Albert Einstein, eine Ikone der Wissenschaft, dessen Name zum Synonym für Genie geworden ist, fasziniert die Welt weiterhin. Ein Aspekt, der immer wieder im Zentrum des Interesses steht, ist sein Gehirn. Lange Zeit versuchten Hirnforscher, mit Seziermesser und Waage die Geheimnisse des Genies zu lüften. Dieser Artikel beleuchtet das Gewicht von Einsteins Gehirn im Vergleich zu anderen, untersucht seine besondere Struktur und vergleicht ihn mit den Gehirnen anderer Personen, um die neuronalen Grundlagen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten besser zu verstehen.
Mythos vs. Realität: Die Auslastung des Gehirns
Es wird oft behauptet, dass die meisten Menschen nur einen kleinen Teil ihrer Gehirnkapazität nutzen, wobei Einstein selbst dieses Bonmot zugeschrieben wird. Diese populäre Vorstellung ist jedoch falsch. Auch wenn es Hirnareale gibt, deren Funktion noch unerforscht ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht benötigt werden.
Das Gewicht von Einsteins Gehirn
Einsteins Gehirn wog nach seinem Tod 1230 Gramm, was einem Gewicht von 1352 Gramm zu Lebzeiten entspricht. Das ist etwas weniger als das durchschnittliche Hirngewicht eines erwachsenen Mannes von 1400 Gramm. Dies deutet darauf hin, dass die Größe oder das Gewicht des Gehirns allein kein Indikator für Intelligenz sein muss.
Struktur und Besonderheiten von Einsteins Gehirn
Obwohl Einsteins Gehirn kein außergewöhnliches Gewicht hatte, wiesen Studien auf bemerkenswerte strukturelle Merkmale hin.
Starke Vernetzung der Hirnhälften
Eine Studie von US-amerikanischen und chinesischen Forschern ergab, dass Einsteins Hirnhälften außergewöhnlich stark miteinander verknüpft waren. Sie werteten detailgenaue Fotos aus, die der Pathologe Thomas Harvey nach der Entnahme von Einsteins Hirn gemacht hatte. Die Forscher maßen die Dicke einzelner Nervenstränge des Corpus Callosum, auch als Hirnbalken bezeichnet. Je dicker der Strang ist, desto mehr Nervenfasern enthält er - und desto besser sind die Hirnhälften in einzelnen Arealen miteinander verbunden. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass eine ungewöhnlich starke Verknüpfung beider Hirnhälften auf Einsteins überragende Intelligenz hindeutet. Diese intensive Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften bildet eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken.
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Besonderheiten im Vorderhirn und Schläfenlappen
Die Evolutions-Anthropologin Dean Falk beschäftigte sich intensiv mit den Fotos von Einsteins Gehirn. Sie stellte fest, dass Einsteins Gehirn keine Kugelform hatte und dass sein Vorderhirn (präfrontaler Cortex) besonders ausgeprägt war. Dieser Teil des Gehirns ist zuständig für die Kontrolle von Emotionen sowie das Planen von Handlungen. Die Forscher fanden zudem eine Asymmetrie der Schläfenlappen, was ihrer Meinung nach auf Einsteins großes visuell-räumliches Abstraktionsvermögen hindeutet.
Vergleich mit anderen Gehirnen
Um die Besonderheiten von Einsteins Gehirn besser zu verstehen, verglichen Forscher es mit den Gehirnen anderer Menschen.
Emil Krebs: Ein Sprachgenie
Die Neurowissenschaftlerin Katrin Amunts untersuchte das Gehirn von Emil Krebs (1867-1930), einem Übersetzer, der beeindruckend viele Sprachen beherrschte. Sie stellte fest, dass sich das Gehirn von Emil Krebs von den Vergleichshirnen statistisch signifikant unterschied. Er verfügte in seinem Sprachzentrum über eine ganz besondere Zellarchitektur, die die neuronalen Informationen womöglich schneller und auf breiteren Bahnen durch das Broca'sche Areal und in andere Regionen schickt.
Geschlechtervergleich und krankhafte Vergrößerung
Männer besitzen im Durchschnitt ein höheres Hirnvolumen als Frauen, schneiden aber in IQ-Tests keineswegs besser ab. Menschen mit einer krankhaften Vergrößerung des Hirnvolumen haben meist unterdurchschnittliche IQ-Werte. Dies unterstreicht, dass es nicht allein auf die Größe des Gehirns ankommt.
Die Bedeutung der Mikrostruktur
Katrin Amunts betont, dass es nicht ausschlaggebend ist, wie ein Gehirn von außen aussieht, ob es größer oder wie genau es gefaltet ist. Die Mikrostruktur, z. B. die Zellarchitektur, des Gehirns hat eine sehr viel engere Bindung zur Hirnfunktion. Sie ist regional unterschiedlich, auf ihrer Basis kann man viele Gehirnareale unterscheiden. Die Mikrostruktur spiegelt auch die unterschiedliche Verschaltung der Regionen untereinander wider.
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Ein ungewöhnlicher Fall: Leben mit wenig Gehirnmasse
Der Fall eines 44-jährigen Mannes aus Südfrankreich zeigt, dass man auch mit sehr wenig Gehirnmasse ein relativ normales Leben führen kann. Er verfügt nur über etwa zehn Prozent der üblichen Hirnmasse, ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Beamter in der Steuerbehörde. Sein IQ liegt bei 75, was angesichts der beschränkten Zahl an Nervenzellen eine enorme Leistung ist.
Das "Human Brain Project": Simulation des Gehirns im Computer
Das "Human Brain Project" der Europäischen Kommission hat zum Ziel, das derzeit verfügbare Wissen über das menschliche Gehirn zu vereinen und in computergestützten Simulationen nachzubilden. Die Hirnforscherin Katrin Amunts ist Scientific Research Direktorin dieses Projektes. Sie beschreibt Möglichkeiten und Grenzen dieser wissenschaftlichen Arbeit. Gängige Vergleiche zwischen dem Gehirn und dem Computer machten keinen Sinn, sagt Amunts: Das seien zwei völlig unterschiedliche Dinge.
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