Epilepsie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Ein einzelner epileptischer Anfall bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass eine Person an Epilepsie leidet. Es ist wichtig, die Ursachen, Diagnose und Behandlung eines einmaligen epileptischen Anfalls, insbesondere im Zusammenhang mit Schlafentzug, zu verstehen.
Einführung
Epileptische Anfälle sind das Ergebnis einer übermäßigen elektrischen Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Diese Entladungen können verschiedene Symptome verursachen, von kurzzeitigen Bewusstseinsverlusten bis hin zu tonisch-klonischen Anfällen mit Krämpfen und Bewusstlosigkeit. Schlafentzug ist ein bekannter Auslöser für epileptische Anfälle, insbesondere bei Menschen mit Epilepsie.
Biologische Rhythmen und Epilepsie
Flora und Fauna, einschließlich des Menschen, leben im Takt biologischer Rhythmen und Zyklen. Auch Epilepsie unterliegt dem Rhythmus von Tag und Nacht und dem Zyklus der verschiedenen Schlafstadien. Epileptische Anfälle treten gehäuft nach Schlafmangel auf, was bereits von Hippokrates beschrieben wurde. Gezielter Schlafentzug kann die diagnostische Ausbeute der EEG-Diagnostik erhöhen, und im NREM-Schlaf treten relativ zu der mit Schlaf verbrachten Zeit erheblich häufiger Anfälle auf als im Wachen.
Schlafentzug als Auslöser
Schlafentzug kann bei Menschen ohne Epilepsie einen einmaligen epileptischen Anfall auslösen. Dies liegt daran, dass Schlafmangel die kortikale Erregbarkeit erhöht. Eine lange Wachheit induziert eine verstärkte kortikale Erregbarkeit. Bei Patienten mit generalisierter Epilepsie war dies messbar mittels transkranieller Magnetstimulation. Nach Schlafentzug fand sich im NREM-Schlaf eine pathologisch veränderte Schlafmikroarchitektur mit erhöhter Arousal-Dichte und einer höheren Dichte von sog. „cyclic alternating pattern - phase A“, einem an sich physiologischen Graphoelement mit Bezug zu Arousal und Microarousal. Diese ging dann im EEG von Patienten nicht nur mit generalisierter, sondern auch mit fokaler, temporaler Epilepsie mit einer höheren Spike-Dichte einher. Eine Hyperexzitabilität nach Schlafentzug konnte zudem im Tierversuch gezeigt werden.
Ursachen eines einmaligen epileptischen Anfalls
Ein einmaliger epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
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- Schlafentzug: Wie bereits erwähnt, kann Schlafmangel die Wahrscheinlichkeit eines Anfalls erhöhen. Es konnte gezeigt werden, dass ein vorheriger Schlafentzug die Ausbeute an epilepsietypischen Potenzialen (ETP) im EEG um 40 % erhöht.
- Strukturelle Läsionen im Gehirn: Tumore, Fehlbildungen oder andere strukturelle Veränderungen im Gehirn können epileptische Anfälle auslösen. Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass im Kopf eine strukturelle Läsion vorliegt, dann ist das Risiko, dass weitere Anfälle auftreten, relativ hoch. Ein in der Literatur vorgeschlagener Wert dafür ist 60 Prozent.
- Metabolische Störungen: Blutzuckerschwankungen, Elektrolytstörungen oder andere metabolische Ungleichgewichte können Anfälle verursachen.
- Infektionen: Hirnhautentzündungen oder andere Infektionen des Gehirns können zu epileptischen Anfällen führen.
- Drogen- oder Alkoholentzug: Der Entzug von Alkohol, Medikamenten oder Drogen kann Anfälle auslösen.
- Andere neurologische Erkrankungen: Schlaganfälle, traumatische Hirnverletzungen oder andere neurologische Erkrankungen können das Risiko für epileptische Anfälle erhöhen.
- Fieber: Insbesondere bei Kindern kann hohes Fieber einen Anfall auslösen (Fieberkrampf).
- Genetische Faktoren: In einigen Fällen können genetische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Epilepsie spielen.
Diagnose
Nach einem einmaligen epileptischen Anfall ist eine umfassende medizinische Untersuchung erforderlich, um die Ursache zu ermitteln und das Risiko für weitere Anfälle abzuschätzen. Die Diagnose umfasst in der Regel:
- Anamnese: Der Arzt wird den Patienten und seine Angehörigen nach der Anfallsgeschichte, Begleiterkrankungen und anderen relevanten Informationen befragen.
- Neurologische Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung kann helfen, neurologische Defizite oder andere Anzeichen einer zugrunde liegenden Erkrankung festzustellen.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Ein EEG misst die elektrische Aktivität des Gehirns und kann abnormale Entladungen aufzeigen, die auf Epilepsie hindeuten.
- Bildgebung des Gehirns: Eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) des Gehirns kann helfen, strukturelle Läsionen oder andere Anomalien zu identifizieren.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können metabolische Störungen oder Infektionen aufdecken.
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, einen epileptischen Anfall von anderen Erkrankungen zu unterscheiden, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Synkopen: Ohnmachtsanfälle, die durch einen kurzzeitigen Sauerstoffmangel im Gehirn verursacht werden.
- Migräne: Bestimmte Arten von Migräne können neurologische Ausfälle verursachen, die einem epileptischen Anfall ähneln können.
- Dissoziative Anfälle: Psychogene nichtepileptische Anfälle, die als unfreiwillige psychische Reaktion auf emotionale Belastung auftreten.
- Herzrhythmusstörungen: Diese können zu plötzlicher Bewusstlosigkeit führen, die mit einem epileptischen Anfall verwechselt werden kann.
Behandlung
Die Behandlung eines einmaligen epileptischen Anfalls hängt von der Ursache und dem Risiko für weitere Anfälle ab.
- Vermeidung von Auslösern: Wenn der Anfall durch einen bestimmten Auslöser wie Schlafentzug, Alkohol oder Drogen ausgelöst wurde, sollte dieser Auslöser vermieden werden.
- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn der Anfall durch eine Grunderkrankung wie einen Tumor oder eine Infektion verursacht wurde, sollte diese Erkrankung behandelt werden.
- Antiepileptika: In einigen Fällen kann eine Behandlung mit Antiepileptika erforderlich sein, um das Risiko für weitere Anfälle zu reduzieren. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn ein hohes Risiko für weitere Anfälle besteht, z. B. bei Vorliegen einer strukturellen Läsion im Gehirn oder bei auffälligem EEG.
Schlaf und Epilepsie
Schlaf spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Epilepsie. Anfälle im Schlaf, aber auch interiktuale epileptische Aktivität im Schlaf führen zu Schlaffragmentierung und stören physiologische schlafgebundene Prozesse mit all ihren klinischen Konsequenzen für Tagesvigilanz, Affektstabilität, Gedächtniskonsolidierung sowie kardio- und zerebrovaskulären Risiken. Sie provozieren darüber hinaus aber auch eine erhöhte Neigung zu weiter vermehrter epileptischer Aktivität, was den Epilepsiepatienten - v. a. bei häufigen schlafgebundenen Anfällen - in einen Teufelskreis führt. Dieser kann noch weiter verstärkt werden durch das komorbide Vorliegen von schlafmedizinischen Erkrankungen, die ihrerseits den Schlaf der Patienten fragmentieren und so die Spirale aus Schlafstörung und Anfallsprovokation weiter antreiben.
Schlafstadien und epileptische Aktivität
Die verschiedenen Schlafstadien beeinflussen die epileptische Aktivität unterschiedlich:
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- NREM-Schlaf: Im NREM-Schlaf kommt es zu einer Drosselung cholinerger Efferenzen aus der mesenzephalen Formatio reticularis zum Thalamus, was zu thalamischer Inaktivität und einer progredienten Reduktion thalamokortikaler Zuflüsse führt. In diesem Milieu von hoher und synchroner kortikaler Eigenaktivität sind die Genese sowie die weitere Propagation pathologischer epileptischer Aktivität erleichtert bis hin zur häufigeren Generalisierung zum bilateral tonisch-klonischen Anfall. Darüber hinaus finden sich im NREM-Schlaf spezifische Graphoelemente (K-Komplexe, hohe und langsame Subdelta-Wellen, „cyclic alternating pattern -phase A“, Arousals), an die gekoppelt bei Epilepsiepatienten epilepsietypische Potenziale gehäuft auftreten.
- REM-Schlaf: Im REM-Schlaf kommt es durch cholinerge Aktivierung des Thalamus zum Wiedereinsetzen des Informationsflusses von Thalamus zu Kortex und mithin zu Drosselung der kortikalen Eigenrhythmen mit nun im EEG erkennbarer Frequenzzunahme, Amplitudenreduktion und Desynchronisierung der Oberflächenaktivität. Dies verhindert die räumliche und zeitliche Aufsummierung von pathologischen Spontandepolarisationen kortikaler Neurone, sodass es - anders als im NREM-Schlaf - nur erschwert zu einer Rekrutierung direkter kortikokortikaler Ausbreitungswege kommen kann. Dies erklärt das seltenere Auftreten von ETP und Anfällen im REM-Schlaf verglichen mit dem NREM-Schlaf.
EEG nach Schlafentzug
Die Durchführung von EEG nach Schlafentzug gehört zum Standardrepertoire zur Diagnosesicherung einer Epilepsie. Tatsächlich konnte gezeigt werden, dass ein vorheriger Schlafentzug die Ausbeute an epilepsietypischen Potenzialen (ETP) im EEG um 40 % erhöht. Damit hat das EEG nach Schlafentzug eine höhere Sensitivität für das Erfassen von epileptischer Aktivität.
Patientenbeispiele
Die bereitgestellten Patientenbeispiele verdeutlichen die Bedeutung der Schlafüberwachung bei der Diagnose und Behandlung von Epilepsie:
- Patientin A: Eine 19-jährige Patientin mit anfallsartigen Episoden, bei der durch die Erfassung von generalisierten epilepsietypischen Potenzialen im Schlaf eine genetische generalisierte Epilepsie diagnostiziert wurde.
- Patient B: Ein 53-jähriger Patient mit therapierefraktärer Epilepsie nach Schädel-Hirn-Trauma, bei dem im Schlaf eine Zunahme und Ausweitung der epilepsietypischen Potenziale festgestellt wurde.
- Patientin C: Eine 22-jährige Patientin mit fokalen und fokal zu generalisierten Anfällen, bei der die Fokalisierung der epilepsietypischen Potenziale während des REM-Schlafs zur Lokalisierung der epileptogenen Zone beitrug.
Wichtige Aspekte im Umgang mit Epilepsie
- Anfallsbeobachtung und -beschreibung: Eine präzise Anfallsbeobachtung und -beschreibung sind unerlässlich für die Diagnose und Therapie der Epilepsien. Angehörige, Freunde oder Ersthelfer können mit einer möglichst präzisen Anfallsbeschreibung wichtige Anhaltspunkte liefern.
- Videoaufzeichnungen: Videoaufzeichnungen per Smartphone können eine äußerst nützliche Hilfestellung für die diagnostizierenden Ärzte sein.
- Soziale und psychische Aspekte: Epilepsie kann sich stark auf das soziale Leben der Betroffenen auswirken und zu psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen führen. Es ist wichtig, diese Aspekte bei der Behandlung zu berücksichtigen.
- Selbsthilfegruppen und Epilepsiezentren: Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen und spezialisierte Epilepsiezentren, die Betroffenen und ihren Angehörigen Unterstützung bieten.
Medikamentöse Therapie
Die Haupttherapie der Epilepsie besteht zunächst aus Medikamenten, die die Anfälle unterdrücken. Leider gelingt dies nicht bei allen Patienten, aber bei vielen Betroffenen können die Anfälle unterdrückt werden. Wichtig ist auch, dass bei bestimmten Anfallsformen, die generalisiert auftreten, ein relevantes Risiko besteht, an einem Anfall zu sterben (sog. SUDEP).
Heilung
Grundsätzlich ist Epilepsie heilbar, aber das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei manchen Patientinnen und Patienten kann zum Beispiel ein Blutschwämmchen im Gehirn entfernt werden, und danach treten keine Anfälle mehr auf. Nach einigen Jahren können dann die Medikamente reduziert oder ganz abgesetzt werden. In solchen Fällen spricht man von Heilung. Betrachtet man aber alle Epilepsiepatienten, so handelt es sich in den meisten Fällen um eine chronische Erkrankung, die einen ein Leben lang begleitet.
Zusammenfassung
Ein einmaliger epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben, wobei Schlafentzug ein wichtiger Auslöser ist. Eine umfassende medizinische Untersuchung ist erforderlich, um die Ursache zu ermitteln und das Risiko für weitere Anfälle abzuschätzen. Die Behandlung hängt von der Ursache und dem Risikoprofil ab und kann die Vermeidung von Auslösern, die Behandlung der Grunderkrankung oder die Einnahme von Antiepileptika umfassen. Schlaf spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Epilepsie, und die Überwachung des Schlafs kann bei der Diagnose und Behandlung hilfreich sein.
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