Einführung
Die menschliche Wahrnehmung ist ein komplexer Prozess, bei dem das Gehirn sensorische Informationen aus der Umwelt aufnimmt, verarbeitet und interpretiert. Eine eingeschränkte Wahrnehmung kann verschiedene Ursachen haben und sich auf unterschiedliche Aspekte des Denkens, Fühlens und Handelns auswirken. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen eingeschränkter Wahrnehmung im Gehirn, die zugrunde liegenden Mechanismen und die vielfältigen Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen und das Verhalten.
Neurotransmitter und hormonelle Einflüsse
Histamin
Histamin spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Schlaf und Aufmerksamkeit im Gehirn. Es beeinflusst die kortikale Erregbarkeit, wobei ein Überschuss zu Schlafstörungen führen kann, während eine Blockade histaminerger Rezeptoren Schläfrigkeit verursacht.
Glukokortikoide
Glukokortikoide, wie Kortisol, werden in der Nebennierenrinde produziert und dienen primär der Bereitstellung von Energie in Stresssituationen. Chronischer Stress, wie er beispielsweise auf Intensivstationen auftritt, kann jedoch zu einer chronischen Stimulation von Low-Affinity-Kortikoid-Rezeptoren führen, was Schädigungen des zentralen Nervensystems (ZNS) zur Folge haben kann. Der Hippocampus, der eine hohe Dichte an Kortikoid-Rezeptoren aufweist und zentrale Gedächtnisfunktionen steuert, ist besonders anfällig für exzessive Kortikoidspiegel. Diese können sich frühzeitig in Störungen des Kurzzeitgedächtnisses manifestieren und in einem Delir resultieren.
Melatonin
Melatonin wird im Hypothalamus in der Epiphyse (Corpus pineale) produziert und reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus durch seine zirkadiane Rhythmik. Hohe Melatoninspiegel sind nicht nur mit Müdigkeit verbunden, sondern zeigen auch zellprotektive und antikortikoide Effekte. Entzündungsfördernde Zytokine können die Melatoninproduktion hemmen, was den Tag-Nacht-Rhythmus stören und mit einer erhöhten Delirinzidenz assoziiert sein kann. Studien an postoperativen Patienten mit Hüftgelenksfrakturen zeigten unterschiedliche Ergebnisse bezüglich der Auswirkungen von Melatonin auf die Delirinzidenz, wobei höhere Melatoninspiegel mit einem hypoaktiven Delir und niedrigere mit einem hyperaktiven Delir korrelieren könnten.
Neuroinflammation und altersbedingte Veränderungen
Bedeutung der Neuroinflammation
Systemische Entzündungsreaktionen, ausgelöst durch Infektionen oder Traumata, können das Immunsystem aktivieren und eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Delirs spielen. Hierbei stehen besonders Interleukin-1 β, Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-α im Fokus. Mikroglia, die etwa 15 Prozent der Gliazellen im Gehirn ausmachen, setzen diese proinflammatorischen Zytokine frei, was zu spezifischen Effekten in neuronalen Netzwerken führt, die Verhaltensänderungen hervorrufen können, die klinisch als ein Delir erscheinen.
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Aberrante Stressreaktion im Alter
Im Alter kann eine chronische Inflammation zu einer verstärkten Reaktion auf Inflammationsreize führen, einer sogenannten "Aberrant Stress Response". Mit zunehmendem Alter kommt es zu degenerativen Veränderungen der Gefäße im Gehirn, was die zerebrale Durchblutung einschränkt, den Transport von Plasmaproteinen stört und die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke verringert. Mikroglia, bereits durch Alterungsprozesse "geprimt", neigen dazu, auch auf geringe proinflammatorische Reize mit einer übermäßigen Zytokinausschüttung zu reagieren. Dies könnte erklären, warum ältere Menschen ein erhöhtes Delirrisiko haben und warum selbst eine moderate Entzündung zu einem schwerwiegenden und persistenten Delir führen kann.
Cholinesterase
In den zurückliegenden Jahren wurde versucht, spezifische Laborparameter zu identifizieren, die charakteristisch für das Delir sind. Besonderes Interesse galt dabei den Cholinesterasen (ChE), zu denen vor allem die Plasmacholinesterase (BuChE) und die Acetylcholinesterase (AChE) gehören. Während inflammatorischer Prozesse ist die Aktivität der ChE akut reduziert, und niedrigere BuChE-Aktivität wurde mit erhöhter Mortalität nach Trauma und Sepsis in Verbindung gebracht. ChE-Inhibitoren, wie Rivastigmin, zeigen günstige Effekte auf kognitive Fähigkeiten bei Demenz, jedoch ließ sich deren Wirksamkeit zur Delirprophylaxe nicht bestätigen.
Gehirnnetzwerke und Konnektivität
Funktionelle Konnektivität
Wenn verschiedene spezialisierte Gehirnregionen zusammenarbeiten, um eine bestimmte Funktion auszuführen, spricht man von einem Gehirnnetzwerk. Ein bekanntes Beispiel ist das Default Mode Network, ein Zusammenschluss mehrerer Gehirnregionen, die in Ruhe aktiv sind und mit Selbstreflexion und Zukunftsplanung beschäftigt sind. Der Grad, zu dem die Aktivität in einer bestimmten Gehirnregion zeitlich mit der Aktivität in anderen Regionen des Netzwerks übereinstimmt, gilt als funktionale Konnektivität. Gehirnnetzwerke bestehen aus Knoten (Nodes) und den Verbindungen zwischen diesen Knoten, den sogenannten Kanten (Edges). Knoten, die eine Schlüsselrolle im Netzwerk spielen, werden als Hubs bezeichnet.
Delir als Störung der Gehirnnetzwerkfunktion
Ein Delir ist sehr heterogen, und die klinischen Symptome neigen dazu, selbst beim gleichen Patienten und am selben Tag zu schwanken. Die Ätiologie und Pathophysiologie sind komplex und nur teilweise verstanden. Wichtige Faktoren beeinflussen kritisch die Gehirnnetzwerke, was klinisch zu Störungen in Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, kognitiven Funktionen, emotionaler Regulation und motorischer Kontrolle führt. Das EEG kann beim Delir eine verringerte Konnektivität und einen Verlust des normalen posterior-anterior gerichteten Informationsflusses zeigen. Alterung und Demenz führen auch zu einer verminderten Netzwerkaktivität. Wenn das Netzwerk funktioneller Gehirnareale durch Alterung oder andere Faktoren, die die Kommunikationsqualität zwischen diesen Arealen beeinträchtigen, geschwächt ist, können auslösende Faktoren wie Entzündungen und Stress, zum Beispiel infolge großer Operationen, das Gehirnnetzwerk so stören, dass eine Vielzahl von Funktionen betroffen sind.
Multifaktorielle Ursachen des Delirs
Eine wesentliche Erkenntnis der vergangenen Dekade ist, dass häufig kein einzelner Faktor als alleiniger Auslöser eines Delirs zu identifizieren ist. Während Hypoxie oder Hypoglykämie klare monokausale Auslöser darstellen, die vergleichsweise einfach zu therapieren sind, ist das klinische Bild des Delirs in der Regel komplexer und multifaktoriell. Von entscheidender Bedeutung ist das Verständnis, dass sowohl prädisponierende Faktoren vorhanden sein müssen als auch ausreichend starke präzipitierende Faktoren, um die Schwelle für die klinische Manifestation eines Delirs zu überschreiten. Hinzu kommen die eigenen Coping-Mechanismen des Körpers.
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Wahrnehmungsstörungen und ihre Auswirkungen
Definition und Arten von Wahrnehmungsstörungen
Wahrnehmungsstörungen liegen vor, wenn die Erfassung von Sinnesreizen (beispielsweise Hören, Sehen oder Fühlen), die Verbindung der Sinnessysteme untereinander oder die geordnete Abfolge bei der Verarbeitung von Sinnesreizen gestört sind. Es gibt verschiedene Arten von Wahrnehmungsstörungen, darunter:
- Modalitätsspezifische Wahrnehmungsstörungen: Störungen der Verarbeitung einer Art von Sinnesreizen (taktil, kinästhetisch, visuell, auditiv, vestibulär).
- Intermodale Wahrnehmungsstörungen: Gleichzeitige Störung der Verarbeitung von Reizen bei verschiedenen Sinnesorganen.
- Seriale Wahrnehmungsstörungen: Unfähigkeit, Sinnesreize in eine (sinnvolle) Reihenfolge zu bringen.
Ursachen von Wahrnehmungsstörungen
Ursachen von Störungen in der Wahrnehmung können durch Fehlbildungen der Organe verursacht werden, die sich bereits im Mutterleib oder bei der Geburt entwickeln können. Dazu gehört auch die Störung der Hirnfunktion. Das Gehirn kann zum Beispiel empfangene Reize nicht einordnen. Schlaganfälle können ebenfalls zu Schwierigkeiten bei der Planung und Durchführung von alltäglichen Tätigkeiten führen. Auch der Konsum von giftigen, halluzinogenen oder bewusstseinsverändernden Substanzen kann Wahrnehmungsstörungen verursachen.
Symptome von Wahrnehmungsstörungen
Die Symptome von Wahrnehmungsstörungen hängen davon ab, auf welches Sinnesorgan sich die Störung auswirkt. Eine Wahrnehmungsstörung kann auch gleichzeitig mehrere Sinnesorgane einschränken. Einige Beispiele sind:
- Auditive Wahrnehmungsstörung: Probleme, Geräusche richtig einzuordnen, Lärmempfindlichkeit.
- Visuelle Wahrnehmungsstörung: Schwierigkeiten, Formen oder Größen zu erkennen oder richtig einzuschätzen.
- Visuell-konstruktive Wahrnehmungsstörung: Probleme mit dem räumlichen Denken, Störungen der Feinmotorik.
- Körperliche/taktile Wahrnehmungsstörung: Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Berührungen.
- Kinästhetische/propriozeptive Wahrnehmungsstörung: Schwierigkeiten mit der eigenen Körperwahrnehmung.
Wahrnehmungsstörungen bei Kindern und Erwachsenen
Wahrnehmungsstörungen bei Kindern können zu Problemen in der Entwicklung führen. Die Ursachen sind vermutlich meistens genetisch bedingt, können aber auch durch Geburtsschwierigkeiten, Frühgeburten oder Drogen- sowie Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft verursacht werden. Wahrnehmungsstörungen bei Erwachsenen entwickeln sich meistens im Zusammenhang mit dem Missbrauch von giftigen, halluzinogenen oder bewusstseinsverändernden Substanzen.
Behandlung von Wahrnehmungsstörungen
Wahrnehmungsstörungen können therapiert, aber nicht geheilt werden. Ziel einer Therapie ist es, durch bewusstes Training die Defizite auszugleichen, die durch die Störung entstehen. Anwendungen wie Logopädie, Krankengymnastik oder Ergotherapie können dabei helfen.
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Neglect: Eine spezielle Form der eingeschränkten Wahrnehmung
Definition und Ursachen von Neglect
Neglect ist eine Aufmerksamkeitsstörung, bei der der Betroffene eine Körperhälfte vernachlässigt. Er nimmt Sinnesinformationen auf dieser Seite nicht mehr wahr, obwohl die Augen oder anderen Sinne funktionieren. Ursache ist eine Hirnschädigung, meist auf der rechten Seite im Parietallappen oder im Übergang zum Temporallapen.
Symptome von Neglect
Patienten mit Neglect vernachlässigen oder übersehen Dinge - meist auf der linken Seite. Es ist kein Gesichtsfeldausfall, aber die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung des Raumes und des eigenen Körpers hat sich dahingehend verändert, dass Informationen auf dieser Seite zwar aufgenommen, jedoch nicht verarbeitet werden. Es gibt verschiedene Formen von Neglect:
- Visueller Neglect: Vernachlässigung einer Hälfte der räumlichen Umgebung.
- Personaler Neglect: Nichtwahrnehmen einer Körperhälfte.
- Akustischer Neglect: Probleme, Geräusche zu lokalisieren.
- Somatosensibler Neglect: Nichtwahrnehmen sensorischer Reize auf der betroffenen Körperhälfte.
- Motorischer Neglect: Nicht vollständiges Einsetzen des Armes und/oder des Beines der betroffenen Seite.
Verlauf und Therapie von Neglect
Ein Neglect kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein sowie einen oder mehrere Sinne gleichzeitig betreffen. In vielen Fällen bildet er sich teilweise oder vollständig noch während der Akutphase zurück. Mithilfe von Neuropsychologen, Ergotherapeuten und Angehörigen können die Betroffenen Strategien erlernen, die Wahrnehmung für die betroffene Seite gezielt zu schulen.
Kognitive Störungen als Folge eingeschränkter Wahrnehmung
Definition und Ursachen kognitiver Störungen
Eine kognitive Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung der mentalen Funktionen, die das Denken, Erinnern, Lernen und Verstehen beeinflusst. Diese Störungen können verschiedene Ursachen haben, wie z.B. neurologische Erkrankungen, Hirnverletzungen, psychische Störungen oder den natürlichen Alterungsprozess.
Symptome kognitiver Störungen
Eine kognitive Störung macht sich durch eine nicht der Altersgruppe entsprechende kognitive Leistungsfähigkeit bemerkbar. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich an Termine zu erinnern, verlegen Objekte, können sich nicht auf eine Aufgabe konzentrieren, sind desorientiert, haben Wortfindungsschwierigkeiten, machen Gedankensprünge oder führen ziellose Handlungen aus.
Therapie kognitiver Störungen
Kognitive Störungen können durch gezieltes Gehirntraining, gesunde Lebensgewohnheiten und gegebenenfalls medikamentöse Therapie verbessert werden. Auch regelmäßige soziale Interaktionen und mentale Stimulation spielen eine wichtige Rolle.
Brain Fog: "Nebel im Kopf"
Definition und Ursachen von Brain Fog
Bei Konzentrationsproblemen, Orientierungsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen, plötzlicher Vergesslichkeit, mentaler Erschöpfung oder dem Gefühl, keinen klaren Gedanken fassen zu können, spricht man von Brain Fog, Nebel im Kopf. Brain Fog ist ein Symptom, das auf verschiedene Gehirnfunktionsstörungen hinweisen kann. Zum Beispiel kann der Gehirnnebel bei psychischen Belastungen wie Schlafentzug, Stress oder Angst sowie bei psychischen Erkrankungen wie Depression auftauchen. Aber auch körperliche Ursachen wie eine hormonelle Umstellung bei Schwangerschaft oder Wechseljahren sowie körperliche Erkrankungen, wie Multiple Sklerose, Alzheimer Erkrankung oder nach einer durchgemachten Sars-Cov-2-Infektion, können verantwortlich für Brain Fog sein.
Therapie von Brain Fog
Eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung, regelmäßige Auszeiten, Achtsamkeitsübungen und eine gesunde Schlafroutine können helfen, Brain Fog zu reduzieren, wenn keine psychische oder körperliche Erkrankung zugrunde liegt. Halten die Beschwerden dennoch weiter an oder verschlimmern sie sich, kann der Rat einer Expertin oder eines Experten sinnvoll sein.
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