnhälfte hängen von der Ursache, dem Ausmaß und der Lokalisation der Asymmetrie ab. Mögliche Folgen können sein:
- Entwicklungsstörungen: Eine zu geringe Asymmetrie der Sprachareale in der linken Hirnhälfte wird als mögliche Ursache für Legasthenie vermutet. Auch bei Krankheiten wie Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störungen oder Hyperaktivität bei Kindern wird eine zu schwache Aufgabenteilung zwischen den beiden Hirnhälften in Zusammenhang gebracht.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Eine veränderte Hirnasymmetrie kann sich auf kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Sprache, Gedächtnis und exekutive Funktionen auswirken.
- Motorische Störungen: Eine Vergrößerung einer Gehirnhälfte kann zu motorischen Störungen wie Lähmungen, Koordinationsproblemen und unkontrollierten Bewegungen führen.
- Epilepsie: Eine Reizung der motorischen Zentren im Stirnhirn kann Krämpfe hervorrufen (Rindenepilepsie).
- Sprachstörungen: Eine Schädigung des Broca-Areals kann dazu führen, dass der Patient Schwierigkeiten hat, selbst Wörter und Sätze zu bilden (motorische Aphasie - Broca-Aphasie). Eine Schädigung des Wernicke-Areals kann dazu führen, dass der Patient Sprache kaum noch entschlüsseln kann.
- Sensibilitätsstörungen: Werden die primären sensiblen Rindenfelder des Parietallappens geschädigt, resultiert eine Anästhesie, eine Unempfindlichkeit.
- Sehstörungen: Eine Zerstörung bestimmter Bezirke der Großhirnrinde im Bereich des Sehzentrums kann zu Gesichtsfeldausfällen führen. Bei einer kompletten Zerstörung der Sehrinde beider Seiten im Großhirn resultiert eine sogenannte Rindenblindheit.
- Hörstörungen: Wird das Hörzentrum im Schläfenlappen geschädigt, entsteht die sogenannte Rindentaubheit.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose einer vergrößerten Gehirnhälfte erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung und bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT). Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Asymmetrie und kann Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder in einigen Fällen auch eine Operation umfassen.
Die Bedeutung der Forschung
Die Erforschung der Hirnasymmetrie ist von großer Bedeutung, um die komplexen Funktionen des Gehirns besser zu verstehen und neue Therapieansätze für neurologische und psychiatrische Erkrankungen zu entwickeln. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Forschungszentrums Jülich haben beispielsweise untersucht, wie sich Asymmetrien entlang von sogenannten funktionellen Gradienten entwickeln. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es feine Unterschiede darin gibt, wie Hirnregionen unterschiedlicher Funktionen auf der linken und rechten Seite des Gehirns aufreihen, und dass diese individuellen Unterschiede vererbbar sind.
"Wir wollen verstehen, welche Rolle diese feinen Unterschiede zwischen linker und rechter Hemisphäre spielen und wie sie mit den verschiedenen Entwicklungsstörungen zusammenhängen könnten", erklärt Sofie Valk, Leiterin der Studie und der Forschungsgruppe Kognitive Neurogenetik am Max-Planck-Institut. "Wenn wir verstehen, wie Asymmetrie vererbt wird, lässt sich auch besser einschätzen, welche Bedeutung genetische und umweltbedingte Faktoren generell für dieses Phänomen haben. Vielleicht können wir dann herausfinden, wo etwas schiefläuft, wenn genau dieser Unterschied zwischen links und rechts gestört ist."
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